als antiquar wübbelzahn noch ein junger mann war und nicht ahnte, dass er sich eines tages beruflich mit alten büchern geschäftigen würde, besuchte er häufig die antiquariate seiner heimatstadt - vor allem eines, wo ein alter mann, der stets einen grau-blauen arbeitskittel trug, über die heerscharen von büchern wachte, die sich - treppauf, treppab - in den regalen reihten.
wenn der junge wübbelzahn das antiquariat besuchte, gab der alte antiquar ihm eine leiter in die hand und dann begannen die expeditionen in die literatur.
der junge wübbelzahn suchte auch nach einer gesamtausgabe von heinrich heine. das war allerdings ein schwieriges unterfangen. so oft er auch fragte - der alte antiquar schüttelte immer nur den kopf.
der junge wübbelzahn konnte sich darauf keinen reim machen. es standen doch goethe-, schiller- und lessing-ausgaben zuhauf in den regalen. warum also nicht auch eine von heine?
erst einige jahre später fand er eine antwort auf seine frage. heinrich heine war jude - und deswegen im Dritten Reich geächtet. wer also damals eine ausgabe des dichters bei sich zu hause stehen hatte, brachte sie brav zu einer sammelstelle der nazipartei, die nichts anderes zu tun hatte, als deutsche literatur zu verbrennen.
auf diese weise waren bald die allermeisten deutschen bücherschränke von heinrich heine „gesäubert“. es blieben kolbenheyer, carossa und will vesper.
sie waren deutsch - und schrieben deutsch ...
heinrich heine schrieb zwar auch deutsch, aber manchmal auch einen satz wie: „denk ich an deutschland in der nacht, so bin ich um den schlaf gebracht.“
wie recht er hatte, dachte der junge wübbelzahn bisweilen ... und gab allein schon deswegen seine suche nach dem dichter nicht auf. aber so oft der alte antiquar auch bücher in die regale räumte - heinrich heine war nie dabei.
„den haben sie gründlich verbrannt“, pflegte der antiquar zu sagen und pustete dabei verächtlich den staub aus den kolbenheyers, carossas und vespers, die seinen laden hoffnungslos verstopften.
der junge wübbelzahn musste einsehen, dass er im antiquariat nicht fündig wurde. allerdings sah es im modernen buchhandel nicht anders aus. kein verlag in westdeutschland verlegte - auch 25 jahre nach kriegsende - heinrich heine. das schlimme verdikt vom „juden heine“ wirkte auf boshafte weise weiter und sorgte für ein grosses vergessen. das war in diesem fall besonders schlimm, denn der junge wübbelzahn wusste sehr genau, dass heinrich heine zu den grössten dichtern überhaupt gehört.
eines tages fuhr der junge wübbelzahn nach berlin. die reise wurde vom gesamtdeutschen ministerium bezahlt. er liess es sich deswegen - also ganz gesamtdeutsch - nicht nehmen, einen blick über die mauer zu tun.
gleich sein erster weg in ostberlin führte ihn in eine buchhandlung. nun muss man wissen, dass die DDR grossen wert auf die pflege der literatur legte. die bücher, die der junge wübbelzahn dort in die hand nahm, waren ausgesprochen sorgfältig gebunden und ausgestattet. mochte sich die auswahl auch an der russischen literatur orientieren, so fehlten doch keineswegs thomas mann, ernst maria remarque, ernst toller, klaus und heinrich mann, leonhard frank und bert brecht.
der junge wübbelzahn interessierte sich jedoch vor allem für die klassiker-ausgaben des aufbau-verlags. das waren schlichte, in leinen gebunde bände, die den ganzen kosmos der deutschen literatur umspannten. wer wäre damals in westdeutschland auf die idee gekommen, autoren wie philip moritz arndt, ludwig börne oder karl gutzkow zu verlegen? in der reihe des aufbau-verlags fehlte jedoch keiner von ihnen ... und auch heinrich heine nicht.
der junge wübbelzahn trug den schatz - die vierbändige, in taubenblaues leinen gebundene ausgabe - über die grenze nach westdeutschland. endlich hatte er gefunden, wonach er so lange gesucht hatte ...
heute sitzt antiquar wübbelzahn machmal in seinem laden und lässt den blick über die regale mit den klassikern gleiten. dort stehen auch drei schöne, alte heine-ausgaben:
von bong, dem bibliographischen institut und von reclam.
sie stehen da nicht etwa, weil er sie inzwischen so oft findet. sie sind nach wie vor selten - wie zu zeiten, als der junge wübbelzahn danach suchte. sie sammeln sich vielmehr im regal, weil keiner nach ihnen fragt.
antiquar wübbelzahn würde sogar so weit gehen, einem jungen mann oder einer jungen frau eine leiter in die hand zu geben - nur, damit sie in seinem laden auf entdeckungsreise gehen können und vielleicht ...
ja, vielleicht auch auf heinrich heine stossen.
aber - zum einen ist das geschäft von antiquar wübbelzahn recht übersichtlich und aufgeräumt - und zum anderen verirrt sich kaum ein junger mensch in seinen laden. also nimmt er selbst manchmal einen band aus dem regal und beginnt zu lesen ...
... etwa die gedichte von heinrich heine, dessen bücher einst verbrannt wurden und die heute - was genau so schlimm und im resultat dasselbe ist - wohl langsam in die vergessenheit sinken.