dies ist der siebente und letzte teil meines "totentanz-zyklus". er ist dann auch so (korrigiert) auf meiner homepage zu lesen. das alles mag ein wenig düster geraten sein - aber wie sollte es bei so einem thema anders sein?
im tanz will ich durchs leben gehn
mich auch auf jeden scherz verstehn.
die tage nehmen, wie sie sind
mich treiben lassen wie der wind
mein haus das ist die weite welt
stets frohen mutes, ohne geld.
frei wie ein vogel will ich sein
das himmelszelt - es sei mein heim ...
johann hatte lange nach worten für dieses lied gesucht und an der melodie gearbeitet, bis sie zu den worten passte. jetzt schien ihm alles rundherum gelungen und worte und melodie beflügelten ihn auf seinen wanderungen durchs land.
manchmal setzte er sich auf einen stein, um auszuruhen. dann fragte er sich laut: „wer bist du, lieber johann - woher kommst du?“ er wiegte den kopf und antwortete: „ich bin ein ritter des königs von antiochia, dem sein reich abhanden gekommen ist!“ wenn er nicht zu müde war, fragte er weiter: „wie hat sich alles zugetragen?“ ... und er antwortete, weil ausser ihm niemand davon wusste: „als ritter und christ zog ich mit meinem herrn ins heilige land und erschlug dort die muselmanen. als aber antiochia zum greifen nah war, sagte der französische könig ... charles war sein name: „johann, deinem herrn hätte ich die stadt gegeben, doch leider ... uns fehlt das geld ... wir kehren um!“
in strassburg hatte man ihm die geschichte sogar geglaubt, obwohl doch alle hätten wissen müssen, dass sich der letzte kreuzzug bereits im dunkel der geschichte verlor. als er seine absonderlichen erlebnisse für ein paar groschen auf dem marktplatz zum besten gab, drängte sich ein bürger heran - er trug einen kragen von hermelin - und bat ihn, noch am abend dem rat der stadt vom heiligen land zu berichten. im rathaus gab es gebratene enten und einen schweren roten wein ... johann ass und trank mit grossem appetit. als er sich zum vierten mal vom rotwein einschenken liess, meinte er, dass er als ritter eines herrn, der in antiochia nur fast zum könig gekrönt wurde, vielleicht nicht genügend eindruck auf die ratsherren machen würde. also entschloss er sich, einen könig vom jerusalem ins spiel zu bringen und sich ihm als treuer ritter zur seite zu stellen.
„wir nahmen das kreuz, zogen als tapfere ritter und christen ins heilige land und erschlugen dort die feigen muselmanen. als uns das leuchtende jerusalem zum greifen nah war, sagte der französische könig ... charles war sein name: „johann, eurem herrn hätte ich die stadt gegeben. er ist der rechtmässige könig von jerusalem. doch leider ... uns fehlt das geld ... wir kehren um!“
einer der ratsherren sprang auf: „du willst ein ritter sein und bist doch nur ein elender lügner. wer war dein herr und von welchem krieg im heiligen land sprichst du? der letzte liegt so weit zurück, dass selbst der papst sich nicht daran erinnert. versündige dich also nicht am heiligen jerusalem ... es mag aber durchaus sein, dass antiochia einst von einem wie dich ... also einem hasenfuss ... im stich gelassen wurde.“
in dem tumult, der daraufhin im rathaus ausbrach, griff johann nach einer flasche rotwein und flüchtete. er rannte zu einem der stadttore und rief: „der könig von antiochia wünscht unbehelligt zu passieren!“ einer der wachen griff zum spiess, drückte ihn johann in die seite und rief lachend: „ der kaiser von konstantinopel erlaubt es - ausnahmsweise!“
in gehörigem abstand zur stadtmauer zählte johann die groschen, die er in strassburg für seine ausgedachte geschichte vom krieg im heiligen land bekommen hatte - öffnete dann die flasche rotwein und trank sich in einen ruhigen, durch nichts gestörten schlaf.
die sonne kitzelte ihn. er öffnete die augen und sah in einen blauen himmel. johann sprang auf und reckte sich. ein neuer tag lag vor ihm - noch dazu einer, den er im septemberschönen elsass verbringen konnte. nirgends fühlte er sich dem paradies näher als hier - und er hatte - weiss gott - schon viele gegenden durchwandert. der elass war ein grosser garten. man pflückte am weg einen apfel - und später einige pflaumen. man konnte sich auch in die rebstöcke setzen und von den weintrauben essen, bis man satt war. in brisach kannte er einen bäcker, der ihm das hasenbrot zuschob - also jenes brot, das länger als einen tag alt war. johann ass es mit appetit, auch wenn es ausser ihm niemand mehr haben wollte.
er beschloss, nach brisach zu wandern.
auf den wegen, die nach strassburg führten, begegneten ihm kaufleute, gaukler, bettler, mönche und soldaten, sie alle waren in geschäften und missionen unterwegs. niemand hatte zeit für ein gespräch nach dem woher und wohin, das johann auf seinen wanderungen so schätzte. er war wohl der einzige, der besonders viel zeit hatte. ob er nun heute oder morgen nach brisach kam, war nicht wichtig.
je weiter er sich von strassburg entfernte, desto spärlicher wurden die menschen auf den wegen. als er sich brisach näherte, traf er überhaupt keinen menschen mehr. das war ungewöhnlich, denn er erinnerte sich, dass in früheren zeiten auch in diesem teil des elsass alles, was laufen konnte, auf den beinen war ... bauern, die mit ihrer ernte zu den märkten in die umliegenden orte eilten, priester, die zu gemeinden unterwegs waren, die keine eigene pfarrei hatten, soldaten auf den weg in einen fernen krieg, bader, die an das krankenbett eines bauern gerufen wurden, fahrendes volk, das von irgendwo nach nirgendwo reiste, krämer, die ihre karren über die sandigen wege zogen ... das war ein strom von menschen, der erst nach sonnenuntergang versiegte. denn wenn die dunkelheit herein gebrochen war, wurde es auf den wegen gefährlich - das war im elsass wie überall. johann aber fürchtete die dunkelheit nicht, denn die finsteren gestalten, denen er nachts begegnete, und von denen keiner etwas gutes im sinn hatte, merkten bald, dass bei johann ausser einem fröhlichen gruss nichts zu holen war.
als er in der ferne den kirchturm von brisach sah, setzte er sich auf einen stein und dachte nach: „warum sehe ich keinen bauern, der seine felder bestellt? warum verfault der weizen am halm? warum wird das obst nicht geerntet, sondern liegt verdorben und von maden zerfressen unter den bäumen? warum steht das gras in den wiesen meterhoch? warum treibt man keine kühe hinaus, damit sie es fressen? warum überlässt man dieses paradies sich selbst und warum ist es so menschenleer?
johann war nicht weiter besorgt, denn zu essen fand er im überfluss. was interessierten ihn die menschen, die ihre felder und wiesen im stich liessen? er wusste aber auch, dass das schönste paradies nichts taugt, wenn man dort allein ist ...
... und wenn es - wie hier - dabei war, sich in eine hölle zu verwandeln.
als er brisach erreichte, sah er, dass das stadttor geschlossen war. er schlug mit der faust gegen die hölzerne pforte. zuerst blieb alles still, dann öffnete sich eine schmale luke im tor und ein augenpaar sah ihn an. „warum schliesst ihr euch ein? macht das tor auf und lasst luft und sonne in die stadt“. die luke schloss sich. johann wartete eine weile, aber nichts geschah. also schlug er noch einmal gegen das tor. „macht endlich auf, ihr schlafmützen.“ wieder öffnete sich die kleine luke, wieder sah ihn ein augenpaar an, jetzt hörte er: „wir lassen niemanden in die stadt. geh weiter, hier gibt es nichts zu holen.“ johann wusste nicht, was er antworten sollte. dann fiel ihm aber doch etwas ein - so töricht, dass es ihm noch tage später peinlich war:
„ich habe ein recht auf mein hasenbrot!“
im inneren des stadttores hörte er ein lachen ... und hoch oben ein lautes schimpfen. ein soldat lehnte sich über die brüstung der stadtmauer: „soll ich dir erst deinen kopf von den schultern schiessen, damit du es kapierst? die stadt ist geschlossen ... es kommt niemand herein und hinaus. suche dir einen anderen ort, um an der pest zu krepieren!“
die pest? johann erschrak. er war von strassburg geradewegs in eine pestverseuchte gegend gewandert - und niemand hatte ihn gewarnt. jetzt ahnte er, warum das getreide auf den felden verfaulte und das obst ungepflückt blieb. fast immer brach die pest in den städten aus - wo viele menschen auf engstem raum lebten. manchmal begann die pest aber auch auf dem freien land - aus unerklärlichen gründen suchte sie sich eine abgelegene hofstelle und griff dort mit tödlichem augenmass nach den bewohnern ... um sich danach kreisförmig im ganzen land auszubreiten. wenn brisach seine tore geschlossen hatte, um sich so vor der pest zu schützen, konnte dies nur bedeuten, dass johann inmitten eines pestverseuchten landes stand - vor einer stadt, die vielleicht rettung bedeutet hätte, ihm aber den zutritt verwehrte.
johann machte kehrt und entfernte sich von brisach. er wusste nicht, wohin er sich wenden sollte. er wollte die pestverseuchte gegend so schnell wie möglich verlassen, wusste aber nicht, wo sie begann und aufhörte. irgendwann tröstete er sich mit dem gedanken, dass die pest ja doch nur den christenmenschen galt. sie wurden für ihre sünden bestraft. weil aber johann nichts von gott wollte und erwartete - ihn weder bittend anrief, wenn er nichts zu essen hatte, noch ihm dankte, wenn ein bäcker ihm das hasenbrot zuschob - würde ihn die pest gewiss verschonen.
wen gott nicht auf seiner rechnung hatte, den konnte er auch nicht bestrafen.
johann bemerkte, dass seine fröhliche stimmung trüben gedanken gewichen war. das war um so ärgerlicher, weil der himmel immer noch so blau wie zuvor war, die vögel schöner als sonst zu singen schienen und es überhaupt ein tag so recht nach seinem geschmack war.
er lief immer weiter in westlicher richtung und folgte den sandigen wegen, in die sich die spuren der pferdefuhrwerke gegraben hatten. er war allein auf seiner wanderung und wusste jetzt, warum es so war.
„die menschen sitzen ängstlich in ihren häusern und warten auf die pest ... wie dort drüben!“ dachte er, als er hinter einer dichten hecke ein niedriges haus entdeckte. weil er durst hatte, wollte er dort um wasser bitten. er klopfte an die tür, aber niemand öffnete ihm. dann bemerkte er, dass sie nur angelehnt war und trat ins haus.
hätte er gewusst, wie viel arbeit es macht, vier menschen zu beerdigen, wäre er gleich weiter gewandert. aber er konnte die frau, die er tot vor dem herd in der küche fand, nicht einfach den ratten und anderem ungeziefer überlassen ... auch nicht den mann, der, im gesicht grässlich entstellt, in der schlafkammer lag ... und auch nicht die beiden kinder, die sich vor dem bett tot auf einem fleckigen teppich krümmten. er hob ein erdloch aus und trug die leichen aus dem haus. nachdem er sie verscharrt hatte, rollte er einen stein auf die grabstelle. auf ein gebet verzichtete er, denn er wollte gott nicht auf sich aufmerksam machen - erst recht nicht bei dieser heiklen arbeit.
von stunde an litt er keine not mehr. die speisekammer des hauses war bis zum rand gefüllt und im hof liefen einige hühner herum, von denen er sich eines griff und in den topf warf. als er satt war, wollte er ausruhen, konnte sich aber nicht entschliessen, dafür das bett in der schlafkammer zu benutzen. er nahm also nur die kissen, schüttelte sie aus, legte sie hinter dem haus auf die wiese und bettete sich darauf. bald fiel er in einen traumlos leichten schlaf.
die tage gingen dahin und niemand störte ihn. er gewöhnte sich an den gedanken, dass seine wanderschaft vorüber und er, ohne dass er es beabsichtigt hatte, sesshaft geworden war. ein schöneres zuhause in einer schöneren gegend konnte er sich nicht vorstellen. manchmal überlegte er, was wohl zu tun sei, wenn das letzte huhn gegessen, der letzte wein getrunken und das letzte brot gebacken war.
aber - es würde schon eine lösung geben, wie sich alles in seinem leben stets zum guten gewendet hatte.
die sonne sank hinter die fernen berge und der blaue himmel färbte sich nach rot und violett. johann sass auf der bank vor seinem haus - denn daran, dass es jetzt ihm gehörte, glaubte er fest - und nahm einen grossen schluck aus der rotweinflasche. es wäre die rechte stunde gewesen, um von antiochia und jerusalem zu erzählen. er hatte sich bereits eine neue geschichte ausgedacht, die noch glaubwürdiger war als die alte und selbst die ratsherren in strassburg beeindruckt hätte. nicht er hatte als christlicher ritter die stadt antiochia befreit, sondern die feigen muselmanen waren von gott mit der beulenpest bestraft worden. es war eine beruhigende vorstellung, dass einem christlichen sieg stets die pest voraus ging ...
... und auch ein versöhnlicher gedanke für alle verängstigten menschen im pestverseuchten elsass.
eine schwere müdigkeit hatte sich in ihm breit gemacht und begleitete ihn seit tagen. über seine beine kroch ein eitriges geschwür, das er mit essig behandelte. er spürte, dass jetzt, wo er ein zuhause gefunden hatte, seine kräfte schwanden - so als hätten sie nur darauf gewartet, ihn bei erster, günstiger gelegenheit zu verlassen.
johann erinnerte sich an sein lied und änderte es ein wenig, damit es zu seinem neuen leben passte:
im tanz wollt ich durchs leben gehn
mich auch auf jeden scherz verstehn.
die tage nehmen, wie sie sind
mich treiben lassen wie der wind
mein haus das war die weite welt
stets frohen mutes, ohne geld.
frei wie ein vogel wollt ich sein
jetzt sei das himmelszelt mein heim ...
er fiel kopfüber von der bank und blieb regungslos liegen. nach vielen stunden kam er noch einmal zu bewusstsein und fragte sich, ob wohl jemand vorbei kommen würde, um auch ihm ein grab zu schaufeln. „so wird es nicht sein“, schüttelte er den kopf. „die hühner sind aufgegessen, der wein ausgetrunken. es war ein gutes leben ...“ noch ein letztes mal erwachte er aus seiner bewusstlosigkeit, sah in einen leeren, blauen himmel und fragte sich, wie gott ihn eigentlich gefunden hatte.
mit dieser frage starb er.