KREUZ @ QUER - notwendige notizen!

19.08.2008 um 20:01 Uhr

beschneidung - und wie PAULUS die sache sah!

von: rolf   Kategorie: **von meiner homepage!

nach so vielen jahren gleicht eine homepage manchmal einer enzyklopädie. mit anderen worten: es gibt viele stichworte, zu denen man - wenn man möchte - eine erste (wenn auch kaum erschöpfende) antwort erhält. eines tages schrieb ich von der beschneidung und warum das christentum sich in einen schroffen gegensatz zum judentum brachte und die beschneidung von jungen (und nur davon war stets die rede) für die neue religion als nicht obligatorisch betrachtete ... ein trick, ersonnen von PAULUS:

busfahrten - wie die zurück nach porto banus - verkürze ich mir gern mit gesprächen. es gehört allerdings ein wenig glück dazu, damit sich auch der richtige zu mir setzt. in granada war es ein kleiner, dicker mann, der sich als katholischer pfarrer aus köln vorstellte. nicht viel später nahm er aus seiner jacke - sie war schwarz - ein schwarzes buch.

„grossartig“, sagte er und tippte mit dem zeigefinger auf den buchdeckel. „kennen sie paulus?“

ich kenne mich in der bibel nicht wirklich aus, hatte aber irgendwann einmal gelesen, dass einige bürger von damaskus paulus in einem weidenkorb von der stadtmauer hinab liessen. er war - kaum dass er getauft war und seinen alten namen „saulus“ abgelegt hatte - ins visier jüdischer häscher geraten, die wegen seiner predigten aufruhr und revolution fürchteten. so ein mann musste verschwinden.

das erzählte ich dem pfarrer, der freundlich zuhörte und dabei einige male mit der hand zärtlich über den rücken des schwarzen buches strich.

„paulus predigte nicht nur in syrien - er kam bis in die türkei und noch viel weiter“, unterbrach er mich und sein gesicht zeigte nichts weiter als grosse zufriedenheit. „ich aber suche nach den christlichen ursprüngen in spanien. sie wissen doch: die conquista und das alles entscheidende jahr 1492. aber weil wir gerade bei paulus sind: darf ich ihnen aus seinen briefen vorlesen? sie sind sehr interessant.“

ohne abzuwarten, was ich von seinem vorschlag hielt, schlug er das schwarze buch auf - dort, wo ein schwarzes lesebändchen zwischen den seiten lag.

die busfahrt von granada nach porto banus liegt lange zurück. ich weiss nicht mehr, was genau er mir vorlas. weil ich es aber vergessen habe, wird es mich nicht besonders beeindruckt haben.

überhaupt: dieser ausflug machte mich nicht glücklich. der pfarrer deklamierte mit unnötig pastoraler stimme aus der bibel  - und mir fiel ein, dass unter den christen ein grosser streit ausbrach, den es ohne paulus nicht gegeben hätte.

er wollte es nämlich nicht nur den beschnittenen juden erlauben, den christlichen glauben anzunehmen, sondern allen, die es wünschten. das sorgte für heftigen widerspruch. immerhin war jesus ein beschnittener jude gewesen. jetzt allen ungläubigen - die noch dazu unbeschnitten waren - die taufe zu ermöglichen, rüttelte am heiligsten willen.

der heiligste wille!

ich hätte den pfarrer gern unterbrochen und - nur damit er eine weile die bibel vergisst - gefragt, ob es gottes wille sein könne, dass eltern ihre kinder in höchste angst versetzen. ich biss mir aber auf die zunge und war froh, ihre spitze nicht abgebissen zu haben.

paulus suchte den glaubensstreit nicht aus religiöser überzeugung, sondern handelte aus politischem kalkül. denn ihm begegneten auf seinen missionsreisen viele menschen, die zwar bereit waren, den christlichen glauben anzunehmen, allerdings vor den konsequenzen erschraken und ihren leib vor jeglicher verletzung schützten wollten.

der pfarrer schlug mit aller sorgfalt eine weitere seite um - und las weiter.

paulus setzte sich schliesslich durch und weil bei der taufe kein blut mehr floss, verbreitete sich das christentum bald um das ganze mittelmeer.

wie stark die jüdische tradition war - und wie schwer, eine neue religion gegen die alte durchzusetzen - erfuhr nicht nur paulus, sondern auch - wenn auch viel später - mohammed, der deswegen die wichtigste jüdische regel unangetastet liess. er erklärte, dass auch muslims beschnitten sein müssen, weil der islam die besten traditionen der juden und christen vereint und in einer alles krönenden religion zur vollendung gebracht habe.

der pfarrer hielt das schwarze buch in einigem abstand. ich schloss daraus, dass er weitsichtig war - aber doch nicht weitsichtig genug, um meinen gedanken zu folgen, die an einem schwarzen würfel endeten, den in trance zu umrunden, die heiligste pflicht aller gläubigen ist und - gewiss, gewiss - direkt ins paradies führt.

keiner der mitreisenden mochte den pfarrer unterbrechen - immerhin: er las aus der bibel. sie dachten sich vielleicht, dass die busfahrt bald zu ende sein würde. schon hatten wir die küstenstrasse erreicht, die durch staubig-verschattete schluchten aus beton von malaga bis nach algeciras reicht. mich jedoch konnte dieser gedanke nicht trösten, zumal ich spürte, dass die sätze der bibel einen keil in meine erinnerungen trieben und dazu beitrugen, die bilder der alhambra auszulöschen.

wie war das, als christen mit den worten der bibel auf ihren lippen die stadtmauern granadas schleiften und die muslimischen mauren von der alhambra vertrieben? mit welchem recht schmieden menschen aus worten der nächstenliebe tödliche schwerter?

und warum um alles in der welt deklamierte ein katholischer pfarrer unbekümmert worte aus der bibel, während wir durch „al andalus“ - fuhren, das einmal das einzig wahre paradies auf erden genannt wurde?

ich spürte, wie es mir eng wurde, und meinte bald, mich gar nicht mehr bewegen zu können. eine seltsame starre erfasste mich, die vielleicht ähnlichkeit mit jener hatte, die sultan boabdil überfiel, als er - schon auf der flucht - ein letztes mal zur alhambra hinüber sah, und nicht wusste, ob ihre mauern im widerschein des letzten abendlichts glühten oder das blendende rot ein feuer war, das betrunkene spanische soldaten hinter den fenstern des palastes entfacht hatten.

ich war nach spanien gereist - aber nun geschah es, dass ich nicht mehr sagen konnte, wohin genau ich gekommen war. ich ahnte, dass sich meine starre erst lösen würde, wenn ich wieder zusammen bringen könnte, was - immer nur notdürftig kaschiert, zwischen buchdeckeln eingesperrt und mit vielen worten zerredet - auf der busfahrt von granada nach porto banus endlich auseinander gebrochen war: das misstrauische spiel, die verdrehten worte, die heiligen lügen, die hinterhältigen versprechen, die schamlose vertreibung und der billige triumph.

ich musste - und das schien mir überhaupt das dringendste zu sein - die perspektive wechseln und den spuren boabdils folgen, um seine schmerzen zu verstehen, die mich - nur wenig verwandelt - als lähmung erreichten.

als der bus vor meinem hotel in porto banus hielt, wünschte mir der pfarrer aus köln zum abschied „gottes segen!“ ich hätte lachen mögen - konnte es aber nicht.

GOTTES SEGEN IN AL ANDALUS - MEIN WEG NACH MAROKKO


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