syksy
Der Herbst ist unsere beste Zeit.
(J.W. von Goethe)
Schließ' die Augen sanft, mein Kind
und bleib in meinen Armen,
ich trage Dich hinweg
in diese alte Welt...
(Diary of Dreams - Nekrolog 43)
Meine alte Welt. Jeden Herbst denke ich an sie. Früher war ich traurig,
oft emotional zurückgeworfen in das Grabsteinland, in welchem ich mich damals
befand. Nun, zur Normalität zurückgekehrt, vermisse ich es ein wenig,
so paradox es klingen mag. Es war unglaublich anstrengend, am Abgrund
zu wanken, es hat mich fast den Verstand gekostet. So viel Kraft und
mindestens drei weitere Jahre der Verarbeitung.
Es machte mich kreativ. Über jede Narbe konnte ich eine Geschichte schreiben. Auf meiner Festplatte sind alte Dateien mit wunderschönen Texten. Nun fällt mir erschreckend wenig ein. Ich habe unendlich viel gewonnen, doch ein Teil der Kunst ist verloren gegangen.Dies ist der Preis. Vielleicht bin ich einfach keine gute Künstlerin. Irgendwann sind die Episoden aus dem eigenen Leben erschöpft. Nun reihen sich die Worte schwer aneinander, die Metaphern funktionieren nicht. Vielleicht ist es nur eine Phase. Doch ich befürchte, dass es andauern wird.
Über den November konnte ich Sprachbilder malen. Er war verzweifelt, intensiv, ein Strudel an Emotionen. Nun ist alles ruhig. Ich vermisse meine Wildheit. Belle et sauvage.
Früher war ich ständig unterwegs. Bahnhöfe bedeuteten die Welt. Nun werden die Fahrten gefühlt länger. Ich fühle, wie ich ankomme. Das ist der Punkt. Vieillir. Älter werden.
Definitiv ist das Leben nun besser. Trotzdem fehlt mir oft die Wildheit in mir. Sei es für die Kunst.
mit Felsen an den Füßen
und Kopfhaut auf Granit.
Hinauf.

Wahrgewordene Träume. Momente, herausgerissen aus der Realität. Ich bin zurück, doch mein Herz ist wie erwartet dort geblieben. Es begann mit den Lichtern von Vantaa. Der Himmel so weit und lila, dämmerungstrunken. Unser Hostel mit Blick auf den Hafen. Wir drehten unsere Runden durch die Stadt, von der ich so lange träumte, sahen uns die Straßen und das Meer an. Am Markt kauften wir etwas bei einer Frau mit riesigen strahlend blauen Augen. Sie lächelte uns an.
So viele schöne Menschen. Die Bank auf der Zooinsel, auf der ich Arme ausgebreitet liegen konnte, das Meer und die Wolken, die so schwer und doch so schön über uns lagen. Die weißen Fähren und das Geräusch der Schiffe. Korkeasari und die Felsen auf Suomelinna. Das kleine Café und die Kälte, die doch irgendwie gut war.
Nachts wachte ich manchmal auf und konnte es nicht glauben. Helsinki, meine früher so oft gedachte Stadt. Morgens ging die Sonne über dem Weiß der Schiffe auf. Du gingst mit mir Hand in Hand. Das Gefühl der Heimat. Goldene Kuppeln der Uspenski Kirkko, fast wie in Leningrad damals, meinem Geburtsort. Helsinki hat Erinnerungen zurückgebracht und neu gestaltet. So nah.
Wir speisten in einem feinen Restaurant, wo der Kellner wie Espen Lind aussah. Du hast mich am Hafen geküsst. Das Glück. Wir hatten tausend Lachanfälle über die seltsame Sprache, die ich nun lernen will, und einfach eine fantastische Zeit. Mit der Stadt. Mit uns.
Sicherlich ist Helsinki nicht so melancholisch, wie früher gedacht. Es ist hell, bunt und aufregend. Mit vielen alternativen Menschen und guter Musik im Plattenladen. Ville Valo ist uns leider nicht begegnet. Vielleicht beim nächsten Mal. Dann komme ich wieder. Ohne alte Kitschträume. Mit einer wilden Freude im Herzen und hoffentlichen Sprachkenntnissen. Ich bin im Fieber. Zurück dorthin. In meine Traumstadt.
rakastan sinua...