Imagination
Ich könnte Anna sein. Anna, ein einfacher Name, von hinten, wie von vorn. Ich wäre also Anna. Ich schriebe Dir. Ein anderer Name. Ein anderer Mensch. „Hallo, schriebe ich. Ich bin Anna. Und wer bist Du? Ich habe Deine Adresse in einem Forum gefunden. Ich mag fremde Menschen, denn sie können mich nicht verletzen“. Ich täte also, als seiest Du mir fremd. Ich wäre Anna. Ich hätte blonde Locken und eine Schwäche für intellektuelles Fernsehen. Ich würde jemanden zum Diskutieren suchen, der mir aber fremd bliebe. Ich könnte Gesine sein und vierzig. „Lieber Fremder“, würde ich Dir schreiben. „Ich habe Dich in den Weiten des WWW gefunden. Ich bin einsam und meine Haare sind kaputt vom Färben. Ich hatte noch nie Sex. Weißt Du, wie das ist?“ Ich würde meine gelben Zähne im Bad betrachten und auf eine Antwort hoffen. Ich könnte Julia sein und dreizehn. „Huhuuu“ würde ich Dir schreiben, „Hast Du Bock zu chatten? Ich bin dreizehn und mag Bushido weil er geile Texte hat. Ichbingutesmädchen. HDL.“ Ich könnte imaginieren, Du wärst ein Fremder. Ich würde Dir schreiben, du würdest mir nicht antworten. Du könntest mir nichts tun. Ich bin fünfundzwanzig. Ich bin ein Stummfilm. Du bist mir nun fremd.
