yvonne und elvira atmeten auf.
"wie schön, wir haben unser selbstvertrauen, das uns - aber doch nur für einen kurzen moment - fast abhanden gekommen wäre, glücklich wiedergefunden" (so fasste yvonne die begegnung mit der schwarzen maus erleichtert zusammen). sie beschlossen deswegen, das angebot der schwarzen maus, sie zum hotel „la plage“ zu begleiten, anzunehmen.
es blieb ihnen - recht besehen - auch kaum eine andere wahl. als elvira jedoch fragte, wie man eigentlich etwas wiederfinden kann, das man (den worten yvonnes folgend) gar nicht verloren hat, schwieg ihre freundin beleidigt und schwor sich, das nächste mal allein nach tunesien zu reisen.
weil die schwarze maus es eilig zu haben schien, hatten yvonne und elvira grösste mühe, hinter ihr her zu trippeln. es ging einmal links herum, einmal rechts herum, manchmal geradeaus oder im kreis. als sie den souk für gewürze hinter sich gelassen hatten, war es yvonne wegen ihrer kurzatmigkeit (sie war eben nicht mehr die jüngste) so schwindelig geworden, dass sie keuchend stehen blieb.
„können wir das „la plage“ nicht einfach vergessen? es wird doch bestimmt noch andere hotels in tunis geben, die mehlpfannkuchen im speckmantel anbieten!“
als die schwarze maus bemerkte, dass yvonne und elvira nicht mehr folgten, kehrte sie verärgert zu ihnen zurück. „was ist denn mit den damen - schon müde? jetzt aber schnell - wir sind gleich am ziel.“
„ach, was! man kann ein ziel langsam oder schnell erreichen. das ziel bleibt immer dasselbe“, belehrte elvira ihn. sie liess sich von einer tunesischen maus nun wirklich nichts sagen. „wer allerdings zu hastig ist, wird das ziel oft genug verfehlen. was meinen sie wohl, wie lange ich auf der warteliste für die schöne bäckerei stand, in der ich heute lebe? wer die geduld nicht lernt, wird sein ziel niemals erreichen, sondern als animateur in tunis enden!“
diese beleidigung überhörte die schwarze maus einstweilen, denn viel wichtiger war, dass sie von der polizei nicht zusammen mit yvonne und elvira gesehen wurde. europäische touristinnen durften nur von offiziellen mäuse-guides begleitet werden, die am linken ohr eine staatliche plakette mit stempel trugen. anderen tunesischen mäusen war es streng verboten, kontakt zu ausländischen mäusen aufzunehmen. die behörden fürchteten, dass ihnen die übersicht verloren gehen könnte, denn bei licht besehen, unterscheiden sich tunesische mäuse nicht wesentlich von ihren europäischen verwandten - nachts, wenn alle mäuse grau sind, schon gar nicht.
auch wäre es der öffentlichen ordnung abträglich gewesen, wenn die tunesischen mäuse allzu viel von europäischen speisekammern und bäckereien erfahren hätten. so lange sie darüber aber nur aus dem fernsehen erfuhren, konnte die regierung das alles getrost als „propaganda“ abtun.
... dass sie damit erfolg hatte, konnte man im souk von tunis hören, wenn eine maus zur anderen sagte: „es mag ja einigermassen aufregend sein, in einer speisekammer zu leben. ich allerdings ziehe die freiheit vor!“
die schwarze maus wartete ungeduldig, bis yvonne wieder zu kräften gekommen war und lief eilig weiter. es waren nur noch wenige schritte, bis sie zu einem verschlossenen tor kamen, über dem in grossen buchstaben „hotel la plage“ stand.
„sieh doch nur, elvira“, rief yvonne. „dort wartet unser polizist." jetzt hatte auch die oliv-graue maus, der sie gleich nach ihrer ankunft am strand begegnet waren, die beiden freundinnen gesehen und winkte ihnen erleichtert zu. immerhin hatte er einige gedanken an sie verschwendet und fürchtete bereits, daraus keinen gewinn ziehen zu können. als die beiden freundinnen jedoch näher kamen, wich aus dem gesicht der oliv-grauen maus alle wiedersehensfreude. er fühlte sich mit einem schlag seiner hochfliegenden pläne beraubt, als er feststellte:
„ich sehe, die damen sind in begleitung!“
„kümmern sie sich nicht um ihn. das ist nur mohammed - er hat uns den weg zum hotel gezeigt“, yvonne beeilte sich, ihr verhältnis zu mohammed zu erklären, bevor irgendwelche missverständnisse entstanden. mohammed - also mustafa, der eigentlich ali hiess - musterte die oliv-graue maus von oben bis unten und meinte verächtlich:
„sieh an, lumpen-yussef ist jetzt als polizist im dienst der völkerfreundschaft unterwegs!“
elvira stiess yvonne an. „mohammed nennt yussuf nur deswegen yussuf, weil yussuf eigentlich mohammed heisst.“
yvonne nickte: „so hat es uns mohammed erklärt.“
„wie ich es gesagt habe,“ rief evira, „sie heissen hier alle mohammed!“
die oliv-graue maus war bei alis bemerkung, die ihn als scharfes schwert der eifersucht traf, zusammen gezuckt, unterdrückte jedoch in erinnerung an bereits erlittene blessuren ihre wut und entgegnete maliziös:
„wie ich sehe, arbeitet auch pomaden-ali an der völkerfreundschaft - das klappt aber wohl erst beim sackhüpfen und seilspringen - immerhin: er ist hier der animateur!“
„du ratte!“ zischte ali. „verschwinde in der kanalisation, bevor du mal wieder meine zähne im nacken spürst!“
„ich will das gespräch der herren nicht unterbrechen, aber doch fragen, wie lange wir hier noch herumstehen müssen.“ yvonne war vom bisherigen verlauf ihres urlaubs und dem bohrenden hunger schon reichlich mitgenommen. „was ist mit dem reservierten tisch? können wir uns endlich zum abendessen begeben?“
yussuf wollte gerade voller stolz berichten, dass er eine menge bakschisch an die maus in der hotelrezeption gezahlt hatte und somit der weg ins restaurant gewiss bald frei sein würde ... er danach aber leider die gezahlte summe in mindestens doppelter höhe von den damen aus europa zurückfordern müsste (denn das sei in tunesien so üblich), als ali rief:
„ins restaurant gehts hier entlang!“ er klopfte (zwei mal kurz, drei mal lang) ans tor, das - als hätte es nur auf dieses signal gewartet - sofort aufsprang. yussuf musste mit ansehen, wie yvonne und elvira auch ohne seine hilfe ins hotel huschten. ali aber drehte sich noch einmal zu yussuf um, der fassungslos und mit hängenden schultern in der auffahrt stand und die veränderte situation - wenn überhaupt - erst langsam begriff:
„danke fürs bakschisch, lumpen-yussuf. ich werde es mit meinem freund mohammed von der rezeption teilen!“
yussuf spuckte bei diesen worten wütend aus und rannte in richtung souk davon. er hörte, während er schon auf teuflische rache sann, aber noch, wie jemand rief:
„siehst du, yvonne ... sie heissen hier alle mohammed!“