immer im januar erfasst antiquar wübbelzahn einige unruhe. er sieht sich in seinem laden um und denkt: „ich müsste einmal aufräumen.“
übers jahr tröstet er sich mit der feststellung, dass eine gewisse unordnung nun einmal zu seinem beruf gehört, wenn aber die bücherstapel eine gewisse höhe erreicht haben, ihm über den kopf wachsen und die sicht auf seine kunden versperren, kann er den gedanken nicht mehr einfach von sich weisen, endlich für eine gewisse übersichtlichkeit zu sorgen.
besonders dringlich wird es, wenn ein kunde sich einem bücherstapel nähert und auf ein buch, das ganz weit unten liegt, zeigt: „das hätte ich gern!“. dann heisst es, den bücherberg abzutragen, nur damit er an anderer stelle wieder in die höhe wächst.
es bleibt nicht aus, dass sich antiquar wübbelzahn in dieser zeit zuweilen über sich selbst ärgert. denn immer im januar bemerkt er auch jene bücher, die überall verstreut sind, weil er sie im laufe eines jahres für die eigene lektüre reserviert hat. sie liegen - aufgeschlagen, mit einem lesezeichen versehen oder (das ist eine besonders dumme angewohnheit) mit eselsohr versehen - auf seinem schreibtisch, zwischen den aktenordnern, in schubladen und regalen herum. es gehen im laufe eines jahres viele bücher durch wübbelzahns hände - und viel zu oft ist eines dabei, das sein besonderes interesse weckt. dann legt er es beiseite, beginnt vielleicht auch zu lesen ... muss sich aber zumeist bald anderen aufgaben widmen. also bleibt das buch - höchstens bis seite 10 gelesen - einfach liegen.
andere kunden bringen andere bücher ... und wieder ist bestimmt eines dabei, das antiquar wübbelzahn unbedingt lesen möchte. auf diese weise sammeln sich die mehr oder weniger ungelesenen bücher zu raumgreifend, grossen stapeln.
„das ist immer noch besser als ein angebissenes brötchen!“ dachte wübbezahn, als ihn wieder einmal der bohrende wille zur ordnung überfiel. er erinnerte sich an einen jungen mitarbeiter, der die angewohnheit hatte, überall seine angebissenen brötchen liegen zu lassen. wübbelzahn fand sie in den regalen, zwischen den büchern, in schubladen oder im schaufenster. das allein wäre noch kein grund zur kündigung gewesen. als er aber einmal seinen mitarbeiter bat, ihm bei einem büchertransport zu helfen, erhielt er die antwort: „ich bin hier, um bücher zu verkaufen - und nicht, um sie zu tragen.“ da sammelte antiquar wübbelzahn alle angebissenen brötchen, die er finden konnte, zusammen, und überreichte sie seinem mitarbeiter mit den worten: „wenn sie das alles aufgegessen haben, werden sie gewiss die kraft haben, auch einmal ein buch in die hand zu nehmen. guten appetit und adieu!“
entschlossen machte sich antiquar wübbelzahn an die arbeit, um ordnung in seinen laden zu bringen. er griff nach einem buch (mit zwei eselsohren), war überrascht, gerade dieses, lange vermisste wiederzufinden, setzte sich und vertiefte sich in die lektüre. er kam immerhin bis seite 16, als ein kunde seinen laden betrat und wübbelzahn deswegen das buch gleich wieder vergass.
voller bewunderung dachte wübbelzahn an den alten buchhändler zurück, bei dem er seine lehre absolviert hatte. jeden abend packte dieser mann fünf oder sechs bücher, die gerade erschienen waren, in seine aktentasche. am nächsten morgen rief er seine angestellten ins büro und berichtete über jedes der bücher - mit einer detaillierten inhaltsangabe und einer knappen wertung. wübbelzahn hatte nie verstanden, wie es der alte buchhändler schaffte, in einer nacht gleich fünf oder sechs bücher zu lesen. hilflos schaute er auf seine verstreuten, angelesenen bücher, konnte sich aber nicht entschliessen, auch nur eine stunde seiner nächtlichen bettruhe dafür zu opfern.
„ich habe meinen beruf verfehlt“, seufzte wübbelzahn, „mir fehlt die leidenschaft!“
der alte buchhändler hatte ein steckenpferd - das waren landkarten, die er auch in seinem laden verkaufte. besonders fasziniert war er von den messtischblättern. sie verzeichnen ja nicht nur städte, dörfer und flüsse. wenn man sie zu lesen versteht, enthüllen sie noch viel mehr: grössere und kleinere wege, wiesen und gehöfte, bäche, höhenzüge und vorzeitliche hünengräber.
für antiquar wübbelzahn waren das aber „hühnergräber“. er hatte als kind etwas falsch verstanden. deswegen dachte er noch als erwachsener, dass unter den grossen steinen kleine hühnergerippe liegen müssten - den sinn des ganzen begriff er allerdings nie.
der alte buchhänder plante die familienausflüge mit der systematik des grossen generalstabs. über ein messtischblatt gebeugt, erklärte er seiner frau und den beiden söhnen, wohin es am sonntag gehen sollte. er forderte sie auf, den rechten weg durch wiesen und felder zu finden, und ermahnte sie, die kleinen hügel nicht zu vernachlässigen, die besondere kraft beim aufstieg erforderten, besonders auch auf die kleinen bäche zu achten, bei denen erst einmal eine brücke gefunden werden musste, um sie überqueren zu können. das alles geriet dem alten buchhändler so präzis, dass seine familie die landschaft schon in allen details vor sich sah, noch bevor sie diese leibhaftig in augenschein genommen hatte.
„sie hätten auch zu hause bleiben können!“ dachte antiquar wübbelzahn, erinnerte sich aber daran, dass die familie des alten buchhändlers nie ohne bücher zu ihren sonntäglichen ausflügen aufbrach. jeder mit einem buch in der hand durchstreiften sie eine landschaft, die sie längst vom messtischblatt her kannten, und der sie deswegen auch keine besondere aufmerksamkeit schenken mussten.
antiquar wübbelzahn kam angesichts der unordnung in seinem geschäft der gedanke, auch von seinem laden ein messtischblatt anzufertigen. darauf hätte alles seinen richtigen platz und die bücher wären in schönster ordnung aufgeräumt. so ein messtischblatt würde ihm einen mustergültigen laden zeigen und er könnte - eines seiner vielen ungelesenen bücher vor der nase - dort nach herzenslust herum spazieren, ohne gefahr zu laufen, über irgendwelche bücherstapel zu fallen.
antiquar wübbelzahn erinnerte sich aber auch, dass der alte buchhändler das lesen von messtischblättern im krieg gelernt hatte - das steckenpferd also seinem ursprung nach ein militärisches war. weil sich wübbelzahn aber im tiefsten herzen als pazifist fühlte, verwarf er sogleich den plan, ein messtischblatt seines ladens anzufertigen - denn so eine landkarte war ja erst einmal grundlage für militärische taktik und strategie, auch wenn sie - was die familienausflüge des alten buchhändlers beweisen - manchmal durchaus zivilen zwecken dienen konnte.
antiquar wübbelzahn kam nicht umhin, in seinem laden selbst für ordnung zu sorgen und die bücherstapel auf eine erträgliche höhe zurückzuführen. er trennte sich bei dieser gelegenheit auch von einigen, nie zu ende gelesenen büchern, weil sich seine interessen inzwischen verlagert hatten oder er zum thema anderes und besseres gefunden hatte.
als auf diese weise wenigstens die oberflächliche ordnung wiederhergestellt war, atmete er auf. ein ganzes jahr - also bis zum nächsten januar - würde ihn sein mahnendes gewissen in ruhe lassen ... auch wenn er immer noch nicht wusste, wohin die messtischblätter geraten waren, die er irgendwann im vergangenen jahr erworben hatte. „hoffentlich“, so dachte wübbelzahn, als er den staub von den büchern pustete, „kommt kein familienvater auf die idee, mit hilfe so eines messtischblattes nach hühnergräbern zu suchen!“
wübbelzahns instikt sagte ihm nämlich, dass die messtischblätter - wenn überhaupt - nur ganz weit unten in einem der vielen bücherstapel liegen konnten.