Florian in Indien

18.10.2006 um 13:39 Uhr

Florian im Fernsehen

von: puschel

Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Dinge dauern ja in Indien oftmals etwas länger, aber dass ich nach bald einem Jahr tatsächlich noch zumindest den zweiten Werbespot, in dem ich damals mitgespielt habe, in die Finger bekommen, hätte ich nicht mehr für möglich gehalten. War zwar keine Hauptrolle, aber als Erinnerung trotzdem schön. Hier also der komplette Werbespot mit mir als drittem "Rennfahrer" von links:


24.08.2006 um 20:51 Uhr

Jaisalmer

von: puschel

In Jaipur in den frühen Morgenstunden noch vor Sonnenaufgang angekommen, war es zunächst erstaunlich ruhig. Keine Taxi-Fahrer, die einen bereits beim Ausstieg aus dem Zug in ihr Auto zerren wollen, niemand der unbedingt das Gepäck zum Ausgang tragen möchte. Den Grund dafür hatte ich allerdings schon zuvor gelesen: Der Bahnhof von Jaipur liegt so weit vom eigentlichen Stadtkern mit seinen Hotels entfernt, dass die Besitzer selbiger dazu übergegangen sind, ihre zukünftigen Gäste schon am Bahnhof abzugreifen und kostenlos bis ins Hotel zu fahren. Neben der Übernachtung hat man den Gästen damit nämlich auch schon beinahe eine Kamelsafari aufgeschwatzt. Für diese ist Jaipur berühmt, und so wird dort vermutlich auch niemand hinfahren, ohne die Chance zu nutzen, auf einem Kamel in der offenen Wüste zu reiten.
Dieser Konkurrenzkampf wurde irgendwann so groß, dass die Polizei ein Verbot für die Fahrer der Hotels auf dem kompletten Bahnhof erteilte. Das wiederum hat zur Folge, dass unmittelbar hinter dem Ausgang etliche Fahrer stehen und mit den Schildern ihrer Hotels so energisch winken, dass man wirklich heilfroh ist, sich die ganze Sache erstmal in Ruhe mit einigen Metern Distanz ansehen zu können. Die Namen dieser Schilder sagten uns eh nicht viel, und mit irgendeinem von den Typen mussten wir ja mitfahren, also pickten wir uns eben zielsicher das Schild des vorher empfohlenen Desert Boys Guest House heraus. Im Nachhinein stellte sich das auch durchaus als gute Idee heraus. Dem Hotelbesitzer wirkte nicht schon im ersten Augenblick wie ein Schlitzohr, die Zimmer waren völlig in Ordnung und recht günstig; viel wichtiger war aber, wie uns auch zuvor angekündigt wurde, dass man in diesem Hotel in keiner Weise zu einer Kamelsafari genötigt wurde. Erst als wir auf den Besitzer zugingen und uns nach Möglichkeiten, Ablauf und Preis einer solchen erkundigen wollten, bekamen wir entsprechende Informationen. Ich möchte hier keine Schleichwerbung machen, aber die Erläuterungen klangen ganz plausibel und glaubwürdig.
Kamelsafaris werden in Jaipur von bzw. über fast alle Hotels angeboten. Irgendwo müssen die Leute alle hin reiten, da die Stadt auch nicht ausschließlich von Wüste umgeben ist. Im Grunde genommen führen daher fast alle Ausritte in ein und die gleiche Himmelsrichtung. Dadurch ist man dort inzwischen zum einen nicht mehr wirklich einsam, zum anderen haben sich entlang der Routen aber auch etliche Händler etabliert, die die Wüste noch weniger ausgestorben machen. Unsere Tour sollte in die genau entgegengesetzte Richtung gehen, in die sonst niemand reitet. Ausgehend von einem halben Tag, bei dem man aber mehr mit dem Jeep als dem Kamel unterwegs ist, sind der Länge nach oben hin kaum Grenzen gesetzt. Wir entschieden uns für einen kompletten Tag inklusive Übernachtung, zum einen da wir eh nicht mehr Zeit hatten, auf der anderen Seite wollten wir es aber ob der Ungewissheit, was denn da auf uns zu kommt, auch nicht übertreiben.
Los ging es am nächsten Morgen, zuerst einmal mit dem Jeep eine gute halbe Stunde aus der Stadt heraus in die Einöde. Dort warteten bereits jeweils ein Kamel für jeden von uns plus ein weiteres für unsere zwei Begleiter. Diese bereiteten uns bei unserer Ankunft zuerst ein Frühstück zu, das aus frisch gebrühtem Chai (der indische Milchkaffe inklusive Zucker) oder Tee, Toast mit Marmelade und ein paar Keksen bestand. Im Anschluß wurden die vier Kamele gesattelt und die Ausrüstung für unsere Tour verstaut, wir stiegen mit ein wenig Hilfe auf, und los ging es endlich.
Man muß nun sagen, dass der Ritt auf solch einem Kamel nicht wirklich komfortabel ist. Trotz Sattel und einigen Decken und Matratzen unter dem Allerwertesten machte selbiger sich bei uns allen nach einer gewissen Zeit deutlich bemerkbar. Ich behaupte, mehr als zwei Stunden am Stück auf einem Kamel sind für den Otto-Normal-Europäer äußerst unangenehm. Mehr wurden es aber zum Glück auch nicht.
Gemächlich schlenderten unsere Kamele hintereinander her oder blieben auch einfach mal zur Nahrungsaufnahme an irgendeinem Strauch stehen. Spätestens dabei bemerkten wir, dass diese Tiere weder auf irgendeines unserer Kommandos hören wollten, noch sich von stärkstem Ziehen an den Zügeln beeinflussen ließen. Unsere beiden Führer hingegen mussten nur irgendwelche komischen Laute machen, und schon spurten die Kamele. Trotz mehrfachen Versuches gelang es uns bis zum nächsten Vormittag nicht, diese auf funktionierende Weise nachzuahmen.
Die ersten Stationen unserer Tour waren drei verschiedene Dörfer bzw. Lehmhüttensiedlungen mitten im Nichts. Zum einen war es ganz interessant zu sehen wie Menschen in der absoluten Einöde leben, auf der anderen Seite kommt man sich aber auch etwas komisch vor, diese Leute wie eine Sehenswürdigkeit zu behandeln, an der man kurz vorbei marschiert, um dann weiter zu ziehen.
Am frühen Mittag wurde im Schatten eines Baumes Rast gemacht. Die Kamele durften sich endlich in Ruhe an den umliegenden Sträuchern vergehen, wir auf einer Decke ein bisschen dösen, und ein paar Meter entfernt machten sich unsere Begleiter daran, dass Mittagessen zuzubereiten. Dieses war zwar kein Hochgenuß, für die Umstände der Zubereitung aber durchaus in Ordnung, und wirklich hungrig waren wir bei der Hitze eh nicht.
Weiter ging es am frühen Nachmittag. Beim Losreiten wurden wir gefragt, ob wir zum Abendessen neben dem im Preis inbegriffenen vegetarischen Essen gegen Aufpreis auch Huhn haben wollten. Klar wollten wir, was sich aber im Nachhinein als nicht so gute Entscheidung entpuppte. Die Hitze hatte mir scheinbar schon so sehr auf den Kopf geschienen, dass mir die verlangten 400 Rupies für das Huhn zwar etwas viel vorkamen, uns aber im Tausch gegen ein gegrilltes Huhn relativ egal waren. Erst im Nachhinein habe ich mich wirklich gefragt, wie ich 8 Euro für ein Huhn bezahlen konnte, und das wohlgemerkt in Indien. Nunja, einer unserer Begleiter ritt also mit einem Kamel in ein benachbartes Dorf zwecks Geflügeltierorganisation, der andere mit uns auf einem unserer Kamele weiter. Inzwischen empfanden wir es auch als leicht nervend, dass wir alle paar Minuten in etwa die Worte "You happy Sir?" oder "Everything okay Sir?" gefolgt von "You happy, we happy!" zu hören bekamen. Es war recht eindeutig, dass die zwei Kerle sehr auf das Behalten ihres Jobs bedacht waren und verhindern wollten dass sich jemand am nächsten Tag im Hotel über sie beschweren würde.
Nach einem weiteren kurzen Zwischenstop an einer auf dem Weg gelegenen Tränke für die Kamele kamen wir am frühen Abend schließlich am Ort für unser Nachtlager an, ein paar großen Sanddünen. Diese gab es bis dato leider kaum zu bewundern, Wüste hieß nämlich nicht automatisch Sandwüste, sondern einfach nur Einöde. Unser Huhn war inzwischen mitsamt Begleitung auch zu uns gestoßen, hing mit seinen Füßen allerdings noch lebend in der Faust seines Beschaffers. Nunja, wir mussten es ja nicht töten, kamen uns beim Anblick des zappelnden Huhns aber dennoch etwas komisch vor. Wir setzten uns daher etwas entfernt von unseren die Kochutensilien aufbauenden Führern auf eine Decke in den Sand, genossen die Stille und sahen uns den Sonnenuntergang an. Es dauerte nicht lange, da wurde die Ruhe durch ein "We kill chicken now, okay? You happy?" unterbrochen. Jaja, mach das Vieh tot dachten wir uns wohl alle. Da holte der Kerl ein "Messer" Marke Wühltischware-mit-5-Zentimeter-Klinge raus und meinte, es sei ein bisschen stumpf, ob wir nicht ein schärferes hätten. Unsere Macheten hatten wir leider zu Hause vergessen, was auch immer die sich gedacht hatten. "No problem Sir, no problem, we kill chicken!", und ab zog er. Es war zugegebenermaßen kein appetitlicher Gedanke, wie die beiden mit einem stumpfen Stück Metall am Plastikstiel ein Huhn über den Jordan schicken wollten. Inzwischen hätten wir die ganze Hühnergeschichte am liebsten abgeblasen, entsprach sie doch nicht so ganz unseren Vorstellungen, vermutlich der Gedanke ans versprochene Chicken-Barbecue lies uns aber auch darüber wegsehen. Leider verdiente dieses aber nicht so ganz seinen Namen. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich in meinem ganzen Leben noch kein schlechter zubereitetes Huhn vor mir hatte. Das lag nicht einmal an der es umgebenden Soße oder an den Gewürzen; mir leuchtete aber absolut nicht ein, wie man, anstatt das Geflügel von Knochen zu befreien, einfach mitsamt diesen alles in kleine Stücke hacken kann (unabhängig davon, dass ich mich fragte, wie man das mit dem kleinen Küchenmesser macht). So hatte ich also nicht einmal ein volles Hühnerbein vor mir, sondern einfach nur verknorpelte Stücke Geflügel, die allesamt aus mehr Knochen als Fleisch zu bestehen schienen. So viel Knochen im Verhältnis zum Fleisch konnte eigentlich selbst das magerste indische Huhn nicht haben. Der Appetit hatte sich inzwischen auch in Luft aufgelöst, so dass ich auch den Rest des Essens wie Reis und Chapati nicht mehr runterbekam. Unsere Begleiter schienen zwar etwas enttäuscht ("Eat more Sir, we have plenty!" bekamen wir im Minutentakt zu hören), machten sich aber danach über den Rest des Essens her, vermutlich inklusive verschollener Hühnchenbrust.
Die Nacht verbrachten wir mitten auf einer großen Sanddüne auf ein paar zusammenklappbaren Armeebetten unter einigen dicken Decken. Diese waren auch nötig, denn der großen Hitze von über 40 Grad am Tag stand in der Tat eine kalte Nacht gegenüber, wenn auch nicht ganz so schlimm wie ich es erwartet hatte.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war zunächst auffallend, dass unsere Kamele nicht mehr zu sehen waren. Ich hab nicht verstanden warum, aber die werden in der Nacht nicht wirklich angebunden, sondern bekommen nur die Vorderläufe mit einem kurzen Seil verbunden, damit sie nicht zu weit weg laufen können. Der Normalfall ist daher, wie uns erklärt wurde, dass man einige Kilometer durch die Einöde läuft, und mit etwas Glück, gutem Spurenlesertalent und sechstem Sinn die Kamele wieder einsammelt. Eins hatte sich allerdings scheinbar über Nacht seiner Fußfesseln entledigt und war so weit weg geritten, dass es auch bis zum Ende unseres Frühstücks nicht gefunden wurde. Die beiden Führer schienen das ziemlich gelassen zu nehmen, es war scheinbar nicht das erste mal dass so etwas passiert, irgendwann findet man das Kamel schon wieder. Somit suchte einer der beiden weiter, während der andere mit uns und nur noch drei Kamelen zurück ritt, bevor die Hitze wieder zu groß wurde. Nach scheinbar endlosen zwei Stunden, in denen wir uns die Allerwertesten zunehmend wund ritten, stießen wir endlich auf den wartenden Jeep, der uns wieder zurück nach Jaisalmer fuhr.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass so eine Kameltour sowohl ihre positiven wie aber auch negativen Aspekte mit sich bringt. Man hat nicht oft die Möglichkeit auf einem Kamel zu reiten (wenn es auch nicht sonderlich komfortabel ist), die völlige Stille und Endlosigkeit in der Wüste ist schon beeindruckend (wenngleich sie wegen dem Mangel an wirklichem Sand eher trostlos wirkt), und eine Nacht unter freiem Himmel mitten im Nichts vergisst man so schnell nicht.
Zum Abschluß noch ein paar Worte zu Jaisalmer: Mit ca. 80.000 Einwohnern ist die Stadt für indische Verhältnisse mickrig. Der größte Teil der Menschen wohnt innerhalb einer riesigen Burg, die erhoben mitten in der Wüste steht. Im inneren dieser Mauern befinden sich fast alle Hotels, Restaurants, etc., die von ihren Dachterrassen einen beeindruckenden Blick ins Umland bieten. Außerhalb der Mauern finden sich aus touristischer Sicht noch weniger interessante Dinge als innerhalb, außer dass man dort auffallend gut Lederwaren aller Art kaufen kann, besser als an irgendeinem anderen Ort den ich in Indien heimgesucht habe. Eine weitere Nacht im Hotel später machten wir uns daher auch auf die Weiterreise, aber dazu mehr im nächsten Eintrag.




13.07.2006 um 23:18 Uhr

Monsun, Terroranschläge und die hiesige Situation

von: puschel

Mumbai hat es zur Zeit nicht leicht. Erst wieder rekordverdächtiger Monsunregen, und ein paar Tage später Bombenanschläge auf die Zuglinie der Stadt. Mit eben diesem Zug bin ich auch ständig gefahren, da ist es schon etwas befremdlich die Bilder zu sehen, in denen es die komplette Seitenwand eines Zug-Waggons weggesprengt hat. Da ich noch immer einige Leute in Mumbai kenne und die Mailingliste der dortigen Trainees mitlese, konnte ich zumindest beruhigt feststellen, daß von diesen niemandem etwas passiert ist. Eine Person berichtete aber davon, auf einem der betroffenen Züge nur einen Waggon neben einer der Bomben gewesen zu sein, da wird man vermutlich wirklich dankbar für das eigene Leben.
Ansonsten kann ich zur dortigen Situation nicht mehr sagen als überall in der Presse zu lesen ist, dafür habe ich aber ein paar Bilder der Bombenanschläge und des vorhergehenden Monsunregens anzubieten, die einige von euch vielleicht bisher noch nicht gesehen haben. Erstaunlich ist nach wie vor, wie man in Mumbai mit solchen Situationen umgeht. Gerade wenn man auch die örtliche Presse verfolgt und Informationen aus erster Hand bekommt merkt man, wie resistent die Bevölkerung von Mumbai gegenüber jeglichen Katastrophen ist. Nur 4 Stunden nach den Explosionen fuhren bereits wieder die ersten Züge, während z.B. nach den Anschlägen in London für drei Tage alles still stand! Ähnliches erwähnte ich ja schon einmal bei meinem Vergleich der Katastrophen von Mumbai und New Orleans. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell diese Stadt, so chaotisch sie auch sein mag, wieder auf den Beinen steht.

In der Seitenleiste habe ich jetzt eine Suchfunktion für mein Weblog eingerichtet. Dort kann gezielt nach bestimmten Stichwörtern in meinen Beiträgen gesucht werden, ohne dass man per Hand durch das komplette Archiv suchen muss. Mir ist nämlich aufgefallen, dass zwar natürlich die Besucherzahlen stark gesunken sind, schließlich schreibe ich nun viel weniger und mich kennende Menschen schauen nicht mehr regelmäßig hier rein; nichtsdestotrotz landen hier täglich erstaunlich viele Menschen auf der Suche nach Informationen über Indien. Wenn man in der weltweit größten Suchmaschine einfach nur nach eben diesem Land sucht, findet sich mein Weblog schon seit längerer Zeit immerhin zwischen Position 15 und 22, weltweit. Daran sieht man, dass es nach wie vor nur wenige brauchbare Informationen über Indien in deutscher Sprache im Internet zu finden gibt. Auch das ist für mich ein Grund, weiterhin Einträge in meinem Weblog zu schreiben. Zwar längst nicht mehr so regelmäßig wie früher, aber gestorben ist diese Seite nach wie vor nicht. Zunächst werde ich noch meine Reiseberichte zu Ende bringen, und im Anschluß zumindest noch auf ein paar Dinge eingehen bzw. Tips für Indien-Reisende aufschreiben, die mir noch durch den Kopf gehen.

Bis zum nächsten Eintrag, und hier noch die versprochenen Fotos:













26.06.2006 um 23:56 Uhr

Jodhpur

von: puschel

Von Udaipur nach Jodhpur griffen wir, wie bereits erwähnt, auf einen Sleeper-Bus zurück. In einem solchen befinden sich über den normalen Bussitzen kleine Schlafkojen, die mich ein bisschen an ein U-Boot erinnerten. Für indische Reiseverhältnisse sind die zwar nicht ungemütlich, zum einen aber nur sofern die eigenen Körperlänge nicht weit über 180cm hinaus geht, zum anderen findet sich durch im Gegensatz zum Zug vorhandener Begrenzungen um den eigenen Schlafplatz kein vernünftiger Platz für das Gepäck. Ein lauter Fernseher blieb uns zum Glück in der Tat erspart, Klimaanlage war durch direkt am eigenen Platz vorhandenem Fenster auch nicht nötig, nichtsdestotrotz ist der Zug wegen zwei weiterer Details ein komfortableres Transportmittel als der Bus: Erstens fährt ein Zug über Schienen statt teilweise kaum ihren Namen verdienenden Straßen, und zweitens hat der Fahrer dort nicht ununterbrochen eine Hand auf der Hupe.
Noch vor Tagesanbruch im verschlafenen Jodhpur angekommen, wurden wir dennoch schon beim Ausstieg aus dem Bus von etlichen Rikschafahrern penetriert. Um irgendwelchen auf die Gäste umgeschlagenen Provisionen in Hotels aus dem Weg zu gehen, ließen wir uns zentral in der Stadt am Clock Tower absetzen, und machten uns zu Fuß auf Hotelsuche. Bisher habe ich diesbezüglich keinerlei Empfehlungen abgegeben, möchte dieses mal aber unsere Bleibe nicht unerwähnt lassen. Wir stiegen im "The Blue House" ab, einem sehr familiären Betrieb, in dem man wirklich das Gefühl bekam, in keinster Weise abgezockt zu werden oder irgendwelche Dinge aufgeschwatzt zu bekommen.
Jodhpur wir auch blaue Stadt genannt, was daran liegt dass relativ viele Häuser komplett blau angestrichen sind. Dies hat zum einen religiöse Gründe, auf der anderen Seite wird der blauen Farbe aber auch nachgesagt, wirkungsvoll Moskitos fern zu halten. Ob das stimmt, es in Jodhpur eh keine gäbe oder wir nur in der richtigen Jahreszeit dort waren weiß ich nicht, aber Moskitoprobleme hatten wir dort in der Tat nicht. Das Stadtbild erinnert, sofern in Indien möglich, etwas an verwinkelte italienische Städte. Die Straßen und Gassen sind sehr verworren und bieten teilweise kaum Platz für die sich dennoch überall durchschiebenden Rikschas, große Strassen mit dementsprechendem Verkehr findet man eher weniger. Erwähnen will ich aber auch, dass diese engen Gassen nicht gerade romantischen Charme mit sich bringen, sondern teilweise dein Eindruck von Dreck und Gestank eher verstärken.
Touristisch gesehen ist nur ein Bauwerk wirklich erwähnenswert, die über der Stadt auf einem Berg thronende Festung. Lobenswert fortschrittlich ist hier, dass man sich nicht auf Diskussionen mit dubiosen Führern einlassen muss, sondern am Eingang einen MP3-Player bekommt, der einem über Kopfhörer auf Wunsch sogar auf Deutsch durch die Gemäuer führt und über alle Sehenswürdigkeiten informiert.
Da man die interessanten Gebäude an einem Tag abklappern kann und wir auch das Bummeln durch die Gassen als nicht sonderlich attraktiv empfanden, stellte sich die Frage wie wir unseren zweiten Tag in Jodhpur verbringen sollten. Als gute Hilfe entpuppte sich dabei der Sohn der Familie unseres Hotels, über den wir eine Tagestour mit einem Jeep ins Umland der Stadt organisierten. Nicht weit außerhalb der Stadt findet man ödes Land vor, wo zum einen unter anderem wilde Kamele und Pfaue zu sehen sind, Zigeuner ihre Lager aufschlagen, und vereinzelt Familien in uralter Tradition leben. Neben der Fahrt durch die Landschaft beinhaltete unsere Tour vier Stops. Erster Halt wurde an ein paar mitten in der Einöde stehenden Lehmhütten gemacht, wo uns eine einfache Familie zeigte wie sie lebte. Dabei wurde uns unter anderem auch gezeigt wie man Opium konsumierfähig macht, dessen Bedeutung erklärt und probieren durften wir gleich auch noch. Dabei war die Portion aber gering genug, so dass es mehr um die Prozedur an sich ging als das wir einen Effekt gespürt hätten.
Weiter ging es erst zu einer Töpferfarm, ein paar Teppichwebern und schließlich einer weiteren Familie, die uns auch ein Mittagessen zubereitete. Angenehm war, dass man nirgendwo zu irgendwelchen Käufen oder Spenden gedrängt wurde. Dies lag aber auch daran, dass man uns bei der Rückkehr im Hotel nach unseren Erlebnissen befragte und auch mitteilte, dass bei negativen Vorkommnissen wie dem Bedrängen von Touristen solche Stationen in Zukunft durch andere ersetzt würden.
Bis zur Nachtfahrt mit dem Zug nach Jaipur ließen wir es uns auf der Dachterrasse  unserer Bleibe gut gehen und bekamen dort im Gespräch mit den Besitzern auch noch den Tip, uns in Jaipur an das Desert Boys Guest House zu halten. Normalerweise stehe ich solchen Hotelempfehlungen etwas kritisch gegenüber, in diesem Fall hatten wir aber den Eindruck gewonnen, dass man uns hier ausnahmsweise wirklich ehrlich behandelte und behielten diesen Tip daher im Hinterkopf, was sich als gute Idee erwies.


Blick von unserer Hotelterrasse auf die über der Stadt thronende Festung.


Mit einer solchen Apparatur wird Opium mit Wasser gefiltert.


Ein Töpfer beim Vorführen, mehr schlecht als recht durfte auch ich mich im Anschluss versuchen.


Rikschas sehen in Jodhpur ein wenig anders aus.

16.05.2006 um 22:38 Uhr

Udaipur

von: puschel

Ich habe jetzt zwar schon längere Zeit nichts mehr von mir hören lassen, aber vergessen habe ich mein Weblog noch nicht. Hier somit nachträglich ein paar Worte über den ersten Stop des Indientrips mit meinen zwei Freunden, Udaipur.
Von Mumbai nach Udaipur gibt es leider keine direkte Zugverbindung, sondern nur mit Zwischenstop in Ahmedabad. Da diese nicht gerade aufeinander abgestimmt sind, man sich darauf aber dank teilweise großer Verspätungen eh nicht verlassen sollte, würde sich diese Reise länger ziehen als ein auf direktem Wege angebotener Bus. Nach schon einiger Zeit in Indien war das auch für mich die erste Nachtfahrt in einem Bus, der erstmal gebucht werden wollte. Grundsätzlich gibt es drei verschiedene Typen von Bussen, teilweise mit, teils ohne Klimaanlage. Da wären zum einen die ganz gewöhnlichen Bussitze, Sleeper-Busse mit Schlafkojen in denen man dann allerdings nicht aufrecht sitzen kann, und Semi-Sleeper-Sitze, die sich durch größeren Abstand zueinander weiter als gewöhnlich kippen lassen und ein ausklappendes Fußteil besitzen. Um wegen mangelnder Erfahrung auf Nummer sicher zu gehen und meinen Freunden auf der ersten Weiterreise von Mumbai nicht direkt das Schlimmste zuzumuten, hab ich für je 800 Rupies zu den teuersten Tickets im Luxus-Semi-Sleeper-Volvo mit Klimaanlage gegriffen (zum Vergleich: Sleeper ohne Klimaanlage hätte 400 Rs. gekostet).
Ganz so sicher war die Nummer leider nicht, und das vor allem aus zwei Gründen. Zum einen waren diese Sleeper-Sitze zwar zum Sitzen ganz angenehm, zum Schlafen aber nicht wirklich. Die lassen sich nicht waagerecht genug kippen um wirklich ein Bettgefühl zu haben, seitlich kann man sich auch irgendwie nicht anlehnen, und so haben wir uns alle auf der Suche nach der optimalen Schlafposition so einige mal hin und her gedreht. Mitverantwortlich dafür war allerdings auch der buseigene Bord-TV, auf dem gnadenlos bis ca. 2 Uhr in Maximallautstärke irgendwelche Hindi-Filme gezeigt wurden. Das spätestens um Mitternacht eigentlich alle Fahrgäste bis auf uns schliefen störte den Busfahrer scheinbar nicht wirklich, irgendwie musste er sich vermutlich auch wach halten. So fiel es scheinbar auch nur uns auf, dass am nächsten Morgen als erstes der letzte Film der vorherigen Nacht noch einmal abgespielt wurde, anders konnte ich mir nicht erklären dass so ungefähr jeder außer uns diesen verhassten Film scheinbar lustig fand. Nach unserer Ankunft in Udaipur verglichen wir daher erst einmal die Angebote verschiedener Reiseveranstalter und buchten dann für den nächsten Abend einen versprochenermaßen ohne laufenden Fernseher fahrenden, unklimatisierten Sleeper-Bus nach Jodhpur. Diese Distanz ist mit dem Zug nämlich gar nicht zurückzulegen, und da auch die Busfahrt nur ungefähr halb so lange dauert wie die vorhergehende, wären Sitzmöglichkeiten eh nicht nötig gewesen.
Udaipur wird teilweise als romantischste Stadt Indiens bezeichnet, was so falsch nicht ist.  An zwei idyllischen Seen gelegen, um die sich auch die meisten Hotels mit entsprechendem Ausblick scharen, herrscht hier eine sehr gemütliche Atmosphäre. Während man auf der Dachterrasse seiner Unterkunft liegt, hat man das in einem der Seen liegende Lake Palace Hotel im Blick und nimmt dabei als lauteste Geräuschkulisse nur das gleichmäßige Schlagen von Kleidung auf Stein der auf der gegenüberliegenden Uferseite Wäsche waschenden Frauen war. Besagtes Lake Palace Hotel ist übrigens ebenso wie eine Rikschaverfolgungsjagd durch Udaipur im alten James Bond "Octopussy" zu sehen, weshalb dieser Film als Touristenattraktion jeden Abend in so gut wie jedem Hotel oder auch Restaurant im Fernseher gezeigt wird.
Die Sehenswürdigkeiten Udaipurs halten sich in Grenzen. Hauptsächlich ist da der große Stadtpalast inklusive Museum zu nennen, der nicht weit vom Jagdish-Tempel steht. Hinter dem Stadtpalast führt ein Weg runter zum Ufer, von wo aus man eine Bootstour über den See machen kann. Für den Sonnenuntergang gut geeignet ist der ca. 8km entfernte Monsun Palast, der durch seine Lage auf einem hohen Berg eine tolle Aussicht über Udaipur und die umliegende Landschaft bietet. Darüber hinaus verbringt man seine  Zeit eher mit Spazieren in der schönen Landschaft, ein paar Einkäufen oder eben auf irgendeiner Dachterrasse. Zwei Tage (bzw. an einem Morgen ankommen, und am Abend des nächsten Tages weiter fahren) reichen daher auch um alles zu sehen ohne sich aber auf der anderen Seite zu langweilen. Das gleiche gilt übrigens auch für viele andere Orte in Indien, an denen manche Reisende zwar teilweise über eine Woche verbringen, ich mich aber ehrlich gesagt frage, was die außer Rumsitzen und Tagebuch schreiben in der ganzen Zeit noch machen. Trotz aller Schönheit stellte sich bei mir in den meisten Orten Indiens (sofern nicht Strand und Meer vorlagen) nach nicht allzu langer Zeit das "alles gesehen, Zeit für die nächste Station"-Gefühl ein. Aus eben jenem Grund fuhren wir eben auch schon nach einer Nacht von Udaipur weiter nach Jodhpur.