pavot rouge

29.08.2009 um 16:02 Uhr

San Salvador

von: nenia   Kategorie: vie scolaire

Er hatte sich eine Füllfeder gekauft. Nachdem er mehrmals seine Unterschrift, dann seine Ini­tialen, seine Adresse, einige Wellenlinien, dann die Adres­se seiner Eltern auf ein Blatt gezeichnet hatte, nahm er ei­nen neuen Bogen, faltete ihn sorgfältig und schrieb: „Mir ist es hier zu kalt", dann „ich gehe nach Südamerika", dann hielt er inne, schraubte die Kappe auf die Feder, be­trachtete den Bogen und sah, wie die Tinte eintrocknete und dunkel wurde (in der Papeterie garantierte man, daß sie schwarz werde), dann nahm er seine Feder erneut zur Hand und setzte noch großzügig seinen Namen Paul dar­unter. Dann saß er da. Später räumte er die Zeitungen vom Tisch, überflog dabei die Kinoinserate, dachte an irgend-etwas, schob den Aschenbecher beiseite, zerriß den Zettel mit den Wellenli­nien, entleerte seine Feder und füllte sie wieder. Für die Kinovorstellung war es jetzt zu spät. Die Probe des Kirchenchores dauert bis neun Uhr, um halb zehn würde Hildegard zurück sein. Er wartete auf Hildegard. Zu all dem Musik aus dem Radio. Jetzt drehte er das Radio ab.Auf dem Tisch, mitten auf dem Tisch, lag nun der gefaltete Bogen, darauf stand in blauschwarzer Schrift sein Name Paul. „Mir ist es hier zu kalt", stand auch darauf. Nun würde also Hildegard heimkommen, um halb zehn. Es war jetzt neun Uhr. Sie läse seine Mitteilung, erschräke dabei, glaubte wohl das mit Südamerika nicht, würde den­noch die Hemden im Kasten zählen, etwas müßte ja ge­schehen sein.Sie würde in den „Löwen" telefonieren. Der „Löwen" ist mittwochs geschlossen. Sie würde lächeln und verzweifeln und sich damit abfin­den, vielleicht.Sie würde sich mehrmals die Haare aus dem Gesicht strei­chen, mit dem Ringfinger der linken Hand beidseitig der Schläfe entlangfahren, dann den Mantel aufknöpfen.Dann saß er da, überlegte, wem er einen Brief schreiben könnte, las die Gebrauchsanweisung für den Füller noch einmal ‑leicht nach rechts drehen ‑ las auch den franzö­sischen Text, verglich den englischen mit dem deutschen, sah wieder seinen Zettel, dachte an Palmen, dachte an Hil­degard. Saß da. Um halb zehn kam Hildegard und fragte: „Schlafen die Kinder?" Sie strich die Haare aus dem Gesicht.

Peter Bichsel. "San Salvador"

Meine Lieblingsgeschichte seit acht Jahren. Es gibt keine Alltäglichere, keine Bessere. Und keine, die meinem Aussteigerkomplax von damals so nahe kam. Ich habe sie von Anfang an geliebt und schon einmal im Praktikum unterrichtet, das Video davon ist noch auf der Festplatte, der grünäugige Referendar hat mit der Kamera gewackelt und meine Schrift verlor sich etwas an der Tafel. Es war trotzdem gut, damals. Und Montag werde ich wieder Pauls Innensicht analysieren und einen Abschiedsbrief schreiben lassen. Guten Morgen. Ich bin die neue Deutschreferendarin. San Salvador. Der Erlöser. Es gibt keinen besseren Beginn für den Unterricht unter Anleitung. Voilà. 

 


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