Werte verteidigen?
Ich habe gerade bei Spiegel-online den Videoartikel über das Frankfurter Schwimmbad gesehen (Integration absurd: männerverbot im öffentlichen Bad) in dem einmal in der Woche allen Männern (auch dem Kioskbesitzer) der Zutritt verweigert wird, damit -muslimische- Frauen ungestört schwimmen können. Die Vorhänge werden zugezogen. Eine Frau sagt, dass sie ja auch nicht fast nackt auf die Straße geht und deshalb auch nicht an einem normalen Tag ins Schwimmbad. Ich kann mir nicht helfen, aber das gefällt mir nicht. Ich kann mich aber nicht entscheiden, ob es richtig ist es doof zu finden.
Häufig wird "Deutschen", im Hinblick auf ihre westliche Kultur, latent vorgeworfen, dass sie zu freizügig sind. Jedenfalls höre ich da einen gewissen Vorwurf raus; als wenn ich promiskuitiv wäre, nur weil ich im Badeanzug schwimme, wenn Männer dabei sind.
Zunächst: Ein Phänomen, dass mit Migration einhergeht ist, dass man sich um so stärker auf seine Herkunftskultur zurückzieht und diese pflegt, desto weniger man richtigen Kontakt mit der Kultur und den Moralvorstellungen der Menschen des Landes hat, in das man ausgewandert ist. Man versucht, seine Identität zu bewahren. Da kann es passieren, dass man in seinem "Exil" Werte hochhält, die im Herkunftsland schon längst liberalisiert sind. Man wird "deutscher als deutsch", oder "türkischer als türkisch".
Mein Verhaltenskodex, meine Moralvorstellungen und meine Kultur mit all ihren Eigenarten ist nicht von alltäglichen , strengen religösen Vorschriften geprägt. Mir ist es freigestellt, ob ich mich religösen Regeln unterwerfen möchte, oder nicht. Ich stehe weder durch meine Familie, noch durch die Gesellschaft unter Handlungsdruck. Das heißt jedoch nicht, dass meine Moral keinen religösen Ursprung hat und das die Regeln nach denen ich lebe, das Grundgesetz vorneweg, nicht durch den christlichen Glauben geprägt sind. Hinzu kommt jedoch der wichtigste Wert für mich: das Recht mich entscheiden zu dürfen, das Recht, so zu leben wie ich will, ohne das ich befürchten muss, dass mir deshalb einer ans Leder will.
Freiheit im tun oder lassen, solange ich keinem andereren schade. Und der zweite: Toleranz. Ich fühle mich weder bedroht, wenn ein schwules Paar heiratet, oder sich andere Leute zu Paketen verschnüren lassen, um sich danach mit Reitgerten zu vermöbeln.
Ich finde es auch nicht anstößig, wenn Frauen sich den Busen aufspritzen lassen und Softpornos im Fernsehen kommen. Ich finde bauchfreie Tops genauso ok, wie Gürteltaschen, auch wenn ich sie selber nicht tragen würde.
Genauso können Buddisten meinetwegen den ganzen Tag meditieren und Christen fasten, so viel sie wollen.
Leute können heiraten und sich scheiden lassen, oder es ganz lassen.
Jeder kann seine Meinung sagen.
Toleranz ist Teil meiner Identität, weil es Teil meiner Moral ist. Was Sexualität, Glaube und Recht angeht sind alle gleich. Ich will eine tolerante Gesellschaft, die keinen aufgrund seines Seins verurteilt.
WARUM fühle ich mich dann trotzdem unwohl und angegriffen, wenn so ne Frau da steht und ne Bemerkung wie die oben macht? Warum fühle ich mich unwohl, wenn ich Frauen mit Kopftuch sehe?
Erstens: Weil mir diese Religion fremd ist. Ich hab immer noch nicht verstanden, warum sich Frauen komplett in Stoff einwickeln und Mädchen nicht auf Klassenfahrt dürfen. Ich hab keine Ahnung vom Koran und vom muslimischen Leben! Für mich ist das eine fremde Welt.
Zweitens: Weil mit dieser Religion nicht nur das Kopftuch begründet wird, sondern auch Ehrenmorde (und eventuell ein dazugehöriger freispruch!), die Absetzung von Theaterstücken, Abweisung von Scheidungsklagen bei ehelicher Gewalt, sowie das Nicht-Abdrucken von Karikaturen. Dadurch fühle ich mich und meine Werte massiv bedroht, nicht nur durch verblendete Religionsfanatiker an sich, sondern gerade durch die Hilftlosigkeit, die die Richter und die anderen Verantwortlichen erkennen lassen. Dabei gilt es doch die Freiheit zu verteidigen, die unser Grundgesetz uns ermöglicht! Wenn da der Schwanz eingekniffen wird, ist das die größte Bedrohung!
Ich fühle mich wahrscheinlich unwohl, weil mir das alles fremd ist. Weil die Regeln im ersten Moment stärker wirken, als meine, obwohl sie das nicht sind, gar nicht sein können!
Sollen sie doch ihren Schwimmtag bekommen, es gibt auch Frauentage in der Sauna. Darum geht es doch eigentlich nicht. Es geht um diese latente Ablehnung meines Tuns, z.b. das ich mit Männern schwimmen gehe.
Ich will einen Dialog, in dem klar wird, dass unterschiedliche Moralvorstellungen nebeneinander bestehen können. Ich will verstehen, aber auch verstanden werden.

Danke für diesen tollen Eintrag, ich kann fast allem zu 100% zustimmen.
Danke!
Liebe Grüße
Veela