noetos

02.05.2007 um 15:38 Uhr

Ruhe bewahren


"Arktis-Meereis könnte in 13 Jahren verschwunden sein" schreibt heute der Spiegel-Online. "Gletscher wachsen trotz des Klimawandels" kontert die Welt-Online - ebenfalls heute. Vielleicht will der Spiegel Ängste schüren und die Menschen so gefügiger machen. Vielleicht will die Welt, dass wir uns vom Klima-Kollaps die gute Laune und die Wirtschaft nicht vermiesen lassen - und treibt uns so in den Tod. Vielleicht ist es ein abgekartetes Spiel in das Welt und Spiegel verwickelt sind: Sie wollen uns unsicher machen, uns die Basis entziehen, auf der wir eigene Entscheidungen treffen könnten. Vielleicht bedienen auch beide Zeitungen einfach die Bedürfnisse ihre jeweiligen Leserschaft.

Bin ich in der Lage zu beurteilen, welche dieser Möglichkeiten naiv ist?

Ich sollte Experten zu rate ziehen. Noam Chomsky würde sagen, dass beide Zeitungen letzten Endes die Interessen ihrer eigentlichen Kunden bedienen: den Inserenten - dem Großkapital (spricht also für das abgekartete Spiel). Adorno würde dagegenhalten, dass die Medien ohnehin gerade vom Zeitgeist des wiedererstarkenden Mythos geleitet werden - wobei es nicht weiter wichtig ist, was für ein Mythos (Weltuntergang oder Wirtschaftswunder) gerade en vogue ist. Postman würde entgegnen, dass diese Artikel nur kleine Informationshäppchen sind, da wir viel zu unterhaltungssüchtig sind, uns mit komplizierter Materie zu befassen (spricht für die Bedürfnisse der Leserschaft).

Bin ich in der Lage zu beurteilen, wessen Erklärung richtig ist? Muss ich noch einen Experten-Experten fragen um zu erfahren, welcher Experte nun recht hat? Und dann? Frage ich noch einen Experten für Experten-Experten?

Geologen sagen, dass wir schon jetzt oder innerhalb dieses Jahrzehnts pro Tag mehr Öl benötigen werden, als wir aus geologischen und prinzipiellen Gründen in der Lage sind, zu fördern ("Peak-Oil"). Die Konsequenzen sind die kontinuierliche Verteuerung des Rohöls, eine immense Verteuerung der Transportkosten, was unsere Art zu Wirtschaften massiv in Frage stellen könnte. Es folgt eine Weltwirtschaftskrise von gewaltigen Ausmaßen. Die Geologen müssen es ja wissen. Die Experten der Öl-Konzerne sagen, dass wir noch einige Jahrzehnte Zeit haben, bis es so weit kommt - falls es soweit kommt. Bis dahin kann es uns leicht gelingen, neue Energiequellen aufzutun. Die Öl-Konzern-Experten müssen es ja wissen.
 
In der U-Bahn wartet schon Al-Qaida auf mich und Schäuble rettet mich ohne mein Wissen mit verfassungswidrigen Maßnahmen. Wenn ich nicht freiwillig bei gleichem Lohn doppelt so viel arbeite geht meine Fabrik nach China - wenn Michael Glos mir mit Gesetzen helfen will, werde ich deswegen entlassen ("Arbeitnehmerschutzgesetze sind Umsatzhemmnisse").

Vielleicht.

Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" versteckt ihre Botschaften in "Marienhof"-Sendungen und ihre Botschafter treten als unabhängige Experten bei Sabine Christiansen auf. Dankbar nehmen die Medien kostenfreie, fertige Beiträge und O-Töne der "Initiative" an und müssen sie auch nicht als solche kennzeichnen - tun sie auch nicht. Vielleicht bin ich auch einfach umfassend indoktriniert. Gewerkschaftsbonzen, Wirtschaftslobbyisten, Klimaverschwörer und Öl-Multis. Apokalypse und Aufschwung.

"Es gibt immer ein paar Untergangsneurotiker" sagen die Gelassenen. "Die Lobbyisten versuchen das natürlich klein zu reden", sagen die Mahner.

Und ich? Ich muss so tun, als wäre all dies nicht relevant für mich. Ich habe nicht die Mittel, Ölvorkommen zu kartographieren und nicht die Zeit, Klimadaten zu sammeln. Es ist verboten, auszuspionieren, welchem Geheimbund der Herr im Fernsehen nun wieder beigetreten ist. Und welcher Konzern den Gewählten im Bundestag das Gehalt aufstockt bis es zum Bentley reicht, darf ich auch nicht erfahren.

All dies darf für mich keine Bedeutung haben. Ich muss Rechnungen bezahlen, arbeiten und drei mal täglich Zähneputzen (sonst entsteht eine Schutzlücke - für die die Krankenkasse vielleicht bald nicht mehr aufkommt). Hübsch paralysiert sitzt der kleine Denker vorm Computer, versucht herauszufinden, ob die Welt wie er sie kennt in Gefahr ist. Von Zeit zu Zeit wird er grummelig und tippt seinen Ärger in einen kaum beachteten Blog am Rande der Blogosphäre. So harmlos niedlich, dass man fast schmunzeln möchte. Warum bloß? Er kann doch eh nichts machen. Er sollte einfach Ruhe bewahren und anständig seine Telefonrechnung samt Mahngebühr bezahlen. Anschließend raus in den Rekordapril. Aber eincremen nicht vergessen - sonst gibt’s Hautkrebs.

noetos

12.04.2007 um 12:11 Uhr

Aufklärung

von: noetos   Stichwörter: Kant, Adorno, Sapere, aude


Daran, dass wir aufgeklärt sind, soll kein Zweifel bestehen. Wir wissen, dass die Erde eine Kugel ist, dass das Gehirn als Epiphänomen das hervorbringt, was der Mann auf der Straße „Geist“ nennt. Ferner haben wir auch herausgefunden, dass nichts existiert, was nicht zumindest prinzipiell mit dem Instrumentarium eines Physikers erforschbar ist. Außerdem haben wir Demokratie und wir haben erkannt, dass die Frage nach Gottes Existenz eine persönliche und keine wissenschaftliche ist. Endlich hören die Vermutungen auf und wir erkennen, wie die Welt wirklich ist.

Zur Zeit der Aufklärung hingegen konnte anhand von Fossilien gezeigt werden, dass sich Arten nicht verändern. In der Physik gelang es, Newtons fragwürdige Theorie, dass das Licht in Teilchen daherkomme zu ersetzen durch die vernünftigere Annahme, dass es sich als Schwingungen in einem Äther ausbreite. Die Chemie fand schließlich heraus, dass bei der Verbrennung von Stoffen Phlogiston entweicht. Endlich hören die Vermutungen auf und wir erkannten, wie die Welt wirklich ist.

Seit der Aufklärung haben wir allerdings gelernt, dem Stand der Wissenschaften vollkommen unkritisch gegenüber zu stehen. Wir sehen hierin auch ein Zeichen der Aufklärung: Früher glaubte man den Priestern („denn die müssen’s ja wissen“), heute beziehen wir unser Wissen von Experten („denn die müssen’s ja wissen“). Man erkennt also, dass nunmehr nicht nur die Adeligen aufgeklärt sind, sondern dass auch der Mann von der Straße seine Überzeugungen nun differenzierter rechtfertigen kann.

Der durchaus dekorative Philosoph Immanuel Kant versuchte sich seinerzeit an der Frage: „Was ist Aufklärung?“ und gab Antworten:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Eine schäbige Definition; Legt sie doch nahe, dass wir nicht aufgeklärt wären, sondern die Aufklärung eher als individueller und gesellschaftlicher Prozess als als Zeitalter (das nunmehr als abgeschlossen gelten kann) zu verstehen sei. Dass der minder dekorative Adorno dies gut 150 Jahre später ähnlich sah, ist verzeihlich: Immerhin sah der deutschgebürtig Jude in seinem ehemaligen Heimatland den Nationalsozialismus wüten.

Doch diese Zeiten sind vorüber. Für den Verstand haben wir extra Wissenschaftler engagiert, Sapere aude ist eine Waffe in „Final Fantasy“ und unseren Ausgang aus der Unmündigkeit demonstrieren wir täglich durch marktsteuerndes Kaufverhalten und routiniertes Kumulieren in der Wahlkabine. Der moderne Mensch denkt nicht von sich, dass er noch Aufklärung nötig habe. Allenfalls die unverbesserlichen anderen. Sollte die Aufklärung Prozess und nicht Zeitalter sein, so denkt man bei sich, ist dieser Prozess bei mir zumindest abgeschlossen. Das immer noch Aufklärung von Nöten sei, ist eine anmaßende Beleidigung, die jedes Individuum für sich aufs Schärfste zurückweisen würde.

Um mich selber nicht zu diskreditieren erhebe ich diese Forderung also auch nicht. Vielmehr nicke ich: „Wir sind aufgeklärt, und der Geist ist bloß eine Einbildung des Geistes – denn die Neurologen haben das herausgefunden.“

noetos

11.04.2007 um 21:17 Uhr

Inventur

von: noetos   Stichwörter: Anfang

Es gibt immer ein Vorher. Eine Liste der Gründe und Ursachen für irgendetwas wird auch mit größten Mühen nicht vollständig werden. Ich begnüge mich also damit zu konstatieren, dass es von nun an diesen Blog gibt. Ich vermute, es wird auch mir selbst nur langsam klarer werden, warum ich hier schreibe.

Reichhaltige Variationen über das Thema „Mach’ etwas aus deinem Leben“ weiß der Common Sense einem zu bieten. Zurückhaltender wird er, wenn man ihn zurückfragt, was denn ‚etwas’ sei. Nun, Bürgermeister sei etwas, entgegnet dieser schulterzuckend. Man wolle aber kein Beispiel hören, sondern erfahren, was denn allgemeine Kriterien seien, wann man etwas aus seinem Leben gemacht hat. Im Übrigen, setzt man nach, sehe man auch nicht ein warum Bürgermeister werden denn nun gerade etwas sei, was man aus seinem Leben machen solle. Dann tu irgendetwas, bei dem du glücklich wirst, antwortet der Common Sense fahrig. Wieso Glück nun das Maß des Lebens sei, will man nun wissen. Der Common Sense greift triumphierend zum Relativismus: Das alles müsse jeder für sich selbst entscheiden, sagt er.

Man bedankt sich für die weisen Ratschläge und entscheidet, dass man gerne Büsche züchten möchte. Der Common Sense schaut wieder vorbei, aber er sagt nichts. Er hat das wohl so entschieden, denkt der Common Sense, aber er hätte wirklich was aus seinem Leben machen sollen, fügt er in ein wenig süffisant hinzu. Büsche züchten!

Ach, diesem Common Sense kann man’s nicht recht machen. Erst sagt er einem nicht, was das gute Leben ist, und schließlich verspottet er einen, dass man es nicht lebt. Man stellt ihn zur Rede: Worauf es denn nun ankomme, wolle man wissen. Der Common Sense schüttelt verständnislos den Kopf. Wer so etwas wissen wolle, der solle doch Philosophie, Theologie oder so ein Zeug studieren!

Und so tut man das – und mit heißem Bemühen. Man liest, denkt über vieles nach und kommt zu manchem Ergebnis. Man stellt fest, was der Common Sense doch manchmal für ein Unsinn fabrizieren kann: In der Maschine nach Rio über den Klimawandel seufzen; Moppelkotze! Festgefahren zwischen „Einmal kann man das ruhig machen“ und „Wo kämen wir denn dahin, wenn das alle machen würden?“ beißt der Common Sense in den Burger, der eben noch eine Methan rülpsende Kuh im Ex-Regenwald war - den man retten kann, wenn man anschließend noch eine Kiste Krombacher verputzt.

Also geht man zur Schule, damit man später was werden kann. Dann arbeitet man, damit man sich später mal was leisten kann. Und später ist man pensioniert und kann sich ein Hüftgelenk aus Titan leisten. Die goldige Enkelin kommt einen im Krankenhaus besuchen und denkt sich, dass sie so nicht enden will, beschließt, in der Schule härter zu lernen, damit sie einen guten Job bekommt und sich später mal was leisten kann.

An Weihnachten geht man aber in die Kirche, weil es gut ist, zwischendurch mal den Kopf frei zu bekommen. Und weil wir ja Kultur haben, dekorieren wir Deutschland mit Kant und Goethe. Das muss man ja nicht lesen – Hauptsache man sieht, dass wir Tiefgang haben. Manche lesen das auch – das ist aber Geschmackssache. Wie mit der Politik: Solange man mindestens weiß, dass Wolfgang Thierse Bundespräsident ist (oder hat das jetzt gewechselt?), muss man nicht täglich Nachrichten gucken. Ach ne! Köhler ist das ja jetzt: Horst Köhler – jetzt ham’mers.

Und vorher? Es gibt immer ein Vorher. Jetzt ist zumindest hier ein Anfang. Es soll aber nicht nur um den Common Sense gehen, sondern auch um Sinnvolles. Dazu aber später – das hier ist ja nur das Vorher...

noetos