Warten
Warten...ich muss wieder warten. Fragt sich nur auf was. Auf eine weitere Enttäuschung oder vielleicht doch auf die alles entscheidende Wende in meinem trostlosen Leben? Mann Nr.4 ist bisher noch nicht wieder online gewesen. Möglicherweise hat er sich ja auch rein zufällig dafür entschieden, sich auf dieser Single-Seite gar nicht mehr einzuloggen. Die Seite ist nämlich scheiße und ich hab da in den vergangenen Jahren nicht ein Mal jemanden kennengelernt, der mich wirklich interessiert hat. Aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.
Jedenfalls ist er da auch erst seit letztem Monat angemeldet. Von zu spät kommen kann da diesmal nicht die Rede sein. Aber irgendwie habe ich schon jetzt das Gefühl, dass wieder nix draus wird. Nachts konnte ich nicht schlafen. War irgendwie aufgewühlt und von Emotionen überwältigt, die ich die letzten Monate hübsch im tiefsten Winkel meiner Seele eingekerkert habe. Trotzdem waren es gute Gefühle, auch wenn sie einen vor Sehnsucht halb eingehen lassen. Ich bin schon viel zu lange allein, dass ich es manchmal gar nicht mehr aushalten kann, weil ich mir so sehr Zweisamkeit wünsche. Vor allem die Art von Zweisamkeit, die ich bei meinem Ex nie erlebt habe. Er zählte ja doch eher zu den unsensiblen und gefühlslosen Klötzen. Eine erfüllte und glückliche Liebe habe ich in meinem Leben bisher noch nie erfahren und ich frage mich auch, ob ich das überhaupt aushalten könnte.
Aushalten deswegen, weil mir überhaupt noch nie Liebe entgegengebracht oder geschenkt wurde. Von meinen Eltern bin ich nie geliebt worden...eher das Gegenteil. Meine Eltern sind nicht fähig, irgendwelche Emotionen dieser Art zu zeigen. Die sind nicht mal fähig Verständnis oder Mitleid aufzubringen. Und immer wieder machen sie mich kaputt mit ihrem Scheiß-Verhalten. Es wird wirklich Zeit, dass ich da endlich rauskomme. Ich merke erst jetzt so richtig, dass sie in den meisten Fällen der Auslöser für meine Depressionen und mein geringes Selbstwertgefühl waren und immer noch sind. Wahrscheinlich merken sie es nicht mal, aber sie machen mich systematisch kaputt.
Aber im Gegensatz zu damals ist mir das jetzt nur allzu gut bewusst und anstatt, dass ich mich deshalb wieder selbst hasse und fertigmache, tu ich genau das Gegenteil. Nämlich sie hassen. Ich hab mir auch geschworen, nie so kalt und herzlos zu werden wie sie. Aber dennoch war ich schon drauf und dran, ganz genau so zu werden. Vielleicht nicht herzlos, aber kalt und gefühllos allemal. Wahrscheinlich wird man auch so, wenn man immer wieder verletzt und wie der letzte Dreck behandelt wird. Dann muss man sich eine Eisenrüstung zulegen, an der alles und jeder abprallt. Und nur ein Mensch, der wirklich zu lieben fähig ist, wird diese Rüstung noch sprengen können.
Nur manchmal glaube ich einfach, dass ich überhaupt keine Liebe mehr ertragen kann. Dass sie zu warm für mich ist und ich daran verbrenne. Wenn ich Gefühle zulasse, dann kommt mir das vor, als würde in mir ein Wirbelsturm toben und alles durcheinanderbringen. Und dann fühle ich mich wieder schwach...richtig schwach. Manchmal machen mich zuviel dieser schönen Gefühle und Worte auch tatsächlich melancholisch, wenn nicht gar depressiv. Davor habe ich immer am Meisten Angst, auch wenn ich nicht mal verstehe, wieso mich etwas Positives dann runterzieht. Ist es, weil ich es nicht gewöhnt bin oder weil ich es einfach nicht glauben kann, dass mir diese Gefühle und Emotionen gelten? Oder will ich es vielleicht gar nicht zulassen, weil die Angst verletzt zu werden, sich damit sofort automatisch wieder einstellt?
Doch das Letzte, was ich will, ist bis an mein Lebensende einsam und allein zu bleiben. Ich will es anders machen als meine Eltern und all die Verwandten, die ebenfalls zu keiner Bindung fähig sind oder es nicht mal wollen. Ich weiß, dass schon alle von mir denken, dass ich sowieso nie nen Mann abkriegen werde und ich will nicht, dass sich das auch noch bestätigt. Während der letzten Jahre war das noch nicht so schlimm, allein zu sein, aber wenn man ein gewisses Alter erreicht, merkt man doch, dass einem die Zeit davonläuft und wieviel man schon verpasst hat. Dann kann niemand mehr sagen "Du bist doch noch jung und das kommt schon noch". Vieles kam in meinem Leben schon nicht mehr, aber auf Liebe kann und will ich nicht verzichten müssen. Wenn ich doch nur ein Mal Glück hätte...
Aber dann sind da ja auch noch meine ganzen Probleme. Und so sehr ich es mir auch wünsche, dass der Richtige kommt und sagt "Wir schaffen das gemeinsam", desto weniger glaube ich daran. Und das ist das Traurige daran. Dass die Meisten scheinbar einen Partner mit möglichst wenigen bis gar keinen Problemen erwarten. Dabei bestehe ich auch nicht nur aus Problemen. Man(n) kann mit mir über tausend Sachen reden und so Vieles teilen. Aber diese Tiefgründigkeit scheint den meisten Menschen heutzutage schon abhanden gekommen zu sein. Es wird nur noch darauf geachtet, ob das Äußere was hermacht und man nicht allzu sehr geschädigt ist (wie Männer es immer ausdrücken: Mit beiden Beinen fest im Leben stehen) und möglichst noch unabhängig ist. Aber es gibt noch so viel mehr und ich hab nur sehr selten erlebt, dass jemand überhaupt noch tiefer graben will, um die wirklichen Schätze zu ergründen. Es ist wie mit einer versunkenen Stadt. Sie existiert und niemand sieht sie. Und genauso fühle ich mich oft: unerforscht, nicht gesehen, in mir selbst versunken.
Und genau nach diesem Menschen suche ich. Der, der diese versunkene Stadt findet und mit mir gemeinsam wieder an die Oberfläche bringt, damit sie wieder richtig existieren kann und nicht irgendwann zerfällt, weil sie der Zeit nicht mehr standhält. Deshalb Mann Nr.4, erlöse mich bitte von allem Bösen und vor allem vom Warten!!!



