Etappe 11 - Haguenau – Straßbourg - Montag,
24. Dezember 2001 ; Allein ; Ca. 36 km
„Eine Sehnsucht ist
wie eine Vision ohne Bild. Wenn sie stark ist, hat sie eine ungeheure Kraft.
Man wird von ihr förmlich angezogen. Sie lässt einem nicht mehr los. Man muss
ihr folgen, koste es was es wolle. Der Camino de Santiago wird als der Weg der
grossen Sehnsucht bezeichnet, weil dieser Weg Menschen anzieht, die etwas suchen.“
Es soll in manchen
Orten in Deutschland die kälteste Nacht
seit Menschengedenken gewesen sein, sagt das Radio. Nach meiner Nacht im
Auto((am Vortag war ich von Soultz les Forêts
nach Haguenau gelaufen) hatte ich
abends vergeblich ein Hotel gesucht, bin an vereisten Hotel – Selbstbedienungs
– Kreditkartenterminals gescheitert, hab an Maria und Josef gedacht, denen es
ähnlich ergangen sein muss. Dann schließlich in der Nähe von Saverne auf einem
Raststättenparkplatz bei laufendem Motor habe ich in meinem kleinen Auto
übernachtet. Aufwachen, Wärme, die Glieder schmerzend. Der Weg über den
vereisten Parkplatz; eisige Kälte. Einen Espresso aus dem Automaten in der
Raststätte, kaltes Wasser ins Gesicht. Reprendre la route. Um halb acht komme
ich an diesem 24. Dezember in Haguenau an.
Es ist noch ganz dunkel. Die letzte Etappe für dieses Jahr ! Immer noch minus
sechzehn Grad kalt, sagt das Thermometer
an der Apotheke gegenüber dem Parkplatz, also zwanzig oder mehr da draußen auf den Feldern und in den Wäldern,
die zwischen hier und Straßburg liegen. Aber die Sonne soll scheinen heute, und
so freue ich mich auf das Licht und die Landschaft.
Stelle das Auto in der Nähe
von etwas ab, das ich für den Bahnhof halte. Ohne Frühstück gehe ich los, frage
( Gott –sei -Dank diesmal) nach dem Weg und laufe dann in die richtige
Richtung. Ob ich es schaffe? Auf der Karte sieht es elendig weit aus.
In einem Supermarkt kaufe
ich ein Croissant, wie lecker, das so aus dem Handschuh zu essen. Vorbei am
Krankenhaus von Haguenau, Vorortstimmungen
und dann nach Wienumshof, wo wieder der Wald beginnt. Vereiste Straße mit
den Autos, die ganz nah vorbeibrettern,
immer wieder muss ich ausweichen. Schließlich komme ich nach Weitbruch. Aber
auch hier immer noch kein heißer Kaffee, also weiter durch den Ort. Wieder
frage ich nach dem Weg und man rät mir entlang der Nationalstraße zu laufen,
über Brumath, Vendenheim etc. Aber davor habe ich bei diesem Wetter einen
Horror. Laufe aber erst mal los, und es
sind schon ein paar lange Kilometer bis in die Nähe von Brumath. Dann biege ich
von der Straße mutig ab auf den unerwartet auftauchenden markierten Wanderweg.
Die Markierung lässt vertraute Gefühle aufkommen, aber bald verliert sie sich
wieder. Die Abzweigung nach rechts verpasst, Richtung Brumath. Aber das wäre ja
auch Westen, und ich will doch in den Süden, keine Umwege.
Helles gleißendes
Licht auf weiten Schneefeldern, so hatte ich es mir vorgestellt, die Einsamkeit
des Wanderers. Es brennt in den Augen ,das Licht. Die weite Landschaft und rechts die Vogesenberge.
Nächstes Mal muss ich eine Schneebrille mitnehmen. Es geht langsam voran in dem Schnee, aber es
geht. Tolle Schuhe habe ich!
Ich riskiere es dann
doch nach Geudertheim zu laufen, lieber an der Raffinerie vorbei (die in der
Karte groß, mächtig und hässlich aussieht)
als die Nationalstraße mit den heiligabendgehetzten Franzosen in ihren
schnellen Autos. Beginne, nach der Kathedrale Ausschau zu halten .Eigentlich
müsste sie jetzt zu sehen sein. Versuche
sogar, sie mit dem Kompass auszumachen. Aber vergeblich, in dem Dunst am
Horizont sind nur Schemen zu erkennen, eine der schönsten Kathedralen der
Christenheit, ein Getreidesilo, ein Schonstein, die Raffinerien ? Nichts
genaues t zu erkennen. Also weiter, immer Richtung Sonne.
In Geudertheim finde ich
dann – oh Wunder – völlig unerwartet - als einziger Gast in einer Kneipe- immer
noch am Vormittag - einen frischen Café
au Lait. “ So weit her... “ komme
ich,“... und nach Straßburg... maon
Dieu!...“ ; ich weiß die Dame glaubt mir nicht so recht, und ich sehe ja
vielleicht auch ziemlich abenteuerlich aus, in meiner Vermummung und all den
Schichten, aus denen ich mich schäle. Ja, der Weg durch den Wald sei begehbar
(von der Autobahn an der alle Waldwege enden, sagt sie nichts). Wo es denn hingeht,
und als ich mutig und sogar ein wenig stolz
„Santiago de Compostella“ sage, bleibt sie unberührt, so als läge das
hinter Molsheim oder Drachenbronn les Bains oder Kehl am Rhein oder Brumath.
Bis Eboli oder in andere Gefilde ist sie
sicher nicht gekommen, und das Grab des
Heiligen sagt ihr wahrscheinlich gar nichts. Erwachsen und müde wie sie aussieht, hat es ihr wohl bisher auch nichts gefehlt in ihrem elsässisch –
dörflichen Leben, oder sie hat längst vergraben, was ihr fehlt . Wir reden über
die Unterschiede zwischen deutschen und französischen Weihnachtsbräuchen und
ich lerne, dass der Heiligabend im Elsass die gleiche Bedeutung und die
gleichen Riten hat wie bei uns.
Heute ist Heiligabend und einer der ersten, die ich
allein verbringe, außer den Nächsten mit Nachtdienst im Krankenhaus oder im
Wehrdienst. Ich denke an die Heiligabende zuhause, die Hektik, den
unvermeidlichen Ehekrach meiner Eltern, den Geruch nach Fichtennadeln und
Geschenkpapier und nach Braten und Rindfleischsuppe. Die Aufbauarbeiten im
Wohnzimmer, die wir Kinder nicht sehen durften. Die Bibelstelle und dann las
mein Vater (oder später ich) aus „Letzte Briefe aus Stalingrad“, über die
Heilige Nacht im „Stahlgewitter“ und der Hoffnungslosigkeit des verlorenen
großen Krieges (den ich nur aus „am stillen Strand der Spree...“, Zentner’s
„Der zweite Weltkrieg“ und schlechtem Volksschul – Geschichtsunterricht kannte,
und all den Geschichten bei den Familiengeburtstagen, Jahr für Jahr immer die
gleichen. Aber die Brief aus Stalingrad,
die mochte ich, die Gedanken von Menschen voll Sehnsucht nach Frieden und Ruhe
und daheim-Sein und Liebe.
Dann die Geschenke, das Auspacken, das Essen soviel ich mochte.
Später habe ich
meine eigenen Weihnachten gestaltet, die Bibelstelle gab es immer noch, aber
gelesen aus Ernesto Cardenal’s
„Evangelium der Bauern von Solentiname“. Die Geburt Jesus wurde zum
Symbol, Er, geboren in Armut setzte sein Zeichen damit; „... nicht in den
Salons Managuas...“, sondern in einer Krippe, einem Schuppen, einer Scheune in
Judäa, im Senegal oder in Guatemala.
„Und als sie in Bethlehem waren, kam die Zeit, dass Maria gebären
sollte, Und sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie
hatten keinen Raum in der Herberge.“ ....
„Es ist Mitternacht, und wir feiern in der kleinen Kirche von
Solentiname die Weihnachtsmesse. Am Vortag wurde Managua durch ein Erdbeben
zerstört. Ich sage dass dort der größte Reichtum des Landes angehäuft war, neben dem größten Elend
des Landes....“
Die Diskussion der
Bauern über die Weihnachtsgeschichte gehörte für mich immer zu dem schönsten,
was der große Dichter aufgeschrieben hat. Sie gab „Weihnachten“ für mich einen
Sinn, den ich früher nicht kannte.
Heute Abend werde
ich mich allein fühlen. Hätte Lust, Arafat eine trostvolle email zu schicken
und denke dann an all die Schuld, die auch
er auf sich geladen hat. Heiligabend
2001. Wieder wandere ich in
Gedanken durch die Straßen von Hanoi, wie am Abend des 11. September. Und finde
mich südlich von Haguenau im Schnee.
Nun beginnt unerwartet ein
wunderschöner Weg, am Waldrand, rechts weite Felder, links der tiefverschneite
Wald. Ich habe eine Begegnung mit einem kleinen Lieferwagen, der fünf große
Schäferhunde rauslässt und halte mich sehr zurück, denke an Spanien und all die
wilden Hunde und wünsche mir einen Stock, obwohl mir der bei fünf solcher
Monster auch nicht helfen würde. Sie scheinen Spaß zu haben, auf den
verschneiten Feldern herumzujagen, und wehe dem Hasen, der ihnen in die Quere
kommt. Und dann verschwindet die kleine Karawane westlich, Wieder habe ich
den Wald und die Wiesen wieder ganz allein für mich, das Knirschen meine Schuhe
im Schnee das einzige laute Geräusch an diesem Mittag. Immer tiefer gehe ich hinein in die winterliche Waldlandschaft,
Szenen aus „So weit die Füße tragen“ - Stimmung. Immer wieder Karte studieren und
bei dem gleißenden Licht geht das heute ohne Lesebrille. Ich bleibe auf den
Wegen mit zumindest einigen Spuren:
Schlitten, Winterschuhe,
Autos. Habe Hunger und Durst auf
einen anderen Kaffee.
Dann
ist die Zivilisation wieder nahe, zumindest laut Karte. Nach ein paar hundert Metern in die falsche Richtung finde ich den
richtigen Weg, stoße auf die eingezäunte schnurgerade Bahnlinie, die den Wald
durchschneidet und ein aufgebrochenes Türchen, klettere über die Gleise und da
kommt auch schon ein Personenzug laut pfeifend angebraust. Ich verschwinde im
Wäldchen und fühle mich, als ob ich ein kleines Verbrechen begangen hätte.
Mache mir dann „unbestraft“ wieder Gedanken über die Autobahn, die vor mir
liegen muss und entscheide mich, nach der Landstraße Richtung Osten zu suchen.
Die ist streckenweise total vereist, so dass ich ganz vorsichtig gehen muss und
das Gefühl habe, kleben zu bleiben. Dann die Raffinerie und die Autobahn
gleichzeitig und hässlich vor mir, nach den Wäldern ein ganz unpassendes Bild.
Die Menschen hetzen die Straße entlang in Richtung „Stille Nacht“. Ver-rückt.
Ich denke nach über Zivilisation und wie weit – und wie weit nicht – wir uns
wohl dem entziehen können.
An der Raffinerie vorbei,
dann eine vielbefahrene Straße, Kreisverkehre durch die ich mich hindurchklettere,
immer wieder in den Schnee ausweichen und da ist schon das erste warme Zeichen
der Zivilisation, eine warm – beleuchtete Tankstelle, direkt hinter der
Raffinerie. Bei der ist allerdings die Heizung ausgefallen. Ich trinke einen
Milchkaffee - was für eine Köstlichkeit
- und esse das wohl leckerste Baguette
Käse – Schinken des Jahres oder des Jahrzehnts. Mit schmerzenden Füßen, aber es
hält sich in Grenzen.
Dann bin ich auch schon in
Reichstaett, frage mich durch; ein paar freundliche Jugendliche draußen, denen
die häusliche Hektik wohl stinkt. „Zu Fuß nach Straßburg...“, „..mais c’est
trop loin....“ (noch 8 km) und innerlich lächle ich stolz, wenn ich an die wohl
schon über dreißig heute gelaufenen denke. „Die Bushaltestelle ist gleich um
die Ecke...“.
Ich laufe weiter und mag
die Teerstraße nicht. Bürgersteige, Radwege, es geht. Souffelweyersheim,
Hoenheim, Schiltigheim, geschäftiges Treiben überall, die letzten
Weihnachtseinkäufe, manche Geschäfte schließen schon. Nette kleine Orte, gern
würde ich am Kanal entlang laufen, aber
bei dem Schnee wohl kaum machbar. Eine
große Brauerei und dann das Stadtschild „Straßburg“. Das ist schon bewegend,
daran vorbeizugehen, Zucken in den Augenwinkeln.Der Großstadtverkehr nimmt mich
auf, ich laufe ein paar Ausfallstraßen entlang, dann bin ich in der Innenstadt,
wieder ein nordafrikanisches Lokal für einen Kaffee, dann die letzten zwei
Kilometer bis zur Kathedrale. Ich gehe herein, ruhe, bete, aber es ist zu laut,
zu geschäftig, zu viele Touristen, das ist kein Haus Gottes sondern ein Museum.
Keine Rast für Pilger. So wird es mir wohl auch in Santiago gehen. Wie auch
immer . Ich bin an meinem Ziel.
Der bekannte Weg zum
Bahnhof sieht heute anders aus. Und das Laufen fällt schwer. Keine Lust auf den
berühmten Weihnachtsmarkt, ich bin müde und nun will ich ins Warme, suche ein
Zuhause. Ich bekomme gleich einen Zug und dann bin ich schon wieder in
Haguenau. Suche eine Zeitlang mein Auto (es war nämlich gar nicht er Bahnhof
heute morgen), und dabei beginnt es zu schneien. Weiße Weihnachten ,schön, auch wenn ich mich sehr mühsam über fast
leere Autobahnen nach Frankfurt quäle. Um 20 Uhr an diesem Heiligabend sitze
ich in der Badewanne und lasse den Tag und die Schmerzen in den Muskeln wirken.
Denke nach über den Weg bisher und was noch vor mir liegt, die Vogesenberge und
das Burgund und das Tal der Loire, Taize und Cluny und das Zentralmassiv und Le
Puy und ....
Seine
Dornenkrone
Nahmen sie ab.
Legten ihn ohne
Die Würde ins Grab
Als sie
gehetzt und müde
Anderen Abends wieder zum Grabe kamen
Siehe, da blühte
Aus dem Hügel jenes Dornes
Samen.
Und in
den Blüten, abendgrau verhüllt
Sang wunderleise
Eine Drossel süss und mild
Eine helle Weise.
Da fühlten sie kaum
Mehr den Tod am Ort
Lächelten im hellen Traum
Gingen träumend fort.
Bertolt
Brecht