beschneidung - und wie PAULUS die sache sah!
nach so vielen jahren gleicht eine homepage manchmal einer enzyklopädie. mit anderen worten: es gibt viele stichworte, zu denen man - wenn man möchte - eine erste (wenn auch kaum erschöpfende) antwort erhält. eines tages schrieb ich von der beschneidung und warum das christentum sich in einen schroffen gegensatz zum judentum brachte und die beschneidung von jungen (und nur davon war stets die rede) für die neue religion als nicht obligatorisch betrachtete ... ein trick, ersonnen von PAULUS:
busfahrten - wie die zurück nach porto banus - verkürze
ich mir gern mit gesprächen. es gehört allerdings ein
wenig glück dazu, damit sich auch der richtige zu mir setzt.
in granada war es ein kleiner, dicker mann, der sich als katholischer
pfarrer aus köln vorstellte. nicht viel später nahm
er aus seiner jacke - sie war schwarz - ein schwarzes buch.
„grossartig“, sagte er und tippte mit dem zeigefinger auf
den buchdeckel. „kennen sie paulus?“
ich kenne mich in der bibel nicht wirklich aus, hatte aber irgendwann
einmal gelesen, dass einige bürger von damaskus paulus in
einem weidenkorb von der stadtmauer hinab liessen. er war - kaum
dass er getauft war und seinen alten namen „saulus“ abgelegt hatte -
ins visier jüdischer häscher geraten, die wegen seiner
predigten aufruhr und revolution fürchteten. so ein mann musste
verschwinden.
das erzählte ich dem pfarrer, der freundlich zuhörte
und dabei einige male mit der hand zärtlich über den rücken
des schwarzen buches strich.
„paulus predigte nicht nur in syrien - er kam bis in die türkei
und noch viel weiter“, unterbrach er mich und sein gesicht
zeigte nichts weiter als grosse zufriedenheit. „ich aber suche nach
den christlichen ursprüngen in spanien. sie wissen doch: die conquista
und das alles entscheidende jahr 1492. aber weil wir gerade bei paulus
sind: darf ich ihnen aus seinen briefen vorlesen? sie sind sehr interessant.“
ohne abzuwarten, was ich von seinem vorschlag hielt, schlug er
das schwarze buch auf - dort, wo ein schwarzes lesebändchen
zwischen den seiten lag.
die busfahrt von granada nach porto banus liegt lange zurück.
ich weiss nicht mehr, was genau er mir vorlas. weil ich es aber vergessen
habe, wird es mich nicht besonders beeindruckt haben.
überhaupt: dieser ausflug machte mich nicht glücklich.
der pfarrer deklamierte mit unnötig pastoraler stimme aus
der bibel - und mir fiel ein, dass unter den christen ein grosser
streit ausbrach, den es ohne paulus nicht gegeben hätte.
er wollte es nämlich nicht nur den beschnittenen juden erlauben,
den christlichen glauben anzunehmen, sondern allen, die es wünschten.
das sorgte für heftigen widerspruch. immerhin war jesus ein
beschnittener jude gewesen. jetzt allen ungläubigen - die
noch dazu unbeschnitten waren - die taufe zu ermöglichen, rüttelte
am heiligsten willen.
der heiligste wille!
ich hätte den pfarrer gern unterbrochen und - nur damit
er eine weile die bibel vergisst - gefragt, ob es gottes wille
sein könne, dass eltern ihre kinder in höchste angst versetzen.
ich biss mir aber auf die zunge und war froh, ihre spitze nicht
abgebissen zu haben.
paulus suchte den glaubensstreit nicht aus religiöser überzeugung,
sondern handelte aus politischem kalkül. denn ihm begegneten
auf seinen missionsreisen viele menschen, die zwar bereit waren,
den christlichen glauben anzunehmen, allerdings vor den konsequenzen
erschraken und ihren leib vor jeglicher verletzung schützten
wollten.
der pfarrer schlug mit aller sorgfalt eine weitere seite um -
und las weiter.
paulus setzte sich schliesslich durch und weil bei der taufe
kein blut mehr floss, verbreitete sich das christentum bald um
das ganze mittelmeer.
wie stark die jüdische tradition war - und wie schwer, eine
neue religion gegen die alte durchzusetzen - erfuhr nicht nur paulus,
sondern auch - wenn auch viel später - mohammed, der deswegen
die wichtigste jüdische regel unangetastet liess. er erklärte,
dass auch muslims beschnitten sein müssen, weil der islam die
besten traditionen der juden und christen vereint und in einer alles
krönenden religion zur vollendung gebracht habe.
der pfarrer hielt das schwarze buch in einigem abstand. ich schloss
daraus, dass er weitsichtig war - aber doch nicht weitsichtig genug,
um meinen gedanken zu folgen, die an einem schwarzen würfel endeten,
den in trance zu umrunden, die heiligste pflicht aller gläubigen
ist und - gewiss, gewiss - direkt ins paradies führt.
keiner der mitreisenden mochte den pfarrer unterbrechen - immerhin:
er las aus der bibel. sie dachten sich vielleicht, dass die
busfahrt bald zu ende sein würde. schon hatten wir die küstenstrasse
erreicht, die durch staubig-verschattete schluchten aus beton von
malaga bis nach algeciras reicht. mich jedoch konnte dieser gedanke nicht
trösten, zumal ich spürte, dass die sätze der bibel
einen keil in meine erinnerungen trieben und dazu beitrugen, die bilder
der alhambra auszulöschen.
wie war das, als christen mit den worten der bibel auf ihren
lippen die stadtmauern granadas schleiften und die muslimischen
mauren von der alhambra vertrieben? mit welchem recht schmieden
menschen aus worten der nächstenliebe tödliche schwerter?
und warum um alles in der welt deklamierte ein katholischer pfarrer
unbekümmert worte aus der bibel, während wir durch „al
andalus“ - fuhren, das einmal das einzig wahre paradies auf erden genannt
wurde?
ich spürte, wie es mir eng wurde, und meinte bald, mich
gar nicht mehr bewegen zu können. eine seltsame starre erfasste
mich, die vielleicht ähnlichkeit mit jener hatte, die sultan
boabdil überfiel, als er - schon auf der flucht - ein letztes
mal zur alhambra hinüber sah, und nicht wusste, ob ihre mauern
im widerschein des letzten abendlichts glühten oder das blendende
rot ein feuer war, das betrunkene spanische soldaten hinter den
fenstern des palastes entfacht hatten.
ich war nach spanien gereist - aber nun geschah es, dass ich
nicht mehr sagen konnte, wohin genau ich gekommen war. ich ahnte,
dass sich meine starre erst lösen würde, wenn ich wieder
zusammen bringen könnte, was - immer nur notdürftig
kaschiert, zwischen buchdeckeln eingesperrt und mit vielen worten
zerredet - auf der busfahrt von granada nach porto banus endlich auseinander
gebrochen war: das misstrauische spiel, die verdrehten worte,
die heiligen lügen, die hinterhältigen versprechen, die
schamlose vertreibung und der billige triumph.
ich musste - und das schien mir überhaupt das dringendste
zu sein - die perspektive wechseln und den spuren boabdils folgen,
um seine schmerzen zu verstehen, die mich - nur wenig verwandelt -
als lähmung erreichten.
als der bus vor meinem hotel in porto banus hielt, wünschte
mir der pfarrer aus köln zum abschied „gottes segen!“
ich hätte lachen mögen - konnte es aber nicht.
