Erster Rückblick
Stimmung: Kapitel 7
Nach einer ordentlichen Dusche und einer Tasse Kaffee sortierte ich meine Gedanken. Der Traum war zu real gewesen, als wäre er eine Vision. Ich erinnerte mich noch an eine einsame Strasse und an ein kleines Dorf. Im Garten eines Hauses stand ein Orangenbaum und trug die knallfarbenen Früchte. Ich kannte die Gegend, im Tram jedenfalls. Da waren Kinder, ein Zwillingspaar und noch ein anderes. Aber ich wusste nicht mehr, ob Jungs oder Mädchen. Eine Frau stand dabei, ich wusste nicht, ob es ihre Mutter war. Aber es hätte sein können. Vom Alter hätte es auch die Schwester sein können. Sie war wunderschön, hatte lange, tiefschwarze Haare mit einer leichten Welle. Ausserdem trug sie einen weissen Rock und ein schwarzes Oberteil. Ihre Haut war leicht gebräunt, es musste wohl irgendwo im Süden stattfinden. Ich erinnerte mich noch daran, dass eines der Kinder Italienisch gesprochen hatte. Die Mutter (oder Schwester) kannte ich von früher. Ich wusste es noch, als wäre es offensichtlich. Natürlich, ich konnte mich nicht an sie erinnern. Aber ich kannte sie aus meiner Jugend. Aber all das ergab noch keinen Sinn für mich.
>>Natürlich wird der Leser an dieser Stelle schon bemerkt haben, dass es sich beim Traum des Ich-Erzählers um die Geschichte des anderen Ich-Erzählers handelt. Das mag natürlich verwirren, doch dies ist der Sinn der Sache. Der eifrige Leser wird sich selbstverständlich Gedanken machen und zu dem Schluss kommen, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Daher kann ich das auch trostlos verraten, ohne eine Überraschung zu stehlen. Ebenfalls werdet ihr bemerkt haben, dass es sich bei meiner Person um den Autor handelt. Welche Rolle ich in der Geschichte spiele, werde ich nicht verraten, aber abgesehen davon, dass ich die Geschichte erfinde, nehme ichin ihr auch Einfluss auf sie. Einen kleinen Gedankengang möchte ich jetzt noch mit auf den Weg geben: Die beiden Ich-Erzähler, die bisher vorgestellt wurden, sind nur indirekt die selbe, oder die gleiche, Person. Hier wird die Grenze der Definition von Person, Persönlichkeit, Identität und ein paar anderen Begriffen deutlich. Um dem Leser, der wahrscheinlich wieder den schnellsten und logischsten Schluss gezogen hat, die Illusion zu nehmen, verrate ich, dass es sich nicht um eine Identitätsstörung handelt.<<
Ich hatte einen harten Tag vor mir. Als Psychologe sollte man besser ausgeschlafen sein. Ich zog lieber die Möglichkeit in Betracht, meine Termine heute abzusagen, es war halb drei in der Nacht und ich hatte eine Tasse Kaffee hinter mir. Ich war verwirrt, es war hell, neun Uhr morgens. Ronica war in der Küche und vor mir stand ein Frühstück.
-- Du bist auf dem Küchenstuhl eingeschlafen. Ich hab dir Kaffee mit Keksen und Brot vorbereitet.
-- Danke, du bist grossartig.
-- Wie oft hab ich dir gesagt, du sollst nicht so spät abends noch an deinem Buch sitzen.
Sie dachte wohl, ich wäre beim Schreiben meines Buches (ich bin nebenbei Autor) eingeschlafen, da die Notizen von meinem Traum auf dem Tisch lagen. Ich konnte mich jedoch nicht erinnern, Notizen gemacht zu haben.
-- Ich hatte einen Alptraum und bin mitten in der Nacht aufgewacht.
-- Jetzt iss! Sonst wird der Kaffee kalt und ich muss neuen machen.
-- Wo sind die Kinder?
-- Ich hab sie schon in den Kindergarten gebracht. Es wird alles gut. Mach dir lieber Sorgen darum, dass du früh genug zur Arbeit kommst. Deine gestörten Patienten demolieren sonst deine Praxis.
Ich grinste. Sie war der festen Meinung, alle Patienten eines Psychologen sind total gestört. Natürlich war sie das nicht wirklich, aber sie witzelte gerne. Ich zog mich an, gab ihr einen Kuss und ging raus. Ich verliess das Treppenhaus über die Treppen und als ich die Haustür öffnete, war der Himmel schwarz. Ich hörte einen lauten Knall.
