pavot rouge

30.05.2008 um 15:54 Uhr

Alex, nicht Alexander

von: nenia

Eine Geschichte begonnen in der nordfranzösischen Provinz.

Einfach Alex. Hast Du gesagt, mir eine knochige Hand entgegenstreckend. Es war in einer Industriestadt in Nordfrankreich. Wir waren ERASMÜHS. Austauschstudenten, am ersten Tag des Integrationsseminars. Du hattest Dich mit Krücken, einer kaputten Netzhaut und vielen anderen Schwierigkeiten in Dein Auslandssemester gekämpft. All das erzähltest Du mir in der Pause, beim Kaffee. Danach saß ich schon neben Dir. Am Abend zog ich mit meinen Töpfen in Deine Küche ein. Es folgte eine Zeit der Lachanfälle, der zerbrochenen Teller und der Kommunikationsschwierigkeiten mit den anderen Menschen. Du und ich, wir glichen uns, wir hingen ständig aufeinander, man fragte uns, ob wir Geschwister seien. Du hattest dieselbe Krankheit, dieselben Ängste. Mein Bruder, von dem ich nichts gewußt habe, war auf einmal da. Ich legte meine Geschichte in Deine knochigen Hände. Ein oft lädiertes Vertrauen war wieder in mir, eine Selbstverständlichkeit, ein Glaube an die Freundschaft, der jedoch wiederum meine Augen verschloss, meinen Verstand ausschaltete und Deine Zeichen übersah. Eines Abends gestandest Du mir Deine Liebe, während eines Streits. Ich habe die Vermutungen beiseite geschoben, die Gründe aller Streitigkeiten negiert, bist Du es sagtest. Du wußtest vom ersten Tag an, dass ich verlobt bin. Wahrscheinlich hast Du Dich gewehrt. Bestimmt wolltest Du nicht, dass das Chaos uns auseinanderreißt. Wir hatten beschlossen zu kämpfen. Du hast mich gewarnt, dass es ein Verfallsdatum gibt, für unsere Zeit. Du wußtest nicht, wie lange Du durchhältst. Ich nickte und weinte Ozeane von Tränen. Am nächsten Tag war alles, wie bisher. Am übernächsten Tag kam Deine erste Szene. Wir wollten kämpfen. Der Kampf begann.

An manchen Tagen sahen wir den orangen Scheinwerferhimmel an und klebten Gummibärchen an Dein Fenster. Wir lachten uns über Schwachsinn kaputt und hatten tausend Witze, die sonst keiner verstand. Ich erzählte Dir meine Lebensgeschichte und Du mir die Deinige, und im Erzählen schien manchmal alles einfach. Einfach gut. Wir fuhren nach Paris und durch die Dörfer. Ich hatte das Verfallsdatum ausgeblendet und versucht, geduldig mit Dir zu sein, wenn Deine Augen vor Eifersucht funkelten und das wütende Zittern Dein Gesicht verzog. Du hattest noch nie eine Freundin. Nur eine Mutter, die Dich verzog, Dich krankhaft beschützte und unter Druck setzte. Ich hatte das bessere Leben, ein Leben zum Neidischwerden. Ich wußte, wie Sex sich anfühlt, oder ein Kuss. Ich hatte Freunde, die in Deutschland auf mich warteten. Ich sollte mich schuldig fühlen unter Deinem Blick. Ich wollte Dich nicht aufgeben. Das hast Du übernommen. In Deutschland fuhr ich zu meinem Verlobten. Deine Wut wuchs. Wir haben uns noch dreimal gesehen. Du wirktest angestrengt. In Lille kam unser Ende. Ein Wachkoma der Interaktion. Ein Tropfen, welcher das Fass zum Überlaufen brachte. Vor vier Monaten hast Du uns die Geräte abgeschaltet. Du gingst nicht an Dein Telefon. Du hast nicht durchgehalten. Es war nicht nur Deine Schuld. Ich zwang Dich oft zum Kampf, dabei war es sinnlos, weil Du warst, wie Du warst. Weil es von Anfang an utopisch schien. Ich war naiv, zu glauben, Du würdest Deine Gefühle überwinden. Dabei wußte ich selbst, wie schwer das ist. Ich habe Dich oft verletzt, meine Position verneint, zuviel von Dir erwartet. Und die Utopie genährt. Vielleicht warst Du nicht mein bester Freund. Du wolltest es nur sein, in der Hoffnung auf mehr. Emotionale Nähe schafft Hoffnung und ich habe gedankenlos die Deinige genährt. Es tut mir leid. Wir tragen beide die Schuld. Tut es Dir leid, dass Du mich fallen ließest, in meiner Examenszeit? Bestimmt. Ich weiß, dass es nicht einfach war, doch einer mußte konsequent sein. Und auch wenn mein wunder Stolz dagegen anschreit, ich weiß, dass Du das Richtige getan hast. Nun sind vier Monate vergangen, ohne ein Wort von Dir. Ich denke oft an Dich, an Frankreich. An München im Herbst. Du fehlst mir und niemand kann Dich ersetzen, es ist diese Lücke in meinem Leben, die wie ein schwarzes Loch in meinem Inneren klafft. Ich versuche, die Erinnerungen anders zu verorten, sodass sie irgendwann nicht mehr schmerzen. Mit Dir bin ich erwachsener geworden. Ich bereue nichts. Du trägst meine Geschichte in Deinen Händen. Ich schenke sie Dir. Ich werde wieder vertrauen können. Und lebe weiter, mit Schuld und Stolz in meinem Herzen. Genau wie Du.

 

Eigentlich sollte der Text "woanders" sein. Doch nun ist er hier und er ist voerest das Letzte, was ich über Dich schreibe. Es ist genug.

25.05.2008 um 20:20 Uhr

Aus dem Augenblick

von: nenia

Vorgestern habe ich Dich eventuell gesehen. Ich rannte zu meinem Zug am Gießener Bahnof, die Zeit war knapp. Du standest dort, ganz groß und rauchend, mit Kopfhörern in den Ohren. Als Du mich sahst, nahmst Du einen Kopfhörer heraus, als wolltest Du mir etwas sagen. Ich nahm die Bewegung wahr und beschleunigte meinen Schritt, die Treppe hoch. Ich bin an Dir vorbeigelaufen, wie irgendwann vorgestellt, bin weitergegangen und doch war dort ein Moment des Wunderns, gar Erschreckens, eine Extrasystole. Ein Zucken. Ich drehte mich um auf dem Weg, um zu prüfen, ob Du mir nachgingst, doch die anderen Reisenden hatten Dich verschluckt. Als mein Zug kam, war ich erleichtert. Du bist eines meiner Geister. Ein großer Mann aus gewebten Kurzgeschichten, und doch. Warst Du irgendwann zu real.

Wenn Du es warst.

20.05.2008 um 10:42 Uhr

wilder Mohn

von: nenia

Musik: Tobias Regner - I still burn

Ein Gefühl, ein Lied. Gehört zur Zeit der grenzenlosen Freiheit, des Brennens im Augenblick. April vor zwei Jahren. Ende März ein Besuch in Deutschland, das Zuhause noch in Valenciennes. Der Kopf voller Impressionen, die Augen wild funkelnd.

Ich brannte und brannte. Ich war eine Wunderkerze, glücklich und befreit. So viel Zukunft lag vor mir, soviel Veränderung. Die Tage waren aufregend, ich bin damals das erste Mal erwacht. Ich hatte meinen besten Freund. Eine andere zarte Freundschaft keimte auf. Ich sah nach zwei Monaten meinen Verlobten wieder. Wir gingen spazieren, endlich Hand in Hand.

"The only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn, like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes "Awww!" ~ Kerouac: "On the road"

Es ist alles eingetreten. Alles genau so geworden, vielleicht noch besser. Doch ich bin nun weder ganz jung, noch so wild. Ich bin ein bißchen erloschen und der beste Freund hat mich eliminiert. Ich bin roter Mohn, aber ich bin dezent fatalistisch, nicht mehr mit diesem Funkeln, traumatisiert und verarbeitend. Oder einfach älter. Aber ich habe noch das Lied. Wenn ich auf Repeat drücke, bin ich eine gelbe Wunderkerze. Das Gefühl kommt wieder. Ich strecke meine Arme nach oben, Schließe die Augen. Liebe das Leben. Sage ja.

20.05.2008 um 00:32 Uhr

point sensible

von: nenia

Tu me manques. Mes autres amis, ils sont compliqués, on doit communiquer beaucoup et parfois ca ne fait pas de sens. Je voudrais bien parler sans expliquer chaque mot, j'aime m'affaler, perdre mes hantises envers la confiance. Tu étais mon meilleur ami, mon proche, mon frère. Et maintenant, bien que cela soit mieux de t'oublier, tu me manques. Tu es la mesure. Quand je parle aux gens, je réalise que personne n'est capable d'être mon meilleur ami. Les autres sont adorables, ils veulent passer du temps avec moi, m'aider, mais parfois c'est l'hantise qui me détermine, la peur d' être blessée. Avec toi, je l'avait aussi, mais je savais que notre amitié est quelquechose de spécial, de limité, et je voulais la cultiver, parce que tu n' étais pas vraiment compliqué, et tu m'as vraiment compris sans expliquer.

Mais je devais payer un prix, pour ton amitié passée. Maintenant, tu es une blessure profonde, un fantôme qui me chasse dans mes rêves nocturnes, qui s'accorde avec moi et me laisse tomber, qui est présent. Ce point sensible me limite, m'accable, mais je ne peux rien faire

16.05.2008 um 10:54 Uhr

Gone baby, gone

von: nenia

Musik: Dreadful shadows - Twist in my sobriety

Mein liebes Schmerzbaby,

Gestern bist Du fertiggeworden, in Deinem Hauptteil. Du bist nun groß und ich muss Dich zu Ende bringen, darlegen, was ich eigentlich herausgeforscht habe, über Anton und Quintus, über Wunden und Leid, den Influxus von Körper und Seele. All den Dingen, die mich seit Anfang März Tag und Nacht beschäftigten. Ich kann kaum glauben, dass ich nächste Woche soweit bin.

Ich habe Dich liebgewonnen, da Du das längste bist, was ich je geschrieben habe. Weil an Dir so viel hängt. Ich werde bist Mitte Juni noch an Dir werkeln, Fußnoten überarbeiten, Zitate in Form bringen. Dich in Druck geben und einreichen. Doch die Forschung ist so gut wie abgeschlossen.

Ich werde Dich vielleicht am Wochende liegen lassen und noch einmal überdenken. Und ein bißchen vermissen.

05.05.2008 um 21:02 Uhr

donc...

von: nenia

C'est difficile. Je suis débout avec mon angoisse présente. Elle m'empêche à aspirer. Je commence à analyser mes sentiments et je réalise que je retombe sur mes vieux types de comportement. Tes mots éclatent comme une bombe et moi je reste muete et étonnée par les reproches que tu m'adresse. C'est à moi maintenant, mais je ne sais pas quoi faire, je ne peux pas me liberer de moi-même demain. Tu as fait ma connaissance et tu m'as aimé, bien que tu ais su, ce qui t'attends. Et maintenant après quatres années et trois mois tu perds ta patience, et tu veux que je me métamorphose. Tu me forces, mais je ne suis pas encore capable d'enlever mes comportements.

Maintenant je suis à la merci de mes hantises et je suis forcée de rester muete. Oui tu as raison, assez souvent j' étais égoiste mais tu n'as pas le droit de m'angoisser. De me faire retomber, me déranger et puis d'attendre que tous mes attitudes, mes lamentations cessent tout de suite. On pourrait changer nos cerveaux - et je te rassure que tu ne pourrais pas supporter, d'avoir le mien.