pavot rouge

31.08.2009 um 14:36 Uhr

schubidu

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

"Du hast die Lernziele sinnvoll gesetzt und erreicht!"

 

30.08.2009 um 18:03 Uhr

kinda home

von: nenia

Ich stand vor dem grünen Haus in der Oberstadt. Vielleicht warst Du ja da. Tatsächlich. Du machtest die Tür auf. Ich sagte nur: Du bist scheiße. Du schreibst mir nie. Ach Du bist hier, antwortest Du und umarmtest mich. Wir gingen zusammen zurück. Du setztest Dich neben mich auf den Boden. Es war fast wie damals, bei unserem ersten langen Gespräch vor fast fünf Jahren. In einem Mischmasch aus Francais und Allemand waren die letzten Monate schnell zusammengefasst. Du bist immer noch in irgendwelchen literarischen Konstrukten, ein Geruch der alten Zeit. Und irgendwie hast Du gefehlt. Niemand sonst findet dieses youtube-Video mit den französischen Untertiteln witzig. Und niemand konnte mit mir so gut über Beauvoir sinnieren. Ich dachte, Du wolltest keinen Kontakt, dabei war es ein kommunikatives Mißverständnis.
Nächstes Mal sage ich Dir bescheid, wenn ich wieder in Siegen bin. Und dann hören wir Chansons und trinken Mischbier.

29.08.2009 um 16:02 Uhr

San Salvador

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Er hatte sich eine Füllfeder gekauft. Nachdem er mehrmals seine Unterschrift, dann seine Ini­tialen, seine Adresse, einige Wellenlinien, dann die Adres­se seiner Eltern auf ein Blatt gezeichnet hatte, nahm er ei­nen neuen Bogen, faltete ihn sorgfältig und schrieb: „Mir ist es hier zu kalt", dann „ich gehe nach Südamerika", dann hielt er inne, schraubte die Kappe auf die Feder, be­trachtete den Bogen und sah, wie die Tinte eintrocknete und dunkel wurde (in der Papeterie garantierte man, daß sie schwarz werde), dann nahm er seine Feder erneut zur Hand und setzte noch großzügig seinen Namen Paul dar­unter. Dann saß er da. Später räumte er die Zeitungen vom Tisch, überflog dabei die Kinoinserate, dachte an irgend-etwas, schob den Aschenbecher beiseite, zerriß den Zettel mit den Wellenli­nien, entleerte seine Feder und füllte sie wieder. Für die Kinovorstellung war es jetzt zu spät. Die Probe des Kirchenchores dauert bis neun Uhr, um halb zehn würde Hildegard zurück sein. Er wartete auf Hildegard. Zu all dem Musik aus dem Radio. Jetzt drehte er das Radio ab.Auf dem Tisch, mitten auf dem Tisch, lag nun der gefaltete Bogen, darauf stand in blauschwarzer Schrift sein Name Paul. „Mir ist es hier zu kalt", stand auch darauf. Nun würde also Hildegard heimkommen, um halb zehn. Es war jetzt neun Uhr. Sie läse seine Mitteilung, erschräke dabei, glaubte wohl das mit Südamerika nicht, würde den­noch die Hemden im Kasten zählen, etwas müßte ja ge­schehen sein.Sie würde in den „Löwen" telefonieren. Der „Löwen" ist mittwochs geschlossen. Sie würde lächeln und verzweifeln und sich damit abfin­den, vielleicht.Sie würde sich mehrmals die Haare aus dem Gesicht strei­chen, mit dem Ringfinger der linken Hand beidseitig der Schläfe entlangfahren, dann den Mantel aufknöpfen.Dann saß er da, überlegte, wem er einen Brief schreiben könnte, las die Gebrauchsanweisung für den Füller noch einmal ‑leicht nach rechts drehen ‑ las auch den franzö­sischen Text, verglich den englischen mit dem deutschen, sah wieder seinen Zettel, dachte an Palmen, dachte an Hil­degard. Saß da. Um halb zehn kam Hildegard und fragte: „Schlafen die Kinder?" Sie strich die Haare aus dem Gesicht.

Peter Bichsel. "San Salvador"

Meine Lieblingsgeschichte seit acht Jahren. Es gibt keine Alltäglichere, keine Bessere. Und keine, die meinem Aussteigerkomplax von damals so nahe kam. Ich habe sie von Anfang an geliebt und schon einmal im Praktikum unterrichtet, das Video davon ist noch auf der Festplatte, der grünäugige Referendar hat mit der Kamera gewackelt und meine Schrift verlor sich etwas an der Tafel. Es war trotzdem gut, damals. Und Montag werde ich wieder Pauls Innensicht analysieren und einen Abschiedsbrief schreiben lassen. Guten Morgen. Ich bin die neue Deutschreferendarin. San Salvador. Der Erlöser. Es gibt keinen besseren Beginn für den Unterricht unter Anleitung. Voilà. 

 

28.08.2009 um 18:57 Uhr

xtal

von: nenia

Am Bahnhof wies mich ein murriger Einheimischer darauf hin, dass es einen Aufzug gibt. Ich lief aus Protest Treppen, an den krassen Checkern vorbei. Willkommen in Kreuztal. Es ist fast ein bißchen heimatlich. Nun sitze ich in meinem alten Kinderzimmer. Es ist vollgestellt mit Aktenordnern. Im Schrank wohnen immer noch Ville Valo (mit abgerissenem Kopf) und Maurice Karl von "Unter Uns", der sich vom Kölner Dom stürzte, als ich sechzehn war. Der Wind weht über das Garagendach, hinter mir singt der Wellensittich mit penetrant hohen Tönen. Es ist ein bißchen fremd geworden hier, und doch ist es schön. Ich freue mich auf morgen. Auf Freunde und Pläne. Übermorgen auf Köln. Aber ich vermisse Dich. Unsere Wohnung. Au coeur de la ville. Mon amour gris.

22.08.2009 um 15:13 Uhr

Gloire

von: nenia   Kategorie: musique de pavot

 Nothing on earth lasts forever,
but none of your deeds were in vain...
(Hammerfall - Glory to the Brave)


In anderen Schulen durften sich die Abiturienten ein Lied aussuchen, welches bei ihrem Bühnenmoment, ihrer Verabschiedung spielen sollte. Ich hätte so gern genau dieses gehabt. Ich habe mir immer vorgestellt, wie ich erhobenen Hauptes auf die Bühne schreite, und diese Töne erklingen. Ich würde langsam gehen, stolz. Schritt für Schritt. Meine Haare würden ein bißchen hochwehen, von der Klimaanlage. Wie in Zeitlupe, in einem Heldenfilm.
Schade, dass es damals eher unspektakulär war. Aber das Lied hat mich im Geiste begleitet. Und nun drücke ich bei youtube auf repeat.

21.08.2009 um 19:57 Uhr

Alter Ego

von: nenia

Erkläre mir den Mohn. Wie kann man einen Teil von sich beschreiben? Ich hatte mehrere Symbole, wie Segmente auf der Festplatte meines Seins. Zuerst war ich Nenia. Der Gegensatz der Wortbedeutungen im Lateinwörterbuch  zog sich durch Texte. Zauberlied. Leichenlied, alles zugleich. Nach einem halben Jahr ließ ich ihn fallen und wurde Pippi Langstrumpf in einer Villa, voll mit bunten Impressionen, Büchern auf den Bäumen, ein Platz für meine Idiotien und Kreativitäten. Ein Jahr später mutierte ich zur Wunderkerze, nach einer Lektüre von Kerouac. Intensives Sein. Ein halbes Jahr später brachte Celan den Mohn. Er war ruhiger als die Wunderkerze, und doch so unglaublich lebendig und rot. Er ist geblieben. Wurde als erstes Symbol ein richtiger Teil von mir. Vor zwei Jahren.  Am achten Oktober letzten Jahres surrte die Nadel des Tätowierers auf meinem Unterleib. Er erzählte mir von Südafrika, wo er aufwuchs. Ich biss die Zähne zusammen. Eingebrannt für immer. In meinem Zimmer blühen drei Mohnblumen an der Wand. Ginas Bild auf der anderen Seite, unter dem roten Teppich. Und ab und an bekomme ich Mohnpostkarten. Es hält mich aufrecht und lebendig, erinnert mich daran, meinen Weg zu gehen, zu leben, intensiv zu sein. Ein Teil von mir, auch, wenn es seltsam klingt. Ich möchte ihn nicht missen. Ich glaube, er bleibt. Und blüht.

18.08.2009 um 19:59 Uhr

Anmerkung am Rande

von: nenia

Schadenfreunde ist manchmal zuckersüß und glänzend. Nach einem genauen Studium von Shrimpys Profil läßt sich schlussfolgern, dass dieser immer noch keine Freundin hat. Es geschieht ihm recht. In der achten Klasse hat er mich verschmäht. Ich hatte zwar eine lesbische Frisur und Karottenjeans, aber das war kein Grund.
Nach seiner Abfuhr musste meine Mutter halb C&A für mich leerkaufen, weil ich so unglaublich traurig war. Ich sollte die herzzerreißenden Liebesbriefe aus meinem Tagebuch mit den Clowns lesen. Jedenfalls ist das bestimmt die Strafe.
Und nun: Ende der Anmerkung!

14.08.2009 um 23:21 Uhr

publicité

von: nenia

Geschätzte Leser,

Nun ist es soweit. Mohn und Wacholder öffnet seine Blätter. Hierbei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von genau genommen zwei engagierten jungen Wortballerinas. Beehren Sie uns bald unter:

http://www.myblog.de/mare.litterarum

Falls dieses Mohnfeld nun seltener beehrt wird, bin ich mit Rike zugange.

13.08.2009 um 19:11 Uhr

école de Gött

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Die erste Konferenz ist vorbei. Nachdem eine Stunde lang neue Kollegen beklatscht wurden, ein Foto gemacht wurde und ich lange Zeit hatte, mit Mme la directrice im Sekretariat auf meinen Schlüssel zu warten, ist der erste Tag gut überstanden. Alle sind ganz locker und nett, keiner hat mich seltsam angeschaut und ich gehe guter Dinge Jules neue Lemminge anschauen.

12.08.2009 um 15:38 Uhr

Ouff!

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Heute Morgen rief die Direktorin an. Morgen ist Konferenz. Und der Traum vom bedarfsdeckenden Unterricht hat sich erfüllt: Ich bekomme eine eigene 6. Klasse. Salut, les enfants. Ouvrez vos livres. Die Herrin des Seminars hat mich für die Entscheidung gelobt. Ich bin aufgedreht, neu frisiert. Und total gespannt!

11.08.2009 um 19:13 Uhr

summer's gone...

von: nenia

 

Das war es. Mein M'Era Luna. Ich mag dieses Festival so gern. Den riesigen Flugplatz, über den sich schwere Wolken legen. Die Grünflächen. Den Geruch von Sonnenmilch und frischer Luft auf der Haut. Und die Menschen, die mir begegnen. Dieses Jahr habe ich endlich Schönheit wiedergesehen. Wir haben und viel unterhalten, dem Rotwein zugetan.
Ich habe mit meiner Schwester Schwesternschaft getrunken und mit Uffi bei Caleidolex eingekauft. Greta Csaltos zugejubelt, als sie mich in ihr neues Grabsteinland mitnahm.
Nightwish haben diesmal nicht für Nostalgie gesorgt und Anette traf die Töne nicht. Es war trotzdem schön, auch, als Eric Fish die Bühne betrat, ganz in rot. Nun hat der Eskapismus ein Ende. Das letzte Festival ist vorbei. Die Ferien auch, nächste Woche werde ich mit Herzrasen die neue Schule betreten. Diese Ferien waren großartig. Ich habe viel unternommen, aber auch viel für meine Sprachkompetenz getan. Ich bin wehmütig und gespannt, ängstlich und doch hoffend, roter Mohn. Schwarze Galle, eine noch nicht erloschene gelbe Wunderkerze. Vielleicht klappt es ja. Ich werde eine Liste machen, mit Dingen, an welchen ich arbeiten muss. Dann ziehe ich am Mo(h)ntag meine schönste Bluse an und betrete die neuen Gänge, auf in den Kampf. Und ich hoffe, es wird. Everyone goes "Awwww!"

06.08.2009 um 15:30 Uhr

séjour linguiCht'ique

von: nenia   Kategorie: voyage, voyage

Nostalgie, c'est pas bon!
(komischer Mann im Zug)


Die Reise begann. In Welkenraedt hatte ich einen nervenden Sitznachbaren, der mir das schönste Lächeln der Welt bescheinigte. Er wollte mir gerne sein Dorf zeigen, und seine Kirschen, die ich essen sollte. In Bruxelles war ich ihn endlich los. Irgendwann betrat ich mit leichtem Herzklopfen gare Lille Flandres. Du holtest mich an der orangen Anzeigetafel ab. Wir kochten mit Deinen Freunden, tranken viel Rotwein und lästerten ein bisschen über die Gegend. Das Appartement Deiner Schwester hatte glänzenden Holzboden und alte Fensterläden. Du machtest mir tarte à maroille und crêpes. Zwischen all den Rotweinschlücken sind wir Freunde geworden. Beaucoup de points communs. Wir himmelten zusammen Patrick Dempsey an. Ich kenne nun "Josephine-ange gardien", eine französische émission, die man am Besten betrunken anschaut. Mc Dreamy heißt Docteur Mamour.
Lille war ganz anders, ich hatte keine Zeit für Nostalgie und keinen neurotischen Reisebegleiter. Es war entspannt und faul, wir schlenderten langsam durch die Straßen und aßen in Zeitlupe unser Eis. Es war nicht mehr die pathetische Heimat. Der Eskapismusort. Ein Stück geliebter Welt, geliebter Sprache, doch nicht mehr schwer auf den Schultern, leicht und locker, wie das Französisch in meinem Kopf. Es war tausend Mal schöner, als gedacht, genau richtig, passend. Im Furet du Nord habe ich mir die Originalfassung von "Le Dindon" gekauft, damals bearbeitet von Monsieur l'arrosseur. Mein Bühnenmoment. Ich werde es lesen. Es mitnehmen, wie diese jours ravissants. Und hoffentlich bald wiederkommen.
Zack zack, Pontagnac.

 

image: déchets à la gare Lille Europe

01.08.2009 um 17:46 Uhr

le contenu de mon clavier

von: nenia

Sehr geehrte Leser,
ich habe heute meine Tastatur nach drei Jahren auseinandergeschraubt und saubergemacht. Das Ergebnis dieser höchst komplexen Operation möchte ich Ihnen nun nicht vorenthalten. Wir schreiten zur Bestandsaufnahme. Sie enthielt:

- eine Million alter Schwarzbrotkrümel
- ein Stückchen Zellophan
- ein Teil eines H&M-Preisschilds
- eine Milliarde Kaffeeflecken
- eine Milliarde Flecken von grünem und rotem Wassereis
- ein eventuelles Stückchen Schokolade
- eine Tonne Zigarettenasche
- eine Tonne Staub (hoffentlich noch aus Valenciennes)

Bei der Operation mit Octenisept traten außerdem folgende postoperativen Komplikationen auf:

- Die Tastatur riecht nun nach nassem Otter
- Die Space- Taste ist kaputt

Ansonsten ist der Patient wohlauf.
Und ich kann morgen beruhigt nach Lille aufbrechen.