Gesucht: Massimiliano

26.10.2008 um 10:45 Uhr

himmelsherold

von: hibou

gerne waer ich taenzerin geworden, aber dazu reichte meine anmut und körperbeweglichkeit nicht aus. du bist eben kein bewegungsmensch! sagte meine freundin. reicht es denn für lebende bilder? fragte ich. sie lachte. wir hatten beide die "wahlverwandtschaften" gelesen und waren mehrmals zum osterfest in bolsena gewesen.dort gab es hohepriester, schriftgelehrte, römische wachen, jungfrauen und andere heilige zu sehen, die den rest des jahres coiffeusen, rentner, makler oder barhocker waren. wenigstens reisen kann man mit dir, pflegte sie dann zu aeussern. wir waren auf hochgebirgsflora spezialisiert, fanden edelweiss und scheuchzers glockenblume epilobium hirsutum und silberdistel. nur den himmelsherold jagten wir vergeblich. heute lebt sie endlich mit einer taenzerin zusammen, wenn auch nur in stade (oder cuxhaven). habt ihr den himmelsherold entdeckt?, frage ich, wenn ich sie selten einmal treffe.

26.10.2008 um 10:42 Uhr

an den ufern von babylon

von: hibou

ein unternehmen von mir, das ich hier erstmals publizieren will, war es, die schriftsprache der bäume zu entziffern. ich habe lange dazu gebraucht. die idee kam mir unter einem weidenbaum im herbst. mir fiel auf, dass der sturmwind die toten zweige in seltsamen mustern auf dem asphalt drapierte. irgendwie sah es wie eine information aus. ich begann, diese anordnungen zu photographieren. was nun? die fotos lagen fürs erste im regal. egal. viel später, am computer, dachte ich darüber nach, was schrifterkennungsprogramme neben dem, was sie sollten, so alles aus textdokumenten herauslasen, aus meiner handschrift z.b.

ich beschloss, die zweigmuster der weide mit einem solchen programm zu scannen. würde ich worte oder gar satzfetzen lesen können? ach, ach, es sah alles chinesisch aus und ergab keinen sinn für mich. chinesisch... nein.. ich fand, viel eher arabisch. na klar! hadelte es sich doch um eine babylonische weidenart, die von den ufern des zweistromlands importiert worden war!! schnell rief ich meinen arabischen freund abu nasr an und bat ihn um mithilfe. wer hat das geschrieben? fragte er. lies mir vor, bitte, entgegnete ich. hm, von rechts nach links natürlich. er konzentrierte sich, murmelte viele ä’s und gutturale laute. ich kann zwei sachen verstehen, obwohl das arabisch sehr altertümlich ist, sagte er schliesslich: hier oben steht „amerikaner raus aus bagdad!“ und weiter unten, hier – er lachte – „hast du eigentlich keine eigenen texte?“ hurra, es war mir gelungen. wie lange schrieben die bäume wohl schon, bevor sich jemand bemühte, ihre botschaften zu lesen?? ein rätsel blieb freilich noch: warum hatte der baum in all den jahren  an der chaussee in hannover nicht deutsch gelernt?

26.10.2008 um 10:37 Uhr

östliche schauplaetze

von: hibou

Was sagt Stephen in "Ulysses" (übrigens war gerade 100.Bloomsday (siehe dazu ein spannendes weblog: http://www.blogigo.de/hibou - close your eyes and see!

Ich wurde Schriftstellerin. Zuerst nahmen sie nur meine Gedichte ("wirken modern, da unverständlich"), den Prosatexten wurde manches vorgeworfen, zuvörderst, dass alles von außen beschrieben sei und keinerlei eigene Emotionen "rüberkaemen".

Lest nur mal, was so in Rezensionen über mich gesagt wird... (wobei sie denken, ich sei maennlich!, hmhm, auch tüpesch):

 

Dabei schidert Caitlin seine östlichen Schauplätze keineswegs mit einem Gestus, der sie als Sonderfall erscheinen lässt. Vielmehr gewinnen er aus den von Umbruch und Unsicherheit unterminierten Zonen eine verallgemeinernde Sichtweise.

 

Auf seinen Streifzügen... registriert er alle Einzelheiten fast wie eine Dokumentarkamera.

 

...etwas ungeschlacht mag er sein, ein abgeschabter Mensch ohne sozialverträgliche Mindestausstattung.

 

... in gewissem Sinne ist der ganze Text auch eine sozialphilosophische Abhandlung mit poetischen Mitteln. Und weil hier das Philosophische mit dem Biographischen, das Leichte mit dem Ernsten, die eigene Stimme mit den Weltfragen vermischt werden, erinnert das alles an jemanden, der das auch sehr gut konnte... an ....

 

So ist das in Zeiten, wo man mit Streubomben Menschen befreit.

 

Es ist ja schon öfters darauf hingewiesen worden, dass der Lärm und der blutige Ernst der zivilisatorischen Weltbezwingung schwer mit den bedingungen des grundlosen Menschseins zu vereinbaren sind, doch von diesem Missverhältnis ist schon lange nicht mehr so gewitzt und hintergründig erzählt worden wie von Caitlin.

 

In Wahrheit ist er nämlich ein Schamane, er hütet das Feuer und hält seine Sinne beisammen.

 

So melodisch kriechen seine Saetze ins Ohr, dass man sie schon lange zu kennen meint, und doch mit so viel Raum darum, dass sich die Melodie verbergen kann und nur der Klang in der Luft hängen bleibt.

 

Manchmal allerdings fällt ihm das Durchdenken komplizierter Zusammenhänge noch schwer, er müsste sich noch mehr um eine saubere Argumentation bemühen.

 

Feinschliff gehört noch immer nicht zu seinen Stärken

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schon erstaunlich, was die Leut alles in einen hineinlesen, nicht?

 

sorry Itsnotme, ich lass zu viel aus. Also: Graefin Elsa von Brabant laesst sich als Hilfe gegen einen bösen Feind, der ihr Schloss erobern und ihr unter die Röcke greifen will, Hilfe vom Gralskönig schicken. Der entsendet seinen Sohn, den edlen Ritter Lohengrin, der schlaegt den Feind, daraufhin darf er sie nehmen, aber er stellt die Bedingung, dass sie ihn niemals nach seinem Namen fragt. Aber wie's so kommt, einmal im Bett, danach, fragt sie doch nach seinem. (alles bei Wagner mitzuhören). Sofort bestellt er das von Schwaenen gezogene Boot, mit dem er gekommen ist ("Wann faehrt der letzte Schwan?") und verlaesst sie für immer. Jedesmal, wenn Elsa daran denkt, schwant ihr Übles :-))

 

Und sie war Graefin in Cleve, der Geburtsstadt von Beuys.

 

Gerne weitere Geschichten

Und

 

danke itsnotme für den sloterdijk-link (natürlich auch für das bild und die gespraeche. hab mir eben das interview bei einem schaeumenden bierchen (efes pilsen) angesehen/anghört): du hast meine zeit nicht gestohlen:-))

bin allerdings ein wenig mit sloterdijk-sympathie vorbelastet (obwohl ich die sphaeren leider noch nicht gelesen hab).

interessant ist schon der gedanke, dass die kleinste zelle/blase der gesellschaft/des schaumes nicht das individuum, sondern die gemeinschaft von zwei an aufwaerts ist. klingt das  reaktionaer, laechelt da angela merkel? nee nee: ich war ja auch in der blase "Hamburg Hafenstrasse" (jeden mittwoch plenum!!)

und weiter: dass viele leute bewusst die ein-personen-gemeinschaft waehlen.

wie sloti bin auch ich ein reliterarisierer :-)) und komme sogar mit göt:

 

GINKGO BILOBA

 

Dieses Baums Blatt, der von Osten

Meinem Garten anvertraut,

Giebt geheimen Sinn zu kosten,

Wie's den Wissenden erbaut.

 

Ist es ein lebendig Wesen,

Das sich in sich selbst getrennt,

Sind es zwei, die sich erlesen,

Daß man sie als eines kennt.

 

Solche Fragen zu erwiedern

Fand ich wohl den rechten Sinn,

Spürst du nicht an meinen Liedern,

Daß ich eins und doppelt bin.

 

Johann Wolfgang von Goethe

Westöstlicher Diwan

 

 

fernöstliche grüsse

 

und

06.04.2006 um 12:10 Uhr

caitlin stellt sich vor

von: hibou

Bin erst jetzt dazu gekommen, in diesem blog vorbeizuschauen, aber gut, ich will mich auch kurz vorstellen. Ich bin bildende Künstlerin, obwohl ich (auch) viel schreibe. Ich würde sogar sagen, dass ich selbst beim Schreiben plastisch orientiert bin. Textcollagen sind ja nichts anderes als Bildcollagen, oder? Vorsicht also vor der Skulptur meines Lebens. Wurde vor längerer Zeit in Crivitz bei Schwerin geboren. Freitag, dann kann ich ja mal in deinem Mecklenburg-Forum vorbeikommen, wenngleich ich jetzt sehr fern von Meckpomm lebe? Meine Mutter und mein Vater waren beide LehrerInnen (hihi). Erste ernste Zweifel an ihnen bekam ich, als sie der Parteilinie zuliebe Trotzki aus dem Regal entfernten. Erste Zweifel an mir befielen sie, als ich mir Bücher unter die Schuhe band, um sicherer durchs Moor zu kommen. Stundenlang sass ich im Torf, um Irrlichter zu sehen. Ich wusste noch nix von Erdgas, Propan und Butan. Den Sozialismus aber trank ich von der Mutterbrust. Oh, ich werde zu lang, sehe ich. Werde ein andermal fortfahren, wenn Ihr mögt......

06.04.2006 um 10:55 Uhr

neue serie:caitlin schreibt aus ihrem leben, unchronologisch und in loser diktion

von: hibou

Für eine Weile wandte ich mich nun den Wissenschaften zu. Ich studierte besonders die Geschichte. Tell me all, tell me now! Wie war es gewesen? War Troja wirklich gefallen und wo war das Palladium geblieben, wenn es doch in Rom nie angekommen war? War Brutus wirklich ein feiger Mörder? Die Völkerwanderung war wohl in Gang gekommen, weil sich in Zentralasien der Boden um eineinhalb Zentimeter gehoben hatte? Was hielt Gott von den Kreuzzügen? Badete man am Hofe von Louis Quatorze tatsächlich einmal im Monat, ob es nötig war oder nicht? Und hatten die Damen Mausefallen in den Hochfrisuren? Überlieferungen. So. Oder auch anders. Was wäre gewesen, wenn. Ich neigte dazu, Historie als eine Fabel zu sehen, auf die man sich schließlich geeinigt hatte, in die man mit Hilfe von Symbolen aber alternative Botschaften einbaute. Sag mir ein Beispiel, Bordrestaurant. Nun, das Wildschwein. Wird ein König auf der Jagd von einem Eber getötet, ist das nicht wörtlich zu nehmen, sondern bedeutet, dass seine Legitimation als Herrscher abgelaufen war. Philippe le Bel! Oder der Zuchteber von Bauer Hanke im jüngsten Tatort. Ich möchte aber wissen, was wirklich passiert ist, sagst du? Was ändert es, ob ich das mit den Symbolen nun glaube oder die Linde rauscht? Ah... die Linde... Als ich kam unter die Linde, war mein Friedel auch schon da. (Er küsste mich wohl tausend Stund. Seht, wie rot ist mir der Mund). Buddha saß unterm Feigenbaum. Daniel fand diesen verdorrt und geriet bald in die Löwengrube. Jeanne d’Arc phantasierte den modernen Nationalstaat unter einer Buche. In der guten alten BRD war ein Baum sogar Innenminister. Nur Lili Marleen bevorzugte eine stehende Laterne. Du bringst mich auf die Palme! Wir wollen nun nicht wieder bei Adam und Eva anfangen. Der Weise beginnt seinen Tag damit, dass er sieben Mal um seinen Baum herumgeht, auf das Raunen der Blätter lauscht, und daraus erkennt, wie die Ahnen gestimmt sind. Mir ist so komisch zumute, ich ahne und vermute....

Ich kehre zur Kunst zurück.

08.03.2006 um 08:11 Uhr

sand hat alle farben

von: hibou

stolpern zum ich                  t

 
                                                              den sand hab ich in kleinen gläsern verwahrt. bald werde ich sie zu meiner sammlung stellen. sand hat alle farben . weiß wie schnee. rot wie blut. schwarz wie ebenholz. eine schneewittchensammlung. ich komme nach hause. das liegt unter dem viadukt. im garten sind leute zu sehen. sind meine kinder wieder eingezogen? ich habe ihnen geschenke mitgebracht. sie lächeln. das ist lieb, aber das und auch das haben wir schon. sie haben augen wie glas und sprechen kaum vernehmlich wie hinter wattewänden. es fehlt gerade noch, dass sie durch mich hindurchgingen. und du? jetzt kannst du mich kennenlernen.

15.01.2006 um 07:48 Uhr

die königin

von: hibou

h                                                                                    (aufwärts fallen)

nach dem tod meines großvaters traf ich laura wieder. an bornholms südspitze nahmen wir weißen sand für unsere uhrgläser und, sagt laura, man könne auch tinte damit löschen. auf der fähre zurück war an schlaf nicht zu denken. unser gesprächsfaden riss und wir schwiegen, aber die klimaanlage machte es in dem großen raum eisig. an der reling neun stockwerke über wasser hielten wir uns. die sterne zogen uns raus. die lichter von smygehamn im nahen schonen zogen uns hinüber. das tiefe schäumende wasser zog am stärksten. wir schworen, niemals alleine zu springen. in kopenhagen hatte morgens um sechs noch kein café auf. es war ein sonntag und die wachen in bärenfellmützen marschierten im sturmschritt von einem schloss zum andern, damit wir und alle wußten, wo die königin sich gerade aufhielt.

12.01.2006 um 08:52 Uhr

stilles einvernehmen

von: hibou

s                                                                          (lachen schlange lust)

meine bekannte catherine ist einmal im museum mit zwei freunden blitzschnell hinter einer angelehnten magazintüre verschwunden. tauschten sie da hastige hekatomben von küssen oder noch viel mehr?. jetzt erscheinen sie wieder, die säle liegen genauso verlassen da. die drei betrachten die nächste flucht der bilder. zwischen ihnen ein stilles einvernehmen, eine leise lächelnde komplizenschaft. mein großvater löst sich von meinem stützenden arm und tritt unversehens in ein bukolisches landschaftsgemälde hinein, wandert dort den weg zwischen hirschen und hasen hügelan, geht stracks zum portal eines lustschlösschens, dreht sich da noch einmal, winkt uns zu und verschwindet darin.

10.01.2006 um 17:15 Uhr

f (feuer zur erde)

von: hibou

vielleicht war ich im haus meiner großeltern, denke ich, und habe doch spuren hinterlassen? mein großvater sah ernst b. ähnlich, je älter er wurde, je mehr. mit meinen neunundneunzig jahren sind die meisten schon gebrechlich, sagte er zuweilen. er starb äußerst passend im museum. ein museum ist raumgewordene schwelle zum anderland. was einmal lebte ist dort schon zu stein und bronze erstarrt oder zum bild geronnen. hinter den vielen verboten – nicht berühren, bitte diese linie nicht überschreiten, fotografieren verboten, kein eingang – lauert eine parallelwelt von unbetretbaren räumen, aus denen wir auf schritt und tritt durch videokameras oder durch die augen der dicht gehängten götter- und heldenwelt beobachtet werden. vergessen und erinnern sie ihr geistiges potenzial! steht mit unsichtbarer tinte auf die wände geschrieben.

09.01.2006 um 12:53 Uhr

ch (dank den tischen)

von: hibou

ich habe die bauchtänzerin noch vor augen, als ich am nächsten kapitel schreibe. hier kommt ein sekretär vor, einer, wie sie auf dachböden von bürgerlichen häusern unter staubschichten begraben vergessen gehen. ich öffne das geheimfach, sofort denke ich daran, weil ich in meiner jugend im internat selbst so ein möbel hatte. in dem fach ist ein winziger bildschirm. ich schalte ihn ein. er flickert mit blendendem licht, dem ich mich nicht entziehen kann. ich tanze gegen meinen willen auf dem tisch. ich habe julie delpy, cameron diaz und uma thurman zu partnern. ich singe. "somewhere beyond the sea..." und "I’ll never be sailing again". wenn du singst, gehen wir, sagten meine kinder immer. bevor ich mich leise davonmache, lege ich meinen fertigen roman ins fach, verschließe alles wieder und verwische die spuren.