Alex, nicht Alexander
Eine Geschichte begonnen in der nordfranzösischen Provinz.
Einfach Alex. Hast Du gesagt, mir eine knochige Hand entgegenstreckend. Es war in einer Industriestadt in Nordfrankreich. Wir waren ERASMÜHS. Austauschstudenten, am ersten Tag des Integrationsseminars. Du hattest Dich mit Krücken, einer kaputten Netzhaut und vielen anderen Schwierigkeiten in Dein Auslandssemester gekämpft. All das erzähltest Du mir in der Pause, beim Kaffee. Danach saß ich schon neben Dir. Am Abend zog ich mit meinen Töpfen in Deine Küche ein. Es folgte eine Zeit der Lachanfälle, der zerbrochenen Teller und der Kommunikationsschwierigkeiten mit den anderen Menschen. Du und ich, wir glichen uns, wir hingen ständig aufeinander, man fragte uns, ob wir Geschwister seien. Du hattest dieselbe Krankheit, dieselben Ängste. Mein Bruder, von dem ich nichts gewußt habe, war auf einmal da. Ich legte meine Geschichte in Deine knochigen Hände. Ein oft lädiertes Vertrauen war wieder in mir, eine Selbstverständlichkeit, ein Glaube an die Freundschaft, der jedoch wiederum meine Augen verschloss, meinen Verstand ausschaltete und Deine Zeichen übersah. Eines Abends gestandest Du mir Deine Liebe, während eines Streits. Ich habe die Vermutungen beiseite geschoben, die Gründe aller Streitigkeiten negiert, bist Du es sagtest. Du wußtest vom ersten Tag an, dass ich verlobt bin. Wahrscheinlich hast Du Dich gewehrt. Bestimmt wolltest Du nicht, dass das Chaos uns auseinanderreißt. Wir hatten beschlossen zu kämpfen. Du hast mich gewarnt, dass es ein Verfallsdatum gibt, für unsere Zeit. Du wußtest nicht, wie lange Du durchhältst. Ich nickte und weinte Ozeane von Tränen. Am nächsten Tag war alles, wie bisher. Am übernächsten Tag kam Deine erste Szene. Wir wollten kämpfen. Der Kampf begann.
An manchen Tagen sahen wir den orangen Scheinwerferhimmel an und klebten Gummibärchen an Dein Fenster. Wir lachten uns über Schwachsinn kaputt und hatten tausend Witze, die sonst keiner verstand. Ich erzählte Dir meine Lebensgeschichte und Du mir die Deinige, und im Erzählen schien manchmal alles einfach. Einfach gut. Wir fuhren nach Paris und durch die Dörfer. Ich hatte das Verfallsdatum ausgeblendet und versucht, geduldig mit Dir zu sein, wenn Deine Augen vor Eifersucht funkelten und das wütende Zittern Dein Gesicht verzog. Du hattest noch nie eine Freundin. Nur eine Mutter, die Dich verzog, Dich krankhaft beschützte und unter Druck setzte. Ich hatte das bessere Leben, ein Leben zum Neidischwerden. Ich wußte, wie Sex sich anfühlt, oder ein Kuss. Ich hatte Freunde, die in Deutschland auf mich warteten. Ich sollte mich schuldig fühlen unter Deinem Blick. Ich wollte Dich nicht aufgeben. Das hast Du übernommen. In Deutschland fuhr ich zu meinem Verlobten. Deine Wut wuchs. Wir haben uns noch dreimal gesehen. Du wirktest angestrengt. In Lille kam unser Ende. Ein Wachkoma der Interaktion. Ein Tropfen, welcher das Fass zum Überlaufen brachte. Vor vier Monaten hast Du uns die Geräte abgeschaltet. Du gingst nicht an Dein Telefon. Du hast nicht durchgehalten. Es war nicht nur Deine Schuld. Ich zwang Dich oft zum Kampf, dabei war es sinnlos, weil Du warst, wie Du warst. Weil es von Anfang an utopisch schien. Ich war naiv, zu glauben, Du würdest Deine Gefühle überwinden. Dabei wußte ich selbst, wie schwer das ist. Ich habe Dich oft verletzt, meine Position verneint, zuviel von Dir erwartet. Und die Utopie genährt. Vielleicht warst Du nicht mein bester Freund. Du wolltest es nur sein, in der Hoffnung auf mehr. Emotionale Nähe schafft Hoffnung und ich habe gedankenlos die Deinige genährt. Es tut mir leid. Wir tragen beide die Schuld. Tut es Dir leid, dass Du mich fallen ließest, in meiner Examenszeit? Bestimmt. Ich weiß, dass es nicht einfach war, doch einer mußte konsequent sein. Und auch wenn mein wunder Stolz dagegen anschreit, ich weiß, dass Du das Richtige getan hast. Nun sind vier Monate vergangen, ohne ein Wort von Dir. Ich denke oft an Dich, an Frankreich. An München im Herbst. Du fehlst mir und niemand kann Dich ersetzen, es ist diese Lücke in meinem Leben, die wie ein schwarzes Loch in meinem Inneren klafft. Ich versuche, die Erinnerungen anders zu verorten, sodass sie irgendwann nicht mehr schmerzen. Mit Dir bin ich erwachsener geworden. Ich bereue nichts. Du trägst meine Geschichte in Deinen Händen. Ich schenke sie Dir. Ich werde wieder vertrauen können. Und lebe weiter, mit Schuld und Stolz in meinem Herzen. Genau wie Du.
Eigentlich sollte der Text "woanders" sein. Doch nun ist er hier und er ist voerest das Letzte, was ich über Dich schreibe. Es ist genug.
