séjour linguiCht'ique
Nostalgie, c'est pas bon!
(komischer Mann im Zug)
Die Reise begann. In Welkenraedt hatte ich einen nervenden Sitznachbaren, der mir das schönste Lächeln der Welt bescheinigte. Er wollte mir gerne sein Dorf zeigen, und seine Kirschen, die ich essen sollte. In Bruxelles war ich ihn endlich los. Irgendwann betrat ich mit leichtem Herzklopfen gare Lille Flandres. Du holtest mich an der orangen Anzeigetafel ab. Wir kochten mit Deinen Freunden, tranken viel Rotwein und lästerten ein bisschen über die Gegend. Das Appartement Deiner Schwester hatte glänzenden Holzboden und alte Fensterläden. Du machtest mir tarte à maroille und crêpes. Zwischen all den Rotweinschlücken sind wir Freunde geworden. Beaucoup de points communs. Wir himmelten zusammen Patrick Dempsey an. Ich kenne nun "Josephine-ange gardien", eine französische émission, die man am Besten betrunken anschaut. Mc Dreamy heißt Docteur Mamour.
Lille war ganz anders, ich hatte keine Zeit für Nostalgie und keinen neurotischen Reisebegleiter. Es war entspannt und faul, wir schlenderten langsam durch die Straßen und aßen in Zeitlupe unser Eis. Es war nicht mehr die pathetische Heimat. Der Eskapismusort. Ein Stück geliebter Welt, geliebter Sprache, doch nicht mehr schwer auf den Schultern, leicht und locker, wie das Französisch in meinem Kopf. Es war tausend Mal schöner, als gedacht, genau richtig, passend. Im Furet du Nord habe ich mir die Originalfassung von "Le Dindon" gekauft, damals bearbeitet von Monsieur l'arrosseur. Mein Bühnenmoment. Ich werde es lesen. Es mitnehmen, wie diese jours ravissants. Und hoffentlich bald wiederkommen.
Zack zack, Pontagnac.
image: déchets à la gare Lille Europe
