Ich spar mir das jetzt

13.12.2007 um 21:03 Uhr

Erkenntnisse einer Langzeitstudentin Teil 2 - Warum haben Sie eigentlich so lange gebraucht?

von: Hermine

Gründe klingen wie Ausreden, Ausreden wie Gründe. Ich bin jetzt im 15ten Semester. Arg. Hoffentlich mein Letztes.

Irgendwie lief von anfang an nicht alles so, wie ich es mir erträumt hatte. Ich wollte damals alles anders machen, als in der Schule. Ich wollte nicht mehr alles auf den letzten Drücker machen, ich erträumte mir mich als perfekte Studentin, die nach den seminaren rauchend in Cafes sitzt, schwarz gekleidet und den ganzen Tag liest, später dann nach Hause geht und so lange lernt, bis sie vorne überfällt und über den aufgeklappten Büchern einschläft. Diese Routine sollte nur manchmal von langen Nächten mit billigem Rotwein und anderen schwarzgekleideten Studenten unterbrochen werden, mit denen ich eine Revolution oder was ähnliches geplant hätte.

Die Realität sah anders aus.

Die ein oder andere Nacht wurde durchdiskutiert, leider waren aber nicht alle schwarz gekleidet. Billigen Rotwein habe ich auch viel getrunken. Aber über den Büchern bin ich nie eingeschlafen. Ich hab auch nie den ganzen Tag gelesen.

Die Wahrheit ist: ich war schon ziemlich faul, was schreiben anging und ich hab ziemlich oft hausarbeiten nicht abgegeben und deshalb keinen schein für die besuchten seminare bekommen. hätte ich das gemacht wäre ich schon fertig. aber mit der zeit baute sich da ein druck auf, der mich dann noch mehr verdrängen ließ und nun sitze ich hier und mache doch alles auf den letzten drücker. doof, aber nicht zu ändern. perfektionismus und faulheit sind keine guten verbündeten.

außerdem gab es auch immer wieder etwas was dazwischen kam: mein leben!

ich kann nicht behaupten, dass nicht viel passiert ist:

es war zeitweise wichtiger, dass....

ich bei der telefonsselsorge gearbeitet habe. (7 semester gedanklich damit beschäftigt),

ich das hauptbahnhofprojekt mitgemacht habe (zeitintensiv) (und dafür hab ich kaum scheine anrechnen lassen, weil ich noch unbedingt ne hausarbeit schreiben wollte, ich dooof) (2 semster)

ich beim kindergarten-sprachförder-forschungsprojekt mitgemacht habe (und wollte auch keinen schein, bevor ich nicht... s.o.) (4 semester)

meine eltern sich getrennt haben und ich mir alle perfiden details dieser gescheiterten ehe reinziehen und meine mutter trösten mußte ( da bot es sich an, gleich ne therapie zu machen. anstrengend, kann ich nur sagen.) (4 semester)

einer meiner bester kumpels fast gestorben wäre. (wir hingen einige wochen nur auf der intensiv rum(koma mit geringen chancen), er wohnte dann einige monate bei uns. ( fast 1 semester))

sich ein anderer guter freund fast 3 monate in seiner wohnung einschloss. (was dazu führte, dass mama hermine dauernd hinlief, um zu klingeln und wir ihn nach der psychatrie noch mal 3 monate bei uns in der wg wohnen ließen. (antidepressiva sind ein gesprächskiller)) (1 Semester)

ein guter bekannter vor einem jahr einfach starb, was wiederrum unabsehbare emotionale folgen hatte. (2-? semester)

ich ne gehirnentzündung hatte, was dazu führte, dass man mir sagte, ich hätte MS, was ne fehldiagnose war, aber mich unheimlich viele nerven gekostet hat. (1 halbes semester)

 

 

von den nebenjobs, die ich alle gemacht habe, will ich gar nicht anfangen, auch zeit-killer, vor allem die beiden tollen, die ich jetzt hab.

es gab viele sachen, die erstmal wichtiger waren, als seminare und hausarbeiten. immer wieder.

das kann ich nicht mehr ändern. bei diesem ganzen kram habe ich ja auch mehr über die welt und mich gelernt, als in allen scheissseminaren zusammen.

und den rest der zeit? ich hab tatsächlich auch normal studiert, klausuren bestanden, wenige hausarbeiten (mit sehr viel verspätung) abgegeben, unzählige referate gehalten (min. 20), exkursionen gemacht, seminare besucht und dabei mehrere hundert referate (gefühlte zahl) gehört, vorlesungen ertragen, unterricht vorbereitet und gehalten, arbeitsgruppen getroffen und vorträge angehört.

wenn ich das jetzt noch mal lese, dann geht es mir besser. ist es nicht so, dass es nur noch ein kleiner schritt ist, bis ich fertig bin, gemessen an dem, was ich schon alles geschafft habe?

ist es nicht so, dass ich eigentlich ne menge geschafft habe?

genug für ein studium. es reicht. ich muss es mir nur eingestehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenKarmelinrot schreibt am 13.12.2007 um 22:13 Uhr:Hi Hermine,

    also was du so schreibst zum Thema Studium usw., das hört sich für mich jedenfalls nicht fürchterlich unmöglich an oder so. Und außerdem, was ist schon normal?
    Zumindest, wenn man nicht unbedingt im Hotel-Mami daheim ist und dazu ein "leichtes" Helfersyndrom hat, mal ganz abgesehen von den Schicksalsschlägen, die da ja auch noch hinzukommen. ;-) Kommt mir sehr bekannt vor, geniere Dich bloß nicht deshalb.
    Ich würde richtig gerne mal länger mit dir quatschen, du hörst dich sehr interessant an. Ganz liebe Grüße Karmelinrot
  2. zitierenHermine schreibt am 14.12.2007 um 11:19 Uhr:danke karmelinrot! quatschen is immer mein ding ;-) warum haste keinen blog?
  3. zitierenKarmelinrot schreibt am 13.01.2008 um 17:14 Uhr:Hi,
    habe derzeit ein kleines grundsätzliches
    Problem mit meinem Laptop, der will nicht so wie ich will und das mit dem Bloggen krieg ich leider nicht gebacken.
    Irgendwie konnte mir da noch niemand weiterhelfen aber das Ding hier muss eh mal in die Werkstatt, evtl. hauts ja dann mal hin. ;-))
  4. zitierenHermine schreibt am 18.01.2008 um 11:47 Uhr:wäre cool ;-)

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