pavot rouge

27.04.2009 um 17:39 Uhr

Oulàlà

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Ich stehe in meinem Nadelstreifen-Sakko im Schreibwarenladen und suche Folienstifte aus. Ein Mann spricht  mich an: "Entschuldigen Sie, ich suche kleine weiße Briefumschläge." Ich: "Keine Ahnung, ich bin nur Kundin".
Er: "Oh Sie sahen so geschäftig aus, ich dachte, Sie arbeiten hier!"

27.04.2009 um 09:37 Uhr

new dawn

von: nenia

Letzte Woche habe ich mich vor meine momentane Lieblingsklasse gestellt. Wir lesen "Die Vorstadtkrokodile". Die Hauptperson ist Kurt, der im Rollstuhl sitzt. Ich habe den Kindern die Möglichkeit gegeben, Fragen zu meiner Behinderung zu stellen. Erst gingen die Finger zögerlich hoch. Dann waren sie nicht mehr zu bremsen. Wir haben eine halbe Stunde geredet und die Klasse war ruhig. Motiviert.
Das ist, was zählt. Ich bin noch eine methodische Idiotin, aber es stimmt nicht, dass ich keinen Draht zu Kindern habe. Diese halbe Stunde hat es mir bewiesen. Wenn ich offen, gelöst und authentisch bin. Ich glaube, es ist ein schlechter Start gewesen. Voreilige Worte aus den Mündern von Kollegen, die in ihren Methoden schwimmen. Ich werde - wie Dr Quinn- einfach weiterkämpfen. Ich habe alles meinen Fachleitern erzählt. Sie fanden mich mutig. Engagiert. Ich werde so lange Hilfe suchen, bis ich die Ausbildungskoordinatoren überzeugt habe. So lange präsent sein, bis man mich ab Herbst in den BdU lässt.
Eigentlich geht es nicht um die Ausbildungskoordinatoren. Es geht um die Kinder und Jugendlichen, die mich schon gefragt haben, ob ich bei ihnen Examen mache. Ob ich an der Schule bleiben kann. Weil sie mich mögen.

Fight with your heart, and you're destined for glory
But fight without honor, and you're destined to fall
Fight with your heart, and you're destined for glory
But fight without soul and you will loose it all.
(Hammerfall)



24.04.2009 um 16:22 Uhr

Stets dem Hafen zugewandt

von: nenia   Kategorie: musique de pavot

Eine Hommage. Eine Liebeserklärung. Whatever.

Ich stand in der Siegerlandhalle. Sie hatten es bis in die Provinz geschafft. "Hallo Freunde", sagte der dicke Mann mit der Stimme, die nach kleinen gegessenen Katzen klingt, und doch so wunderschön.
Heimkehr. Für Subway to Sally bin ich manchmal quer durch die Republik gereist. Ich habe in Bremen am Bahnhof ausgeharrt und in Potsdam im überfüllten Lindenpark. Ich war in Leipzig. In Hann. Münden und ich würde immer noch überall hinfahren für dieses Erlebnis. Für Musik die durch Mark und Bein geht, die zu Tränen rührt. Für Bodenski und seine Texte. Für Eric und seine Art, das Publikum immer einzubeziehen. Alle mitzunehmen, mit dem Gefühl, wichtig zu sein.
Es begann irgendwann 2001. Ich wickelte seine Haare im meine Fingerkuppen, während Eric aus der Stereoanlage "Krötenliebe" sang.
Er hat mir dieses Album vorgespielt, immer wieder. Als er ging, ließ er mir die Musik. Jedes Album geleitete mich bis jetzt durch eine schwierige Zeit, gab Hoffnung. Trost. Bewegung.
In Helsinki habe ich dieses Lied am Hafen gesummt. Heimatlos und sehnsuchtsschwer. Doch wer braucht eine Heimat, wenn man sie in solchen Momenten ganz leicht finden kann? Zwei Stunden Heimat. Leben. Musik. Das Gefühl des roten Mohns. Ihr gebt es mir. Immer und immer wieder.

Du schickst Vögel übers Meer
Baust mir Brücken zu den Ufern,
schickst die Vögel übers Meer
Für des Seemanns Wiederkehr
(Subway to Sally - Seemannslied)

14.04.2009 um 17:23 Uhr

Vous savez...

von: nenia

Wissen Sie, ich habe heute ein Buch gekauft. Es erinnerte mich an eine fast gloriose Zeit. Ich saß mit schwarzummalten Augen im Deutsch-LK. Die Welt gehörte mir. In der Schule verstand niemand meine Genialität. Ich las achtzig Bücher im Jahr und schrieb Gedichte. Ich war ein großes Mädchen, eingesperrt in der Provinz. Irgendwann würde ich promovieren und es allen zeigen, trotz eher durchschnittlicher Noten.
Wissen Sie, an der Universität ging es so weiter. Ich saß in intelligenten Seminaren, las Ingeborg Bachmann und Michel Houellebecq, rauchte intellektuell-französische Zigaretten und schmiedete Pläne zur germanistisch-romanistischen Weltherrschaft. Die durchschnittlichen Noten kamen auch hier. Ich war trotzdem genial. Ich ging mit meinen literarischen Kumpels in Kneipen und manchmal hörte mir jemand mit offenem Mund zu. Dann wurde ich Teil des literarischen Ateliers. Man lobte meinen ausgereiften Schreibstil, es gab wenig Kritik.
Ich arbeitete in einer Nachhilfeschule und brachte Kindern Sprachen bei. Mein Chef war angetan von mir, alle Kinder verbesserten sich. So lief es bis zur Staatsarbeit, wissen Sie? Als diese fertig war, wollte ich promovieren, in germanistischer Linguistik. Ich würde neben dem Referendariat in die Bibliothek gehen und forschen. Ich war so toll.
Dann kam das Ergebnis der Staatsarbeit und die erste Ernüchterung. Ich überwand sie schnell. Dann war ich eben pädagogisch begabt. Das Referendariat sollte mein Terrain sein.

Wissen Sie, ich bin ganz schön im Dreck gelandet. Das Referendariat läuft nämlich auch nicht richtig und ich muss alles mühevoll neu erbauen. Die Promotion habe ich leider unterwegs fallen gelassen, weil ich im Moment generell überfordert bin. Weder die Bücher, die ich fast alle vergessen habe, noch die Germanistik haben mir zur Weltherrschaft verholfen. Eher sitze ich im Moor, in einer neuen Stadt, wo mich niemand mehr lobt. Kennen Sie das Märchen von Hans Christian Andersen, wo das Mädchen auf das Brot tritt, welches für ihre Mutter bestimmt war, um das Moor zu überqueren? Ich bin auch hinabgezogen worden, und der Weg hinauf ist zäh.
Ich glaube, meine Selbstwahrnehmung hat mich ins Moor gebracht. Es ist schwer, durchschnittlich zu sein.

12.04.2009 um 19:46 Uhr

Ch'tiNN

von: nenia   Kategorie: voyage, voyage

Musik: Michel Berger - chanter pour ceux

Lille, mon amour...

Zwei Jahre später werde ich wiederkommen. Mit Dir zu "Furet du Nord" flanieren und hoffentlich einen rosa Sonnenuntergang sehen, über den dreckigen Häuserfassaden der Stadt. Ein halbes Jahr Heimat. War es.
Es wird wehtun. Ich werde an meinen verlorenen Bruder denken. Und trotzdem glücklich sein. Parler francais. Aimer la ville. Mes champs de coquelicot, dans le coeur sauvage...

08.04.2009 um 10:39 Uhr

saapuvat

von: nenia   Kategorie: voyage, voyage

Die Wiederkehr in die graue Stadt war wieder mit leichter Wehmut verbunden. Die Worte fehlen immer noch ein wenig. Helsinki, mon amour.
Geblieben sind Bilder, Erinnerungen und das Gefühl der Ankunft.
Wir gingen am Senatsplatz spazieren und wurden fast in der Nationalbibliothek eingeschlossen. Ich habe Dir am Hafen nostalgische Geschichten erzählt. Auf Suomenlinna war alles im Nebel versunken und Raben flatterten umher. Wir stiefelten durch die Ruinen und machen Fotos am Meer. In der Markthalle gab es Gebäck, das nach St Petersburg roch. Wir kennen nun Illustrationen der Kalevala und einige finnische Wörter. Eläkeläiset heißt Rentner und die gutaussehenden blauäugigen Menschen sagen immer noch "Moi..."
Wir tranken Kakao in einem kleinen Mökki an der Töölöö-Bucht und sahen hinaus. Ich war glücklich. Aufgeregt, fast fiebrig. Zurück im Leben nach den Ereignissen des letzten Monats. Die Erinnerung wird mich wach halten. Lebendig halten. Konservieren. Und irgendwann komme ich wieder nach Finnland. Nach Tampere oder Turku. Oder einfach in ein kleines rotes Holzhäuschen am Meer.

Kiitos, dass Du mit mir dort warst und mir das Gefühl gabst, jung und wild zu sein.

02.04.2009 um 12:10 Uhr

au printemps...

von: nenia

It's getting better, man...
(Nick Hornby - "High Fidelity")

yiksi

Der Frühling ist da. Heute Morgen ging die Sonne über der Eisenbahnbrücke auf. Es war zu warm in meinem Wintermantel und die Strahlen tauchten die Betonklötze in ein angenehmes Licht.
Ich schritt zur Schule. Der Unterrichtsbesuch gestern war nicht fürchterlich, die Ausbildungskoordinatorin hat mir Mut gemacht. Mir fehlt viel. Aber ich kann es schaffen, mit meinem Fleiß.
Ich kam im Lehrerzimmer an. Madame O. legte ihre Hand um meine Schulter. Sie überreichte mir einen Schokohasen. Um Lehrer zu sein, muss man nicht methodisch perfekt sein. Sagte sie. Man muss ein Herz für Kinder haben. Und das habe ich auf jeden Fall.
Nach der Schule kaufte ich in der Stadt zu viele Süßigkeiten. Morgen werde ich mit den Zehnklässlern frühstücken und die Kleinen zur Lesung von Jürgen Banscherus begleiten. Dann sind Ferien. Übermorgen um diese Zeit werden wir schon durch Helsinki spazieren. Endlich.

kaksi

In schwierigen Phasen zieht es mich immer wieder zurück. Yötan Malmö. Mondes de la nuit. Eigentlich ist es bescheuert, immer wieder zurückzukehren. Doch dort ist manchmal immer noch mein Ort. Ein bißchen Heimkehr zu den silbernen Buchstaben, die die Welt bedeuteten. Es klingt absurd, aber ich habe mich sehr über diesen einen Eintrag gefreut. Er hat mir süße Nostalgie zurückgebracht, nach dem M'Era Luna 2004, dem Burgtreffen und Darmstadt im Oktober. Danke Chris.

kolme

Einmal durch das Grabsteinland und zurück. Ich merke den Stress der letzten Tage noch. Mein Magen rebelliert und ich sollte definitiv die gelegentliche Zigaretten weglassen. Aber ich bin wieder oben. Das Ziel im Blick. Die Mohnblättchen auf der Zunge. Per aspera. Ad astra. Ich will sein.