Seelenflügel

21.09.2009 um 21:36 Uhr

Zum ersten Mal

Es geht mir endlich wieder gut, 

und dieses Befinden hält nun schon ziemlich lange an 


Seit einem Jahr wohne ich in derselben Wohnung und habe nur 
den Wunsch zu bleiben.
Die Zeit, in der ich vor den Schrecken meiner Vergangenheit auf der Flucht war und unsäglich viele Umzüge in wahnsinnig kurzen Abständen auf mich genommen habe, ist Gott sei Dank "verdamp lang her".
 
Zum ersten Mal in meinen 57 Jahren lebe ich ganz allein - und nach nun fast zwei Jahren beginne ich, mich mit mir wohl zu fühlen, und lerne, dass Alleinleben sogar Vorteile haben kann:
zum ersten Mal darauf achten, was mir und nur mir gut tut, anstatt immer für Andere gut zu sein.
Zum ersten Mal einfach tun können, was mir Freude macht, ohne sich nach Anderen richten zu müssen.
Keine Kompromisse eingehen müssen, sondern, wenn überhaupt, eingehen wollen.
Wenn mein Tagesablauf von dem anderer Menschen total abweicht, weil ich nachts nicht schlafe, sondern dies vormittags nachhole, muss ich mich nicht mehr schuldig fühlen, sondern kann mir sagen "ich lebe eben meinen Biorhythmus". 
 
Ich habe mich aus meinem Schneckenhaus heraus getraut und einige Kontakte geschlossen. Es tut mir gut, selbst entscheiden zu können, mit wem ich mich treffen möchte und mit wem nicht.
Und ich habe ein Ehrenamt übernommen, habe wieder eine Aufgabe, eine, die mich nicht gleich wieder überfordert - zum ersten Mal hab ich wirklich gut für mich gesorgt. 
 
Ich bin stolz und glücklich, voller Optimismus und Zuversicht. So lange hab ich diese Gefühle nicht mehr gekannt.

Und ich danke Euch allen, die Ihr mich auf diesem Weg begleitet und mir Aufmunterung, Verständnis, Zuspruch oder einfach ein offenes Ohr gegeben habt.  
 
 

03.08.2009 um 22:50 Uhr

Hilfe - wer hat solchen Zustand überwunden und wie ?

Stimmung: leer, verzweifelt

Ich fühle mich so leer, antriebslos,hab an gar nichts mehr Freude, bleib am liebsten im Bett, weiß nichts mit mir anzufangen, kann mir absolut nichts vorstellen, das mir Spaß macht, meinem Leben einen Sinn geben könnte ...

Ich kenne Depressionen, hab mehrere Episoden überwunden, aber dieses völlige Nichts schafft mich, es fühlt sich ganz anders an ...

Ich bin sehr zurückgezogen, isoliert, hab manchmal fast wochenlang niemandem zum Reden; jetzt hab ich so eine Sehnsucht nach Menschen und gleichzeitig eine unbändige Angst ... ich hab verlernt, wie man mit Menschen umgeht. Selbst wenn meine Söhne mich besuchen, bin ich vom Gespräch angestrengt, dass mir der Kopf weh tut; ich möchte ihnen gern folgen und mir merken können was sie mir erzählen, aber weil wir uns nicht so oft sehen, ist das meist viel, und ich hab Angst, sie könnten glauben, es interessiert mich nicht, wenn ich es nicht behalten kann ... Und der Gedanke, zB in einer Disco o.ä. auf Menschen zu treffen, treibt mir den Schweiß auf die Stirn: wie verhalten, worüber reden?

Ich war früher immer Diejenige, die allen geholfen, ihr letztes Hemd gegeben hat. Jetzt kann ich nicht mehr arbeiten, hab das Gefühl, deswegen weniger wert zu sein, noch nicht völlig abgelegt, und suche nach einem neuen Sinn für mein Leben. Ich will etwas tun, das mir gut tut, mir wieder Freude macht, mich wieder "brennen" lässt, und nicht immer nur für andere da sein ...

Mit genug Geld kann man ja reisen, Kurse besuchen, viel unternehmen - aber ich bin durch kleine Rente und Insolvenz stark gedeckelt...  

Hat jemand von euch ähnliche Erfahrungen gemacht? 

Und habt ihr es geschafft, euch daraus zu befreien? 

  

30.06.2009 um 19:32 Uhr

Glück verdienen

Lange war es mir nicht möglich, Gedanken hier festzuhalten, geschweige denn, sie überhaupt zu fassen. 

Nun hab ich wiederum einen Klinikaufenthalt hinter mir und zwei weitere Umzüge und bin wieder in meiner Heimat Schleswig-Holstein, wo ich beginne zu verwurzeln. Und nun kommen auch Gedanken und Gefühle wieder zu mir, und ich hab auch genug Zeit, sie zu denken und zu fühlen, weil ich nun dauerhaft Erwerbsunfähigkeitsrente bekomme und "meinen Biorhythmus leben kann" :-)  

Rückblickend auf meinen Eintrag "Womit hab ich so viel Glück verdient?" legt sich eine große Traurigkeit auf mein Herz und auf meine Seele - warum haben wir es nicht geschafft, aus so viel Liebe, Zuversicht, Dankbarkeit, Vertrauen und was noch alles, unser Wir zu formen? Was haben wir angerichtet, dieses Glück nicht "verdient" zu haben? Heute sieht es für mich so aus: Wir haben unserem Wir und unserem Partner nicht ge-dient. Vielleicht haben wir zuviel an uns selbst gedacht, zuviel über zu bewältigende Dinge nachgedacht, eben ge-dacht, aber nicht ge-fühlt, uns nicht ge-dient. 

Dass dieser Freund heute, auch oder gerade über die Entfernung, wieder mein bester Freund ist, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Über 600 km sind wir uns näher als zusammen in einer Wohnung. Und vielleicht gelingt es uns, jedem für sich, nun sein Glück zu ver-dienen.  

17.09.2007 um 15:29 Uhr

"auf freiem Fuß"

so hat mein Sohn meine endlich erfolgte Entlassung aus der Klinik genanntFröhlich
Ich fühle mich noch gar nicht so "frei" wie ich möchte, frag mich, was mir dieses halbe Jahr wirklich gebracht hat - war es verschenkte Zeit, oder werd ich wenigstens im Nachhinein einen Nutzen daraus ziehen können?
Ich hab so viel über mich erfahren, Dinge, von denen ich früher glaubte, sie ganz weit in den hintersten Winkeln wegstecken zu müssen, weil ich sie nicht wahrhaben wollte; "in meiner Familie gibt es doch so was nicht". Aber hat es eben doch gegeben, mehrmals und mehrmals und mehrmals... 

Meine Partnerschaft ist darüber beinahe zerbrochen, und wir versuchen nun, auf dem Umweg über räumliche Distanz, getrennte Wohnungen nah beieinander, unsere Nähe wieder zu entdecken.  

Ich fühle mich hier, in seiner Heimat, wohl und doch gleichzeitig so fremd. Zuhause gab es Menschen, die ich hätte um Hilfe bei der Renovierung der Wohnung oder beim Umzug bitten können. Aber ich habe nie gelernt, Hilfe "einfach anzunehmen"; ich wollte immer dafür "bezahlen", mindestens eine Gegenleistung erbringen. Es hat es einfach noch nie gegeben, dass jemand irgendetwas einfach nur so, mir zum Gefallen, getan hat. Aber nun werde ich mich zwingen müssen, es zu lernen. Denn neben meiner psychischen Erkrankung gibt es auch körperliche Defekte, die mich bei weitem nicht mehr so aktiv sein lassen wie ich es noch vor einem Jahr war. Auch wenn ich manchmal an meiner Daseinsberechtigung zweifle, weil ich scheinbar zu überhaupt gar nichts mehr fähig bin, so will ich mich diesem Druck beugen und eben nicht ein ganzes Zimmer an einem Tag tapezieren, oder noch mehr, sondern, wenn es nicht anders geht, eben nur eine Wand. Kein leichter Weg, aber ich will ihn versuchen. Und wenn es auch so nicht geht, wird sich auch noch eine andere Lösung auftun.  

Wie heißt es so schön in den "Wachsenden Ringen" von Rainer Maria Rilke? 

Ich lebe in mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn. 

Ich kreise um Gott, um den uralten turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm,
oder ein großer Gesang. 

05.03.2007 um 14:15 Uhr

... und jetzt wirklich ...

muss ich in die Psychiatrie. Ich versteh nix mehr. Wo ist unsere Liebe hin? Unser "Wir" scheint tot, begraben unter einem Vakuum. Mein Freund geht an mir kaputt und ich an ihm. Aber Trennung? Wir werden uns schmerzlich vermissen, oder vielleicht auch befreit fühlen ... Vielleicht wird die Zeit und doch einmal helfen, Wunden zu heilen und Klarheit zu gewinnen. Ich geh in die Klapse, und mein Freund wegen seiner angeschlagenen Gesundheit zur Kur. Da können wir unsere Gefühle jeder für sich noch einmal prüfen. Traurig, unverständlich, niederschmetternd, dass es so weit gekommenn ist; aber vermeidbar? Haben wir nicht blind vor lauter Freude auf unsere gemeinsame Zukunft zu viele Warnsignale einfach überfahren? Ist Liebe vielleicht doch nur die Projektion von Erwartungen und eigenen Vorstellungen auf den anderen, die sich einfach nicht erfüllen? 
Vielleicht weiß ich nach der Klinik mehr darüber. Bis dahin. tschööö