Auf dem Jakobsweg .... von Frankfurt nach Santiago Di Compostella

30.09.2005 um 22:11 Uhr

3. Etappe - von Mainz – Kostheim bis Oppenheim

ca. 20 km, gemeinsam mit Carmen

Ich hatte eigentlich mit einer „Durst­strecke“ gerechnet, nach meiner Erfahrung mit Sofia zum autofreien Sonntag auf der linken Rheinuferseite und den Berichten meines Kollegen Dirk

Entsprechend mental gerüstet gingen wir dann los, ziemlich spät Autofahrt bis Kostheim,  über die Mainbrücke nach Gustavsburg, durch Industriegebiet und nicht ganz klarem Weg, aber wir haben ja eine tolle Karte, finden dann bald den Uferweg und beginnen unsere Wanderung auf dem Damm. Eine schöne Landschaft, wir sehen nicht sehr viel vom Rhein, immer wieder schimmert er zwar mal durch, aber es ist nicht das grosse Panaorama. Aber wunderschön, grüne Wiesen links, Uferwald rechts, die Sonne ist warm und scheint uns genau ins Gesicht; wir fühlen uns wohl, das Laufen mach Freude.

Mit der Fähre dann in Ginsheim  (ganz hüsche Häuser am Ufer, manche allerdings mit Ziergärten für Zuschauer) auf die Insel, Nonnenau, und dann wagen wir einen schmalen Feldweg, der uns eine Stunde lang durch Gras und Pfützen wunderschön bis in den Süden der Insel führt. Keine Menschenseele. Erst in der Nähe der Brücke zum Parkplatz die ersten leute, FKK Gelände, Campingplätze. Immer die Sonne im Gesicht, die prickelt auf der Haut. Weiter direkt am Rhein entlang über den Damm, durch knöchelhohes Gras, viel Freude, Arme hoch und den Körper gestreckt; Picknick mit selbstgebackenen Vollkornbrötchen und wie gut ein Aldi Apfel doch schmecken kann. Weiter über den Damm, gegenüber Nierstein dann Campingplätze, mitten durch, kurz vor dem Ziel dann ein Hochsicherheitszaun, aber wir finden einen kleinen Weg drumherum und sind stolz, erreichen etwas müde aber zufrieden die Autofähre nach Nierstein / Oppenheim. Ein Bikertreff, aber heute bin ich nicht neidisch. Alle geniessen die Sonne, und wir auch, sitzen mit unserem Getränk auf einer Bank und lassen uns sonnenbaden. Die Fähre nach Oppenheim, Bahnhof, Spaziergang durch die Altstadt, netter Marktplatz, die Kirchen dann leider bei zu. Wir belohnen uns mit einem Eis, Rückfahrt nach Mainz, wo uns der Neubau des Bahnhofs beeindruckt. Bus 54 nach Kostheim und schliesslich erreichen wir genen 21:00 dann Frankfurt. Einfach gut, so zu laufen und sich zu bewegen, die „Kartenblätter“ herunterzulaufen und sich weiter und weiter auf dem Weg zu befinden.

16.02.2005 um 09:59 Uhr

Frankfurt – nach Santiago di Compostella (1)


1              Rödelheim – Kelsterbach

2              Kelsterbach – Mainz Kastel

3              Mainz Kastel – Oppenheim

4              Oppenheim – Osthofen

5              Osthofen – Worms – Frankenthal

6              Frankenthal – Neustadt WS

7              Neustadt WS – Ranschbach

8              RanschbachWissembourg

9              WissembourgSoultz au Forêts

10            SoultzHaguenau

11            HaguenauStrassbourg

12            StrassbourgObernai

13            Obernai – Mont Saint Odile

14            Mont Saint Odile – Dambach La Ville

15            Dambach La Ville – Rodern

16            RodernColmar

17            ColmarMunster

18            MunsterGeradmer

19            Geradmer – St. Amé

20            St. Amé – Remiremont

21            RemirementMelomenil

22            Melomenil – Darney

23            Darney – Bourbonne Les Bains (Coiffy Le Haut)

24            Bourbonne Les Bains – Hortes (Culmont)

25            Hortes- Langres

26            Langres – Auberive

27            AuberiveGrancey Le Chateau (Ferme de Bourgiraut)

28            Grancey Le ChateauSaussy

29            SaussyVelars sur Ouche

30            Velars sur Ouche – Cevannes

31            Cevannes – Beaune

32            BeauneMercurey

33            Mercurey – St- Boil

34            St. Boil – Taize

35            TaizeCluny

12.02.2005 um 10:01 Uhr

Frankfurt – nach Santiago di Compostella (2)

36            Cluny – St. Mamert

37            St. MamertLamure

38            Lamure – Sarcey

39            Sarcey – Villecheneve

40            VillecheneveCuzieu

41            CuzieuMargerie-Chantagret

42            Margerie-Chantagret  - Apinac

43            Apinac – Roche en Regnier

44            Roche en Regnier – Le Puy en Velay

45            Le Puy en Velay – Monistrol

46            MonistrolChenelleiles

47            Chenelleiles- Aumont Aubrac

48            Aumont Aubrac – Les Quatres Chemins (Café Regine)

49            Les Quatres Chemins (Café Regine) – Nasbinals

50            Nasbinals – St. Chely d’Aubrac

51            St. Chely d’Aubrac – Espalion

52            Espalion – Espeyrac

53            Espeyrac – Conques

54            Conques – Livinac Le Haut

55            Livinac Le Haut – Figeac

56            Figeac – Usac (Gréalou)

57            Usac (Gréalou) – Pasturat

58            Pasturat – Cahors

59            Cahors – Lascabanes

60            Lascabanes – Lauzerte

61            Lauzerte – Moissac

62            Moissac – St. Antoine

63            St. Antoine – Lectourne

64            Lectourne – Condom

65            Condom – Escoubet

66            Escoubet – Nogaro

67            Nogaro – Aire Sur l’Adour

68            Aire Sur l’Adour – Arcacq-Arraziguet

69            Arcacq-ArraziguetArthez de Bearn

70            Arthez de Bearn – Navarrenx

71            Navarrenx – Ostabat

72            Ostabat – St. Jean Pied du Port

14.06.2004 um 10:52 Uhr

Frankfurt – nach Santiago di Compostella (3)

73            St. Jean Pied du Port - Huntto

74            Huntto – Roncevalles

75            Roncevalles - Larasoania

76            Larasoania – Pamplona

77            Pamplona – Puente La Reina

78            Puente La Reina – Estella

79            Estella – Los Arcos

80            Los Arcos – Logronio

81            Logronio – Ventosa

82            Ventosa – Azofra

83            Azofra – Redecilla de Camino

84            Redecilla de Camino - Tosantos

85            Tosantos – Atapuerca

86            Atapuerca – Burgos

87            Burgos – San Bol

88            San Bol – Itero La Vega

89            Itero La VegaCarrión de Los Condes

90            Carrión de Los Condes – Terradillo de Los Templarios

91            Terradillo de Los TemplariosBercianos del Real Camino

92            Bercianos del Real Camino – Mansilla de Las Mulas

93            Mansilla de Las Mulas – León

94            León – La Virgen del Camino

95            La Virgen del Camino – St. Ibaniez de Valde Iglesias

96            St. Ibaniez de Valde Iglesias – El Ganso

97            El GansoRiego de Ambros

98            Riego de AmbrosCacabelos

99            CacabelosRuitelan

100          RuitelanTriacastella

101          TriacastellaBarbadelo

102          Barbadelo – Hospital de la Cruz

103          Hospital de la Cruz - Melide

104          Melide – Santa Irene

105          Santa Irene – Santiago de Compostela

26.02.2004 um 16:22 Uhr

Im Gehen erschafft man den Weg ....

Caminante, 
son tus huellas el camino, 
y nada más; 
caminante, 
no hay camino, 
se hace camino al andar. 
Al andar se hace camino, 
y al volver la vista atrás se ve la senda 
que nunca se ha de volver a pisar. 
Caminante, 
no hay camino, 
sino estelas en la mar. 

(Antonio Machado)

 

 

 

Wanderer, es sind deine Spuren, 
der Weg, und nichts weiter. 
Wanderer, es gibt keinen Weg; 
man erschafft den Weg im Gehen. 
Im Gehen erschafft man den Weg, 
und wenn man den Blick zurückwendet, 
sieht man den Pfad, 
den man nie wieder zu gehen haben wird. 
Wanderer, 
es gibt keinen Weg - nur Kielspuren eines Schiffes im Meer. 

(Übersetzung von B.Haab)

03.05.2002 um 16:49 Uhr

Etappe 22 - Melomenil - Darney

Etappe 22 - Melomenil - DarneyEinrücken

3. Mai 2002  mit Carmen

02.05.2002 um 16:48 Uhr

Etappe 21 Remiremont - Melomenil

Etappe 21  Remiremont -  Melomenil

2. Mai .2002  mit Carmen

01.05.2002 um 16:47 Uhr

Etappe 20 - St. Amé – Remiremont

Etappe 20   -  St. Amé – Remiremont

1. Mai  2002  mit Carmen

19.04.2002 um 16:45 Uhr

Etappe 19 Geradmèr – St. Amé

Etappe 19 Geradmèr – St. Amé

 

?? April 2002  - mit Carmen

 

18.04.2002 um 16:44 Uhr

Etappe 18 - Muenster – Geradmèr

Etappe 18  - Muenster – Geradmèr

 

?? April 2002  - mit Carmen

 

Am nächsten Morgen geht es Richtung Vogesenkamm. Kein so dolles Frühstück, und das wird mich den ganzen Tag noch quälen. Einkauf im Supermarkt und fortan wird das aus Carmen’s Rucksack lugende Baguette auf meinen Photos die Tageszeit anzeigen: nach dem Frühstück und vor dem Mittagessen.

 

Ein paar freundliche Menschen helfen uns auf den richtigen Weg, und von nun an geht es immer weiter, weiter bergauf, immer schöner werden die Rückblicke ins Tal und immer näher rücken die die Schneekuppen auf den runden Rücken der Vogesenbergen. Am Ende serpentienhaft steil, aber dann sind wir oben. Dann das Zeichen der GR 5 und wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Ein gutes Gefühl. Vom Rehazentrum oder Krankenhaus, das da ein wenig unpassend in die Lanschaft geklatscht wurde geht das letzte Stück Strasse ohne Anstieg entspanndend weiter.

 

Col de la Schlucht, ein tolles wenn auch zu teures Panaché, Picknick im Freien, köstliches Mittagessen. Dann geht der Weg weiter, wird stückweise zum Irrweg, wir keuchen eine Schipiste hoch und ich bin ziemlich sauer, auf Gott, die Welt und Carmen. Auch die schöne Landschaft nimmt man dann sehr viel weniger wahr, das Liebespaar mitten in der Einöde, das wir wohl in einem ziemlich wichtigen Moment stören.

 

Ganz lang wird der Weg nach Geradmer, die Füsse schmerzen und das Gemüt auch. Dann das Hotel, wie toll es sein kann, Schuhe, Strümpfe auszuziehen, eine Matratze unter sich zu spüren, die Glieder zu strecken und sich der Müdigkeit ganz hinzugeben.

 

Wir belohnen uns mit einem tollen Abendessen und dann ist der Tag vorbei; 600 Höhenmeter und nun liegen die höchsten Berge erst mal hinter uns, bis zum Sommer und zum Zentralmassiv werden wir uns nicht mehr so quälen müssen.

 

17.04.2002 um 16:42 Uhr

Etappe 17 - Colmar – Muenster

?? April 2002 - mit Carmen

 

 Schnell sind die dreieinhalb Stunden von Frankfurt nach Colar zurückgelegt- Wir finden einen Parkplatz in xxx. Am Fluss entlang beginnt unser Weg, durch den Frühling, der sich hier schon so richtig breit gemacht hat. Sind das denn wirklich Streifen von Schnee, ober auf dem Vogesenkamm?

 

Turkheim bereitet sich für die Saison des Seniorentourinmus vor und erstrahlt noch gelb im Osterschmuck. Schönes kleines Städtchen. Auf Zick – Zack –Wegen auf die südliche Seite des Münstertals, und dort werden wir dann mehr oder weniger für den Rest des Tages bleiben. Der Weg steigt nur langsam an, aber sehr mühevoll für eine mittelalte Inline – Fahrerin, deren Gesicht und Bewegungen deutlich ausdrücken wie anstrengend es sein kann, sich schnell zu bewegen um ja noch nur genauso schnell wie wir voranzukommen. Verbissenheit. Der Mann hingegen ganz elegant, viel müheloser und mit sehr viel weniger Kraftaufwand legt er den gleichen Weg zurück.

 

Mit ein paar Umwegen und Schnaufen erreichen wir den Ortsanfang von Münster, kein Turkheim, eher trist die ersten Häuser. Bein einem netten Türken stillen wir den grossen Durst, und vorbei an den Kirchen der Innenstadt und dem Ansehlichen Ortskern finden wir dann ein agnz ordentliches Hotel. Gutel Abendessen in der Pizzaria, auch die Italiener können guten Flammkuchen machen.

17.02.2002 um 23:47 Uhr

Etappe 16 - Rodern - Colmar

Sonntag 17 Februar , Carmen und Silke

 Tolles Frühstück. Der Wirt ist wohl extra aufgestanden, und so beginnen wir den Tag gut,  mit Kaffee, Croissants. Dann wieder in die Wanderschuhe, Richtung Ribeauville, weiter durch Weinberge, Waldstücke, auf und ab, bis wir Ribeuaville erreichen. Ein wirklich schönes, sehr sehenswertes Städtchen, die Läden und Cafes laden zu Schauen, Kaufen und Bleiben ein. Ich lasse mich von einer Keksbäckerei verführen und schliesslich trinken wir zwischen Zimmerpflanzen Kaffee, laufen durch die Altstadt und finden dann durch Seitenstraßen unseren Weg aus dem Städtchen heraus. Ganz schön touristisch muss es hier im Sommer zugehen. Vorbei an Hunawihr, bei weiter traumhaftem Wetter, ganz frühlingshaft ist es hier schon. Die ersten Knospen sind überall zu erkennen, und an vielen Stellen ist der Frühling deutlich weitere als im knapp 300 km nördlichen Frankfurt. In Riquewihr verstehen wir, warum das ein solch touristisches Kleinod ist, dieses voll erhaltene mittelalterliche Städtchen. Wir teilen  Brot, Käse und Paprika miteinander, in einer ganz gemütlichen Brotzeit.

Dann ziehen wir weiter, Richtung Colmar soll es gehen, so haben wir entschieden, weichen vom GR 5 ab, es ist Sonntagmittag und langsam müssen wir halt schon daran denken, wie wir wieder heimkommen wollen.

Weiter durch die Weinberge. Kientzheim, Weinstädtchen und eine Kreuzritterburg (Malteser). Bei Ammerschwihr schmerzen die Füsse, und wir erfahren, dass vom inzwischen festgelegten Tagesziel Turkheim wohl keine sehr guten Verkehrsverbindungen nach Colmar gehen. Also disponieren wir um, Carmen hält lange Gespräche mit ein paar lokalen Frauen und anderen Menschen, führt uns über einen steilen Berg, ich werde muffig, weil wir uns eher auf einer Tangente vorbei als gerade auf Colmar zubewegen. Als ob das etwas ausmachen würde.... Und es ist doch ganz sicher der schönere Weg, meine Füsse schmerzen.  Ich bin unleidlich, ein wenig müde und vielleicht auch ein wenig egoistisch, am Ende des Weges. Die beginnenden Woche macht sich in den Gedanken breit, all das was kommt, die anstehenden Reisen, Trennungen, auch der grosse Erwartungsdruck, der auf mir lastet. Schliesslich Colmar, und der Weg entlang der Strasse zieht sich. Als es immer länger durch die Stadt wird fällt uns ein Bus „geradezu vom Himmel“, biegt unschuldig um die Ecke, sammelt uns an einer Haltestelle auf, als sei es selbstverständlich, dass Sonntag in Frankreich laufend irgendwelche Busse auftauchen. Im Nullkommanichts sind wir in der Innenstadt, dann am Bahnhof, keine grossen Gedanken über die Schönheiten der Stadt. und ganz schnell sind wir auch in Celestat. Dort erwartet uns viel Faschingstreiben, Hunger, Streit über Kleinigkeiten, ein Taxi und dann irgendwann sind wir zurück in Dambach, finden unser Auto, Richtung Frankfurt. Und später, immer noch irgendwann ist dann ein langer Tag zu Ende, wir bereiten uns innerlich auf die Woche vor, kommen müde heim, spüren unsere Frustration darüber, das die schönen Dinge so schnell vorübergehen, darüber, wie wenig Zeit uns bei allem bleibt und überhaupt....

Bitte:

Gott, sei Du vor mir, um mir den Weg zu zeigen.
Gott, sei Du neben mir, um mich in deine Arme zu schliessen und mich zu schützen.
Gott, sei Du unter mir, um mich aufzufangen, wenn ich falle.
Gott, sei Du in mir, um mich zu trösten, wenn ich traurig bin.
Gott, sei Du um mich herum, um mich zu verteidigen, wenn andere über mich herfallen.
Gott, sei Du über mir, um mich zu segnen.

16.02.2002 um 23:49 Uhr

Etappe 15 Dambach - Rodern

Samstag 16. Februar  - Carmen und Silke

Was für ein schöner Tag, als sollten wir entlohnt werden, für das nasse Wegstück vor zwei Wochen. Wieder hat der Tag mit selbstgemachter Hektik begonnen, gegen die ich was tun muss. Als könnte man einfach so ab- und umschalten. Bis zum Brötchenholen geht es gut, dann bleibt mir innerlich nicht einmal richtig Zeit fürs Frühstück. Idiotisch und unnötig.

: "Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann ihn niemals ganz erfüllen. Seine Sehnsucht ist grösser. Im Grunde seines Herzens sucht er ruhelos den ganz Anderen und alle Wege, zu denen der Mensch aufbricht, zeigen ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott."

Schön gesagt. Weiß aber nicht so recht, wie das mit Gott ist, aber auf jeden Fall treiben mich Unruhe und Sehnsucht auf einem „steinigen“ Weg zu mir selbst..

Kaffee gab es diesmal, aber die Brötchen blieben liegen und das war natürlich schon traurig für die arme Carmen, nachdem wir sie essend beim Fahren begleitet haben und sie sich nach unserer Ankunft auf das Nutellabrötchen freute. Das holen wir dann in Chatenois (?) in einem Café nach . Um eins sind wir losgegangen, die Anfahrt wird schon immer länger. Wunderschöne Wege durch die Weinberge, Dieffenthal. Sonne, der wir entgegenlaufen. Und heute habe ich die neue Kamera dabei und brauch‘ gar nicht so viel aufzuschreiben. Ab heute soll es dann mehr und vor allem viele eigenen Bilder geben in meinen Aufzeichnungen.

So viel zu sehen und festzuhalten. Mit Bildern und mit dem Herzen. Ich wünsche mir so sehr, dass der Blick auf diesen Weg, die Rebstöcke, die Hügellandschaft des Weinlandes und die bewaldeten Vogesenberge bleibt in dem Stress, der mir ins Haus steht, nächste Woche. Und etwas von dem mörderischen Tempo und der inneren Zerrissenheit der letzten Wochen nimmt.

Die Vögel und das Versprechen auf einen schönen Frühling, das die ungezählten Knospen der Zweige abgeben. Die Jahreszeit der Hoffnung und ich hoffe so sehr, so sehr auf innere und ein Stück äußere Ruhe. Muss versuchen, nicht schon wieder auf diesem Weg die Koffer zu packen und nach Washington, Paris oder Abidjan zu reisen wie so oft in den letzten Nächten, wenn ich aufwache und die Maschinerie auf vollen Touren läuft.

Ab Chatenois immer bergauf. Die ersten Motorradfahrer machen Krach, da, wo der Wanderweg immer wieder mal die Strasse überquert. Ist alles eine Frage, auf welcher Seite man gerade steht.

Und die letzten 1,5 km sind die schlimmsten. Scheinen nicht aufzuhören. Dann die Koenigsburg, ein beeindruckendes Gemäuer. Noch höher als der Odilienberg scheint sie die Ebene und all die anderen Hügel zu überragen. Vorbei an Burgen läuft der Weg durch den Wald und kostet schon viel Schweiß und Anstrengung. Schon einiges, was ich da mit mir herumschleppe und auf diesen Berg trage.

Schließlich sind wir oben. Eine Riesenburg, völlig erhalten bzw. vom deutschen Kaiser Ende des vorletzten Jahrhunderts wieder aufgebaut. Aber geschlossen. Wir haben es geschafft hier oben anzukommen und grämen uns deshalb nicht über das leere Kassenhäuschen. Müssen bald weiter, es wird dunkel und bis dann sollten wir aus diesen Wäldern heraus sein.

Das mit dem Abstieg klappt dann doch nicht so, wir verlaufen uns nach einigen Diskussionen und intensivem Kartenstudium. Meine Füße schmerzen und ich freue mich aufs Ausruhen und den Abend. Wir schaffen es fast, beim Einsetzen der Dunkelheit die Felder und Weinberge erreicht zu haben. Taschenlampe iund die schmale Mondsichel helfen ebenso, wie ein provisorischer Wanderstock, den Silke für mich findet.

Am Ortsrand von Saint Hippolyte entscheiden wir uns, doch noch in der Dunkelheit weiterzulaufen. Wieder legen die Frauen den Weg fest und ich laufe hinterher. Bis wir nach etwas drei Kilometern in Rodern ein wirklich schönes “Schloessel“ (Hotel) finden und uns ganz spontan entschließen, dass der (Wander-) tag damit zu Ende ist.  Wie richtig diese Entscheidung war, sehen wir dann am nächsten Tag, denn bis Ribeauville war es dann noch ein gutes Stück.

Wir finden also Zimmer, Rodern heisst der Ort. Cremant d‘Alsace, viel besser als Champagner; dann guten Weisswein, eine schöne alte Gaststube mit Riesenkachelofen und den örtlichen Blutspendeverein bei seinem Jahresessen. Das halbe Dorf.

Der Fernseher hat mich gottseidank nicht erschlagen, als er nach einer Kopfnuss von seiner wackligen Halterung herunterfiel, und mitten in den Weinbergen finden wir dann endlich den verdienten Schlaf.

03.02.2002 um 23:40 Uhr

Etappe 14 Mont Saint Odile – Dambach

Sonntag 3. Februar, Carmen. Silke und Robert

"Gehen. Darum geht es. Ich gehe. Ich gehe auf Strassen. Ich gehe auf Feldwegen, ich gehe durch den Sumpf. Ich gehe auf Wegen aller Art. Ich gehe nicht irgend einen Weg. Ich gehe auf dem Jakobsweg." (Beat Sterchi )

 Silke und Robert hatten wohl ein Zimmer an der Westseite, jedenfalls hat der Sturm sie heute Nacht ziemlich wachgehalten. Keine Frage, der Wetterbericht hatte leider recht. Der Regen taucht die Landschaft in Nebel und die Wolken hängen ganz tief. Gutes Frühstück, wir packen uns ein und dann ziehen wir los. Durch den nassen Wald, die Bäume grün vermoost, fast ein verwunschener Zauberwald, und immer wieder ahnen wir, welch phantastische ausblicke es von hier oben bei schönerem Wetter geben muss.  Der Regen wird uns den ganzen Tag begleiten, mal stärker und mal schwächer, so dass ich die Mütze ausziehe und mich an der frischen Luft freue.

 Dann wieder mit starkem Wind von vorn, und irgendwann sind die Jeans feucht und werden nicht mehr trocken. In Barr (?) dann ein schön beleuchtetes Café, warmes Paradies, das wir mit unseren nassen Klamotten regelrecht besetzen und uns mit unserer Pfütze so ausbreiten, dass ich schon fürchte, der Besitzerin ist es zu viel.

Dann wieder hinaus in den Regen. Seltsam. Keiner mosert, Wir hatten es uns vorgenommen und nun machen wir es auch. An manchen Stellen wird es dann aber schon pitschnass und schließlich führt Silke uns in einen Weg, der sich immer mehr zum Bachbett entwickelt und wir im Wasser laufen müssen. Armer Robert mit seinen Turnschuhen.

Weiter, über  xxx und yyy führt uns der Weg, und am Nachmittag ist dann in Dambach La Ville Schluss für heute, wieder eine Kneipe, die wir in Beschlag nehmen. Ein Kaffee und dann mag ich gar nicht glauben, wie schnell das dann mit dem Taxis klappt. Zurück nach Obernai, und als nach zehn Minuten Fahrt die Heizung richtig gut funktioniert, geht es mir viel besser. Lang wird heute die Strasse nach Frankfurt, und nur der Gedanke an das tolle heiße Bad hält mich wach. Dann ist es wieder schön heimzukommen, die nassen Klamotten auszuziehen. Und es gibt es dann tatsächlich: das heiße Bad und das warme Gefühl, für heute angekommen zu sein. Tat gut mit Carmen, Silke und Robert, und es macht einfach Freude, auch ein Stück dieses Weges mit anderen Menschen zu gehen, die wichtig sind.

02.02.2002 um 23:34 Uhr

Etappe 13 - Obernai – Mont Saint Odile

Samstag 2. Februar , mit Carmen. Silke und Robert

Nach einem stressigen Vormittag dann – ohne den geliebten Kaffee – über die Autobahn nach Obernai. Es ist schon gegen 14:00 als wir ankommen und aufbrechen. Dicke Wolken über uns, und der Wetterbericht war eindeutig traurig. Aber vielleicht irren sie sich ja doch.

Schönes kleines Städtchen, wie so viele in dieser Gegend, wir geniessen den Weg, die Fachwerkhäuser, die Lädchen, Gugelhupf – Schaufenster und das alte Stadtbild.

Das Ziel liegt hoch oben auf dem Berg, noch ganz schemenhaft: das grosse Kloster Mont St. Odile. Wir besuchen die Kirche in Obernai und sehen Bilder und Statuen der Heiligen. Die Bibel in ihren Händen, ihre Augen geschlossen, und auf der linken Seite der Bibel ein Auge eingemalt. Es geht bei ihr nicht nur um körperliche Blindheit , sondern um seelisches Blind Sein. Motive, die sich wiederholen, das gleiche sehen wir auch in dem Kirchlein von Otrott. Keltischer Schamanismus und christliche Lehre haben sich hier vermischt. Ich wünsche mir Zeit, mehr darüber zulesen.

Vorbei am Bach, schöner Weg das Tal aufwärts, Bäume, ein schmaler Wanderweg. Bald werden wir auf den GR 5 stoßen, und diese einstelligen Grosswanderwege haben etwas besonderes, fast wie ein ehrfürchtiges Versprechen nach fernen Orten und Abenteuern  klingen ihre Namen, GR 5, GR 7, GR 3.

Ein Grab am Strassenrand, oberhalb Otrott , die Gedenktafel berichtet von der erschlagenen jungen K.S.. Und ich denke an die junge Frau in unserem Reisebüro, die Girlie – Klammern in ihrem Haar und wünsche ihr ein ganz langes Leben, an all die Leben auf dieser Welt, die so unnütz früh zu Ende gingen. Weiter.

Das Wäldchen mit Bäumen, die seit 1988 oder 89 dort von Liebespaaren gepflanzt werden, viele, ein ganzes Wäldchen. Manche wachsen gut, andere kraftlos. Weiter.

Wir steigen aufwärts, immer weiter lassen wir die Rheinebene zurück, immer näher rückt die imposante Bergspitze, die vom Kloster völlig umgebaut erscheint. Da oben haben wir ein Bett heute nacht, und das macht diese Bergspitze irgendwie vertraut. Eine nette Dame mit furchtbar schnellem Französisch hat die telefonische Reservierung entgegengenommen, mit einem Französisch, das so ganz unvermittelt ins Deutsch wechselte, wie bei Menschen, die in zwei Sprachen leben.

Dann wird es richtig wäldlich. Immer grösser werdende Steinformationen und schließlich, mit dem beginnenden Regen, stehen wir vor dem  Kloster und entgehen gerade noch Windböen und Regenschauern. Beeindruckende Mauern und Gebäude. Uns friert, aber trotzdem machen wir noch eine Tour um die Bergspitze.  Unter uns das Rheintal. Von da unten sind wir also aufgestiegen, mehr als 700 Meter ist es hier oben hoch. Beeidruckend die Mosaikkapellen, die man für einen Francs zu, Leuchten bringen kann. Glitzernde goldene Steinchen.

Einchecken, Pause und dann ein Abendessen in einem der grossen Speisesääle, nicht schlecht aber auch nichts aufregendes, der Wein ganz gut. Mehrheitsbeschluss musste er rot sein. Laut ist es. Die etwas unsicheren scheinenden Bedienungen  bewegen sich wie Hotelschülerinnen im ersten Jahr.

In der Kirche beten ein paar Männer den Rosenkranz, und später lerne ich, dass sie das seit 1937 tun, Männer aus dem Elsass, ohne Unterbrechung, Tag und Nacht. Das beeindruckt mich sehr, und am nächsten Morgen nach dem Frühstück überzeuge ich mich, dass sie immer noch beten, und so ist es dann auch, auch wenn es eine andere Gruppe ist.

Der Wind pfeift um die Gemäuer und entwickelt sich zum Sturm. Aber die Fenster sind dicht und die Zimmer und die Herzen ganz warm.

12.01.2002 um 23:18 Uhr

Etappe 12 , Strassbourg - Obernai

Samstag, 12. Januar 2002,  allein ,  ca. 43 km;  Gehzeit, ca. 9  Stunden

An diesem Samstag klingelt der Wecker 20 nach 5, nach nur ca. dreieinhalb Stunden Schlaf. Den Zug werde ich nicht mehr schaffen, also Auto. Durch den Nebel Richtung Süden, anstrengend, aber ich fühle mich trotz der kurzen Nacht ganz frisch.

 Landstraße, einsam und neblig, auf die französische Seite wechseln, der Rhein nicht zu sehen, dann wieder Autobahn, an Haguenau. All das bin ich gelaufen. Die Raffinerie bei Reichstett, eine vertraute Dreckschleuder.

 Ich finde den Bahnhof schnell und sogar ein billiges Parkhaus. Nach einem Ausflug in den Bahnhof beginnt mein Weg für heute. Geschmückt mit meiner Jakobsmuschel aus Spanien fühle ich mich wie ein bekennender Pilger oder so. Ein paarhundert Meter, unter der für Auto gesperrten Durchfahrt nach Koenigshoffen, auf die kleinen Wege am Fluss oder Kanal südwärts, und schließlich stoße ich auf einen markierten Radweg. Der bringt mich , immer am Fluss entlang, auf den Wanderweg mit der roten Raute, Anfang des Sentier Stanislav Kleber, der bis nach Nancy geht. Darum schön markiertes Rad- und Wanderwegenetz mit Nahmen wie Piste de quatre Rivères, Piste de Canal de la Bruche oder den Namen früherer Tour de France Gewinner. 

Ich bin am Ufer der Bruche und die wird mich die nächsten 20 km begleiten. Vereiste Flächen und Schnee wechseln mit Asphalt, immer den Fluss entlang,  die Schleusen verlassen oder abgebaut, ein Treidelpfad auf dem ich laufe. Mal langweilig gerade, mal elegante Kurven. Regelmäßig einige Läufer, in eng anliegenden Laufkostümen, modisch, Walkman, keuchend und respekteinflößend, sich an diesem feucht – kalten Samstagmorgen auf die Laufpiste zu begeben. Ein Wanderer überholt mich, so was seltenes, und da wir die gleich Geschwindigkeit haben, begleiten wir uns für die nächsten drei Stunden mit ein paar Meter Abstand. Ganz gutes Gefühl, für einige Zeit hinter jemand zu laufen.

Dann bin ich wieder allein, der Nebel wird dichter, kaum weiter als 50 Meter zu sehen. Die Landschaft wird seltsam unwirklich, die Weiden am gegenüberliegenden Ufer sehen aus, als könnten sie sich jederzeit in Feen oder Hexen verwandeln; Gedanken an Hamlet und Rilke: „Seltsam ist es, im Nebel zu wandern...“.

Auf solchen Wegen verbindet sich Äusseres mit Innerem, manchmal, nicht immer. Heut früh ist dieser Nebel und diese stille Welt mein Leben, .............

Der nahe Flughafen macht sich bemerkbar, bis zur Piste sind es bei Hangbieten kaum 2 km, dann verliert sich das Dröhnen der Turbinenmotoren langsam wieder im Nebel. Immer wieder Häuser und kleine Dörfer am anderen Ufer, Mühlhäuser und Bleichen, die längst von irgendwelchen wohlhabenden Straßburgern oder Flugkapitänen aufgekauft wurden, die die Stille am Fluss genießen wollen. Auch ein paar alte Fabriken, und eine moderne Müllverbrennungsanlage schmücken den Weg, aber die verlieren sich schnell im dichten Dunst..

Hier schlagen die Kirchenglocken noch die Zeit an, und dreimal an diesem Tag klingt es magisch durch den Nebel. Meine Uhr, mein Metronom für diesen Tag. Wäre der Zug heute abend ab Obernai nicht, dann wäre das alles, was ich an Zeitmessung brauche. Raben und Enten sind die anderen Begleiter an diesem Morgen.

Dann bei Ergersheim verlässt der Wanderweg den Fluss. An einer kleinen Industrieansiedlung vorbei, eine Riesen – Hühnerfarm. Totenstille hinter den Fabrikmauern, Hähnchenzucht wahrscheinlich bei Mozartmusik, der lachende Hahn auf dem Logo ist widerlich. Es geht über Felder und verschneite Wege, die in den letzten Tagen außer Rehen und Hunden wohl niemand benutzt hat. Die Fichtenzweige, die an manchen Stellen tief herunter hängen, müssen lecker schmecken.

Ich komme nur langsam voran,. Es  taut, und ab und zu platscht mir von einem Baum ein Schneeklumpen auf die Mütze oder den Anorak. Dann hat die Sonne den Nebel verdrängt und strahlend weiße Schneefelder liegen vor mir. Der Wanderweg führt mich zum Dompeter („Domus Petri“), der ältesten Kirche des Elsaß, die es wohl schon seit dem 9. Jahrhundert gibt. Mitten auf einem riesigen Schneefeld gelegen, überraschenderweise sind die Türen sind offen und mache eine kurze Rast in der kalten Kirche, nehme ein Informationsheft mit das ich später lesen will. Die Postkarten biegen sich in der feuchten Kälte. Draußen in der Strahlen hellen Sonne fühle ich mich besser, denke an Herman van Veen’s Gedicht über Gott und den Kollegen Teufel.

Die Wanderwegmarkierung verliert sich irgendwie, und ich finde mich schließlich am Ufer der Bruche in dickem Unterholz, tapfer den paar Spuren von Stiefeln und Hunden folgend und in der Hoffnung dann doch irgendwann ein Brücke zu finden und nicht den ganzen Weg zurück zu müssen. Krabble unter umgestürzten Bäumen durch (wenn ich mir jetzt ein Bein breche, dann funktioniert das Handy, hoffentlich....), aber dann liegt sie vor mir, die Brücke und sieht aus wie die Holzbrücken in „Die Brücken am Fluß“.

Auf dem Damm geht es dann nach Molsheim, mit seinen (viel zu) großen Kirchen, Jesuitenzentrum, Schule, Universität und ein ganz netter Altstadtkern, wie viele der Orte in dieser Gegend. Rast in einem Salon du Thé, ein Baguette mit Schinken und ein Café au Lait, dann geht es mir besser. Aber der zweite Teil der Tages liegt ja noch vor mir, und meine Beine und Füße schmerzen ordentlich. Ich spüre die mangelnde Kondition. Montiere aber stolz meinen Schrittzähler am Gürtel und werde fortan gelaufene Kilometer und verbrauchte Kaloien zählen lassen.

Ich laufe zum Bahnhof und sehe dann auf der Karte eine Kapelle St. Jaques, also ein Stück Richtung Westen, eine nette Dame zeigt mir den falschen Weg und all das endet in einem sechs oder sieben km langen Umweg, da es zwischen Molsheim und Mutzig keine einzig Brücke über die ziemlich reißende Bruche gibt. Puh, so fühle ich mich. Laufen, laufen. Mit der Kapelle aber ist es dann für heute nichts geworden.

Weiter über Dorlisheim, von dort nach einer freundlichen Auskunft ein breiter Feldweg nach Rosheim, Wanderwegmarkierungen finde ich überhaupt keine mehr. Von Rosheim dann immer der Straße nach Richtung Bischofsheim und schließlich, langsam und fast humpelnd, in völliger Dunkelheit die letzten fünf Kilometer nach Obernai. Mit der Taschenlampe fuchtle ich entgegenkommenden Autos entgegen. Aber kurz bevor es dunkel wurd, sind die Vogesen aus dem Dunst aufgetaucht, und sie beeindrucken mich wegen ihrer Höhe und Mächtigkeit. Da will ich hoch? Die Gedanken daran und an die Berge und Landschaften (am Ende der mir „bekannten“, d.h. bereisten  Welt), die mich hinter diesen  Bergen erwartet, halten mich am Laufen.

Durstig komme ich in Obernai an. Zivilisation, ein Supermarkt; ein Pampelmusensaft und Werthers Echte Karamellbonbons, der helle Bahnhof, Kreditkartenterminal und supermoderne Vorstadtzüge. Strassbourg, Parkhaus, ich friere wie ein Schneider und genieße den Moment unterwegs, wenn die Heizung so richtig warm bläst. Freue mich auf zuhause, ein Bad und einen warmen Tee.

 

24.12.2001 um 22:30 Uhr

Etappe 11 - Haguenau - Straßbourg

Etappe 11 - Haguenau – Straßbourg - Montag, 24. Dezember  2001 ; Allein ; Ca. 36 km

„Eine Sehnsucht ist wie eine Vision ohne Bild. Wenn sie stark ist, hat sie eine ungeheure Kraft. Man wird von ihr förmlich angezogen. Sie lässt einem nicht mehr los. Man muss ihr folgen, koste es was es wolle. Der Camino de Santiago wird als der Weg der grossen Sehnsucht bezeichnet, weil dieser Weg Menschen anzieht, die etwas suchen.“

Es soll in manchen Orten  in Deutschland die kälteste Nacht seit Menschengedenken gewesen sein, sagt das Radio. Nach meiner Nacht im Auto((am Vortag war ich von Soultz les Forêts  nach Haguenau gelaufen) hatte ich  abends vergeblich ein Hotel gesucht, bin an vereisten Hotel – Selbstbedienungs – Kreditkartenterminals gescheitert, hab an Maria und Josef gedacht, denen es ähnlich ergangen sein muss. Dann schließlich in der Nähe von Saverne auf einem Raststättenparkplatz bei laufendem Motor habe ich in meinem kleinen Auto übernachtet. Aufwachen, Wärme, die Glieder schmerzend. Der Weg über den vereisten Parkplatz; eisige Kälte. Einen Espresso aus dem Automaten in der Raststätte, kaltes Wasser ins Gesicht. Reprendre la route. Um halb acht komme ich an diesem 24. Dezember in Haguenau an.
Es ist noch ganz dunkel. Die letzte Etappe für dieses Jahr ! Immer noch minus sechzehn Grad kalt, sagt das Thermometer  an der Apotheke gegenüber dem Parkplatz, also zwanzig oder mehr da  draußen auf den Feldern und in den Wäldern, die zwischen hier und Straßburg liegen. Aber die Sonne soll scheinen heute, und so freue ich mich auf das Licht und die Landschaft.

Stelle das Auto in der Nähe von etwas ab, das ich für den Bahnhof halte. Ohne Frühstück gehe ich los, frage ( Gott –sei -Dank diesmal) nach dem Weg und laufe dann in die richtige Richtung. Ob ich es schaffe? Auf der Karte sieht es elendig weit aus.

 

In einem Supermarkt kaufe ich ein Croissant, wie lecker, das so aus dem Handschuh zu essen. Vorbei am Krankenhaus von Haguenau, Vorortstimmungen  und dann nach Wienumshof, wo wieder der Wald beginnt. Vereiste Straße mit den Autos, die  ganz nah vorbeibrettern, immer wieder muss ich ausweichen. Schließlich komme ich nach Weitbruch. Aber auch hier immer noch kein heißer Kaffee, also weiter durch den Ort. Wieder frage ich nach dem Weg und man rät mir entlang der Nationalstraße zu laufen, über Brumath, Vendenheim etc. Aber davor habe ich bei diesem Wetter einen Horror. Laufe aber erst mal  los, und es sind schon ein paar lange Kilometer bis in die Nähe von Brumath. Dann biege ich von der Straße mutig ab auf den unerwartet auftauchenden markierten Wanderweg. Die Markierung lässt vertraute Gefühle aufkommen, aber bald verliert sie sich wieder. Die Abzweigung nach rechts verpasst, Richtung Brumath. Aber das wäre ja auch Westen, und ich will doch in den Süden, keine Umwege.

 Helles gleißendes Licht auf weiten Schneefeldern, so hatte ich es mir vorgestellt, die Einsamkeit des Wanderers. Es brennt in den Augen ,das Licht. Die  weite Landschaft und rechts die Vogesenberge. Nächstes Mal muss ich eine Schneebrille mitnehmen.  Es geht langsam voran in dem Schnee, aber es geht. Tolle Schuhe habe ich!

Ich riskiere es dann doch nach Geudertheim zu laufen, lieber an der Raffinerie vorbei (die in der Karte groß, mächtig und hässlich aussieht)  als die Nationalstraße mit den heiligabendgehetzten Franzosen in ihren schnellen Autos. Beginne, nach der Kathedrale Ausschau zu halten .Eigentlich müsste sie jetzt zu sehen sein.  Versuche sogar, sie mit dem Kompass auszumachen. Aber vergeblich, in dem Dunst am Horizont sind nur Schemen zu erkennen, eine der schönsten Kathedralen der Christenheit, ein Getreidesilo, ein Schonstein, die Raffinerien ? Nichts genaues t zu erkennen. Also weiter, immer Richtung Sonne.

In Geudertheim finde ich dann – oh Wunder – völlig unerwartet - als einziger Gast in einer Kneipe- immer noch am Vormittag -  einen frischen Café au Lait. “ So weit her... “  komme ich,“...  und nach Straßburg... maon Dieu!...“ ; ich weiß die Dame glaubt mir nicht so recht, und ich sehe ja vielleicht auch ziemlich abenteuerlich aus, in meiner Vermummung und all den Schichten, aus denen ich mich schäle. Ja, der Weg durch den Wald sei begehbar (von der Autobahn an der alle Waldwege enden, sagt sie nichts). Wo es denn hingeht, und als ich mutig und sogar ein wenig stolz  „Santiago de Compostella“ sage, bleibt sie unberührt, so als läge das hinter Molsheim oder Drachenbronn les Bains oder Kehl am Rhein oder Brumath. Bis Eboli oder in andere Gefilde  ist sie sicher nicht gekommen,  und das Grab des Heiligen sagt ihr wahrscheinlich gar nichts. Erwachsen und müde  wie sie aussieht, hat es ihr  wohl bisher auch  nichts gefehlt in ihrem elsässisch – dörflichen Leben, oder sie hat längst vergraben, was ihr fehlt . Wir reden über die Unterschiede zwischen deutschen und französischen Weihnachtsbräuchen und ich lerne, dass der Heiligabend im Elsass die gleiche Bedeutung und die gleichen Riten  hat wie bei uns.

Heute  ist Heiligabend und einer der ersten, die ich allein verbringe, außer den Nächsten mit Nachtdienst im Krankenhaus oder im Wehrdienst. Ich denke an die Heiligabende zuhause, die Hektik, den unvermeidlichen Ehekrach meiner Eltern, den Geruch nach Fichtennadeln und Geschenkpapier und nach Braten und Rindfleischsuppe. Die Aufbauarbeiten im Wohnzimmer, die wir Kinder nicht sehen durften. Die Bibelstelle und dann las mein Vater (oder später ich) aus „Letzte Briefe aus Stalingrad“, über die Heilige Nacht im „Stahlgewitter“ und der Hoffnungslosigkeit des verlorenen großen Krieges (den ich nur aus „am stillen Strand der Spree...“, Zentner’s „Der zweite Weltkrieg“ und schlechtem Volksschul – Geschichtsunterricht kannte, und all den Geschichten bei den Familiengeburtstagen, Jahr für Jahr immer die gleichen.  Aber die Brief aus Stalingrad, die mochte ich, die Gedanken von Menschen voll Sehnsucht nach Frieden und Ruhe und daheim-Sein und Liebe.

Dann die Geschenke, das Auspacken, das Essen soviel ich mochte.

Später habe ich meine eigenen Weihnachten gestaltet, die Bibelstelle gab es immer noch, aber gelesen aus Ernesto Cardenal’s  „Evangelium der Bauern von Solentiname“. Die Geburt Jesus wurde zum Symbol, Er, geboren in Armut setzte sein Zeichen damit; „... nicht in den Salons Managuas...“, sondern in einer Krippe, einem Schuppen, einer Scheune in Judäa, im Senegal oder in Guatemala.

„Und als sie in Bethlehem waren, kam die Zeit, dass Maria gebären sollte, Und sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten keinen Raum in der Herberge.“ ....  „Es ist Mitternacht, und wir feiern in der kleinen Kirche von Solentiname die Weihnachtsmesse. Am Vortag wurde Managua durch ein Erdbeben zerstört. Ich sage dass dort der größte Reichtum des  Landes angehäuft war, neben dem größten Elend des Landes....“

Die Diskussion der Bauern über die Weihnachtsgeschichte gehörte für mich immer zu dem schönsten, was der große Dichter aufgeschrieben hat. Sie gab „Weihnachten“ für mich einen Sinn, den ich früher nicht kannte.

Heute Abend werde ich mich allein fühlen. Hätte Lust, Arafat eine trostvolle email zu schicken und denke dann an all die Schuld, die auch  er auf sich geladen hat. Heiligabend  2001.  Wieder wandere ich in Gedanken durch die Straßen von Hanoi, wie am Abend des 11. September. Und finde mich südlich von Haguenau im Schnee.

Nun beginnt unerwartet ein wunderschöner Weg, am Waldrand, rechts weite Felder, links der tiefverschneite Wald. Ich habe eine Begegnung mit einem kleinen Lieferwagen, der fünf große Schäferhunde rauslässt und halte mich sehr zurück, denke an Spanien und all die wilden Hunde  und wünsche mir einen  Stock, obwohl mir der bei fünf solcher Monster auch nicht helfen würde. Sie scheinen Spaß zu haben, auf den verschneiten Feldern herumzujagen, und wehe dem Hasen, der ihnen in die Quere kommt.  Und dann verschwindet  die kleine Karawane westlich, Wieder habe ich den Wald und die Wiesen wieder ganz allein für mich, das Knirschen meine Schuhe im Schnee das einzige laute Geräusch an diesem Mittag.  Immer tiefer gehe ich  hinein in die winterliche Waldlandschaft, Szenen aus „So weit die Füße tragen“ - Stimmung. Immer wieder Karte studieren und bei dem gleißenden Licht geht das heute ohne Lesebrille. Ich bleibe auf den Wegen mit zumindest einigen Spuren:  Schlitten, Winterschuhe,  Autos.  Habe Hunger und Durst auf einen anderen Kaffee.

Dann ist die Zivilisation wieder nahe, zumindest laut Karte. Nach  ein paar hundert Metern  in die falsche Richtung finde ich den richtigen Weg, stoße auf die eingezäunte schnurgerade Bahnlinie, die den Wald durchschneidet und ein aufgebrochenes Türchen, klettere über die Gleise und da kommt auch schon ein Personenzug laut pfeifend angebraust. Ich verschwinde im Wäldchen und fühle mich, als ob ich ein kleines Verbrechen begangen hätte. Mache mir dann „unbestraft“ wieder Gedanken über die Autobahn, die vor mir liegen muss und entscheide mich, nach der Landstraße Richtung Osten zu suchen. Die ist streckenweise total vereist, so dass ich ganz vorsichtig gehen muss und das Gefühl habe, kleben zu bleiben. Dann die Raffinerie und die Autobahn gleichzeitig und hässlich vor mir, nach den Wäldern ein ganz unpassendes Bild. Die Menschen hetzen die Straße entlang in Richtung „Stille Nacht“. Ver-rückt. Ich denke nach über Zivilisation und wie weit – und wie weit nicht – wir uns wohl dem entziehen können.

An der Raffinerie vorbei, dann eine vielbefahrene Straße, Kreisverkehre durch die ich mich hindurchklettere, immer wieder in den Schnee ausweichen und da ist schon das erste warme Zeichen der Zivilisation, eine warm – beleuchtete Tankstelle, direkt hinter der Raffinerie. Bei der ist allerdings die Heizung ausgefallen. Ich trinke einen Milchkaffee -  was für eine Köstlichkeit -  und esse das wohl leckerste Baguette Käse – Schinken des Jahres oder des Jahrzehnts. Mit schmerzenden Füßen, aber es hält sich in Grenzen.

Dann bin ich auch schon in Reichstaett, frage mich durch; ein paar freundliche Jugendliche draußen, denen die häusliche Hektik wohl stinkt. „Zu Fuß nach Straßburg...“, „..mais c’est trop loin....“ (noch 8 km) und innerlich lächle ich stolz, wenn ich an die wohl schon über dreißig heute gelaufenen denke. „Die Bushaltestelle ist gleich um die Ecke...“.

Ich laufe weiter und mag die Teerstraße nicht. Bürgersteige, Radwege, es geht. Souffelweyersheim, Hoenheim, Schiltigheim, geschäftiges Treiben überall, die letzten Weihnachtseinkäufe, manche Geschäfte schließen schon. Nette kleine Orte, gern würde ich am Kanal entlang laufen,  aber bei dem Schnee wohl kaum machbar.  Eine große Brauerei und dann das Stadtschild „Straßburg“. Das ist schon bewegend, daran vorbeizugehen, Zucken in den Augenwinkeln.Der Großstadtverkehr nimmt mich auf, ich laufe ein paar Ausfallstraßen entlang, dann bin ich in der Innenstadt, wieder ein nordafrikanisches Lokal für einen Kaffee, dann die letzten zwei Kilometer bis zur Kathedrale. Ich gehe herein, ruhe, bete, aber es ist zu laut, zu geschäftig, zu viele Touristen, das ist kein Haus Gottes sondern ein Museum. Keine Rast für Pilger. So wird es mir wohl auch in Santiago gehen. Wie auch immer . Ich bin an meinem  Ziel.

Der bekannte Weg zum Bahnhof sieht heute anders aus. Und das Laufen fällt schwer. Keine Lust auf den berühmten Weihnachtsmarkt, ich bin müde und nun will ich ins Warme, suche ein Zuhause. Ich bekomme gleich einen Zug und dann bin ich schon wieder in Haguenau. Suche eine Zeitlang mein Auto (es war nämlich gar nicht er Bahnhof heute morgen), und dabei beginnt es zu schneien. Weiße Weihnachten ,schön,  auch wenn ich mich sehr mühsam über fast leere Autobahnen nach Frankfurt quäle. Um 20 Uhr an diesem Heiligabend sitze ich in der Badewanne und lasse den Tag und die Schmerzen in den Muskeln wirken. Denke nach über den Weg bisher und was noch vor mir liegt, die Vogesenberge und das Burgund und das Tal der Loire, Taize und Cluny und das Zentralmassiv und Le Puy und ....


Seine Dornenkrone
Nahmen sie ab.
Legten ihn ohne
Die Würde ins Grab

Als sie gehetzt und müde
Anderen Abends wieder zum Grabe kamen
Siehe, da blühte
Aus dem Hügel jenes Dornes
Samen.

Und in den Blüten, abendgrau verhüllt
Sang wunderleise
Eine Drossel süss und mild
Eine helle Weise.

Da fühlten sie kaum
Mehr den Tod am Ort
Lächelten im hellen Traum
Gingen träumend fort.

Bertolt Brecht

23.12.2001 um 23:13 Uhr

Etappe 10 Soultz sous Forêts - Haguenau

Sonntag, 23. Dezember 2001, mit Carmen, ca. 20 km

 Spät sind wir dran, und ich kämpfe schon etwas mit dem Gefühl, auf dem Weg nicht recht voranzukommen, dabei liegt es doch ganz allein bei mir. Nach einer Woche voller Stress, Frust und Anspannung alles auf einen Tag zu packen, das kann einfach nicht klappen. Umzuschalten, Einstellen, Einstimmen, Loslassen, das bracht Zeit und Geduld, das braucht seinen Weg. Ich muss versuchen, längere Etappen zu machen. Die wachsende Entfernung wird das ja auch mit sich bringen.

 Auf den verschneiten Strassen und mit der defekten Scheibenwaschanlage dauert es dann bis fast halb zwei, bis wir in Soultz losgehen können. Das Anziehen der  Wanderschuhe ist schön, und schließlich loszulaufen, das alles versöhnt mich ganz schnell mit mir selbst. Wir nehmen die kleine Landstraße nach Surbourg, und dann beginnt der große Wald um Haguenau, wo wir unsere Erfahrungen mit begehbaren Wegen und Spuren im Schnee machen. Die Hauptstraße wäre unsäglich, und so wagen wir uns in den Wald. Genießen die Stille abseits der Straße. Fahrzeug- und Gehspuren weisen die Wege aus, je mehr umso wahrscheinlicher, dass sie irgendwohin führt. Im Sommer alles kein Problem, aber bei dem dicken Schnee...  Ein paar Umwege und eine Sackgasse, die vor einem Bach an undurchdringlichem Dickicht endet. Vorbei an der Bahnlinie, und schließlich finden wir durch den Rat eines freundlichen Paares unseren schönen Waldweg, der uns direkt bis an den Stadtrand von Haguenau führt. Erstaunt bemerken wir, dass die Supermärkte an diesem Sonntag offen haben, auch die Geschäfte. Durch die weihnachtliche Stadt mit der schönen Altstadt, bunte Lichter, Suche nach Kaffee, aber alle Läden schließen gerade und die Bistros auch, schließlich einen Instant -  Glühwein beim Türken. Dann schnell zum Bahnhof und wir sind beide ganz frustriert, dass es so schnell gehen muss. Aber beim leckeren griechischen Essen in Wörth versöhnen wir uns mit dem Tag und nehmen in Karlsruhe am Bahnhof Abschied voneinander.

 Für mich ist der Tag und der  „Weg“ noch nicht zu Ende, ich suche vergeblich mit viel Fahren auf abenteuerlich glatten Straßen über Strassburg und Haguenau ein Hotel, scheitere schließlich an vereisten Kreditkartenterminals und schlafe dann auf einem Parkplatz bei Saverne, geliebtes kuscheliges Auto, die Heizung läuft und draußen so was wie 20 Minusgrade. Und auch für Carmen wird es eine kurze Nacht werden, die fliegt morgen Heiligabend nach Spanien zu ihrer Mutter. Ob ich es morgen schaffe, mein Ziel für dieses Jahr zu erreichen?

14.12.2001 um 23:10 Uhr

Etappe 9 - Von Wissembourg nach Soultz sous Forêts

Freitag, 14. Dezember 2001,  allein,  ca. 24 km

Einen Tag nach meiner Rückkehr aus Afrika, den Kopf noch voller Bilder und Eindrücke,  könnte der Kontrast nicht größer sein. Auf verschneiten Feld- und Waldwegen über Landstrassen führt mich mein Weg weiter. Es ist schön, dieser Wechsel und gleichzeitig mute ich mir zuviel zu, wenn ich erwarte, dass sich das Gefühl der „Pilger- Sein“ auf Anhieb einstellt. Vor mir liegt eine extrem stressige Zeit.

Das Auto parke ich am Bahnhof von Wissembourg. Ein tolles Gefühl, die Wanderschuhe anzuziehen. Dick verpackt, Mütze, Handschuhe und später am Tag noch die Daunenjacke. Muschel und Kompass umgehängt, die Kamera und dann sehe ich wohl aus wie ein Südpolforscher.

Nach ein paar Minuten kommen die ersten Wanderwegmarkierungen und schnell geht es bergauf über Felder, vor mir liegen die Berge; fast wie der Pfälzer Wald, hier also fangen die Nordvogesen an. Ich mache ein paar Photos. Das Forsthaus von Scherhof, und dann bin ich im wunderschönen Wald, erinnere mich an die Etappe nach Neustadt. Am Col de Pigeonier mach ich die erste Rast in der Schutzhütte des Vogesen – Wanderclubs, ein kalter Raum mit einem mächtigen Ofen, Kerzenreste, Tisch, Bank, aber viel zu kalt zum sitzen, alles etwas kühl und fremd wirkend; solche Räume sollte man mit einem anderen Menschen betreten, sonst wirken sie un-heimlich. Aber die Brote schmecken köstlich, ich rufe Carmen an (irgendwie seltsam, das Handy in dieser Umgebung anzumachen) und studiere lange die Karte um die nächsten Abschnitte zu planen. Ich laufe ein paar km auf dem GR 53 weiter, schöner Weg und ein gutes Gefühl, auf einem der großen französischen Wanderwege zu gehen. Ob ich mein Ziel erreiche? Trotz der Kälte ist mir im Wald schön warm, außer am Kopf, wo ich unter der Mütze kräftig schwitze.

Abwärts, südlich des Col du Pfaffenschlick, über die Maginotlinie mit ihren (gar nicht so alten) Festungsbauwerken, die seltsam – anachronistisch aus Europa - Land ragen. Weiter nach Drachenbronn mit seiner wechselvollen Geschichte. In Birlenbach finde ich dann eine unfreundliche Kneipe, aber immerhin einen Glühwein und die Ankündigung eines Kesselfleisch – Essens an irgendeinem Samstag. Weiter durch die Kälte, und an manschen Stellen ist der eiskalte Wind so stark, dass es mich mächtig friert.

Schließlich entlang der gar nicht schönen Landstrassen nach Schoenenbourg und weiter dann nach Soultz sous Forêts, das ich am späten Nachmittag erreiche. Der Bahnhof ist richtig einladend warm, und schließlich kommt nach halbstündiger Verspätung auch der Linienbus, der mich nach Wissembourg zurückbringt. Dort kaufe ich Käse und Brot für den Abend und das Wochenende, und dann geht es über die Autobahn zurück nach Frankfurt und in die Bürohektik der Vorweihnachtswoche.

14.11.2001 um 22:26 Uhr

Etappe 9 - Wissembourg  Soultz sous Forêts

Etappe 9  - Wissembourg  à Soultz sous Forêts - Freitag, 14. Dezember 2001 Allein Ca. 24 km

 
Einen Tag nach meiner Rückkehr aus Afrika, den Kopf noch voller Bilder und Eindrücke,  könnte der Kontrast nicht größer sein. Mein Gott, was für ein Unterschied, so viele Universen beinhaltet diese kleine Welt. Auf verschneiten Feld- und Waldwegen über Landstrassen führt mich mein Weg weiter. Es ist schön, dieser Wechsel und gleichzeitig mute ich mir zuviel zu, wenn ich erwarte, dass sich das Gefühl der „Pilger- Sein“ auf Anhieb einstellt. Vor mir liegt eine extrem stressige Zeit. Und der ungefühlte Stress, diese meine Welten immer wieder zusammenzubringen, Kohärenz zu spüren zwischen dem, was meine Lebenswelt ausmacht, all diese Universen und Fluchten.

 Das Auto parke ich am Bahnhof von Wissembourg. Ein tolles Gefühl, die Wanderschuhe anzuziehen. Dick verpackt, Mütze, Handschuhe und später am Tag noch die Daunenjacke. Muschel und Kompass umgehängt, die Kamera und dann sehe ich wohl aus wie ein Südpolforscher.

 Nach ein paar Minuten kommen die ersten Wanderwegmarkierungen und schnell geht es bergauf über Felder, vor mir liegen die Berge; fast wie der Pfälzer Wald, hier also fangen die Nordvogesen an. Ich mache ein paar Photos. Das Forsthaus von Scherhof, und dann bin ich im wunderschönen Wald, erinnere mich an die Etappe nach Neustadt. Am Col de Pigeonier mach ich die erste Rast in der Schutzhütte des Vogesen – Wanderclubs, ein kalter Raum mit einem mächtigen Ofen, Kerzenreste, Tisch, Bank, aber viel zu kalt zum sitzen, alles etwas kühl und fremd wirkend; solche Räume sollte man mit einem anderen Menschen betreten, sonst wirken sie un-heimlich. Aber die Brote schmecken köstlich, ich rufe Carmen an (irgendwie seltsam, das Handy in dieser Umgebung anzumachen) und studiere lange die Karte um die nächsten Abschnitte zu planen. Ich laufe ein paar km auf dem GR 53 weiter, schöner Weg und ein gutes Gefühl, auf einem der großen französischen Wanderwege zu gehen. Ob ich mein Ziel erreiche? Trotz der Kälte ist mir im Wald schön warm, außer am Kopf, wo ich unter der Mütze kräftig schwitze.

 Abwärts, südlich des Col du Pfaffenschlick, über die Maginotlinie mit ihren (gar nicht so alten) Festungsbauwerken, die seltsam – anachronistisch aus Euro-pa - Land ragen. Weiter nach Drachenbronn mit seiner wechselvollen Geschichte. In Birlenbach finde ich dann eine unfreundliche Kneipe, aber immerhin einen Glühwein und die Ankündigung eines Kesselfleisch – Essens an irgendeinem Samstag. Weiter durch die Kälte, und an manschen Stellen ist der eiskalte Wind so stark, dass es mich mächtig friert.

 Schließlich entlang der gar nicht schönen Landstrassen nach Schoenenbourg und weiter dann nach Soultz sous Forêts, das ich am späten Nachmittag erreiche. Der Bahnhof ist richtig einladend warm, und schließlich kommt nach halbstündiger Verspätung auch der Linienbus, der mich nach Wissembourg zurückbringt. Dort kaufe ich Käse und Brot für den Abend und das Wochenende, und dann geht es über die Autobahn zurück nach Frankfurt und in die Bürohektik der Vorweihnachtswoche.