Das Leben ist eines der härtesten
Samstag stand nach längerer Zeit mal wieder ein größeres Shooting an, so dass ich mich mit meinem australischen Mitbewohner wie verlangt brav schon um 8 Uhr morgens in den Filmalaya Studios eingefunden habe. Nötig gewesen wäre das allerdings nicht, schließlich bin ich hier in Indien, vor 11 Uhr haben wir neben dem kurzen Auswählen von Klamotten und Makeup nur in der Garderobe rumgesessen und eine Tasse Kaffee nach der anderen getrunken. In der Zwischenzeit trudelten nach und nach die anderen Darsteller ein, neben drei weiteren Trainees und ein paar anderen gecasteten Leuten noch 7 in Colaba aufgegabelte Touristen, die nur als Statisten fungierten.
Die zu drehende Werbung sollte für Powersafe sein, quasi ein Notstromaggregat für Computer, was gerade in Indien durchaus sinnvoll sein kann. Die Story des Spots ist schnell erklärt: Im Studio hatte man eine Bürokulisse aufgebaut, wo zuerst kurz der normale Arbeitsalltag gefilmt wurde. Daraufhin fällt plötzlich der Strom aus, womit ohne Powersafe natürlich die Arbeit still liegt. Was macht man also, wenn man eh nicht weiter arbeiten kann? Unfug. Der Hauptteil der angeblich 40 Sekunden Handlung besteht daher darin, dass ich mit drei anderen Kollegen auf unseren Stühlen ein Rennen durchs Büro veranstalte, angefeuert von den anderen Leuten. Am Ende kommt der Boss rein, wir sind alle ganz erschrocken, doch zu unserem Erstaunen bekommen wir nur zu hören: "What's the score?". Ich hatte also dieses mal eine der großen Rollen und dazu noch eine Menge Spaß, was vor allem auch an meinen Rennkonkurrenten lag, mit meinem Mitbewohner und einem schwulen britischen Schauspieler gab es ziemlich viel zu lachen. Eher leid tun konnten einem irgendwann die Touristen. Die durften den ganzen Tag nur doof im Hintergrund rumstehen (oder noch nicht einmal das), und sollten dafür mit einem Zehntel meines Lohns abgespeist werden. Verständlich, dass denen nach über 12 Stunden langsam der Kragen platzte, mit der Aussicht auf ein bisschen Bollywood-Flair hatten die wohl etwas anderes erwartet. Irgendwann folgte daher die Meuterei, und die sind einfach gegangen, weil man sich weigerte, ihnen mehr Geld zu bezahlen. Falls irgendwer, der diese Zeilen liest, einmal als Tourist nach Mumbai kommen sollte: Es mag noch so verlockend klingen, aber lasst euch nie spontan von irgendwelchen Modelscouts zu einem Werbedreh überreden. Die kassieren ab, ihr vergeudet eure Zeit, und werdet noch nicht einmal nennenswert dafür bezahlt.
Für die letzten Szenen musste daher wegen mangelnden Darstellern ein bisschen improvisiert werden, und gegen 0.30 Uhr fiel endlich die letzte Klappe. Anfang Januar wird der fertige Spot hier auf Sendung gehen, zuerst nur auf zwei Nachrichtenkanälen, später auch auf weiteren. Aus Fehlern lernt man, diesmal hab ich direkt nach der DVD gefragt und mir die entsprechende Telefonnummer geben lassen, vielleicht klappts ja mal.
Trotz viel Spaß waren wir nach 15 Stunden am Set ziemlich geschafft, so dass ich eigentlich mit meinem Mitbewohner auf direktem Wege nach Hause fahren wollte. Dann erzählte uns aber einer der anderen Darsteller (der bei diesem genauso wie schon beim damaligen Digjam-Shooting unseren Boss spielte) von der Eröffnung eines neuen Clubs in der Nähe, und dass er ständig zu so etwas eingeladen würde und uns problemlos mitnehmen könne. Was hatten wir außer ein bisschen Schlaf schon zu verlieren, also haben auch wir uns von seinem Chauffeur mitnehmen lassen. Am Club angekommen warteten an der Einfahrt schon etliche Jugendliche darauf, dass die Autos irgendwelcher Stars heraus kommen und sie ein Autogramm erhaschen können. Ob welche da waren oder nicht kann ich auch nicht sagen, bis auf ein paar wirklich große indische Namen würde ich hier keinen Schauspieler erkennen. Das war uns aber eh ziemlich egal, viel wichtiger waren erst einmal Essen und Getränke für umsonst. Die Bar hatten wir am Ende so ziemlich leer getrunken (was mussten uns aber auch dauernd Kellner neue Drinks bringen), und das Essen war ein Hochgenuß. Neben dem eher unattraktiven, typisch indischen Standard-Buffet gab es noch einen Chicken Kebab Stand, und wenn die Inder eins können, dann Hähnchen grillen. Zur Belustigung der Köche haben wir daher kurzerhand das Barbecue übernommen, um uns ein köstliches Chicken Kebab nach dem anderen einzuverleiben. Abschließend haben wir auch noch auf der Tanzfläche unser Bestes gegeben, die Party aufzuwerten, das Durchschnittspublikum auf solchen Events ist nämlich bis auf wenige Ausnahmen eher vom Schlage "Ich bin ziemlich wichtig, auch wenn ich nicht so aussehe und wegen meines mageren Verdienstes auf solche Veranstaltungen angewiesen bin" (ich hab hier letztens in einem Magazin gelesen, was ein paar eher unbekannte indische Schauspieler verdienen, und das war teilweise nicht viel mehr als ich als Trainee-Gehalt bekomme). Auch die zwei anzutreffenden isländischen Models, die damals in dem Digjam-Spot mitgewirkt hatten, hatten sich inzwischen für irgendeinen indischen B-Movie-Kasper prostituiert und hielten es daher nicht mehr für angemessen, sich mit einem zu unterhalten. Objektiv also eine eher lahme Veranstaltung, was uns aber nicht davon abgehalten hat, ziemlich viel Spaß zu haben. Weniger schön war verständlicherweise der Kater am nächsten Tag, was mit Sicherheit auch daran lag, dass der Partyveranstalter eher zu den billigen Getränkemarken gegriffen hatte. Und zu allem Überfluß kam auch noch um 11 Uhr am Morgen die nächste Frau mit Kamera vorbei, um die Jungs aus unserer Wohnung für den Dreh irgendwelcher Unternehmenspräsentationen zu casten, der Restalkohol war uns vermutlich noch ziemlich anzusehen.
Den restlichen Sonntag habe ich mit fast 40 anderen Trainees und Leuten von AIESEC in einem chinesischen Restaurant verbracht. Wir hatten uns eigentlich nur getroffen, um uns das Mittagsmenü einzuverleiben und über einen im Januar anstehenden Wohltätigkeitsmarathon zu sprechen, für den uns die für NGOs arbeitenden Trainees gewinnen wollten (falls jemand über das Wort Marathon stolpert, für uns steht eh nur der 7km-Lauf zur Debatte). Als es ans Bezahlen ging, nahm das Unglück seinen Lauf: Ich weiß nicht, ob der indische Markt für Kassensoftware noch in den Kinderschuhen steckt, oder die Bediensteten inklusive Manager nur zu dämlich sind sie zu bedienen, jedenfalls sind Einzelrechnungen sowieso unmöglich, aber selbst eine pro Tisch ist angeblich zu viel verlangt. Das Phänomen, das in einer solchen Situation grundsätzlich zuerst einmal zu wenig zusammen kommt, wenn jeder das Geld für den eigenen Konsum auf einen Haufen wirft, dürfte fast jedem bekannt sein. Schnell wurde aber klar, dass es dieses mal ausnahmsweise nicht unsere Schuld war, das eine ganze Menge Geld fehlte, da diese Esel einfach für jede Person ein Menü eingebucht hatten, obwohl gar nicht jeder gegessen hatte. Und anstatt den Fehler einzusehen, folgten ewige sinnlose Diskussionen, bis wir irgendwann die Polizei gerufen haben. Die hat sich erwartungsgemäß auf unsere Seite gestellt, war schließlich auch für sie die einfachste Lösung. Das eine riesige Menge von immer wieder kehrenden, "reichen" Weißen eine lukrative Einnahmequelle darstellt, wollte man hier im Gegensatz zu vielen anderen Lokalitäten scheinbar nicht begreifen. Wieder einmal hatte sich also bestätigt, dass sich auch die indische Servicewüste in ihrer Größe nicht zu verstecken braucht.

Vorne der englische Schauspieler, ich und mein australischer Mitbewohner auf unseren Rennschlitten zwischen zwei Szenen, im Hintergrund die ersten gesenkten Mundwinkel

Startaufstellung für die nächste Runde

Training für die nächste Grillsaison

