"VATERS VERGESSEN"
walter jens, einst professor in tübingen, gehört zu den grossen intellektuellen der bundesrepublik. seine rhetorik war brilliant, seine fragen zielten ins schwarze, seine analysen waren nicht zu widerlegen. wann immer die bundesrepublik auskunft über ihre seelenlage suchte - walter jens sprach mit wohlgesetzten worten das aus, was manche vermuteten, aber nicht zu sagen wussten.
tilman jens, sein sohn, ist redakteur der FAZ und hat jetzt einen niederschmetternden, traurigen, um antwort suchenden artikel geschrieben:
"vaters vergessen".
als lange nach der wende in ostberlin ein karton mit mitgliedskarten der NSDAP entdeckt wurde, konnte keiner wissen, welche brisanz dieser fund hatte. einige der bekanntesten intellektuellen der bundesrepublilk, allesamt jahrgang 1922/23 mussten es sich gefallen lassen, dass ihre mitgiedschaft in der NSDAP publik wurde - etwas, das sie immer verheimlicht hatten.
walter jens überkam erst die grosse scham, dann die depression und dann die altersdemenz. dabei hätte ihm doch niemand einen vorwurf gemacht, als knapp 20-jähriger der partei beigetreten zu sein. hätte er es doch nur irgendwann gesagt!
schlimm wurde alles erst durch das schweigen - und die legenden, die stattdessen in die welt gesetzt wurden. plötzlich waren aus pimpfen kleine widerstandskämpfer geworden. jeder hatte sich so eine geschichte gestrickt, um zu beweisen, dass er nicht dabei war - oder doch wenigstens der NS-ideologie ablehnend gegenüber stand.
tilman jens vermutet einen zusammenhang zwischen der demenz, also dem gedächtnisverlust, und dem schweigen seines vaters zur mitgliedschaft in der NSDAP. tilman jens geht sogar so weit, die demenz als eine spezifische, sozio-politische krankheit der heute über 80-jährigen zu bezeichnen, die bestimmte abschnitte ihres lebens einfach verleugneten.
tilman jens will zu all dem nicht schweigen. seine familie, so schreibt er, habe sich entschlossen, die krankheit seines vaters öffentlich zu machen. ich gestehe, sein artikel ging mir nahe und manchmal war ich versucht, die lektüre zu beenden, weil ich dachte: was tust du deinem vater da nur an?
der artikel ist aber alles andere als eine anklage. er ist der versuch eines sohnes, seinem vater gerechtigkeit widerfahren zu lassen. das mag sich, so wie ich es hier schreibe, unlogisch anhören. aber walter jens hat für sein "vergessen" einen hohen preis bezahlt ...
... und sein sohn beschreibt, wie ein mensch zuerst vergass ... und sich am ende verlor.
wer walter jens schätzt - und ich tue es - wird den bericht nicht ohne erschütterung lesen:
