in the streets a million people pass me by...
Neulich habe ich einen jungen Mann gesehen, in Köln am Bahnhof. Er ging mühsam auf Krücken. Ich muss sehr gestarrt haben, denn ich erwachte erst, als er mich irritiert anblickte.
Man fragte mich, ob Du fehlst. Ich bejahte. Es ist ein halbes Jahr her. Der Schmerz wird anders, nicht mehr penetrant, nicht omnipräsent, weniger stechend. Ich habe alles analysiert. Dir verziehen, mir verziehen. Ich habe mir eingestanden, dass wir nie wieder die Chance einer Freundschaft hätten.
Ich habe wundervolle Freunde. Im letzten halben Jahr habe ich mich erneut geöffnet. Ich habe mir geschworen, mein Vertrauen in Mitmenschen zu kitten, Freundschaften zuzulassen.
Mir geht es gut im Moment. Ich verbringe den letzten freien Sommer. Trotz allem bin ich unglaublich vorangekommen, habe die Zähne in die Hand genommen und gekämpft.
Dennoch kann Dich niemand ersetzen. Du bist irgendwo in meinem Hinterkopf. Es ist surreal, wie lange alles her ist. Mittlerweile kann ich mir alte Photos ansehen, ohne zu weinen, aber ich kann nicht mehr nach Lille, das wird mir immer klarer. Noch nicht. Vielleicht nächstes Jahr, wenn jemand mit mir reisen möchte.
Manchmal sehe ich auf Deinen Account. Er wird von Zeit zu Zeit aktualisiert. Es ist irgendwie gut zu wissen, dass es Dich gibt, dass Dir nichts passiert ist. Ich wünsche Dir, dass Du Dein Leben findest. Dein Glück.
Ohne Dich ist es leichter geworden. Ich muss mich nicht mehr rechtfertigen, wenn ich mit meinem Verlobten in den Urlaub fahre, oder Frauen küsse. Ich werde nicht eingeschränkt durch Vorwürfe und weine kaum. Ich muss mich nicht mit dem schlechten Gewissen auseinandersetzen, welches Du mir oktroyieren wolltest.
Diese Freiheiten haben ihren Preis gefordert. Dort wo Du verschwandest, klafft immer noch diese Leere Manchmal fällt mir ein Spruch ein, oder eine Marotte, die ich mit Dir verband. An Tagen wie heute, wo es mir ausnahmslos gut ging, möchte ich es Dir manchmal einfach berichten. Mir fehlt das Klacken in der Leitung und das "Nun, was hat Tante heute gemacht"?
Ich bin trotzdem glücklich. Der Schmerz ist unsichtbarer. Woanders. Es heilt.
