pavot rouge

29.09.2009 um 08:59 Uhr

Feuerprobe

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Der Unterrichtsbesuch kostete mich wieder eine unruhige Nacht. Vier Augenpaare mit Stiften und kritischen Blicken. Morgens schenkte mir Madame la directrice einen roten Kreidehalter. Für Mohnanschriften. Es wurde gut. Laut Ausbildungskoordinatorin war der Deutschfachleiter zufrieden, obwohl ich am Ende unleserlich mit blauer Kreide geschrieben habe. Die jüdische Kurzgeschichte hat anscheinend Glück gebracht, die Zehnklässler waren nett und ruhig. Und ich habe endlich den Geschmack eines guten Besuchs gekostet.

"Frau L., Sie haben blaue Kreide im Gesicht. Passt zu Ihrem Shirt!"

27.09.2009 um 17:25 Uhr

vive la fête

von: nenia

Nun war sie. Unsere erste große Party im Herzen der Stadt. Wir haben Gäste herumgeführt, durch unsere frischgeputzte Wohnung. Deine Freunde aus Göttingen sind gekommen. Unsere Freunde aus Bochum. Welt-Gemisch. Ich war ein bisschen nostalgisch nach den alten Runden in Deinem blauen Zimmer, nach Spaziergängen in Göttingen, in der Altstadt, nach Gro-Mo-Kakao und der alten Zauberwelt. Disneystadt am Wochenende. Fünf Jahre lang. Und gleichzeitig war es so gut. Mittlerweile mag ich meinen kleinen Kreis hier total. Ich fühle mich gut aufgehoben. Doch manchmal, ist sie noch da. Nostalgia, meine Begleitung.
Trotzdem war es eine gute Premiere, ein guter Anfang für die Feiern in unserer tollen Wohnung. Mit Dir, mir und Serge.

22.09.2009 um 16:34 Uhr

Ouff II

von: nenia

Heute hat mich unser stellvertretender Schulleiter in sein Büro gebeten. In meinem Kopf erschien Luise, gepaart mit dem Kanon und meinen Gutachten. Wie war es mit Effi? Meine Knie schlotterten leicht, als ich den Raum betrat. Und was war das Ende vom Lied? "Ich wollte Sie nur fragen, wie es Ihnen geht."

21.09.2009 um 17:20 Uhr

the truth is out there, but not here.

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Es gibt da diese Akte X-Folge, in welcher den GIs das Schlafbedürfnis gekappt wird. Das hätte ich gerne bis zum 9. Oktober. Achtung, popkulturelle Anspielung. Irgendwie scheinen Unterrichtsgespräche in Deutsch eine X-Akte zu sein. Die Wahrheit ist da draußen und entzieht sich mir vor lauter Aufregung. Ich hätte gerne einen didaktischen David Duchovny (Alliteration). Und weniger Schlafverlangen, damit ich besser planen kann.

18.09.2009 um 13:08 Uhr

prophecy

von: nenia

Wir werden in den Ruhrpott ziehen, uns ein großes Bett, tolle Möbel und einen Hamster kaufen.
(Geschrieben im Januar 2008)

Beruhigend, dass sich manche Träume so exakt erfüllen. Unser Bett ist riesig. Der Hamster kann nun Treppchen laufen und frißt Frischkäse aus meiner Hand.

17.09.2009 um 18:51 Uhr

yötan malmö

von: nenia

Und der Wind stürmte zu den Klängen von Illuminate und Lacrimosa. Die Zeit war nicht die Unsere, sie zog sich klebrig in ewigen Nächten, legte sich über den faulenden Kopf, wie schwarzer Honig. Zwischen den Zeilen trafen wir uns, es begann vielleicht mit einem Zitat von Houellebecq. Jamais nos corps meurtris ne deviendront lumière. Wir waren Bewohner der Schatten, nicht der Sonne, in diesen endlosen Nächten, schlaflos vor dem Bildschirm. Wir webten zusammen Papierblumen in dieser anderen Welt, zu den Klängen der Zeit. Du hast mir Deine Hand gereicht. Die alten Threads sind noch auf der Festplatte, im Herbst nehme ich sie heraus, während der Wind nun behutsamer für mich weht, betrachte sie. Es war keine gute Episode, und doch war sie besonders, der Herbst erinnert mich an sie. Du bist über die Jahre geblieben. Und mittlerweile können wir manchmal zusammen darüber lachen. Babe. Die Antwort ist schwarz.

15.09.2009 um 19:50 Uhr

Lieber Patrick Swayze,

von: nenia

Ich danke Dir für Deinen Bauch, den Du so wunderschön bei Ghost einzogst. Ich wollte immer, dass mein Exfreund es genauso macht. Er konnte es leider nicht. Vielleicht schwebst Du nun auch in rosagelben Weiten. Die wahre Liebe, Molly, nimmt man im Herzen mit. Ghost war jahrelang mein Lieblingsfilm. Zusammen mit Dirty Dancing. Ich wollte immer genauso romantische Bettszenen und genauso mit Dir tanzen, während ich meinen Arm um Deinen Nacken schlinge. Ich habe die Soundtracks im Ohr und Tränen in den Augen. Ich hoffe es geht Dir gut, in den rosagelben Weiten, irgendwo. Und vielleicht steht eines Tages Whoopy Goldberg vor meiner Tür, es ertönt "Unchained Melody" und ich bekomme eine Botschaft von Dir.

11.09.2009 um 17:49 Uhr

collocateur

von: nenia

Dies ist unser neuer Mitbewohner. Dienstag zieht er ein, denn er hat das Mitbewohnercasting bestanden und wartet nun in seinem kleinen Käfig in der Zoohandlung. Serge, ein dsungarischer Zwerghamster, der schon ganz zutraulich auf meiner Handfläche geschnuppert hat, Ich zähle die Stunden bis Dienstag. Hallo, Serge!

10.09.2009 um 20:49 Uhr

voilà

von: nenia

Der innere Schweinehund hat seinen Schwanz eingezogen und hat sich davongemacht, er grunzte ein bisschen, als er weglief.
Ich arbeite fast jeden Tag bis abends und falle danach ins Bett. Zwischendrin koche ich nach Kochbuch und mache den Haushalt. Heute habe ich mich in einem Yoga-Studio angemeldet und meine Krankengymnast ist auch einmal die Woche auf dem Programm.
Ich liebe meine neue Schule. Die Menschen sind jung und nett, sie helfen mir gern und geben mir das Gefühl, alles lernen zu können. Meine BdU-Klasse ist zuckersüß. Und neun Kinder hatten eine Eins im Vokabeltest.
Bochum ist nun meines geworden. Morgens schreite ich in Trenchcoat und Ballerinas zur Schule, mitten durch die Stadt. Und auf dem Pflaster wachsen sie, die ersten zarten Blüten.

08.09.2009 um 18:26 Uhr

dead letters...

von: nenia

Lieber Meister der Gedichte,

Gerade habe ich gebucht. Zwei Tage Heidelberg im Oktober, mit Freunden. Unleashed memories. An die Fahrt um vier Uhr morgens, zu Dir. Zu Euch. Nach drei Jahren durfte ich Dich endlich sehen. Neulich ist mir eines Deiner Bücher in die Hände gefallen, mit Deiner Widmung an mich. Als wir uns kennenlernten war ich gerade siebzehn und du bestimmt neundunddreißig. Ich fand Dich unglaublich weise, eloquent. Belesen. Durch Dich kenne ich Hesse und Poe, Celan und Flaubert. Als ich meine erste Kurzgeschichte schrieb, habe ich sie Dir gesandt. Du hast mein Potential gesehen, und mich für die Literatur sensibilisiert. Deine Gedichte aus dem alten HIM-Forum begleiteten mich jahrelang. Sie waren wirklich gut, gefühlvoll und zart. Ich werde an Dich denken, wenn wir durch die Straßen jagen, den Herbst im Blick. Ich werde mich erinnern, wie wir dort saßen, in Deinem Wohnzimmer mit den vielen Büchern.
Ich denke oft an Dich und wünsche Dir nur das Beste, weiser Mann.

 

07.09.2009 um 20:35 Uhr

Kurzgeschichtenlegenden

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Von Frau Wohmann habe ich bestimmt die Pointen geklaut, das unerwartete Etwas am Ende der Geschichte, die Warze, Asmus der Ferienmann, all das. Von Peter Bichsel den Aussteigerkomplex. Von Borchert die grüne Hoffnung. Ich glaube es gibt kein anderes Thema im Deutschunterricht, an dem mein Herz mehr hängt. Ich fühle mich ein bißchen wie sechzehn, Herr H. sitzt vor mir, wir interpretieren herum. Irgendjemand sagt Peter Wichsel. Und ich hänge an den Zeilen, an diesen kurzen Lebensausschnitten, die auch mich inspirierten. Personaler Erzähler. Unvermittelter Anfang. Soweit. Und nun, zehn Jahre später stehe ich vorn. Ich bin unruhig, meine Gesprächsführung kränkelt noch, ich sage zu allem jaja. Jaja, gutgut. Die Schüler schauen gelangweilt, wie damals. Doch am Ende hellt es auf. Soviel steckt in einer Geschichte, sagt ein Mädchen. Die Metallerin schaut intellektuell - gelangweilt, manchmal hatte auch ich früher diesen Blick. Alles wiederholt sich, nur aus einer anderen Sicht. Und ich habe es. Das Gefühl des Fortschritts, aber auch der Sehnsucht.

Danke, liebe Nachkriegsliteraten!

04.09.2009 um 19:37 Uhr

entwined

von: nenia   Kategorie: champs d'or

I never made promises lightly
And there have been some that I've broken
But I swear in the days still left
We will walk in fields of gold
We'll walk in fields of gold
(Eva Cassidy- "Fields of gold")

Nächste Woche gehen wir zum Standesamt und fragen nach einem Termin. Ich träume schon ein bisschen. Standesamt. Familienessen, eigentlich ganz klein, und doch emotional so riesig groß. Es wird Winter sein, irgendwann, Ende Januar, vielleicht wird es ein bißchen schneien, ich weiß nicht, ob mein Nadelstreifenkleid nicht zu dünn sein wird. Du wirst bestimmt Deinen Anzug tragen, wie auf diesem Passfoto in meinem Portemonnaie. Ich teste meinen potentiellen Doppelnamen, ich habe mich schon ein bißchen an ihn gewöhnt. Meine Oma wird sicher ein paar Tränchen vergießen.
Wir werden irgendwo chic essen mit der Verwandtschaft. Und wenn wir irgendwann genug pecunia und Nerven haben, schmeißen wir eine große Party mit viel Rotwein.
Seit Deinem Antrag an der Elbe sind fast vier Jahre vergangen, zwischendrin hatte ich Angst, gebunden zu sein, nicht mehr die Möglichkeit zum ewigen Eskapismus zu haben. Ich wollte wegrennen und in Lille unterrichten, doch nun fühlt sich der Gedanke natürlich an, so leicht. Seit meinem love letter sind drei Monate ins Land gezogen. Wir haben uns eingespielt, verwoben und verwurzelt.
Du spieltst mit mir Pet Society und hörst Dir meine endlosen Monologe über meine mangelnde Gesprächsführung im Unterricht an. Du schaust mit mir Serien und fällst rückwärts auf den Teppich, damit ich aufhöre, bei "Grey's Anatomy" zu weinen. Du machst die leckersten Brote und gehst mit mir immer wieder zu Eric Fish, auch, wenn er Dich bestimmt nun langweilt. Du hast die wohlriechendsten Barthaare und die besten Witze. Du hörst Dir vor dem Einschlafen irgendwas über den Kwisaz Haderach an, der mittlerweile ein running gag geworden ist. Und gleich kommst Du von der Arbeit und wirst Deine Nase an mein Ohr halten.
Ich freue mich. Auf den Herbst. Und diesen einen Tag im Winter, sechs Jahre nach unserem Treffen. Ich liebe Dich. Überdimensional.

03.09.2009 um 15:04 Uhr

syksy - kaksi

von: nenia

Zwischen der ersten und zweiten großen Pause ist es Herbst geworden.

(Jürgen Banscherus - "Das Gold des Skorpions")

Ganz schnell wurde es kühler. Der Wind pustete mich fast vom Rathausaplatz, ich schritt weiter. Syksy. Unsere beste Zeit, sagte Goethe, der Namenspatron der Schule. Früher habe ich den Herbst gehasst, er war erinnerungsschwanger und dunkel, melancholisch. Nun freue ich mich. Auf Blätterrascheln und Serienabende, auf gute Bücher und das neue Album der Untoten. Auf Heidelberg und Schauspielhaus.
Ich habe mich gehäutet, Entscheidungen getroffen und ich glaube, dass diese absolut richtig waren. Ich fühle mich frei. Die alte Haut im Sommer gelassen.
Komm her, Herbst.