Alter Ego
Erkläre mir den Mohn. Wie kann man einen Teil von sich beschreiben? Ich hatte mehrere Symbole, wie Segmente auf der Festplatte meines Seins. Zuerst war ich Nenia. Der Gegensatz der Wortbedeutungen im Lateinwörterbuch zog sich durch Texte. Zauberlied. Leichenlied, alles zugleich. Nach einem halben Jahr ließ ich ihn fallen und wurde Pippi Langstrumpf in einer Villa, voll mit bunten Impressionen, Büchern auf den Bäumen, ein Platz für meine Idiotien und Kreativitäten. Ein Jahr später mutierte ich zur Wunderkerze, nach einer Lektüre von Kerouac. Intensives Sein. Ein halbes Jahr später brachte Celan den Mohn. Er war ruhiger als die Wunderkerze, und doch so unglaublich lebendig und rot. Er ist geblieben. Wurde als erstes Symbol ein richtiger Teil von mir. Vor zwei Jahren. Am achten Oktober letzten Jahres surrte die Nadel des Tätowierers auf meinem Unterleib. Er erzählte mir von Südafrika, wo er aufwuchs. Ich biss die Zähne zusammen. Eingebrannt für immer. In meinem Zimmer blühen drei Mohnblumen an der Wand. Ginas Bild auf der anderen Seite, unter dem roten Teppich. Und ab und an bekomme ich Mohnpostkarten. Es hält mich aufrecht und lebendig, erinnert mich daran, meinen Weg zu gehen, zu leben, intensiv zu sein. Ein Teil von mir, auch, wenn es seltsam klingt. Ich möchte ihn nicht missen. Ich glaube, er bleibt. Und blüht.

http://www.youtube.com/watch?v=y1jAByECNc0