Von Fingerspuren und lendlischer Lebenseinstellung
Unsere Küche hat dunkelgraue Fronten mit Griffen aus gebürstetem Edelstahl. Das sieht sehr schlicht, sehr edel aus. Dieser schlichte, edle Eindruck ist jedoch zunichte, wenn darauf Fingertapser zu sehen sind. Die Oberfläche ist anfällig für Tapser, die Türen sind übersäht mit kleinen, meist in Vierer-Gruppen angeordneten Fingertapsern. Und diese Fingertapser nerven. Sie nerven und sind symptomatisch. Denn genaugenommen sind es nicht die Fingertapser, die nerven, sondern die Tatsache, dass der aussichtlose Kampf gegen sie zum festen Bestandteil meines Alltags geworden ist.
Eine typische Begleiterscheinung des Hausfrauen- und Mutter-Daseins. Auf einmal werden Dinge, die man vorher „nebenbei“ am Wochenende oder Feierabend erledigt hat, zur Hauptbeschäftigung. Und da man die Sache ja nun „hauptberuflich“ angeht, stellt man wesentlich höhere Ansprüche an die Durchführung als zu den Zeiten, in denen man den Haushalt als Nebenjob betrieben hat. Nun kann man argumentieren, der Hauptjob ist das Mutterdasein, die Kindererziehung. Nur läßt sich das eine vom anderen nicht trennen, die Bereiche gehen fließend ineinander über, daher ja auch die Bezeichnung „Hausfrau und Mutter“.
Die Fingertapser habe ich inzwischen so halbwegs im Griff. Man muss immer dran bleiben, darf es nicht schleifen lassen. Was aber, sollte ich, wie es geplant ist, wieder berufstätig werden? Kann ich dann meine Ansprüche bezüglich der Reinheit des Küchendekors zurückschrauben?! Kann ich problemlos den Haushalt vom Hauptjob wieder zum Nebenjob degradieren? Oder geht es mir wie Ivan Lendl, der kürzlich in einem Interview sagte, er spiele inzwischen überhaupt nicht mehr Tennis, weil er nicht mehr so spielen kann, wie er spielen möchte? Wenn er etwas anpackt, dann will er es zu 100 Prozent machen. So wie ich mit meinen Tapsern, die ich auch zu 100 Prozent entfernt haben will. Ein unscheinbares, aber handfestes Dilemma.
Und wie schon Konfuzius sagte: „Menschen stolpern nicht über Berge sondern über Maulwurfshügel.“
