familie puffenstedt in bremen! IV.
kaum hatte familie puffenstedt bei mac donalds ihren „doppel-hamburger-extra“ aufgegessen, drängte karl puffenstedt auch schon zum aufbruch.
„beeilt euch - wir haben doch noch gar nichts von bremen gesehen!“
wilfried meinte zwar, er würde sich viel lieber die schaufenster von karstadt ansehen und irma erklärte, sie wollte sich eine bank in der sonne suchen, das aber verbot ihnen karl puffenstedt und entschied - „ohne wenn und aber“ - die besichtigung der böttcherstrasse in angriff zu nehmen. „wir sind doch nicht zu unserem vergnügen in bremen!“
„und warum dann?“ fragte gerda, seine, frau, erstaunt.
„kultur ist nun einmal anstrengend“, antwortete karl puffenstedt. „denke nur an die schöne wagner-oper, die wir vor einigen jahren in wuppertal gesehen haben ...“
„ ... als du im ersten akt gegangen bist, weil es dir so langweilig war!“
„mir war unpässlich - weiter nichts!“ gab karl puffenstedt beleidigt zurück.
„aber du sollst dich doch nicht überanstrengen. wir werden uns einen stadtführer nehmen!“
diese worte elektrisierten karl puffenstedt. „du hast also den eindruck, dass ich euch nichts über bremen erzählen kann. das meinst du doch!“
„nun sei doch nicht gleich beleidigt. so ein führer weiss vielleicht das eine oder andere noch besser als du ...“
... besser als ich?“ karl puffenstedt sah seine frau erbost an. „ich fahre nach hause - jetzt sofort. wenn ihr meine informationen nicht zu schätzen wisst, geht es bestimmt auch ohne mich.“
irma wollte den streit ihrer eltern schlichten: „so ein führer kostet doch nur geld. besser ist es, du zeigst uns jetzt mal die böttelgasse!“
„da hörst du es, gerda! ich spreche von der böttcherstrasse - und was tut deine tochter? sie redet von irgendeiner büttel ... böttelgasse! du siehst, wie wichtig es ist, einen fachmann dabei zu haben. nun lasst uns zur böttel ... ich meine: zur böttcherstrasse gehen. hier entlang!“
dort angekommen, bat karl puffenstedt um gehör.
„das alles hier sieht sehr alt aus. dabei wurden die häuser erst vor 80 jahren gebaut ...“
„ ... wie alt wurde eigentlich oma?“, unterbrach ihn wilfried.
„wir hatten - das müsstest du eigentlich wissen - gerade ihren 79. geburtstag gefeiert, als der trauerfall über die familie kam.“ gerda puffenstedt war stolz auf diese formulierung, denn den meisten familien geschieht ein trauerfall - doch bei familie puffenstedt kam er über sie.
wilfried erinnerte sich: „oma sah wirklich schon sehr alt aus, dabei war sie erst 79.“
„aber 79 ist doch sehr alt!“, rief irma.
„pappa ist anderer meinung!“
„ich habe nicht mit einer silbe von oma gesprochen, sondern von den häusern in der böttcherstrasse, die uns sehr alt vorkommen ... aber oma sah mit ihren 79 jahren wirklich wie neu aus - oder was meinst du, gerda? “ karl puffenstedt sah seine frau erst verwirrt und dann beleidigt an.
„dabei sind die häuser nur ein jahr älter als oma!“ grinste wilfried.
karl puffenstedt überlegte, warum häuser länger stehen als menschen. er war aber zu konfus, um darauf eine antwort zu finden. deswegen kehrte er lieber auf sicheres terrain - und zu seinem eigentlichen thema zurück.
„gebaut wurde die böttcherstrasse von ludwig roselius. der hatte mit kaffee HAG ein vermögen verdient. er liess alle alten gebäude abreissen und ...“
irma unterbrach ihn. „... was ist kaffee HAG?“
„ein entcoffeinierter kaffee, mein herzchen!“ gerda freute sich, etwas zur geschichte der böttcherstrasse beitragen zu können.“
„und was ist ein entkofferter kaffee?“ irma liess nicht locker.
karl puffenstedt erklärte es ihr: „das ist so ähnlich wie vanille-eis ... ohne vanille.“
„oder schokoladenkuchen ohne schokolade!“ ergänzte gerda puffenstedt.
„ich verstehe das nicht!“ irma fasste sich an den kopf. „wenn überhaupt keine schokolade im kaffee HAG ist, kann man ihn doch auch nicht so nennen.“
karl puffenstedt strich seiner tochter übers haar. „ach, irma - ich glaube, dieser ludwig roselius hat es selbst nicht so genau gewusst. aber wir haben ja seine böttcherstrasse ... und die sehen wir uns jetzt an!“
sie gingen einige schritte, bis sich die gasse zu einem kleinen platz erweiterte. dort stand ein hohes haus mit einem treppengiebel und vielen fenstern. neben der tür war ein schild angebracht: „ludwig-roselius-haus“.
„hier wohnt der mann, der den schokoladenkuchen ohne schokolade erfunden hat“, rief wilfried. karl puffenstedt schüttelte den kopf. „dieser entcoffeinierte roselius ist schon lange tot!“
„wie oma - fast neu - mit 79!“ flüsterte irma.
nur wenig entfernt lag das „haus des glockenspiels“ - so genannt, weil in seinem giebel zu jeder vollen stunde viele glocken ein lied spielen. karl puffenstedt sah auf die uhr, rief: „es geht gleich los!“ und mischte sich unter die touristen, die im halbkreis vor dem haus standen, ihre hälse reckten und auf das noch stumme glockenspiel starrten. karl puffenstedt sah sich um und war überrascht, schon wieder unter die chinesen geraten zu sein. ihr reiseleiter sprach jedoch kein deutsch, wie er es am vormittag beim märchen von den stadtmusikanten getan hatte, sondern erklärte den chinesen das glockenspiel - zum bedauern von karl puffenstedt - auf chinesisch!
er konnte noch so angestrengt hinhören - und verstand doch kein wort. er musste darum, als irma ihn fragte, welches musikstück die glocken spielen, antworten:
„ich glaube ... „an der schönen blauen donau“!“
„aber bremen liegt doch gar nicht an der donau.“
„du hast recht, irma! aber wie sollen das die glocken dort oben wissen?“
als das glockenspiel verklungen war, setzten die puffenstedts ihre besichtigung fort und gingen bis zum ende der böttcherstrasse. dort standen rechts das „robinson-cruseo-haus“ und links das „haus atlantis“. karl puffenstedt wollte schnell daran vorbei gehen, denn er sah fragen auf sich zukommen, die er fürchtete ...
„es muss aber doch „haus atlantik“ heissen - und nicht „atlantis“. hier stimmt etwas nicht. was meinst du, karl?“ gerda puffenstedt sah erst aufs schild, das an der hauswand angebracht war, und dann zu ihrem mann.
„aber gerda! dieses haus hat mit dem atlantik doch gar nichts zu tun ...“
... mit was dann?“
karl puffenstedt begann zu schwitzen. was oder wer war „atlantis“? seine freunde im kegelclub nannten ihn in jedoch nicht umsonst „den meister der improvisation“und wussten um sein talent. deswegen stellte er wilfried sogleich eine frage:
„sage mir einmal die mehrzahl von atlas!“
wilfried musste nicht lange nachdenken: „atlasse!“
„das, mein lieber wilfried ist falsch, ganz falsch. die mehrzahl von atlas ist ... atlantis!“
„ach so!“ gerda puffenstedt seufzte und schien erleichtert. „dann bewahren sie in diesem haus wahrscheinlich ganz viele atlasse auf!“
karl puffenstedt nickte: „genau so ist es!“
er konnte sich jedoch nicht lange über sein talent freuen, denn schon erreichte ihn die nächste tückische frage.
„ was hat denn robinson cruseo mit bremen zu tun?“ wilfried stand vor dem gegenüber liegenden haus und hatte die dazu gehörige tafel entdeckt.
karl puffenstedt räusperte sich. er wollte zeit gewinnen, hoffte, dass ein anderer die antwort wüsste. aber wer? vielleicht der chinesische reiseleiter? er konnte weit und breit keinen chinesen erkennen.
„was ist denn nun mit diesem robinson?“ wilfried wartete ungeduldig auf eine antwort.
„das verstehe ich auch nicht. „robinson cruseo“ ist doch kein haus, sondern ein kinderbuch!“ gerda puffenstedt war zu wilfried getreten und berührte mit ihrer nase fast die tafel (ihre kurzsichtigkeit), um die inschrift zu lesen.
karl puffenstedt dachte angestrengt nach. er kannte alle bücher von karl may - aber von robinson cruseo hatte er nie etwas gelesen. es hämmerte nur so in seinem kopf: bremen - robinson - bremen - robinson.
aber er wäre nicht karl puffenstedt, wenn er auf eine frage keine antwort wüsste. „meine lieben - es ist ganz einfach. robinson war ein angestellter von diesem roselius, der den kaffee ohne kaffee erfand. dieser robinson war so tüchtig, dass man ihm das haus schenkte, vor dem ihr gerade steht. hier hat er sein schönes kinderbuch geschrieben.“
„und wie ist er auf die einsame insel geraten?“ wollte wilfried wissen, denn er hatte - anders als sein vater - das buch gelesen. karl puffenstedt war erneut ratlos. eine insel? wo? er kannte das buch doch überhaupt nicht. „gut, dass du fragst, wilfried. fast hätte ich es vergessen. ich sagte euch doch, dass herr roselius im kaffee-handel tätig war. und deswegen machte robinson eines tages eine kaffeefahrt ...“
„ ... um kaffee ohne kaffee zu trinken?“ wollte irma wissen.
„genau so! aber dann trieb ein sturm das kleine schiff aus der weser hinaus aufs meer ... den rest kennt ihr ja!“
gerda puffenstedt war stolz auf ihren mann: „wenn wir dich nicht hätten. auf jede - wirklich jede frage hast du eine antwort.“ sie hatte plötzlich kaffeedurst. aber ...
... wo war wilfried? sie konnten ihn nirgends entdecken. er musste sich heimlich fortgeschlichen haben. sie schlug vor, in richtung marktplatz zu gehen. „er wollte sich doch die schaufenster von karstadt anschauen!“
so weit mussten sie aber gar nicht gehen, denn wilfried kam ihnen schon bald entgegen.
„wo warst du denn?“ wollte gerda puffenstedt wissen.
„ich habe alle inschriften, die an den häusern angeschraubt sind, gelesen. das ist wirklich lustig. soetwas sollten wir auch haben: „haus puffenstedt“. hier gibt es auch noch ein „haus st. petrus“ und das „paula becker-modersohn-haus“ ...
... pappa, kannst du mir mal sagen, wer paula becker modersohn war?“
karl puffenstedt schnappte entsetzt nach luft und griff sich an den plötzlich viel zu engen hemdkragen.
irma aber legte den kopf schief und rief: „was für ein komischer name! warte nur ...
... pappa puffenstedt weiss alles!“
ohne zweifel: ein guter ansatz, den die zeitschrift GAZELLE hatte. multikulti irgendwie ...

