pavot rouge

28.01.2009 um 19:41 Uhr

...and reboot!

von: nenia

change,
everything you are
and everything you were
your number has been called
fights and battles have begun

(Muse - Butterflies and Hurricanes)


Der letzte Abend im Wohnheimzimmer. Es ist so leer geworden. Mein Leben passt in fünfzehn Kartons. Ich habe das Fenster geputzt und mir versprochen, in der neuen Wohnung ordentlicher zu sein. Die Sartre- Postkarte von der Tür gerissen, das Valencienner Rathaus, all das. Die Royo- Poster schmücken nun den Mülleimer, Morgen wird auch der Computer abgebaut sein. Am Freitag fahre ich nach Bochum zur Vereidigung. Der Zug kommt um sechs Uhr morgens. Abends werde ich erschöpft in meinem alten Kinderzimmer schlafen, wo ein Ville Valo- Plakat im Schrank wohnt. Am Samstag geht es mit dem Transporter dem neuen Leben entgegen. Mein Monat allein. Dann zusammen. Und endlich in der großen Stadt nach dreizehn Jahren Provinz.
Ich habe Angst. Doch ich freue mich auch. Seit gestern wieder. Alles wird. Tief im Westen. Im Himmelbett für Tauben. Ständig auf Koks.

Danke für gestern. Es ist toll, dass Du vorbeikommst, am Samstag. Vielleicht trinke ich sogar ein Bier mit Dir. Mit Euch. Ich habe das Gefühl, dass es eine gute Zeit wird. Dann müssen wir keine Emails mehr schreiben. Ich werde Dich aufbauen, während Du Deine Abschlussarbeit schreibst. Vielleicht höre ich auch Blackmetal mit Dir. Ach bestimmt.

20.01.2009 um 20:36 Uhr

into the poppy fields

von: nenia

Der Parkplatz vor Ikea hatte etwas von Helsinki Vantaa, als die Abendwolken sich schwer über ihn legten. Ich sah durch die großen Fenster hinaus. Der Himmel so weit. Die letzten Möbel schmücken nun in Kartons mein altes Wohnheimzimmer. In zehn Tagen wird es leer sein. Die alte Sternchenborte und der PVC-Boden werden für einen neuen Bewohner ein Zuhause sein.
Ich habe eine Mohnblume für mein neues Arbeitszimmer gekauft und den Sessel, den ich unbedingt haben wollte. In zwei Wochen werde ich darin sitzen und Walter Moers lesen, in der neuen Stadt mit dem Ruhrpottpflaster. Ich fürchte Umbrüche, doch brauche ich sie und vielleicht wachsen in Bochum ganz schnell neue Mohnfelder für mich. Um mich. Ich habe Angst vor Einsamkeit. Ich bin nicht mehr so offen, wie früher und neue Menschen bereiten mir oft ein seltsames Gefühl im Bauch. Quand même, il faut commencer une nouvelle vie. Lancer un essai. Faire grandir les champs du pavot.

14.01.2009 um 19:35 Uhr

cosmopolite

von: nenia

...and I will find my promised land...

Den halben Januar habe ich mich gut gehalten. Ich habe vieles organisiert, durchdacht. Die Vorfreude war da, sie ist es immer noch. Nun mischt sie sich mit der Wehmut. Heute war ich mit Ingo bei meinen Eltern in Ferndorf, wir haben Tee getrunken und mit dem kleinen Hund gespielt. Das Ende einer Jugend im Siegerland. Ein halbes Leben. Der Beginn einer neuen Welt.
Ich war immer ein Großstadtmädchen. Geboren in St Petersburg. Ich bin mit meiner Mutter Metro gefahren, mit großen Kulleraugen hinausgegangen, am Nevskij Prospekt entlang. Ich mochte immer den Geruch von Autos und das lebendige Treiben auf dem Großstadtpflaster. Meine nächste Stadt war Köln. Eine alte Liebe. Ich war immer gerne auf der Schildergasse unterwegs. Wenn ich von der Domplatte hinunterblickte, sah ich das Eilen der Menschen. Das Auflösen in der Menge. Die kulturellen Möglichkeiten, all das.
Dann kam (Un-)Kulturschock Ferndorf, als ich gerade dreizehn war. Und es war fast wie in Vittula, nur ohne prügelnde Säufer: Eine Jugend am Ende der Welt. Vor dem Fenster meines Zimmers waren plötzlich Berge und der Bus fuhr selten. Die Menschen kannten sich. Und die Kultur musste warten. Ich habe seither immer von der Stadt geträumt, auch, als ich zwanzig Kilometer weiter nach Siegen gezogen bin. Heute frage ich mich, ob ich viel verpasst habe, im Siegerland. Ein halbes Leben. Eine eigentlich ewige Zeit für mich. Ich bin eine Kosmopolitin und werde es immer sein. Ich werde hoffentlich nie wieder so lange dörflich leben müssen.
Und doch. Ich habe mir hier ein Leben aufgebaut, welches mir fehlen wird. Die Familie, meine Jungs und wundervolle Freundinnen, die mir hoffentlich lange erhalten bleiben. So wie die cité de la victoire. Ein Stück unvergessliche Heimat. Selbst für ein Großstadtkind wie mich.

12.01.2009 um 14:38 Uhr

jamais guérir

von: nenia

Heute ist ein Brief aus Valenciennes gekommen. Ich hatte eine attestation angefordert, dass ich ein Semester dort war. Der Dekan hat sich noch an mich erinnert. Bonne continuation pour votre travail. Der grüne Briefkopf. Nostalgie.
Es ist drei Jahre her. Die Zeit verging, wie im Flug. Die Erinnerungen verblassen. Zurück bleibt nur die präsente Sehnsucht nach Frankreich, nach den dreckigen Häuserfassaden und den Döschensoufflé bei Carrefour. Nach den Bahnen der SNCF und schnicksigen Damen, die beim Sprechen das letzte Wort anhauchen. Nach meiner Sprache, die mir aus Mangel an Praxis zu entgleiten droht. Wenn ich hinführe, wäre ich dort allein. Niemand ist geblieben. Vielleicht würde mich jemand in der Résidence erkennen. Peut-être.

Ich denke oft an den Blick aus Deinem orangen Zimmer, auf den anderen Teil des Plattenbaus. Ein Jahr nach unserem Kontaktabbruch schleichst Du Dich wieder in meine nächtlichen Träume ein. Du bist immer noch eine Wunde, ein point sensible. Tu me manques, mon frère.Ich werfe mir Vieles vor, doch es ist nun sinnlos. Wiedergekaut. Mit der Zeit werden sicher auch meine Schuldgefühle verblassen und irgendwann werde ich wiederkehren, allein allein.

09.01.2009 um 11:02 Uhr

Auf deinem Haar ist ein Apfel

von: nenia   Kategorie: art

Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Er ist goldgelb und harmoniert mit dem Rot Deiner Haare. Es ist ein oranges Rot, wie der Herbst. Du stehst da. Mit fast ruhigen Augen, goldbraun, wie die Blätter. Hypnotisch fast.
Als ich dich traf, warst Du umgeben von Funken. Der Herbst war in Dir. In Deinen Haaren, Deinen Farben. Deine Lippen, karmesin wie Ahorn in Oktober, Deine Augen, wie gelbe Buchenblätter.
Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Dein Innerstes liegt in Fetzen, wie das Loch zwischen Deinen Beinen. Jeder, der darin weilte, hinterließ eine Wunde. Sie spaltete das Sein. Doch Du wolltest nicht aufhören. Ich war einer von vielen. Verfallen Deinem Herbst. Oktober im Wind. Wenn ich in Dir war, verengten sich die Pupillen Deiner braunen Augen. Ich sah nur noch Deine Iris, ein Laubwald im Atem, aufgelöst im Moment.
Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Er soll, sich vermischen, sich auflösen. Ich bin eine Nutte. Hast Du gesagt. Ich will nicht. Es ist ein Zwang. Nicht für Geld, für Bestätigung sollen alle in Dir verweilen, verwachsen mit Deinem Herbst. Ich soll Dich von der Sucht erlösen. Hast Du mich gebeten. Den Herbst in tiefsten Winter verwandeln. Erbarmungslos.
Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Er ist goldgelb und harmoniert mit dem Rot Deiner Haare. Ich stehe Dir gegenüber, mit Pfeil und Bogen. Ich soll Dein Herz treffen, welches Dich sein lässt, wie Du bist. Ich ziele. Du schaust fast ruhig, wirft Deine Haare nach hinten. Jetzt sagst du. Jetzt.
Ich ziele. Du schließt die Augen. Ich treffe den Apfel. Es gibt einen anderen Weg. Wir werden ihn finden. In Deinem Herbst.

08.01.2009 um 15:02 Uhr

grandir

von: nenia

Wir sind sozusagen zusammen erwachsen geworden. Als wir uns kennenlernten, war ich im ersten Semester, Du im zweiten. Wir waren irgendwie älter, und im Vergleich zu heute doch noch so klein.
Du hattest zehntausend Pläne und Ideen für wissenschaftliche Arbeiten. Und Kleist. In Deinem alten Auto hast Du große Monologe gehalten. Ich hörte gebannt zu, bis meine Füße zu Eiszapfen wurden. Ich wollte sein, wie Du. Du warst ein echter Germanist im Elfenbeintürmchen, die Literatur war Deine Passion. Ich zupfte an meinem Samtkleid herum und kam mir unwissend vor, gerade aus der Schule entschlüpft.
Ich erzählte Dir gruftige Dinge. Vom Unverstandensein und dunklen Nächten, von Anne Rice und Edgar Allen Poe.
Fünf Jahre. Du bist in Siegen geblieben, wir hatten mehr Zeit, als ich dachte. Gute Gespräche und literweise Kaffee. Die Freundschaft hat Frankreich und Schweden überdauert. Bald hoffentlich auch Bochum. Du warst meine erste Bezugsperson hier, in der Regenstadt, und bist es bis heute.
Wir sind nicht mehr jung und die Pläne haben sich im Alltagspragmatismus aufgelöst. Die Revolution und Huldigung der Germanistik ist ausgeblieben. Wir sind eben beide erwachsen geworden. Trotzdem sollten wir uns auf einen Hügel stellen und Gedichte rezitieren. Für damals. Für heute. Und jetzt.

04.01.2009 um 23:38 Uhr

rester vivante

von: nenia

Le week-end était formidable. On a fait un dernier tour dans le cité de la victoire, plein du soleil hivernal. Les moments uniques avec mes amies, mon coeur nostalgique et excité. Mais maintenant la vie quotidienne m'avale. Après les vacances je me sens démotivée et surchargée. Le démenagement s'approche, comme un danger qui attaque mon sommeil. Je dois apprendre à aspirer calmement. Survivre comme toujours. Conserver mon sang-froid.

02.01.2009 um 19:23 Uhr

Gutingi

von: nenia   Kategorie: voyage, voyage


Göttingen ist wie Disneyland. Alle sind wahnsinnig nett.
(Studentin im Zug)


Letzte Spaziergänge durch die Stadt. In den letzten fünf Jahren mein zweites Zuhause. Früher war ich fast jedes Wochenende dort. Wenn man alle Tage zusammenrechnet, ein Jahr am Stück. Sie hat mich aufgefangen, als es nirgendwo sonst heimatlich war. Eskapismus und Ankunft, die erste Zeit mit Dir schien erfüllt davon. Ich wollte nach Göttingen ziehen, um bei Dir zu sein, aber auch, weil die Stadt mit ihren Kneipen, ihrem Veranstaltungsangebot und ihrem Flair für mich den Inbegriff des alternativen studentischen Lebens darstellte.
Es scheiterte an Zulassungen.
Heimat wurde Göttingen trotzdem. Unser Lieblingscafé mit dem opulenten Frühstück. Die gemütlichen Pubs und die Fachwerkhäuschen. Das Zoogeschäft mit den Chinchillas. Deine alte Küche im Kellnerweg, in der im Winter bunte Lampignons leuchteten. Ich stand oft dort und sah durch das große Fenster. Wir haben viel erlebt. Mittlerweile gehe ich nostalgisch durch die Straßen, wenn ich bei Dir bin. Sie wird mir fehlen, die Disneylandstadt mit Flair.

Bild: Gänseliesel, eigenes.