antiquar wübbelzahn kommt mit vielen kunden ins gespräch und manche schütten ihm ihr herz aus. da ist zum beispiel herr misslich. inzwischen ist er längst pensioniert, aber früher arbeitete er im finanzamt - und weil das nur wenige schritte entfernt von antiquar wübbelzahns laden liegt, kam herr misslich regelmässig in der mittagspause vorbei. aber auch später, als er schon längst pensioniert war, liess er von seiner gewohnheit nicht ab.
herr misslich sammelte alles zu fliegerei. antiquar wübbelzahn reservierte ihm deswegen auch immer die seltensten und ganz besonderen bücher. er konnte sicher sein, herrn misslich damit eine freude zu machen. herr misslich strahlte und bei antiquar wübbelzahn klingelte die kasse.
die liebe zur fliegerei - so erzählte herr misslich es antiquar wübbelzahn im vertraulichen gespräch - entdeckte er, als er an einem feuchten wintertag in seinem büro sass und voller schrecken bemerkte, dass der stapel akten auf seinem schreibtisch nicht kleiner wurde. kaum hatte er einige akten bearbeitet, flog die tür auf, und amtmann würzig rollte auf einem kleinen handwagen berge von neuen akten heran.
herr misslich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. er durfte allerdings nicht darauf hoffen, dass amtmann würzig irgendwann wegen eines schnupfens zu hause blieb, um ihm auf diese weise eine atempause zu gönnen.
denn amtmann würzig sagte jedem, der es nicht hören wollte: „ein lied auf der lippe verjagt schnupfen und grippe!“
deswegen konnte herr misslich amtmann würzig auch schon auf dem flur des finanzamts singen hören - ziemlich schief und bei weitem unerträglicher als das hässliche quietschen seines handwagens.
vielleicht könnte mich ein steckenpferd von der arbeit, die nie weniger wird, ablenken, dachte herr misslich. also skat, bridge, doppelkopf spielen ... sich der numerologie oder astrologie widmen ... münzen oder briefmarken sammeln ... dem glücksspiel oder den frauen verfallen ...
während er noch nachdachte und sein blick dabei aus dem fenster zu den tief hängenden, grauen wolken wanderte, flog hoch oben ein kleiner silberner punkt vorbei. als herr misslich genauer hinsah, wurde der punkt zu einem kleinen flugzeug, das knapp unter den wolken flog und rasch die breite des bürofensters durchmessen hatte ...
„fliegen wäre schön“, dachte herr misslich.
und so geschah es, dass er, der nie in einem flugzeug gesessen hatte, zu antiquar wübbelzahn eilte und - kaum dass er den laden betreten hatte - laut ausrief: „packen sie mir alles zur fliegerei ein!“
auf diese weise wurde herr misslich zum stammkunden von antiquar wübbelzahn. sie lebten fortan in einem verhältnis miteinander, das mit fug und recht als „symbiotisch“ bezeichnet werden kann. sie brauchten sich, schätzten sich, tauschten buch gegen geld, und befreundeten sich sogar ... wenigstens so, wie es die fliegerei zwischen zwei buchdeckeln zulässt.
deswegen fiel antiquar wübbelzahn eines tages mit nicht geringer bestürzung auf, dass er herrn misslich schon seit wochen nicht mehr in seinem laden gesehen hatte. war herrn misslich etwas zugestossen? abgestürzt konnte er nicht sein, aber es geschieht dennoch zuweilen, dass wir menschen - aus gründen, denen wir nichts entgegensetzen können - aus den augen verlieren ...
um so erleichterter war antiquar wübbelzahn, als er herrn misslich wenige tage später vor seinem laden bemerkte. er eilte hinaus, um ihn zu begrüssen.
„warum kommen sie nicht herein? ich habe einige wunderbare bücher zur fliegerei in meinem sortiment!“
herr misslich schaute antiquar wübbelzahn traurig an. „ich möchte nichts kaufen. ich weiss ja schon jetzt nicht mehr, wohin mit den vielen büchern. gerade ist mir etwas schlimmes passiert: ich habe eine kiste mit büchern, die in meinem regal keinen mehr platz fanden, so besonders sorgfältig fortgeräumt, dass ich sie nicht wiederfinde. das schlimmste: ich kann mich nicht erinnern, welche bücher in dieser kiste sind. das allerschlimmste aber: ich habe die bücher noch nicht einmal gelesen.“
antiquar wübbelzahn wiegte den kopf. das problem kannte er, eine lösung jedoch nicht. also wollte er herrn misslich trösten:
„kaufen sie doch ein paar neue bücher zur fliegerei. dann haben sie genügend lesestoff, bis sie die kiste wiedergefunden haben.“
herr misslich sah ihn erschrocken an: „das aller-allerschlimmste habe ich ihnen doch noch gar nicht erzählt!“
antiquar wübbelzahn wurde unruhig. ein seltsam-schwindeliges gefühl sagte ihm, dass gerade eine grosse, zu beiderseitigem nutzen geschlossene freundschaft zu ende ging. er legte deswegen besonderes mitgefühl in seine stimme und fragte:
„was ist denn so schlimm, herr misslich? sagen sie es mir doch!“
„das aller-allerschlimmste ist: mir wurde erst bei der suche nach der kiste klar, dass ich auch die bücher in den regalen noch nicht gelesen habe.“
antiquar wübbelzahn stöhnte leise auf. das erzählten ihm fast alle stammkunden. er blickte zum himmel, als erwartete er dort einen trost, den er entweder für sich selbst nehmen oder an seinen kunden weitergeben könnte. dort sah er aber nur einen kleinen, silbernen punkt, der knapp unter den tiefhängenden wolken flog und sich rasch entfernte.
herr misslich zog seinen hut, um sich zu verabschieden. „sehen wir uns denn einmal wieder?“ fragte antiquar wübbelzahn.
„ganz bestimmt. ich gehe doch noch jeden tag ins finanzamt - oder besser gesagt: in die kantine dort. denn wissen sie, was mir im ruhestand am meisten fehlt?“
„bestimmt ein spannendes buch über die fliegerei aus der kiste!“
„nein, das quietschen des rollwagens von amtmann würzig!“