TOTENTANZ - es tanzt der graf!
Peter holtenhausen verliess
den gastraum seines wirtshauses „zum adler“, überquerte den lehmig feuchten
hof und betrat die ställe, in denen mehr als ein dutzend pferde standen, die vom alten
jacob und dem jungen tomasek versorgt wurden. sie striegelten die tiere, wechselten das heu und schütteten
futter in die tröge.
„was macht das gelenk von florint?“ fragte er jacob, der ihm am nächsten
stand und gerade die sattelgurte bei einem unruhig tänzelnden pferd löste. jacob antwortete nicht gleich,
sondern forderte peter holtenhausen auf, das pferd festzuhalten und zu beruhigen. als er den sattel abgenommen hatte,
führte er das tier zu einem
der futtertröge und rief nach tomasek, damit er das fell des pferdes
bürstete.
erst danach kam er auf die frage von peter holtenhausen zurück. „noch
ist florint nicht wieder auf den beinen - aber das wird schon. ich fürchte jedoch, dass er als kurierpferd nicht
mehr zu gebrauchen ist.“
für peter holtenhausen war das ein schlimmer verlust, denn die zahl
seiner pferde reichte gerade aus, um den kurierdienst des kaisers ohne grössere einschränkungen aufrecht zu erhalten.
waren aber von den pferden nicht alle zu gebrauchen, musste sich wenigstens einer der täglich eintreffenden kuriere gedulden, bis
ein anderes pferd zum weiterritt bereit stand. das bedeutete auch, den kurier im gasthaus zu beherbergen und zu bewirten. diese kosten
ersetzte ihm keiner - ganz abgesehen davon, dass die kaiserlichen beamten in prag ungehalten auf solche verzögerungen
reagierten. peter holtenhausen wusste, dass einige wirte, die wie er eine kurierstation besassen, deswegen das kaiserliche privileg
verloren hatten.
es war zwar kein problem, pferde zu bekommen, die tiere, die ihm angeboten
wurden, waren jedoch zumeist in einem erbärmlichen zustand. niemand trennte sich in zeiten der pest
von seinen gesunden tieren. die nachfrage und damit die preise waren einfach zu gering ... weil immer
mehr bauernhöfe von der pest getroffen waren und verwaisten, wurden
auch keine pferde gebraucht, um die äcker und weiden zu bewirtschaften.
wenn doch einmal ein pferd zum verkauf auf seinen hof geführt wurde,
handelte es sich zumeist um ein tier, das man zufällig auf einem der pesthöfe gefunden hatte. skrupelose diebe wanderten durchs
pestverseuchte land, brachen die türen der bauernhöfe auf, liessen
die toten in ihren betten liegen, nahmen mit, was ihnen von wert erschien
und schauten auch in die ställe, wo zwischen den kadavern der kühe und schweine machmal auch ein halbverhungertes
und -verdurstetes pferd stand.
mit diesen tieren, das wusste peter holtenhausen, war nichts anzufangen.
entweder waren sie krank und verendeten schon nach wenigen tagen, oder sie erholten sich trotz bester pflege nicht, standen
nur kraftlos, wie gelähmt und mit stierem blick in den ställen, so als warteten sie auf ein schnelles,
gnädiges ende.
peter holtenhausen machte sich sorgen, als er den stall verliess. es würde
ihm nichts anderes übrig bleiben, als nach arnstadt zu reisen, um dort nach ersatz ausschau zu halten. arnstadt, das
120 meilen entfernt lag, war auf wundersame weise von der pest verschont geblieben. alles dort ging seinen
gewohnten gang und auf dem pferdemarkt, der an jedem zweiten sonntag abgehalten wurde, würde er bestimmt fündig
werden ... wenn er dazu das geld hatte.
er konnte nur hoffen, dass der kurier aus prag pünktlich eintraf, um
ihm den monatlichen lohn für die bereitstellung der pferde auszuhändigen. er wusste, dass sich die kaiserlichen beamten
damit zuweilen viel zeit liessen. es kam auch vor, dass die zahlungen ganz ausblieben. dann musste er auf umständlichem
weg seine forderungen nach prag übermitteln - immer in der sorge, dort jemanden
gegen sich aufzubringen, denn die kaiserlichen beamten liessen sich nicht gern nötigen ... so nannten
sie die berechtigten forderungen ihrer untertanen.
dieses mal waren seine sorgen jedoch unbegründet, denn schon am nächsten
morgen traf der kurier aus prag ein, übergab sein schweissnasses pferd dem alten jacob, liess sich in der
wirtsstube eine kräftige mahlzeit und eine flasche wein vorsetzen und bat danach den wirt an den tisch.
die arrogante und hochmütige prozedur war immer dieselbe. gnädig
beschied der kurier peter holtenhausen, ihm gegenüber platz zu nehmen, erlaubte aber nicht, dass man das wort an ihn richtete.
das ritual, das dabei zu beachten war, hatte peter holtenhausen längst akzeptiert, auch wenn jedes mal wieder
groll in ihm aufstieg.
„erzähle er ... gibt es besondere vorkomnisse, was den kurierdienst
betrifft?“
„es ist alles in bester ordnung. hatten der kurier eine gute reise von prag
hierher?“
der kurier wiegte seinen kopf, nahm einen schluck vom wein und antwortete:
„man wird es einem beamten des kaisers nicht länger zumuten können, durch pestverseuchtes land zu reisen.
in zukunft hätte dafür sorge getragen werden müssen, dass man sich seinen lohn selbst in prag abholt!“
der kurier sprach immer so gedrechselt und auch stets in der dritten person
von seinem gegenüber, wobei er jegliche anrede vermied. umständlich und mit einem unendlich blasierten ausdruck
im gesicht entnahm er einer ledertasche, die er sich seitlich umgebunden hatte, ein schriftstück und legte es
vor sich auf den tisch. er zeigte darauf und bemerkte: „nehme er es als ehre - wer weiss, wie lange der kaiser noch seine hand über
ihn hält.“
peter holtenhausen fragte sich, wo denn nun der leinenbeutel mit den geldstücken
blieb, auf die er so dringend wartete. er hörte den kurier sagen:
„sind sie peter holtenhausen?“
eine dümmere frage gab es nicht. mit wem hatte der kurier es denn all´
die jahre zu tun? der wirt des gasthauses „zum adler“ liess sich jedoch seinen ärger nicht anmerken, sondern antwortete
nur „so ist es.“
„dann darf ich ...“ und jetzt geschah etwas erstaunliches, denn der kurier
erhob sich umständlich von seinem tisch und entrollte das schriftstück. „ ... ihnen im namen des kaisers, des beschützers
des heiligen römischen reiches, den adelsbrief überreichen. graf
peter von holten und zu hausen ... stehen sie auf.“
peter holtenhausen sprang von seinem stuhl und wusste nicht, was das alles
zu bedeuten hatte.
„in anerkennung ihrer verdienste um den kurierdienst im reich hat unser kaiser
befohlen, sie in den adelsstand zu versetzen. der adelsbrief, den ich ihnen
überreiche, billigt ihnen und ihren nachkommen für alle zeiten
das privileg zu, in den gemarkungen vatershausen, reichenbach, liebendgrund,
warmsiechen, treueneichen, wegesam, quellenmoos, wiesentreu, neuenhöhe,
astenstett, treuland und windendorf unangefochten jeder konkurrenz den kaiserlichen
kurierdienst zum wohle des reiches zu ordnen und zu festigen. gleichzeitig
wird ihr besitz, also ihr haus samt aller stallungen, wiesen und felder,
zum adelssitz des namens „hoher adler“ erklärt. ausgefertigt und unterzeichnet von kaiser karl,
genannt der aufrechte, zu prag am 25. oktober 1345.
der kurier überreichte peter holtenhausen - jetzt graf von holten und
zu hausen - das schriftstück. „ich muss wohl nicht erklären, dass dies mein letzter besuch war“, erklärte er dann.
„die zahlungen sind mit dem heutigen tage eingestellt worden, graf von holten und zu hausen wüsste sicher von dem gräflichen
privileg, in den soeben genannten gemarkungen eigene beamte einzusetzen,
um der bevölkerung die erforderlichen steuern für den kaiserlichen
kurierdienst abzuverlangen.
näheres ist in diesem schriftstück geregelt, das ich dem adelsbrief
beifüge ... man bringe mir mein pferd!“
peter holtenhausen sah dem kurier dankbar nach, als er im galopp den hof
verliess. er wusste, dass ihm soeben eine besondere ehre zuteil geworden war. das erfüllte ihn mit stolz. es schmerzte jedoch,
dass er deswegen erst einmal auf seinen lohn verzichten musste, den er so
dringend für ein neues pferd benötigte. es würde eine geraume
zeit dauern, bis von ihm bezahlte beamte bereit standen, um in den gemarkungen vatershausen, reichenbach, liebendgrund,
warmsiechen, treueneichen, wegesam, quellenmoos, wiesentreu, neuenhöhe, astenstett, treuland und windendorf
die ihm zustehenden steuern einzutreiben.
peter holtenhausen erschrak. die orte, von denen der adelsbrief sprach, waren
allesamt pestverseucht und nahezu ausgerottet. erst in richtung arnstadt traf man wieder auf normales,
geordnetes leben ...
aber von arnstadt war im kaiserlichen privileg nicht die rede.
der tag, der eigentlich der stolzeste in seinem leben sein sollte - immerhin:
er war jetzt ein graf und besass das steuerprivileg für zwölf gemarkungen im umkreis - verwandelte sich, je länger
er nachdachte, in eine immer grössere katatstrophe. er musste feststellen, dass er schon bald ohne mittel sein würde. wenn,
wie angekündigt, der lohn aus prag ausblieb und es niemanden weit und breit gab, der steuern bezahlte, war sein schicksal besiegelt.
ihm fielen die worte des kuriers ein ...
„nehme er es als ehre - wer weiss, wie lange der kaiser noch seine hand über
ihn hält.“
... und er wusste, dass er an diesem tag den schutz des kaisers verloren
hatte. er ahnte aber noch mehr - dass nämlich der kaiser angesichts der übergrossen not im land seine
geschundenen untertanen vergass und sie - manchmal unter vortäuschung besonderer ehrungen - ihrem ungewissen schicksal
überliess.
graf von holten und zu hausen musste dem niedergang seines hauses nicht mehr
lange zusehen. ein gnädiges geschick sandte auch ihm die pest ins haus. als er unter qualen gestorben war, öffnete
der einzig überlebende, der junge tomasek, die tore der ställe und trieb die pferde hinaus. sie hielten sich noch
einige tage im umkreis des gräflichen anwesens auf, dann wurden sie von besonders skrupellosen dieben eingefangen und fortgeführt
- nicht ohne dass zuvor das gräfliche haus geplündert und wertvolles mitgenommen worden war ...
... darunter auch ein schriftstück mit dem kaiserlichen adelsprivileg.
