In Jaipur in den frühen Morgenstunden noch vor Sonnenaufgang angekommen, war es zunächst erstaunlich ruhig. Keine Taxi-Fahrer, die einen bereits beim Ausstieg aus dem Zug in ihr Auto zerren wollen, niemand der unbedingt das Gepäck zum Ausgang tragen möchte. Den Grund dafür hatte ich allerdings schon zuvor gelesen: Der Bahnhof von Jaipur liegt so weit vom eigentlichen Stadtkern mit seinen Hotels entfernt, dass die Besitzer selbiger dazu übergegangen sind, ihre zukünftigen Gäste schon am Bahnhof abzugreifen und kostenlos bis ins Hotel zu fahren. Neben der Übernachtung hat man den Gästen damit nämlich auch schon beinahe eine Kamelsafari aufgeschwatzt. Für diese ist Jaipur berühmt, und so wird dort vermutlich auch niemand hinfahren, ohne die Chance zu nutzen, auf einem Kamel in der offenen Wüste zu reiten.
Dieser Konkurrenzkampf wurde irgendwann so groß, dass die Polizei ein Verbot für die Fahrer der Hotels auf dem kompletten Bahnhof erteilte. Das wiederum hat zur Folge, dass unmittelbar hinter dem Ausgang etliche Fahrer stehen und mit den Schildern ihrer Hotels so energisch winken, dass man wirklich heilfroh ist, sich die ganze Sache erstmal in Ruhe mit einigen Metern Distanz ansehen zu können. Die Namen dieser Schilder sagten uns eh nicht viel, und mit irgendeinem von den Typen mussten wir ja mitfahren, also pickten wir uns eben zielsicher das Schild des vorher empfohlenen Desert Boys Guest House heraus. Im Nachhinein stellte sich das auch durchaus als gute Idee heraus. Dem Hotelbesitzer wirkte nicht schon im ersten Augenblick wie ein Schlitzohr, die Zimmer waren völlig in Ordnung und recht günstig; viel wichtiger war aber, wie uns auch zuvor angekündigt wurde, dass man in diesem Hotel in keiner Weise zu einer Kamelsafari genötigt wurde. Erst als wir auf den Besitzer zugingen und uns nach Möglichkeiten, Ablauf und Preis einer solchen erkundigen wollten, bekamen wir entsprechende Informationen. Ich möchte hier keine Schleichwerbung machen, aber die Erläuterungen klangen ganz plausibel und glaubwürdig.
Kamelsafaris werden in Jaipur von bzw. über fast alle Hotels angeboten. Irgendwo müssen die Leute alle hin reiten, da die Stadt auch nicht ausschließlich von Wüste umgeben ist. Im Grunde genommen führen daher fast alle Ausritte in ein und die gleiche Himmelsrichtung. Dadurch ist man dort inzwischen zum einen nicht mehr wirklich einsam, zum anderen haben sich entlang der Routen aber auch etliche Händler etabliert, die die Wüste noch weniger ausgestorben machen. Unsere Tour sollte in die genau entgegengesetzte Richtung gehen, in die sonst niemand reitet. Ausgehend von einem halben Tag, bei dem man aber mehr mit dem Jeep als dem Kamel unterwegs ist, sind der Länge nach oben hin kaum Grenzen gesetzt. Wir entschieden uns für einen kompletten Tag inklusive Übernachtung, zum einen da wir eh nicht mehr Zeit hatten, auf der anderen Seite wollten wir es aber ob der Ungewissheit, was denn da auf uns zu kommt, auch nicht übertreiben.
Los ging es am nächsten Morgen, zuerst einmal mit dem Jeep eine gute halbe Stunde aus der Stadt heraus in die Einöde. Dort warteten bereits jeweils ein Kamel für jeden von uns plus ein weiteres für unsere zwei Begleiter. Diese bereiteten uns bei unserer Ankunft zuerst ein Frühstück zu, das aus frisch gebrühtem Chai (der indische Milchkaffe inklusive Zucker) oder Tee, Toast mit Marmelade und ein paar Keksen bestand. Im Anschluß wurden die vier Kamele gesattelt und die Ausrüstung für unsere Tour verstaut, wir stiegen mit ein wenig Hilfe auf, und los ging es endlich.
Man muß nun sagen, dass der Ritt auf solch einem Kamel nicht wirklich komfortabel ist. Trotz Sattel und einigen Decken und Matratzen unter dem Allerwertesten machte selbiger sich bei uns allen nach einer gewissen Zeit deutlich bemerkbar. Ich behaupte, mehr als zwei Stunden am Stück auf einem Kamel sind für den Otto-Normal-Europäer äußerst unangenehm. Mehr wurden es aber zum Glück auch nicht.
Gemächlich schlenderten unsere Kamele hintereinander her oder blieben auch einfach mal zur Nahrungsaufnahme an irgendeinem Strauch stehen. Spätestens dabei bemerkten wir, dass diese Tiere weder auf irgendeines unserer Kommandos hören wollten, noch sich von stärkstem Ziehen an den Zügeln beeinflussen ließen. Unsere beiden Führer hingegen mussten nur irgendwelche komischen Laute machen, und schon spurten die Kamele. Trotz mehrfachen Versuches gelang es uns bis zum nächsten Vormittag nicht, diese auf funktionierende Weise nachzuahmen.
Die ersten Stationen unserer Tour waren drei verschiedene Dörfer bzw. Lehmhüttensiedlungen mitten im Nichts. Zum einen war es ganz interessant zu sehen wie Menschen in der absoluten Einöde leben, auf der anderen Seite kommt man sich aber auch etwas komisch vor, diese Leute wie eine Sehenswürdigkeit zu behandeln, an der man kurz vorbei marschiert, um dann weiter zu ziehen.
Am frühen Mittag wurde im Schatten eines Baumes Rast gemacht. Die Kamele durften sich endlich in Ruhe an den umliegenden Sträuchern vergehen, wir auf einer Decke ein bisschen dösen, und ein paar Meter entfernt machten sich unsere Begleiter daran, dass Mittagessen zuzubereiten. Dieses war zwar kein Hochgenuß, für die Umstände der Zubereitung aber durchaus in Ordnung, und wirklich hungrig waren wir bei der Hitze eh nicht.
Weiter ging es am frühen Nachmittag. Beim Losreiten wurden wir gefragt, ob wir zum Abendessen neben dem im Preis inbegriffenen vegetarischen Essen gegen Aufpreis auch Huhn haben wollten. Klar wollten wir, was sich aber im Nachhinein als nicht so gute Entscheidung entpuppte. Die Hitze hatte mir scheinbar schon so sehr auf den Kopf geschienen, dass mir die verlangten 400 Rupies für das Huhn zwar etwas viel vorkamen, uns aber im Tausch gegen ein gegrilltes Huhn relativ egal waren. Erst im Nachhinein habe ich mich wirklich gefragt, wie ich 8 Euro für ein Huhn bezahlen konnte, und das wohlgemerkt in Indien. Nunja, einer unserer Begleiter ritt also mit einem Kamel in ein benachbartes Dorf zwecks Geflügeltierorganisation, der andere mit uns auf einem unserer Kamele weiter. Inzwischen empfanden wir es auch als leicht nervend, dass wir alle paar Minuten in etwa die Worte "You happy Sir?" oder "Everything okay Sir?" gefolgt von "You happy, we happy!" zu hören bekamen. Es war recht eindeutig, dass die zwei Kerle sehr auf das Behalten ihres Jobs bedacht waren und verhindern wollten dass sich jemand am nächsten Tag im Hotel über sie beschweren würde.
Nach einem weiteren kurzen Zwischenstop an einer auf dem Weg gelegenen Tränke für die Kamele kamen wir am frühen Abend schließlich am Ort für unser Nachtlager an, ein paar großen Sanddünen. Diese gab es bis dato leider kaum zu bewundern, Wüste hieß nämlich nicht automatisch Sandwüste, sondern einfach nur Einöde. Unser Huhn war inzwischen mitsamt Begleitung auch zu uns gestoßen, hing mit seinen Füßen allerdings noch lebend in der Faust seines Beschaffers. Nunja, wir mussten es ja nicht töten, kamen uns beim Anblick des zappelnden Huhns aber dennoch etwas komisch vor. Wir setzten uns daher etwas entfernt von unseren die Kochutensilien aufbauenden Führern auf eine Decke in den Sand, genossen die Stille und sahen uns den Sonnenuntergang an. Es dauerte nicht lange, da wurde die Ruhe durch ein "We kill chicken now, okay? You happy?" unterbrochen. Jaja, mach das Vieh tot dachten wir uns wohl alle. Da holte der Kerl ein "Messer" Marke Wühltischware-mit-5-Zentimeter-Klinge raus und meinte, es sei ein bisschen stumpf, ob wir nicht ein schärferes hätten. Unsere Macheten hatten wir leider zu Hause vergessen, was auch immer die sich gedacht hatten. "No problem Sir, no problem, we kill chicken!", und ab zog er. Es war zugegebenermaßen kein appetitlicher Gedanke, wie die beiden mit einem stumpfen Stück Metall am Plastikstiel ein Huhn über den Jordan schicken wollten. Inzwischen hätten wir die ganze Hühnergeschichte am liebsten abgeblasen, entsprach sie doch nicht so ganz unseren Vorstellungen, vermutlich der Gedanke ans versprochene Chicken-Barbecue lies uns aber auch darüber wegsehen. Leider verdiente dieses aber nicht so ganz seinen Namen. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich in meinem ganzen Leben noch kein schlechter zubereitetes Huhn vor mir hatte. Das lag nicht einmal an der es umgebenden Soße oder an den Gewürzen; mir leuchtete aber absolut nicht ein, wie man, anstatt das Geflügel von Knochen zu befreien, einfach mitsamt diesen alles in kleine Stücke hacken kann (unabhängig davon, dass ich mich fragte, wie man das mit dem kleinen Küchenmesser macht). So hatte ich also nicht einmal ein volles Hühnerbein vor mir, sondern einfach nur verknorpelte Stücke Geflügel, die allesamt aus mehr Knochen als Fleisch zu bestehen schienen. So viel Knochen im Verhältnis zum Fleisch konnte eigentlich selbst das magerste indische Huhn nicht haben. Der Appetit hatte sich inzwischen auch in Luft aufgelöst, so dass ich auch den Rest des Essens wie Reis und Chapati nicht mehr runterbekam. Unsere Begleiter schienen zwar etwas enttäuscht ("Eat more Sir, we have plenty!" bekamen wir im Minutentakt zu hören), machten sich aber danach über den Rest des Essens her, vermutlich inklusive verschollener Hühnchenbrust.
Die Nacht verbrachten wir mitten auf einer großen Sanddüne auf ein paar zusammenklappbaren Armeebetten unter einigen dicken Decken. Diese waren auch nötig, denn der großen Hitze von über 40 Grad am Tag stand in der Tat eine kalte Nacht gegenüber, wenn auch nicht ganz so schlimm wie ich es erwartet hatte.
Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war zunächst auffallend, dass unsere Kamele nicht mehr zu sehen waren. Ich hab nicht verstanden warum, aber die werden in der Nacht nicht wirklich angebunden, sondern bekommen nur die Vorderläufe mit einem kurzen Seil verbunden, damit sie nicht zu weit weg laufen können. Der Normalfall ist daher, wie uns erklärt wurde, dass man einige Kilometer durch die Einöde läuft, und mit etwas Glück, gutem Spurenlesertalent und sechstem Sinn die Kamele wieder einsammelt. Eins hatte sich allerdings scheinbar über Nacht seiner Fußfesseln entledigt und war so weit weg geritten, dass es auch bis zum Ende unseres Frühstücks nicht gefunden wurde. Die beiden Führer schienen das ziemlich gelassen zu nehmen, es war scheinbar nicht das erste mal dass so etwas passiert, irgendwann findet man das Kamel schon wieder. Somit suchte einer der beiden weiter, während der andere mit uns und nur noch drei Kamelen zurück ritt, bevor die Hitze wieder zu groß wurde. Nach scheinbar endlosen zwei Stunden, in denen wir uns die Allerwertesten zunehmend wund ritten, stießen wir endlich auf den wartenden Jeep, der uns wieder zurück nach Jaisalmer fuhr.
Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass so eine Kameltour sowohl ihre positiven wie aber auch negativen Aspekte mit sich bringt. Man hat nicht oft die Möglichkeit auf einem Kamel zu reiten (wenn es auch nicht sonderlich komfortabel ist), die völlige Stille und Endlosigkeit in der Wüste ist schon beeindruckend (wenngleich sie wegen dem Mangel an wirklichem Sand eher trostlos wirkt), und eine Nacht unter freiem Himmel mitten im Nichts vergisst man so schnell nicht.
Zum Abschluß noch ein paar Worte zu Jaisalmer: Mit ca. 80.000 Einwohnern ist die Stadt für indische Verhältnisse mickrig. Der größte Teil der Menschen wohnt innerhalb einer riesigen Burg, die erhoben mitten in der Wüste steht. Im inneren dieser Mauern befinden sich fast alle Hotels, Restaurants, etc., die von ihren Dachterrassen einen beeindruckenden Blick ins Umland bieten. Außerhalb der Mauern finden sich aus touristischer Sicht noch weniger interessante Dinge als innerhalb, außer dass man dort auffallend gut Lederwaren aller Art kaufen kann, besser als an irgendeinem anderen Ort den ich in Indien heimgesucht habe. Eine weitere Nacht im Hotel später machten wir uns daher auch auf die Weiterreise, aber dazu mehr im nächsten Eintrag.