TOTENTANZ - es tanzt der bauer!
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clemens niesewangs felder und wiesen lagen eingeklemmt zwischen dem besitz des bischofs von fulda und dem des grossbauern kaspar lüditz. es war sein grossvater gewesen, der nach vier aufeinander folgenden missernten den grössten teil seines hofes an kaspar lüditz verkaufen musste, der damit zum reichsten bauern der umgebung wurde.
das hatte den alten niesewang zwar vor dem ruin gerettet, aber die fläche seines hofes so sehr verkleinert, dass die bewirtschaftung kaum noch gewinn abwarf. der niesewangsche hof, einst der stattlichste in der umgebung von fulda, war nur noch eine hofstelle, die allerdings mit dem grossen haus und den weitläufigen stallungen von besseren zeiten erzählte. die gebäude jedoch verfielen, das haus war, wenn man genauer hinsah, in einem erbärmlichen zustand. an der nordseite fehlte das halbe dach und fast alle fenster waren mit brettern zugenagelt.
auf dem hof herrschte armut, die nur manchmal im sommer für einige wochen gemildert wurde, wenn clemens niesewang die gerste vom feld holte und seine frau die früchte im garten erntete. waren die sommer verregnet, musste sich clemens niesewang beim bauern lüditz verdingen - oder bekam vielleicht für einige tage arbeit auf dem bischöflichen besitz.
es waren die schlimmsten tage des jahres, wenn er demütig an die türen seiner nachbarn klopfen musste.
es war mai, als man sich erzählte, in fulda sei die pest ausgebrochen. zur gewissheit wurde dies, als der bischof die stadt verliess und mit seinem gefolge den bischöflichen landsitz aufsuchte, zu dem eine residenz gehörte, die mit ihren erkern und türmchen fast wie ein kleines schloss aussah und so gar nicht in die bäuerliche umgebung passte.
als clemens niesewang vor sein haus trat und die bischöfliche fahne auf dem dach der residenz im wind flattern sah, wusste er, dass seine not ein wenig gelindert war, denn einiges, das für die bischöfliche küche gedacht war, landete auf seltsamen wegen im topf seiner frau.
es war sein freund aus kindertagen, anselm pretorius, dritter verwalter der bischöflichen residenz in fulda, der stets im gefolge seines herrn reiste und auch in der benachbarten bischöflichen residenz dafür sorgte, dass es seinem herrn an nichts fehlte ... und dass hier und da auch ein schinken, eine flasche wein, ein laib brot oder ein sack weizen weiter an clemens niesewang gereicht wurde.
clemens niesewang hatte anselm pretorius einst in fernen kindertagen das leben gerettet, als der sich zu weit aufs eis gewagt hatte und eingebrochen war. er wäre bestimmt ertrunken, wenn clemens niesewang nicht eine leiter genommen, sie übers eis gelegt hätte und bäuchlings zu dem zappelnden anselm gerutscht wäre ... gerade als der sein leben beschliessen und im kalten wasser untergehen wollte.
... da packte ihn eine hand am gürtel seiner hose und zog ihn über den rand des eises auf die rettende leiter.
das war der grund, warum anselm pretorius, der damals beschloss, sein leben jesus christus und der kirche zu widmen, es nie versäumte, clemens niesewang einiges von dem zuzustecken, was eigentlich für die bischöfliche küche gedacht war.
als die pest fulda erreicht hatte, flohen mit dem bischof auch viele einwohner aus der stadt. einige von ihnen klopften bei clemens niesewang an. aber er hatte keinen platz für sie und fürchtete sich überdies, sie könnten ihm die pest ins haus tragen. so wie er dachten alle bauern in der umgebung. keiner wollte die flüchtlinge bei sich aufnehmen, die sich schliesslich in die umliegenden wälder zurückzogen, dort einfache hütten bauten und auf das ende der pest warteten.
alle wussten, dass sie damit der pest keineswegs entronnen waren. wenn die krankheit erst einmal in der stadt war, würde es nicht lange dauern, bis sie sich auch in die umgebung ausbreitete - langsam zwar, doch unerbittlich.
ende juni fand man - nur wenige meilen von clemens niesewangs hof entfernt - eine fünfköpfige familie, die an der pest zugrunde gegangen war. wenige tage später wurde der pfarrer der nachbargemeinde ein opfer der krankheit. in den wochen, die folgten, überschlugen sich die hiobsbotschaften. im näheren umkreis blieben viele bauernhöfe unbewirtschaftet, weil ihre bewohner gestorben waren. die pest, so stellte clemens niesewang fest, hatte sie alle im tödlichen griff. es war nur noch eine frage der zeit, bis sie auch nach ihm und seinen nachbarn griff.
das geschah rascher, als er dachte ...
ein knecht von kaspar lüditz kam gelaufen und forderte ihn auf, sofort zu seinem herrn zu kommen. er habe es befohlen.
nun liess sich clemens niesewang nichts befehlen, schon gar nicht von seinem hochmütigen nachbarn lüditz. weil der knecht aber so aufgeregt war und ihm noch dazu ein grosser schrecken im gesicht stand, folgte ihm niesewang dann doch.
er fand seinen nachbarn in dessen schlafkammer. der gestank, der darin herrschte, war unerträglich. clemens niesewang musste sich überwinden, um ans bett zu treten. er erkannte seinen nachbarn nicht. dort lag ein fremder - im gesicht entstellt von schwarzen blasen und flecken, die sich bei näherem hinsehen als verfaulende, eiternde hautfetzen heraus stellten. clemens niesewang kämpfte gegen die übelkeit. keine sekunde länger konnte er die gegenwart dieses totgeweihten ertragen. erst als er dessen stimme hörte, beruhigte er sich ein wenig - denn das war ohne zweifel die vertraute stimme von kaspar lüditz.
„niesewang - du siehst, mit mir geht es zu ende. ich will es kurz machen, denn dich gesund zu sehen, ist für mich eine ebensolche qual wie mein anblick für dich. warum verschont dich gott - und schickt mir die strafe? verstehst du das?“ lüditz stöhnte. „nach allem, wie es auf der erde verteilt ist, müsste es genau andersherum sein!“
clemens niesewang war empört. nicht einmal auf dem sterbebett war kaspar lüditz bereit, dünkel und hochmut abzulegen. noch in seiner todesstunde verhöhnte er seine mitmenschen ...
niesewang wollte lüditz scharf zurechtweisen, als er vom bett her worte hörte, die vieles in ein anderes licht rückten.
„du weisst, dass ich sterben werde. ich weiss es auch ... die verdammte pest. ich werde noch heute vor gottes gericht treten. man wird mich fragen, ob ich für frau und kinder gesorgt habe. ich werde antworten: sie sind in der obhut meines nachbarn clemens niesewang. ihm habe ich meine familie anvertraut. sie steht unter seinem schutz ... willst du also für meine frau und meine kinder sorgen? der preis, den ich dafür zu zahlen bereit bin, wird dir gefallen: mein anwesen mit allem - haus, scheunen, wiesen und feldern - gehört dir. nur hälftig soll es dereinst mein ältester sohn erben. es ist alles geregelt und aufgeschrieben. ich brauche nur dein „ja“ ...“
dieses „ja“ von clemens niesewang hörte er aber schon nicht mehr. er richtete sich, kaum dass er zu ende gesprochen hatte, noch einmal auf, stöhnte und fiel tot in die kissen zurück.
clemens niesewang bekreuzigte sich und verliess die schlafkammer. dort drängten sich wenig später jammernd und klagend frau und kinder, mägde und knechte. nachdem der eilig herbei gerufene pfarrer einen letzten segen über dem toten gesprochen hatte, nahm er clemens niesewang zur seite:
„es ist wahrlich gottgefällig, für frau und kinder des verstorbenen zu sorgen. der dank der kirche sei dir gewiss. die urkunden wurden in meiner gegenwart ausgestellt und beglaubigt. das anwesen gehört dir - es kommt damit glücklich in die hände derer zurück, die es einst verloren.“
clemens niesewang konnte sein glück nicht fassen. von einer stunde zur anderen war er einer der reichsten bauern weit und breit geworden ... er fragte sich nur, warum kaspar lüditz gerade ihn auserwählt hatte. "es ist ja immer eins gewesen ... daran hat sich lüditz heute erinnert."
in zeiten der pest kann sich niemand besonders lange freuen, denn die tödlichen nachrichten lauern nur darauf, gehört zu werden. mit den worten: „anselm pretorius, unser grosser gönner, ist tot“, empfing ihn seine frau.
„es ist gottes wille“, tröstete clemens niesewang sie. „wir benötigen seine milden gaben nicht mehr. gott hat ihn zu sich gerufen, als wir ihn nicht mehr brauchten.“
clemens niesewang war überzeugt, dass gott ihn dazu ausersehen hatte, gutes - und nur gutes - an ihm zu tun. alles fügte sich zu einem grossen, wunderbar stimmigen bild und alles schien auf wunderbare weise miteinander zusammenzuhängen. das licht der gnade hatte ihn getroffen. er sank in die knie ...
... es war eine leichte schwäche, ein kaum wahrnehmbarer schwindel, eine schwärze vor den augen, ein rauschen in den ohren ... er kam nicht wieder auf die beine. seine frau schleifte ihn - als sie endlich begriffen hatte, dass er nicht zum gebet das knie gebeugt hatte - in die schlafkammer und legte ihn aufs bett.
als er sich wieder mühsam aufrichten konnte, erzählte er ihr vom sterben des bauern lüditz und dessen vermächtnis. „wir werden in sein haus ziehen ... seine frau und kinder aber sollen hier leben, was meinst du?“ bei diesen worten sahen sie sich um, ihre blicke fielen auf die feuchten wände und sie nickten sich zu.
„so sei es!“ meinte seine frau. „es ist gottes gerechtigkeit ...“
... „und gottes gnade“ fügte er hinzu, bevor er kraftlos zurück aufs kissen fiel.
die gesetze fuldas regelten bis ins kleinste alle fragen herrenlosen besitzes. gab es keinen hoferben, fiel das verwaiste eigentum an den bischof. war der hoferbe noch zu jung, übernahm der bischof das eigentum zu treuen händen, um es dem erwachsenen hoferben hälftig herauszugeben. die andere hälfte galt als zins für die bewirtschaftung und als entgelt für die besondere sorgfalt bei den treuhänderischen obliegenheiten.
bei der regelung zur nachfolge der verwaisten hofstellen lüditz und niesewang ergaben sich für das bischöfliche notariat keine besonderen probleme. die rechtmässigen eigentümer waren an der pest gestorben und auch der hoferbe, der junge lüditz, war seinem vater nur wenige tage später ins himmelreich gefolgt. eine übertragung des erbes an den nächst jüngeren musste auch nicht weiter erörtert werden, weil beide familien - samt und sonders - ausgesegnet und begraben waren.
der besitz lüditz-niesewang fiel somit an den bischof, dessen ländereien sich wie durch ein wunder mehr als verdoppelten. es war ein segen und dem weitblick roms zu verdanken, dass kein irdischer besitz an die person eines bischofs gebunden ist. drei bischöfe konnten sich nur kurze zeit an den fruchtbaren feldern und wiesen erfreuen - dann wurden sie von der pest dahin gerafft. erst der vierte konnte nach fulda zurück kehren und weihte - angesichts seiner wundersamen rettung - die bischofsresidenz mit den dazu gehörigen hofstellen lüditz und niesewang zum kloster.
dort hielt man das andenken noch eine weile in ehren, dann aber vergass man es und am ende wusste keiner mehr, was es mit den namen auf sich hatte, auch wenn das volk noch lange vom „kloster lüditz-niesewang“ sprach.
