es ging schon auf den späten nachmittag zu und familie puffenstedt sass erschöpft auf einer bank unter den rathausarkaden, um ein paar minuten auszuruhen. karl puffenstedt blätterte in der broschüre, die man ihm vor tagen im reisebüro mit den worten : „viel vergnügen bei ihrem besuch in bremen“ überreicht hatte.
wenn die wüssten ... ! dachte karl puffenstedt.
gerda puffenstedt sah ihm neugierig über die schulter. „ich schlage vor, wir beenden die besichtigung, gehen gemütlich eine tasse kaffee trinken und machen uns danach auf den heimweg. was meinst du, karl?“
„das geht nicht, gerda! schaue dir doch den prospekt an. wir haben gerade einmal die seiten 1 bis 15 der besichtigung geschafft - die broschüre aber hat 26 seiten. das heisst, 11 seiten müssen noch abgearbeitet werden ... nein, 10 ... das inhaltsverzeichnis zählt nicht!“
„reisse die 10 seiten doch einfach raus!“ schlug wilfried vor. irma aber, die sich schon wieder ihre schmerzenden oberschenkel massierte, meinte: „hätten wir den reiseführer bei seite 26 begonnen und uns dann rückwärts bis seite 16 vorgearbeitet, wären wir mit bremen längst durch!“
„dann würden uns aber immer noch die seiten 1 bis 15 fehlen“, gab winfried zu bedenken. irma lachte ihn aus: „ha, ha! hörst du eigentlich niemals zu? hat pappa nicht eben gesagt, dass wir die seiten 1 bis 15 bereits geschafft haben?“
karl puffenstedt blätterte unschlüssig in der broschüre. „ich denke, den rhododendron-park können wir uns sparen ...“
„ ... was ist rodendron?“ fragte wilma.
„ein küchengewürz, glaube ich“, antwortete gerda, die ausser salz und pfeffer keine gewürze in ihrer küche duldete.
„ ... dann wäre da noch das übersee-museum.“
gerda winkte ab. „dazu reicht die zeit nicht. allein die überfahrt dauert schon ... na, mindestens fünf tage!“
„aber die kunsthalle müssten wir doch ...“ weiter kam karl puffenstedt nicht, denn gerda puffenstedt wusste es schon wieder besser: „ ... die brauchen wir auch nicht. der picasso-druck in unserem wohnzimmer ist kunst genug. nach picasso kam sowieso nichts mehr!“
„er müsste nur einen neuen rahmen haben!“ gab karl puffenstedt zu bedenken. „ach, was!“ gerda puffenstedt schüttelte den kopf. „für picasso reicht der alte!“
„dann bleibt in der broschüre wirklich nur noch das schnoor-viertel auf seite 25 übrig.“ karl puffenstedt steckte die broschüre in die hosentasche.
„wie gut, dass es nur ein viertel und kein ganzes ist. das haben wir schnell erledigt!“ rief irma.
die puffenstedts brauchten nicht weit zu gehen, sondern mussten nur die strassenbahnschienen auf der domshaide überqueren. von dort führte eine treppe hinunter in den schnoor, das älteste quartier bremens. karl puffenstedt lief zielstrebig zu einem orientierungsplan, der am eingang zum schnoor aufgestellt war. er fuhr mit dem zeigefinger über das gewirr der kleinen gassen und fragte:
„zur „marterburg“ - oder zur „wüsten stätte“?“
gerda puffenstedt sah ihren mann ungläubig an. „was erzählst du denn da? ist das hier eine geisterbahn?“
irma schüttelte sich: „ich gehe da nicht rein. das ist mir zu unheimlich!“
winfried aber rief: „oh, fein. das hört sich gruselig an.“
gerda puffenstedts entschluss stand fest: „die männer werden allein gehen. irma ist noch viel zu klein für so viel aufregung - und meine schwachen nerven halten das auch nicht durch. wir trinken inzwischen eine tasse kaffee. karl, sieh nach, wo es hier in der nähe ein nettes café gibt!“
karl puffenstedt zog die broschüre aus der hosentasche und blätterte darin. „hier ist eines - das ... „katzencafé“!“
„jetzt reicht es mir!“ gerda war empört. „entweder ist dieser komische schnoor ein ganz schrecklicher ort - oder du willst dich über uns lustig machen. meinst du im ernst, dass ich mich mit irma zu irgendwelchen katzen setze, um einen kaffee zu trinken?“
„ich hasse katzen und trinke nur kakao!“ rief irma.
karl puffenstedt zerriss wütend die broschüre. „macht doch, was ihr wollt! es muss für die damen wohl erst noch ein café erfunden werden, wo sie ohne katzen kaffee trinken können!“
„gibt es in der marterburg auch marterpfähle?“ wollte wilfried wissen.
„selbstverständlich!“ karl puffenstedts war kurz davor, die nerven zu verlieren. seine stimme wurde schrill und überschlug sich: „wenn die indianer nicht gerade in bad segeberg auftreten, skalpieren sie in bremen die besucher!“
„aber nur in der „wüsten stätte“!“ ergänzte wilfried.
gerda puffenstedt nahm aus ihrer handtasche ein erfrischungstuch und rieb sich damit das gesicht ab. „wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nie nach bremen gefahren. hier macht man sich über touristen ja doch nur lustig.“
es bedurfte einiger überredungskunst von karl puffenstedt, bis gerda und irma es wagten, doch noch in den schnoor zu gehen. sie liefen durch schmale gassen und kamen an niedrigen häusern vorbei, in denen früher die fischer und handwerker wohnten und heute künstler leben - in denen aber auch geschäfte untergebracht sind, die andenken und allerlei anderes verkaufen, das keiner wirklich braucht.
„eigentlich ist es hier ganz gemütlich, fast so, als würde man in eine geisterbahn hinein gehen und ... äh ... sich in einem flohzirkus wieder finden!“ stellte gerda puffenstedt überrascht fest. „warum „flohzirkus?“, fragte karl puffenstedt. „ich weiss es nicht ... vielleicht weil hier alles so klein ist ... wie in einer puppenstube.“
„wenn nur nicht die indianer wären, die hinter jeder ecke lauern, um die flöhe in der puppenstube zu skalpieren“, grinste wilfried.
„nicht hinter jeder ecke - nur an der „wüsten stätte“, kicherte karl puffenstedt, der seine blanken nerven schon wieder vergessen hatte - auch weil er nicht befürchten musste, im schnoor mit tückischen fragen konfrontiert zu werden, die er nicht beantworten konnte. hier war alles - fraglos - klein, übersichtlich, beschaulich und gemütlich. „wirklich wie in einem flohzirkus - gerda, du hast recht!“
irma blieb vor einem strassenschild stehen, das in eine besonders enge gasse wies. sie las laut vor:
„spiekerbartstrasse“!
bevor karl puffenstedt gefahr lief, erneut ins schwitzen zu geraten, rief er hastig: „jetzt fragt mich nicht, was ein spiekerbart ist. das kann euch viel besser mein friseur erklären. also wartet, bis wir wieder zu hause sind.“
„aber wie soll denn dein friseur das wissen?“ gerda puffenstedt war erstaunt. „du hast mir doch erzählt, dass er türke ist!“
karl puffenstedt steuerte - er spürte es auf beklemmende weise an der aufsteigenden hitze - schon wieder auf eine falle zu. „richtig ... er kommt, um es genau zu sagen, aus istanbul. aber warum sollte ein türke nicht darüber im bilde sein, was ein spiekerbart ist? soetwas tragen dort doch alle - ich habe es selbst gesehen!“
„aber karl, du warst noch nie in istanbul!“
„aber bei meinem friseur - und da halten sich immer viele istanbulis auf ....“
„... na, klar! sie lassen sich ihre spiekerbärte stutzen und blättern dabei in atlantis“, grinste wilfried.
es wurde schon dunkel, als familie puffenstedt ins auto stieg, um bremen zu verlassen. als karl puffenstedt auf die autobahn abbog, fragte gerda puffenstedt plötzlich:
„sagt einmal: stand nun der hund auf dem esel - oder der esel auf dem hund?“
ENDE