Plunderherz

06.05.2006 um 18:44 Uhr

Der Wille zur Nacht

Nietzsche soll seit 100 Jahren tot sein? Von wegen!

Für manche 14- Jährige ist seine Strahlkraft ungebrochen.

Die Nietzsche Ausgabe im Bücherschrank meines Vaters hatte sechs Bände, braun schwarz gold, herausgegeben vom Nazi- Philologen Alfred Baeumler. Ich sah sie mir ofters an und las die Namen der Abhandlungen: Jenseits von Gut und Böse, Fröhliche Wissenschaft, Ecce Homo. Ein Titel klang noch geheimnisvoller: Also sprach Zarathustra. Ich fragte meinen Vater, von dem ich wohl zum ersten Mal den berühmt- berüchtigten Satz hörte: „Und wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!"

Und so sah mein früheres Nietzschebild auch aus: Der Friedrich, der Wüterich, ein Doktor Faustus mit Peitsche- unmoralisch wie der Bube aus dem Struwwelpeter. „Und höret nur wie bös er war, er peitschte seine Gretchen gar". Dieser Friedrich war wild, gefährlich. Und unwiderstehlich. Ich las den Zarathustra mit 14 Jahren.

Danach war alles anders. Ich erlebte einen ersten großen Traum von Größe: Ein Weiser, der mit Adler und Schlange im Gebirge wohnt, prophetisch die Ankunft des Übermenschen verkündet. Zarathustra, dem stolzen Einsamen, fehlte zu seinem Glück in geistigen nur noch eins: Die Übermenschin, das Superweib, eben ich. Der Weg für die nächsten Jahre lag nun klar vor mir: Er führte steil nach oben.

Ich musste mich in eisiges, geistes- aristokratische Höhen katapultieren. Meine nur wenig jüngere Schwester begleitete mich tapfer: Gehüllt in asketische Kutten wanderten wir in den Ferien durch die österreichischen Alpen. Besonders gern bei Dunkelheit: Die Wille zur Nacht fing an, unseren Eltern auf die Nerven zu gehen.

Es musste finster sein im Zimmer. Nur Kerzen brannten, wenn wir stritten welcher Nietzsche der wahre sei:

Meine Schwester mochte den stillen Nachdenker, den schüchternen Nietzsche, der immer kränklich war. Der jeden Aphorismus seinem bohrenden Kopfschmerz abbringen musste und Jahrelang gegen den Wahnsinn kämpfte. Zum seiner würdig zu sein, musste man selber viel leiden. Meine Schwester hatte sich dazu eine wirklich beeindruckende melancholische Mimik zugelegt. Ich liebte mehr den nietzsche der mit den Hammer philosophierte, den Freigeist und protestantischen Priester der Lebenslust, den Gottesmörder und Umwerter aller Dinge. Dafür bediente ich alle Register der Erhabenheit und verfügte schnell über ein Arsenal pathetischer Gesten.

Eines Tages kam ein neuer auf unsere Schule: Der Junge K. Er hatte tiefschwarzes Haar, saß ständig schlecht gelaunt im Unterricht , als ob das Schülerdasein unter seiner Würde sei. Das arrogante Schweigen setzt die Lehrer mächtig unter Druck, denn so gab er vor, mehr zu wissen als sie. Klar, auch K. las Nietzsche. Gemeinsam entwickelten wir neue Kategorien für unsere Mitschüler: Die Masse, Dummbeutel, die letzten Menschen, Philister, Herdenvieh mit Sklavenmoral. Wenn unsere Schulkameraden in ihren Nike Schuhen und Lacoste Hemden in der Pause herumgingen, vorbei an ein paar langhaarigen linken Primanern in der Raucherecke, fühlten wir uns angewidert. Die Marxisten in der Oberstufe waren auch kein Lichtblick: Warum den Bürgern Geld abknöpfen, um es dem Proletariat zu geben? Was würden sich die Arbeiter denn kaufen? Genau: Nike Schuhe und Lacoste Hemden! Wer nun die paar Mark mehr hatte, war doch schnurz. Unheroisches Verteilungsgerede. Als ob es auf Geld ankäme. Falsche Werte!

Schlimmer war damals noch die geistig- moralische Wende unseres neuen, peinlichen Bundeskanzlers. Hatte der rasende Friedrich nicht Recht? Demokratie ist die Herrschaft der Mittelmäßigen. Gefangen im Sumpf aus selbsternannten christdemokratischen Eliten, moralinen Politlinken und feinsten Yuppiesöhnen blieb nur noch beten: „Nietzsche hilf!"

Also sprachen wir: Das sind die Viel- Zu-Vielen. Sie hüpfen überall herum und machen die Welt klein und hässlich.

K. war der Erste, der handelte- er kaufte sich einen Strick.

„Und wenn er es wirklich tut?" Meine Schwester blickte besorgt. Unser Zimmer lag im Halbdunkel und passte zur regnerischen Herbstnacht draussen. „Los, wir gehen in den Park, ihn suchen!"

Leise schlichen wir aus der Wohnung und tappten durch die nasse, kalte Finsternis.

Von K.s Zimmer aus sah man in den Park. Hier musste er sein. „K. wartet auf den Ruf", sagte meine Schwester. Ich zitierte aus dem Zarathustra: „Seht, ich bin der Verkündiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der Wolke : Dieser Blitz aber heisst Übermensch!"

Das feuchte Laub quatschte unter unseren Tritten, da schrie meine Schwester auf, Über uns saß K., den Strick um den Hals. Er hatte uns kommen hören. „Wenn Du das jetzt Du tust, wird keiner erfahren, was für ein großer Denker Du hättest werden können!", sagte ich. K. lächelte verächtlich. „Ich werde genauso beschissen wie alle hier. Auf meine Bücher wartet doch eh keiner."

Damit sollte K. Recht behalten. Während er vom Baum kletterte, trösteten wir ihn: „Es gibt schon viel zu viele Bücher. Wir leben in einem Land, in dem es von allem zuviel gibt."

In dieser Nacht haben wir zum ersten Mal geahnt, wie tief „Genie- Probleme" reichen. Später, an der Uni, lernten wir viele Leute mit solchen Problemen kennen, Studenten und Professoren. Aber wir hatten auf geheimnisvolle Weise den Mumm verloren, direkt danach zu fragen. Im Seminar erfuhren wir dann, dass Nietzsches Wahrheitsbegriff unausgewiesen, die Konzepte vom Übermenschen, Herrenrasse und Züchtung gar nicht biologisch gemeint und die Idee der „blonden Bestie" auch auf Japaner gemünzt sei.

Unser Gott ist tot. Am 25. August vor 100 Jahren ist Nietzsche gestorben. Was kann man da tun, um ihn zu feiern? Eine der Neuerscheinungen zum Nietzsche Jahr lesen? Ein Symposium besuchen? Oder im dunklen Zimmer eine Kerze anzünden?

Nietzsche tanzte, wenn er glücklich war. Er soll der Überlieferung nach auf seinem Schreibtisch getanzt haben, nackt, mit erigiertem Penis.

Ja, auch im Feiern ist der Meister bis heute unerreicht....

Barbara Mauersberg, TAZ, 25.8.2000


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