pavot rouge

17.12.2009 um 20:13 Uhr

Tamtam mit Tomte

von: nenia   Kategorie: art

In der kleinen WG riecht es nach kaltem Rauch, der langsam in den übervollen Aschenbechern vor sich hinmodert. Im Hintergrund läuft Tomte. Thees singt von Stadtdächern und alternativem Leben. Studentin X schaut mich an, sie trägt eine grüne alte Wollmütze mit einem Bildungsstreik-Button. Ach weißte sagt sie. Alles scheiße im System. Im Kommunismus wars besser, da waren alle gleich. Sie stellt die Flasche ab und fängt an, sich mit ihren Stulpenfingern eine alternative Zigarette zu drehen. Sie schenkt mir ein tabakgelbes Lächeln und wechselt von Politik zu Biogemüse und Veganismus. Die armen Tiere, sagt sie. Die Kühe und Ziegen. Die Wale werden auch ausgerottet. Und der Regenwald. Jaja sage ich, der Player wechselt zu Kettcar. Die Wollmützenfrau krempelt den Ärmel hoch. In ihrer Armbeuge prangt ein dunkelgrüner Stern. Den hat sie sich vor zwei Jahren in Berlin stechen lassen, als individuelle Erinnerung. Berlin ist toll, sagt sie, total alternativ. Sie war da auf einer Demo. Mit Ché auf dem Plakat. Soso, sag ich. Aha. Oho. Es ertönt wieder Tomte. Hol mich hier raus, denke ich. Ganz weit weg.

14.06.2009 um 19:56 Uhr

Dada-ismus

von: nenia   Kategorie: art

Ich habe einen neuen Freund. Wir stehen uns bereits nach wenigen Stunden nahe. Er ist einfach so in mein Leben gekommen, spontan und leichtfüßig. Er versteht mich, fast ohne Worte und hört gut zu, lächelt ermunternd. Ich habe ihm erzählt, dass ich keine Lust mehr habe, in die Schule zu gehen und seltsamen Kollegen hinerherzulaufen. Er nickte verständnisvoll. Ich habe einen neuen Freund. Er ist nie laut. Er stellt keine Ansprüche. Er ist einfach da und freut sich über meine Anwesenheit. Ich erzähle ihm kleine Geheimnisse, die sonst niemanden interessieren. Ihn schon. Ich habe einen neuen Freund. Er ist ganz eng mit mir verwoben. Mitten auf meiner Stirn hat er seine kleinen Händchen in meine Hautporen gestreckt. Ein Teil von mir, ganz klein, auf meiner Stirn. Ein Pickel.

07.06.2009 um 22:26 Uhr

Nenia - 2005

von: nenia   Kategorie: art

Ich stehe an der Bushaltestelle. Es ist kalt. Ich sehe, wie eine Gestalt näherkommt. Blonde Haare. Brille. Diese filigranen Gesichtszüge. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht.
Es ist Hendrik. Hen-drik. Wie oft habe ich diesen Namen gesagt. Still. Geflüstert, hoffend gebangt, einen Augenblick zu erhaschen.
Es ist nun sieben Jahre her. Vor sieben Jahren saß ich im Französischunterricht und starrte auf diesen blonden Hinterkopf mit geraden kinnlangen Haaren. Starrte auf den blauen Kaputzenpulli und die Nackenhärchen, starrte und träumte, bis mich die Stimme des Lehrers aus den Träumen riss.
Eines Tages katapultierte ich ungeschickterweise meinen grünen Bleistift über den Tisch. Er fiel hin. Hendrik hob ihn auf, reichte ihn mir. Der Moment schien ewig zu dauern. Unsere Blicke trafen sich. Mein Herz raste. Ich stotterte ein leises 'Danke'. Damals war dies mein Glück. Den Bleistift habe ich seit diesem Zeitpunkt immer benutzt.
Zu Hause schrieb ich. Hen war der erste Mann, der mich zum Schreiben bewegt hat. Ich habe mir immer vorgestellt, wie er sich anfühlen möge. Ich saß an meinem Tischchen und schrieb. Dachte mir tragische Geschichten aus, mit Koma und Unfällen und einer Liebe, die alles überlebe. Die Seiten füllten sich mit meiner Mädchenschrift. Ich glaube am Ende waren es siebzig.
Ich verfasste auch Gedichte, hörte Tic Tac Toe und reimte, reimte und die Worte flossen. Es war auch die Zeit, in der ich 'Vom Winde verweht' las und mir ausmalte ich sei Scarlett und Hendrik sei mein Rhett...Für immer.
In meinem Tagebuch findet sich ein Zeitungsfoto von einem Englandaustausch. Hendrik ist darauf mit einem Herz gekennzeichnet.
Als die Engländer zum Gegenbesuch hier waren, feierte Hen eine Party. Ich bin tausend Tode gestorben, weil ich nicht dabei sein konnte, ich habe geweint.
Ich war jung und verträumt. Und trotz all den Qualen habe ich diese Zeit genossen. Wenn ich Hen auf dem Flur sah, freute ich mich jedes Mal. Einfach, weil er schön war und weil ich mir sicher war, ihn zu begehren.
Es dauerte ein Jahr. Danach wechselte er die Schule. Ich habe furchtbar getrauert und ihn vermisst, mein Zimmer demoliert, weil er fort war...Doch wie es in so einer Zeit ist, währte die Trauer nicht lange. Kurze Zeit später lernte ich meinen ersten Freund kennen. Doch ich habe mich immer gern an Hen erinnert. Weil er nichts wußte und ich so nie zurückgewiesen wurde. Ich habe niemals mit ihm gesprochen. Bis heute.
Heute wende ich mich zu ihm und beginne ein Gespräch. Er ist immer noch gutaussehend. Und trägt einen blauen Kaputzenpulli, ebenfalls wie seine alte Brille. Ich erfahre, dass er keine Ausbildung hat und kein Abitur. Er schaut traurig. Irgendwie können wir uns nicht unterhallen. Nur fetzenweise. Der Bus kommt. Wir steigen ein. Ich lästere über die alte Schule und er lacht. Das Lächeln ist wie damals.
Kurze Zeit später verabschieden wir uns. Ich muß breit lächeln, wenn ich daran denke, dass ich es geschafft habe, das erste Mal in meinem Leben ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Ich freue mich. Wirklich.

Ein alter Text, gefunden auf Streifzügen, und immer noch wert, hier zu erscheinen. Für Sehnsucht und den Mohn.

02.06.2009 um 20:58 Uhr

more

von: nenia   Kategorie: art

Ich bin das Meer
aus lauten grauen Wogen,
und Flut gewinnt die Überhand.
Ich bin die Sehnsucht in Salzgrün.
Die Flamme unter Ozean,
noch irgendwo versteckt.
Ich bin das Meer,
doch brennend auf dem Grund,
so unauslöschbar wütend.
Tief unersättlich, blau, rot.
Ich bin zugleich. Die See, das Feuer,
Reiß mich hinfort, wieg mich in Ruh'

15.05.2009 um 23:51 Uhr

Lausch(er)angriff

von: nenia   Kategorie: art

Ein grauer Brief vom Arbeitsamt lag im Briefkasten. Ich öffnete ihn und das flaue Gefühl im Magen machte sich breit. Ich sollte mir neue Ohren suchen, stand darin. Meine Ohren sind zu groß. Wenn ich keine neuen Ohren finde, wird mein Geld nach Paragraph X gekürzt.
Ich befühlte sorgsam die Knorpel, fuhr diese mit dem Finger entlang. Eigentlich, dachte ich, sind es ganz normale Lauscher. Mittelgroß in etwa. Gut geformt. Doch das neue Ohrengesetz machte mir anscheinend einen Strich durch die Rechnung. Das gab es erst seit diesem Jahr. So ein Jammer, dachte ich. Ein Termin beim Ohrenvermittler stand anbei. Ich beschloss einfach meine Ohren steif zu halten. Abzuwarten.

09.01.2009 um 11:02 Uhr

Auf deinem Haar ist ein Apfel

von: nenia   Kategorie: art

Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Er ist goldgelb und harmoniert mit dem Rot Deiner Haare. Es ist ein oranges Rot, wie der Herbst. Du stehst da. Mit fast ruhigen Augen, goldbraun, wie die Blätter. Hypnotisch fast.
Als ich dich traf, warst Du umgeben von Funken. Der Herbst war in Dir. In Deinen Haaren, Deinen Farben. Deine Lippen, karmesin wie Ahorn in Oktober, Deine Augen, wie gelbe Buchenblätter.
Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Dein Innerstes liegt in Fetzen, wie das Loch zwischen Deinen Beinen. Jeder, der darin weilte, hinterließ eine Wunde. Sie spaltete das Sein. Doch Du wolltest nicht aufhören. Ich war einer von vielen. Verfallen Deinem Herbst. Oktober im Wind. Wenn ich in Dir war, verengten sich die Pupillen Deiner braunen Augen. Ich sah nur noch Deine Iris, ein Laubwald im Atem, aufgelöst im Moment.
Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Er soll, sich vermischen, sich auflösen. Ich bin eine Nutte. Hast Du gesagt. Ich will nicht. Es ist ein Zwang. Nicht für Geld, für Bestätigung sollen alle in Dir verweilen, verwachsen mit Deinem Herbst. Ich soll Dich von der Sucht erlösen. Hast Du mich gebeten. Den Herbst in tiefsten Winter verwandeln. Erbarmungslos.
Auf Deinem Haar ist ein Apfel. Er ist goldgelb und harmoniert mit dem Rot Deiner Haare. Ich stehe Dir gegenüber, mit Pfeil und Bogen. Ich soll Dein Herz treffen, welches Dich sein lässt, wie Du bist. Ich ziele. Du schaust fast ruhig, wirft Deine Haare nach hinten. Jetzt sagst du. Jetzt.
Ich ziele. Du schließt die Augen. Ich treffe den Apfel. Es gibt einen anderen Weg. Wir werden ihn finden. In Deinem Herbst.

21.11.2008 um 02:53 Uhr

02:55

von: nenia   Kategorie: art

spem metus sequitur.

Gedanken in die Nacht gekratzt,
zaghaft zitternd ausgeschrieben,
die Hoffnung etwas abgenutzt,
das Glück im Rotweinglas geblieben.

Gejagt von alten Phantasien
von neuen Worten ausgelöst,
Seelensumpf in Nacht geschrien,
während das Innere nur tost,

Und der Nebel schweiget leise,
- nur leere Worte in Obskur,
und das Kopfkino zieht Kreise,
im Takt des leisen Tickens der Uhr.

17.09.2008 um 22:43 Uhr

Sisyphos

von: nenia   Kategorie: art

Worte ohne Wiederkehr
zerfraßen das Papier.
Zerdacht in die Unendlichkeit,
doch nicht erreicht die See
aus Sinn und klarer Tinte.
Falsch konstruierte Schlüssel
Verwehrten alte Türen,
Und weiter läuft das Spiel,

mit Felsen an den Füßen
und Kopfhaut auf Granit.
Hinauf.

 

20.06.2008 um 10:44 Uhr

Mohnsommer

von: nenia   Kategorie: art



http://www.ixwin.de/bilder/bilder_fotos/mohn.jpg


Der Mohn in Wiederkehr,
wiegt seine Köpfe um mich.
Ich stehe, Feuer in Pupillen,
Die Wolken malen mir ein Bild
Aus Pusteblumen, weiß und leicht.
Die Luft riecht nach fragilem Sommer,
der sich verfängt in meinen Händen.


10.06.2008 um 23:45 Uhr

Philomele

von: nenia   Kategorie: art

Ich habe mich entschlossen, meine literarischen Versuche in dieser Kategorie zu präsentieren.
 
Die folgende Serie ist innerhalb eines knappen Jahres entstanden. Der "ausgeliehene" Mythos stammt aus Ovids Metamorphosen. Er handelt von Philomele, die von ihrem Schwager vergewaltigt wurde. Um sie an der Artikulation ihres Schmerzes zu hindern, schnitt er ihr die Zunge ab. Dennoch fand Philomele einen Weg, ihren Dolor verständlich zu machen: Sie wob ihn mit rotem Garn auf ein weißes Tuch.
Diese Serie ist eigentlich über das, was vorher zu lesen war. Sie ist jedoch für I.H., weil sie mir die Germanistik zurückbrachte und mich inspirierte ohne es zu wissen.

Philomele I

Ich schneide meine Zunge ab. Ich halte das Messer schräg. Mit der anderen Hand ziehe ich an ihr, sie windet sich ein bisschen, wie eine Ratte im Labor, wenn sie die Spritze sieht. Ich halte sie fest, meine Rattenzunge. Wenn ich fertig bin, wirst du es bereuen, denn ich schenke sie dir zum nächsten Geburtstag. Mit einer roten Schleife schenke ich sie dir, meine bis dahin schwärzlich gewordene Zunge, ein Stück Fleisch. Ich schneide sie mir ab, damit Dich ewig Dein Gewissen plagt. Wenn meine Zunge weg ist, ist der Schmerz nicht mehr in den Worten. Er ist dann an einem anderen Platz in meinem Kopf, und er wird verschwinden. Wenn diese Zunge weg ist, muß ich nicht mit Dir diskutieren, über obsolete Gedanken, über Deine Eifersucht zwischen uns, zwischen unserer Welt.
Wenn diese Zunge die Worte nicht mehr ermöglicht, sage ich Dir gar nichts mehr, denn dann ist die Möglichkeit verschwunden. Ich werde nicht mehr versuchen, Dich bei mir zu halten, ich werde mich stumm abfinden, meinen Zorn auf ein weißes Garn weben und ihn in das Paket legen, in Dein Geschenk.
Wenn meine Zunge weg ist, verschwindet die Artikulation. Wenn ich meine Erinnerungen nicht artikulieren kann, verschwinden auch diese hoffentlich. Dann muß ich nichts sagen. Dir nicht erwidern. Ich kann Dich einfach vergessen, während Du Dir diese meine Zunge ins Regal stellst. Und verschwindest, mit einer immerwährenden Schuld.
Ich halte das Messer schräg.

Salz (17.7.07)

Philomele II

Sage mir doch, wohin der Wind gegangen,
pflanze ein Lied in deinen rauhen Mund,
es soll Dich an. Es soll Dich auf. Fangen,
und meine Hand, sie ist voll Salz. So wund.

Ich sehe in das Salz. Es singen die Kristalle,
sie sagen mir ganz sanft, die Zunge soll hinfort.
Ich schneide sie mir ab, weil ich mir so gefalle,
Wenn ich nicht spreche, bist du nicht mehr dort.

Ich pflanze Dir ein Lied. Ich bin bereits verschwunden,
es soll Dich fangen, denn ich kann es nicht.
Die Augen verklebt, der Gaumen geschunden,
Ich streue mir das Salz in mein Gesicht.

Zeit (23.7.07)

Philomele III

Ich schmiere Mohn auf meine Lippen,
rotschwarz. Schwarzrot, der Atem.
kondensiert. Im Nichts, soweit.
Ich beiße schräg mit aufgerissenen Pupillen.
Auf die Lippe. Die Zeit klebt stumm
im Schlüsselbein, sie lässt mich nicht
mehr weiter. Und schaut mich an
mit ihren Zeigern. Ich kann sie nicht
am Starren hindern nie

Ich schmiere Opium
in meine Wimpern, denn Ruhe
kann ich ewig brauchen,
denn Zeit, sie klebt unter dem Hals,
sie schnürt ihn zu. Die Lippe blutet, weiß,
trotz Mohn. Trotz Opium. Die Zeit.

Philomele IV (21.5.08)

Ich schütte die Zeit aus
Verrinnen will sie nicht.
Ich sitze im Mohnfeld,
die Zunge angeklebt.
Gespenster essen meine Haare.
Ich warte auf den Mohn,
doch er ist frühstücken gegangen
Die Stunde wird mich grüßen.
Ich muss nun warten auf sie,
die Haare aufgegessen.


 

23.02.2008 um 19:53 Uhr

Die Mohnprinzessin

von: nenia   Kategorie: art

Es war einmal ein Mädchen. Es schuf sich eine Traumwelt. Dort lebte es in Papierwölkchen und sprach mit der Luft, weil es sonst kein Entkommen gab. Es weinte seine Tränen in eine Inkunabel. Als die Tränen schmerzten und die Hände zu lahmen anfingen, entschied es sich zu einem Aufbruch. Es verschloss die Inkunabel, versteckte sie, bis das Papier fast zerfiel. Irgendwann ritt es auf einem weißen Ross davon, während die Tränen auf der Zunge zergingen. Es wusste um die Wiederkehr, mit einer Hand voller Minuten, einem Haar voller Tage. Und Blüten im Blick. Es sollte so sein..

Sie schrieb. Es war das Einzige was geblieben war. Das minimale Tor zur Außenwelt, das Gefühl, etwas zu schaffen. Langsam verdichteten sich Buchstaben, wurden zu Worten, Sätzen, Satzreihen. Zu zusammenhängenden Gebilden, aus Schrift und Herz. Irgendwann machte sie das Geschriebene der Öffentlichkeit zugänglich. Trat hinaus aus ihrer Welt. Daraufhin wurde sie gelesen. Gelobt. Hände griffen nach ihr. Eine Hand gehörte dem jungen Mann. Sie zögerte ein wenig, doch entschied sich, nach dieser zu greifen. Sie legte den Federhalter beiseite, griff nach den warmen Fingern und sah hoffnungsvoll nach oben....

Das Mädchen ward eine Prinzessin in einem unbekannten Land. Doch als das getagte Haar und die minutengefüllten Hände Zeichen gaben, kündigte sich die Zeit der Wiederkehr an. Als die Prinzessin nach hunderten von Jahren ihren Raum betrat, war ihr, als sei sie aus einem Traum erwacht. Sie suchte nach der geweinten Inkunabel, um sich zu erinnern, doch als sie diese fand, war nur noch Staub übrig. Sie beschloß, nicht mehr zu verweilen und sich eine neue Zeit zu weben. In diesem Raum. Es sollte erfolgreich sein, die Prinzessin nahm den Mohn aus ihren Augen und verstreute ihn sanft. Das Glück war ganz nah.