dort, wo der strand zu ende war, versperrte eine hohe mauer den weg. die tunesische maus wartete, bis yvonne und elvira herangekommen waren, und zeigte auf ein kreisrundes loch in der wand.
„das ist die u-bahn von tunis, nur immer hinein!“
behaglich war es den beiden freundinnen nicht, als sie der tunesischen maus in den dunklen tunnel folgten. als ihnen gleich darauf auch noch eine übel stinkende brühe entgegen stürzte und sie sich eilig auf die zehenspitzen stellen mussten, wussten sie, dass dies keine u-bahn, sondern die kanalisation von tunis war.
je länger sie unterwegs waren, desto mehr mäuse drängten sich in den unterirdischen tunneln. "der souk ist um diese zeit besonders belebt!“, erklärte die tunesische maus und setzte ihren weg unbeirrt fort.
manchmal geriet das geschäftige mäusetreiben in der kanalisation hoffnungslos ins stocken, dann sassen yvonne und elvira in einem knäuel von mäuseleibern fest und kamen nicht mehr vor oder zurück.
jedes mal musste ihnen die tunesische maus erst mühsam den weg frei kämpfen ... nicht ohne zu erklären, dass sich solche staus mit vorliebe unter den bäckereien des souks bildeten.
„wenn es für uns schon keinen weg hinauf in die backstuben gibt, wollen wir wenigstens hier unten vom duft des mehls und der frisch gebackenen brote profitieren", erklärte sie im ton eines fremdenführers.
als es wieder einmal völlig unmöglich war, einem mäusestau auszuweichen, bemerkte yvonne spitz: „aha, schon wieder eine bäckerei!“
„nein, nein“, korrigierte die tunesische maus. „wenn ich richtig orientiert bin, befinden wir uns direkt unter einem verkaufsstand für süssigkeiten ... also kandierte nüsse, bonbons, schokolade...“
„hören sie sofort auf!“ rief elvira. „ich habe den ganzen tag noch nichts gegessen - und sie erzählen uns etwas von süssigkeiten. wenn ich nicht bald etwas zwischen die zähne bekomme, falle ich tot um. ich verstehe überhaupt nicht, wie sich tunesische mäuse unter bäckereien und süsswarengeschäfte stellen können, um zu hoffen, auf diese weise satt zu werden. das ist doch idiotisch.“
yvonne, deren magen laut knurrte und ein grummelndes echo im tunnel auslöste, seufzte: „das frage ich mich auch - warum stehen sie alle wie blöde hier unten, anstatt den direkten weg zu nehmen? ich meine - bäckereien und süsswarengeschäfte haben doch eine tür!“
„das ist richtig, aber ...“, gab die tunesische maus zu bedenken. "... es herrschen da oben strenge zuzugsbedingungen. für bäckereien und süsswarengeschäfte beträgt das limit 250 mäuse je verkaufsstand. beim gemüse dürfen es nicht mehr als 80 sein, denn gemüse macht bekanntlich nicht besonders satt. alle anderen mäuse müssen draussen bleiben.“
„und was machen die ausgesperrten?“ fragte yvonne überrascht, weil sie sich an europa erinnerte und daran, dass sie die einzige maus in ihrer heimischen speisekammer war (welch´ unerhörter luxus angesichts tunesischer zustände).
„die anderen müssen warten, bis ein platz frei wird. bis dahin sind sie arbeitslos und bekommen auch keine aufenthaltsgenehmigung,“ erklärte die tunesische maus.
„das sind also die 1000 mäuse auf der grillparty am strand!“ yvonne verstand die sozialen verhältnisse in tunesien immer besser. sie sah die oliv-graue maus durchdringend an: „wo wohnen denn sie?“
die frage schien verlegenheit auszulösen, denn die maus räusperte sich, rieb nervös die pfoten aneinander, schaute nach oben, als wäre dort die antwort zu finden, blickte zu boden, als müsste sie sich schämen und antwortete endlich - wie einem plötzlichen einfall folgend:
„überall und nirgendwo!“
das befriedigte yvonne jedoch überhaupt nicht. „sie müssen doch ein zuhause haben ... eine speisekammer ... oder wenigstens eine bäckerei!“
die tunesische maus grinste verlegen, liess ihre braunen zähne sehen und hob abwehrend die pfoten. „eine maus wie ich braucht seine freiheit. im übrigen werde ich - wenn überhaupt - einen hausstand nur in europa gründen ... in einer brotfabrik!“
er mahnte, nachdem er gerade einen tiefen blick in seine seele erlaubt hatte, zur eile, wobei er yvonne und elvira heissen tee in aussicht stellte.
sie gelangten aus der kanalisation ins freie und standen kurz darauf vor einem gebäude mit einer goldenen kuppel. „eine moschee!“ erklärte die tunesische maus. sie suchte in der mauer ein schlupfloch und forderte die beiden freundinnen auf, ihr zu folgen.
im inneren fanden sich yvonne und elvira auf dicken, flauschigen teppichen wieder. „ihr müsst eure schuhe nicht ausziehen - ihr habt ja keine“, kicherte die tunesische maus und lief zielstrebig zu einem teppich im hinteren teil der moschee. er war ein wenig zusammen geschoben und bildete auf diese weise in der mitte eine wölbung, die einem zelt glich. dort hinein schlüpfte die tunesische maus und winkte den beiden freundinnen, es ihm gleichzutun.
als sie sich an das dämmerlicht unter dem teppich gewöhnt hatten, entdeckten sie eine maus, die im schneidersitz hockte, ein kleines weisses mützchen auf dem kopf trug und ihnen gleichmütig entgegen sah.
die tunesische maus strich ihr grau-olives fell glatt und verbeugte sich ehrerbietig. "lieber mohammed, ich bitte im namen dieser beiden europäischen mäuse um kurzfristiges asyl in der moschee - und um ein wenig tee.“
die maus mit dem weissen hütchen musterte yvonne und elvira und schnüffelte mit der nase in der luft: „es riecht ... es stinkt ... streng!“
„oh, lieber, bester mohammed, wir kommen geradewegs aus der u-bahn. wir hatten leider keine gelegenheit, uns frisch zu machen.“
„was heisst hier „frisch machen“?“ rief elvira. „wir haben schon seit europa nicht mehr geduscht - einmal abgesehen vom unfreiwilligen bad im hafen von tunis.“
die maus mit der kleinen weissen mütze hob die augenbrauen und sah elvira und yvonne missbilligend an. „sie sprechen nur, wenn sie gefragt sind. alles andere schickt sich nicht ... wo ist ihr hijab?“
„oh, lieber, bester, freundlichster mohammed!“, die tunesische maus verbeugte sich noch tiefer als beim ersten mal. „wir waren bereits auf dem weg zum souk, um den damen kopftücher zu kaufen. wir kamen nur zufällig an der moschee vorbei und dachten ...“
„was du denkst, interessiert niemanden. kommt wieder, wenn die frauen züchtig bedeckt sind. ihr seid entlassen!“ die weissbemützte maus winkte mit der rechten pfote, als wollte sie eine fliege verscheuchen.
„wir sind für ihn nur insekten!“ flüsterte yvonne, als sie mit evira und der tunesischen maus - die mit vielen verbeugungen immer nur rückwärts lief - eilig die teppichhöhle verliess.
„ganz recht!“ zischte elvira. „miese, kleine, heimatlose insekten, die von knochen knabbern, die tausend staatenlose mäuse am strand von tunis nach ihrer grillparty weggeworfen haben!“
die tunesische maus verstand nicht alles, was sich die freundinnen zuflüsterten - hatte jedoch so viel mitbekommen, dass sie yvonne und elvira nach verlassen der moschee mit grösstmöglicher freude in der stimme vorschlagen konnte:
„wie wäre es, wenn ich einen abgenagten knochen suche? wie ich höre, haben die damen grossen appetit!“