Zum ersten Mal
Es geht mir endlich wieder gut,
und dieses Befinden hält nun schon ziemlich lange an
Seit einem Jahr wohne ich in derselben Wohnung und habe nur
den Wunsch zu bleiben.
Die Zeit, in der ich vor den Schrecken meiner Vergangenheit auf der Flucht war und unsäglich viele Umzüge in wahnsinnig kurzen Abständen auf mich genommen habe, ist Gott sei Dank "verdamp lang her".
Zum ersten Mal in meinen 57 Jahren lebe ich ganz allein - und nach nun fast zwei Jahren beginne ich, mich mit mir wohl zu fühlen, und lerne, dass Alleinleben sogar Vorteile haben kann:
zum ersten Mal darauf achten, was mir und nur mir gut tut, anstatt immer für Andere gut zu sein.
Zum ersten Mal einfach tun können, was mir Freude macht, ohne sich nach Anderen richten zu müssen.
Keine Kompromisse eingehen müssen, sondern, wenn überhaupt, eingehen wollen.
Wenn mein Tagesablauf von dem anderer Menschen total abweicht, weil ich nachts nicht schlafe, sondern dies vormittags nachhole, muss ich mich nicht mehr schuldig fühlen, sondern kann mir sagen "ich lebe eben meinen Biorhythmus".
Ich habe mich aus meinem Schneckenhaus heraus getraut und einige Kontakte geschlossen. Es tut mir gut, selbst entscheiden zu können, mit wem ich mich treffen möchte und mit wem nicht.
Und ich habe ein Ehrenamt übernommen, habe wieder eine Aufgabe, eine, die mich nicht gleich wieder überfordert - zum ersten Mal hab ich wirklich gut für mich gesorgt.
Ich bin stolz und glücklich, voller Optimismus und Zuversicht. So lange hab ich diese Gefühle nicht mehr gekannt.
Und ich danke Euch allen, die Ihr mich auf diesem Weg begleitet und mir Aufmunterung, Verständnis, Zuspruch oder einfach ein offenes Ohr gegeben habt.
