moderner Arbeitsweltwahnsinn

19.02.2009 um 22:04 Uhr

Midlife Crisis - so wollte ich nie werden...

Ach ja, ich weiß ja auch nicht, was mit mir los ist, ob ich denn nie zufrieden bin. Wahrscheinlich nicht. Heute war wieder ein blöder Tag. Also, es gibt schlimmere, aber es gibt auf jeden Fall auch bessere. Seit Montag war es bei mir unglaublich ruhig. Ich habe die Zeit genutzt, mich mal mit unseren neuen Systemen vertraut zu machen (wir haben für unseren Customer Care jetzt ein riesiges und relativ komplexes Knowledge Management System eingeführt). Ansonsten komme ich mit meinen E-Mails gut hinterher, ohne dass ein Backlog entsteht. Sobald aber wieder mehrere, "große" E-Mails kommen und ich nur einen minimalen Backlog von 2 - 3 E-Mails hab, werd ich wieder völlig panisch und kopflos. Oder wenn jemand was von irgendwelchen Projekten, Arbeitsabläufen usw. erzählt, von denen ich nichts weiß - selbst wenn mich diese nur ganz perifer betreffen. Ich habe dann sofort das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Dabei versuche ich mich gerade zu zwingen, das alles nicht so wichtig zu nehmen und nicht immer die Kontrolle behalten zu wollen - aber ich habe andererseits einfach so viel Angst, dass irgendwelche Spontan-Katastrophen passieren, auf die ich nicht vorbereitet bin, weil ich wieder von nichts wusste und mich keiner informiert hat. Ist in letzter Zeit nicht mehr passer (toi toi toi), aber ich rechne trotzdem jederzeit mit dem Schlimmsten. Habe permanent Versagensangst, irgendwie. Irgendwer kommt an und pinkelt mir wegen irgendwas ans Bein - meistens sind das dann Sachen, für die ich noch nicht mal was kann oder die ich nicht verursacht hab. Trotzdem wird mir ans Bein gepinkelt oder eine Lösung verlangt. Und darauf hab ich einfach keinen Bock mehr. Ich will einen neuen Job, verdammt.

Auf dem Mutterschiff hab ich das Gefühl, wird nie inhaltlich gearbeitet, da werden immer nur Arbeitsabläufe und Prozesse ausdiskutiert, definiert, in Frage gestellt, wieder neu aufgestellt. Und da wir ja permanent Umstrukturierungen haben, geht diese Art Arbeit natürlich nie aus, denn es müssen ja immer wieder neue Arbeitsabläufe und Prozesse festgelegt werden. Somit schafft man sich selbst immer neue Arbeit, ein Perpeto Mobile, sozusagen. Ich finde das alles höchst ineffektiv, und da darf man sich nicht wundern, wenn ein Unternehmen Pleite macht (weil es sich immer nur mit sich selbst und seinen eigenen Prozessen beschäftigt).

Am liebsten würde ich einfach nur meine Ruhe haben. Dienst nach Vorschrift machen, alles machen, was ich machen muss, und so lange nix pro-aktiv machen, bis jemand auf mich zukommt, und was von mir will. Mir einfach meine Nische suchen und die von dem Scheiß Mutterschiff Deppen sein lassen, genau wie die Leute in Berlin. Aber ich hab zu viel Angst, dass mir das irgendwann auf die Füße fällt, deshalb rotiere ich oft wie eine Blöde und mische mich in Sachen ein, die mich eigentlich nichts angehen, nur um das Gefühl der Kontrolle zu behalten. Dabei ist Kontrolle gar nicht gut. Ich brauche ein Mantra: Ich muss nicht immer die Kontrolle haben. Ich muss loslassen. Ich kann los lassen, ohne das mir was passiert (in der Theorie schön, in der Praxis überkommt mich Panik beim Gedanken, irgendwas los zu lassen - entweder bricht Chaos aus oder ich verliere meinen Job, weil plötzlich auch alles genauso gut oder schlecht ohne mich läuft). Habe heute einen lustigen Link über eine Mailingliste zugeschickt bekommen, der 100% auf die Firma, in der ich arbeite (vor allem das Mutterschiff) zutrifft: http://www.youtube.com/watch?v=Ug83sF_3_Ec

Nun ja, wenigstens ist das Wochenende in greifbarer Nähe. Aber danach geht es ja wieder für fünf Tage los. Und wieder. Und wieder. Und wieder... Ohne irgendein Highlight im Leben oder irgendwas anderes, abgesehen von ein paar Wochen Urlaub im Jahr. So wollte ich nie werden. Ich habe meine Eltern immer dafür gehasst, dass sie so sind und sich nicht selbst verwirklichen, stattdessen immer über ihre Situation klagen, die sie ja nur selbst ändern können. Und jetzt bin ich selber ganz genau so. Im Grunde arbeite ich allerdings gerne, wenn die Arbeit nur einen Sinn machen würde, mich ausfüllen würde. Aber meine Arbeit kommt mir oft so sinnentleert vor. Und dann muss ich immer auf Abruf bereit stehen, es gibt aufgrund der chaotischen Arbeitsweise in Berlin keine Möglichkeit der langfristigen Planung meiner Arbeit. Und aufgrund der Trägheit der Leute auf dem Mutterschiff gibt es in diese Richtung keine schnelle oder flexible Veränderung wenn man sie braucht, sondern alles geht unheimlich langsam und zäh vorwärts. Auch ganz einfache und banale Dinge. Ich glaube ja, dass unsere Firma in den nächsten Jahren richtig abkacken wird, weil sie mit den Marktentwicklungen in unserer Branche langfristig nicht mithalten könnnen wird. Aber wir werden sehen. Im Moment wird in Berlin noch wie blöde eingestellt (trotz Wirtschaftskrise), und wir sitzen uns alle gegenseitig auf dem Schoß, weil wir zu wenig Platz in unserem Office-Gebäude haben. Es gibt schon zwei "Außenstellen", eine dritte kommt demnächst dazu.

Diesen Eintrag kommentieren