KREUZ @ QUER - notwendige notizen!

22.01.2008 um 16:21 Uhr

SCHORCHERL und die rentner!

von: rolf   Kategorie: **von meiner homepage!

liebstes nannerl,

gefesselt an meinen lehnstuhl, bleibt mir nichts anderes übrig, als ihnen zu schreiben. das tue ich jedoch gern und bleibe, ein nicht allzu weiches kissen im rücken, bis auf weiteres einfach sitzen.

natürlich werden sie fragen, warum es mich in den lehnstuhl verschlagen hat. nichts fällt mir leichter, als ihnen das zu erklären! die holzstühle in meiner schönen wohnung wurden mir auf dauer zu hart. ich hätte mir selbstverständich ein kissen unterlegen können. wie ich ihnen aber bereits geschildert habe, liegt das kissen im lehnstuhl für meinen rücken bereit. ein anderer fluchtort wäre womögtlich mein bett. ich habe ihnen aber bestimmt schon erzählt, dass ich unter heftigen träumen leide - länger als 18 stunden halte ich es im bett nicht aus, dann nehmen die bösen träume überhand. in den verbleibenden sechs stunden des tages werden daraus übrigens sogar ganz schlimme albträume. nur einmal in meinem leben habe ich es gewagt, 24 stunden hintereinander zu schlafen. ich leide noch heute unter den horriblen traumbildern, die mich damals heimsuchten - ähnlich denen eines hieronymus bosch. seitdem ziehe ich es vor, im lehnstuhl zu schlafen und immer erst zu bett zu gehen, wenn ich hellwach bin.

das, liebstes nannerl, ist aber nicht der grund, warum ich jetzt im lehnstuhl sitze und das wort an sie richte. ich bin übrigens gar nicht müde, sondern schreibe ihnen dieses brieflein besonders ausgeschlafen, wobei ich allerdings sogleich ins träumen über mein liebes nannerl gerate - etwas, das ich mir im bett nie gestatten würden (sie wissen: wegen der mich überfallenden horriblen träume).

aber - es sind ja nicht nur traumbilder, die uns hinterrücks angreifen ... wobei ich nun endlich beim thema meines briefes bin, auf das sie mit gutem recht schon ungeduldig warten.

diesem thema verdanke ich es übrigens auch, dass es mich an meinen lehnstuhl selbst dann fesselt, wenn ich gar nicht besonders müde bin ... sie wissen doch: der ältere mensch braucht wenig schlaf. wobei ich ergänzen möchte: sein schlaf wäre ähnlich lang wie der eines jungen menschen, wenn er nicht immer wieder aufwachen würde, um sich zu vergewissern, dass er nichts anderes tut, als zu schlafen, oder vielmehr: gerade geschlafen hat und ihm (ausser einem leichten schlaf) nichts schlimmeres widerfährt. die allermeisten menschem sterben nämlich (wussten sie es?) im bett. deswegen werde ich ihnen, liebstes nannerl, weil tagein tagaus im lehnstuhl sitzend, noch lange erhalten bleiben, was sie bestimmt von herzen freuen wird.

den wichtigsten grund aber, warum ich in meinem lehnstuhl sitze, habe ich ihnen immer noch nicht verraten. das kommt davon, wenn man - einen brief durch kurzen, erquickenden schlaf unterbrechend - beim aufwachen nicht mehr weiss, wovon die rede war. um mich nicht unnötig zu wiederholen, will ich den brief noch einmal lesen, bei der gelegenheit das eine oder andere komma setzen, hier und da stilistisch korrigieren und danach - hoffentlich bis dahin hellwach - fortfahren.

wenn sie aber der verdacht beschleicht, ich sei vom thema abgekommen, so ist dieser eindruck falsch. denn vom thema war, bitte verzeihen sie mir meinen einspruch, noch gar nicht die rede. es folgt jedoch auf dem fusse und beleibe nicht als fussnote (dazu ist es viel zu wichtig).

der grund, weswegen ich mich schon seit längerer zeit in den lehnstuhl verbannt habe, liegt in der gefahr, der wir heutzutage auf unseren strassen und in den öffentlichen bussen ausgesetzt sind. die zahl der ahnungslosen rentner, die dort hinterrücks überfallen werden, wächst von tag zu tag und wird - da bin ich mir sicher - höchstens die rentenstatistik ein wenig aufhellen. das kann aber doch nicht die lösung des dringenden problems sein, dass nämlich immer mehr rentnern immer weniger strebsame und arbeitseifrige menschen gegenüber stehen.

die einen - wie ich - wollen arbeiten und dürfen dies nicht mehr. die anderen aber wollen nicht arbeiten, selbst wenn sie dürften. ist das gerecht, liebstes nannerl - löst das auch nur ein problem?

ich wenigstens wage mich nicht mehr aus dem haus, seitdem ich weiss, dass es einige besonders auf die rentner abgesehen haben. ich gebe zu: ohne uns rentner hätte die gesellschaft ein grosses problem weniger. es mag auch sein, dass die regierung gewichtige gründe hat, so viele ausländer ins land zu rufen. denn wenn jeder ausländer nur einen rentner hinterrücks überfällt, verliert das zweite deutsche fernsehen bald alle zuschauer und die rentenkasse ist innerhalb kürzester zeit aufs schönste saniert.

darum, liebstes nannerl, sitze ich wie ein fels in meinem lehnstuhl und verteidige meinen anspruch auf wohlverdiente rente wie ein alter, nicht zahnloser, aber auf seine prothese angewiesener tiger. wenn ich mich schon nicht mehr aus dem haus wagen kann, möchte ich doch wenigstens in aller ruhe und einigermassen bissfest meine rente verzehren sowie an mein liebes nannerl schreiben.

wie gern hätte ich ihnen vorgeschlagen, im kommenden frühling durch die lauen lüfte zu spazieren und uns der jugend zu erinnern, die damals den rentnern noch mit respekt und hochachtung begegnete.

das aber ist uns nun verwehrt, wenn wir nicht in der statistik eine hauptrolle spielen wollen.

wie weit ist es mit dieser jugend gekommen, wenn sie aus lauter angst, selbst nie in den genuss einer rente zu gelangen, alte menschen hinterrücks überfällt, um deren sauer verdiente pension an sich zu reissen? ich lasse mich jedoch nicht einschüchtern, sondern werde meinen lehnstuhl bis zum letzten kissen verteidigen.

liebstes nannerl, ich will ihnen von dieser stelle aus zurufen: kommen sie zu mir, ich werde in meinem lehnstuhl bestimmt noch einen platz für sie finden. wenn das aber nicht möglich ist, machen sie es unbedingt wie ich: meiden sie das bett. schauen sie ihrem feind - der schlaflosigkeit, den horriblen träumen und schlimmen ausländern - besser aufrecht sitzend ins auge - so wie ich es, gern auch stellvertretend für sie, bereits seit langem tue.

es grüsst sie ergeben und freundlich aus dem lehnstuhl winkend ...

ihr schorcherl (karl-heinz m.)


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