jede familie hat ihre gut gehüteten und deswegen verschwiegenen geheimnisse. es ist aber wie mit allen geheimnissen: sie lassen sich auf dauer nicht verbergen. so eine geschichte will ich erzählen:
fürst p. war ein angesehener mann. er führte den familienbesitz in b., der seit jahrhunderten von einer generation zur nächsten vererbt wurde. fürst p. war verheiratet, aber kinderlos. das bereitete ihm manchmal kopfschmerzen, denn ohne einen erben wurden das schloss und die güter in b. eines tages herrenlos.
hätte fürst b. gewusst, dass er schon zu lebzeiten seines besitzes beraubt werden würde, hätte er sich um einen erben keine besonderen gedanken gemacht - obwohl ihm die kopfschmerzen wohl geblieben wären. der besitz der fürstlichen familie p. lag im osten deutschlands. als die soldaten der roten armee vorrückten, floh fürst p. in den westen.
damit greifen wir dem geschehen jedoch weit voraus - und müssen im übrigen anmerken, dass dies (wenn überhaupt) nur in einem übergeordneten sinn zu der hier erzählten geschichte gehört.
warum fürst p. - obwohl verheiratet - kinderlos blieb, ist schnell erklärt. fürst p. hatte einen faible für junge männer. weil sich das aber nicht gehörte (wir schreiben das jahr 1922), wurde seine neigung tunlichst verschwiegen und vertuscht.
so nahm das verhängnis seinen lauf.
im frühjahr 1922 stellte sich der 22-jährige a. dem fürsten vor. nach seinem abitur wollte er auf den fürstlichen gütern die verwaltung und die landwirtschaft erlernen. zu der zeit nannte man diese jungen männer "landwirtschaftseleven". nach gründlicher ausbildung konnten sie darauf hoffen, eine gut bezahlte tätigkeit in der verwaltung eines gutes zu finden.
a. war ein hübscher junger mann und fürst p. zögerte nicht, ihn einzustellen. der junge mann war fleissig, umsichtig und tat seine arbeit zu aller zufriedenheit. fürst p. begann ihm nachzustellen. er zog ihn ins gespräch, lobte ihn, fragte ihn nach seinen eltern und erfuhr, dass der vater von a. schon lange tot war. fürst p. schlich sich in das vertrauen von a. und tat, als sei er sein bester freund.
a. liess sich das gefallen. vielleicht empfand er auch sympathie und dankbarkeit für den fürsten. wir wissen das alles nicht. wir wissen nur, dass es eines tages zu zärtlichkeiten zwischen a. und fürst p. kam.
was weiter geschah, liegt im dunkel. jedenfalls wollte fürst p. - der affäre nach einer weile überdrüssig - die angelegenheit auf seine weise aus der welt bringen. im übrigen musste er fürchten, dass die verbindung irgendwann bekannt würde - was einen skandal bedeutet hätte.
deswegen entliess er a. aus dem dienst.
einen landwirtschaftseleven jedoch vor ende seiner ausbildung zu kündigen, kam einer katastrophe gleich. wie sollte a. seine kündigung vor anderen überhaupt begründen? die wahrheit konnte er nicht sagen. man hätte ihn wahrscheinlich mit juristischen winkelzügen zum schweigen gebracht. im übrigen: wer von fürst p. aus dem dienst entfernt wurde, war am ende seiner karriere angelangt. niemand würde den jungen a. noch einstellen wollen.
auch seiner mutter konnte a. nicht den wahren grund seiner kündigung nennen. die zeiten waren nicht so, dass ein bekenntnis dieser art auf verständnis gestossen wäre.
a. hatte sich in einem netz aus intrige, lüge und bigotterie verstrickt. und er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte ... oder doch nur eine, die aber auch keinen rat wusste (wie sollte sie auch?).
im sommer 1922 warf er sich vor einen zug. er war sofort tot.
jede familie hat ihre gut gehüteten und deswegen verschwiegenen geheimnisse. dieses hier offenbarte erst die schwester von a. - als sie 91 jahre alt war und spürte, dass es ans sterben ging. zuvor hatte es immer nur geheissen, a. habe sich "aus liebeskummer" umgebracht - was vielleicht auch stimmte, jedoch der tragödie nicht im entferntesten gerecht wurde.
es wäre vielleicht an der zeit, dass auch die familie des fürsten p. ihr geheimnis lüftet. denn geheimnisse lassen sich auf dauer nicht verbergen.
das alles nützt nichts mehr - dient aber vielleicht auf reinigende weise der wahrheit!
p.s.
a. war mein onkel. der fürstlichen familie habe ich einen brief geschrieben.