schubidu
"Du hast die Lernziele sinnvoll gesetzt und erreicht!"
Peter Bichsel. "San Salvador"
Meine Lieblingsgeschichte seit acht Jahren. Es gibt keine Alltäglichere, keine Bessere. Und keine, die meinem Aussteigerkomplax von damals so nahe kam. Ich habe sie von Anfang an geliebt und schon einmal im Praktikum unterrichtet, das Video davon ist noch auf der Festplatte, der grünäugige Referendar hat mit der Kamera gewackelt und meine Schrift verlor sich etwas an der Tafel. Es war trotzdem gut, damals. Und Montag werde ich wieder Pauls Innensicht analysieren und einen Abschiedsbrief schreiben lassen. Guten Morgen. Ich bin die neue Deutschreferendarin. San Salvador. Der Erlöser. Es gibt keinen besseren Beginn für den Unterricht unter Anleitung. Voilà.
Nothing on earth lasts forever,
but none of your deeds were in vain...
(Hammerfall - Glory to the Brave)
In anderen Schulen durften sich die Abiturienten ein Lied aussuchen, welches bei ihrem Bühnenmoment, ihrer Verabschiedung spielen sollte. Ich hätte so gern genau dieses gehabt. Ich habe mir immer vorgestellt, wie ich erhobenen Hauptes auf die Bühne schreite, und diese Töne erklingen. Ich würde langsam gehen, stolz. Schritt für Schritt. Meine Haare würden ein bißchen hochwehen, von der Klimaanlage. Wie in Zeitlupe, in einem Heldenfilm.
Schade, dass es damals eher unspektakulär war. Aber das Lied hat mich im Geiste begleitet. Und nun drücke ich bei youtube auf repeat.
Geschätzte Leser,
Nun ist es soweit. Mohn und Wacholder öffnet seine Blätter. Hierbei handelt es sich um ein Gemeinschaftsprojekt von genau genommen zwei engagierten jungen Wortballerinas. Beehren Sie uns bald unter:
http://www.myblog.de/mare.litterarum
Falls dieses Mohnfeld nun seltener beehrt wird, bin ich mit Rike zugange.
Die erste Konferenz ist vorbei. Nachdem eine Stunde lang neue Kollegen beklatscht wurden, ein Foto gemacht wurde und ich lange Zeit hatte, mit Mme la directrice im Sekretariat auf meinen Schlüssel zu warten, ist der erste Tag gut überstanden. Alle sind ganz locker und nett, keiner hat mich seltsam angeschaut und ich gehe guter Dinge Jules neue Lemminge anschauen.
Das war es. Mein M'Era Luna. Ich mag dieses Festival so gern. Den riesigen Flugplatz, über den sich schwere Wolken legen. Die Grünflächen. Den Geruch von Sonnenmilch und frischer Luft auf der Haut. Und die Menschen, die mir begegnen. Dieses Jahr habe ich endlich Schönheit wiedergesehen. Wir haben und viel unterhalten, dem Rotwein zugetan.
Ich habe mit meiner Schwester Schwesternschaft getrunken und mit Uffi bei Caleidolex eingekauft. Greta Csaltos zugejubelt, als sie mich in ihr neues Grabsteinland mitnahm.
Nightwish haben diesmal nicht für Nostalgie gesorgt und Anette traf die Töne nicht. Es war trotzdem schön, auch, als Eric Fish die Bühne betrat, ganz in rot. Nun hat der Eskapismus ein Ende. Das letzte Festival ist vorbei. Die Ferien auch, nächste Woche werde ich mit Herzrasen die neue Schule betreten. Diese Ferien waren großartig. Ich habe viel unternommen, aber auch viel für meine Sprachkompetenz getan. Ich bin wehmütig und gespannt, ängstlich und doch hoffend, roter Mohn. Schwarze Galle, eine noch nicht erloschene gelbe Wunderkerze. Vielleicht klappt es ja. Ich werde eine Liste machen, mit Dingen, an welchen ich arbeiten muss. Dann ziehe ich am Mo(h)ntag meine schönste Bluse an und betrete die neuen Gänge, auf in den Kampf. Und ich hoffe, es wird. Everyone goes "Awwww!"
Nostalgie, c'est pas bon!
(komischer Mann im Zug)
Die Reise begann. In Welkenraedt hatte ich einen nervenden Sitznachbaren, der mir das schönste Lächeln der Welt bescheinigte. Er wollte mir gerne sein Dorf zeigen, und seine Kirschen, die ich essen sollte. In Bruxelles war ich ihn endlich los. Irgendwann betrat ich mit leichtem Herzklopfen gare Lille Flandres. Du holtest mich an der orangen Anzeigetafel ab. Wir kochten mit Deinen Freunden, tranken viel Rotwein und lästerten ein bisschen über die Gegend. Das Appartement Deiner Schwester hatte glänzenden Holzboden und alte Fensterläden. Du machtest mir tarte à maroille und crêpes. Zwischen all den Rotweinschlücken sind wir Freunde geworden. Beaucoup de points communs. Wir himmelten zusammen Patrick Dempsey an. Ich kenne nun "Josephine-ange gardien", eine französische émission, die man am Besten betrunken anschaut. Mc Dreamy heißt Docteur Mamour.
Lille war ganz anders, ich hatte keine Zeit für Nostalgie und keinen neurotischen Reisebegleiter. Es war entspannt und faul, wir schlenderten langsam durch die Straßen und aßen in Zeitlupe unser Eis. Es war nicht mehr die pathetische Heimat. Der Eskapismusort. Ein Stück geliebter Welt, geliebter Sprache, doch nicht mehr schwer auf den Schultern, leicht und locker, wie das Französisch in meinem Kopf. Es war tausend Mal schöner, als gedacht, genau richtig, passend. Im Furet du Nord habe ich mir die Originalfassung von "Le Dindon" gekauft, damals bearbeitet von Monsieur l'arrosseur. Mein Bühnenmoment. Ich werde es lesen. Es mitnehmen, wie diese jours ravissants. Und hoffentlich bald wiederkommen.
Zack zack, Pontagnac.
image: déchets à la gare Lille Europe