GOETHE - im wäscheschrank!
antiquar wübbelzahn hat sich in einem langen berufsleben daran gewöhnt, dass die allermeisten seiner kunden der meinung sind, er würde sich tagein, tagaus nur mit schiller und goethe beschäftigen. wenn er allerdings darüber nachdenkt, wie oft ihm schiller- und goetheausgaben zum kauf angeboten werden, ahnt er, dass es zuerst einmal seine kunden sind, die bis zum überdruss mit den büchern der deutschen klassik beschäftigt sind ...
... weil sie darüber nachsinnen, wie sie diese staubfänger am besten los werden.
wenn er manchmal eine besonders schöne klassiker-ausgabe kauft, dann nur deswegen, weil sie einfach dazu gehört. kunden erwarten, im antiquariat das wiederzufinden, was sie zu hause nicht mehr ertragen können.
manchmal kommt es jedoch auch vor, dass sich kunden an ein ganz besonderes buch erinnern. sie wissen, dass es bei ihnen im bücherschrank stand - finden es aber nicht mehr.
könnte es sein, dass sie es irgendwann einem antiquar überlassen haben?
besonders im frühjahr, in der zeit der konfirmationen ...
... wir erinnern uns: antiquar wübbelzahn betreibt seine geschäfte im protestantischen, um nicht zu sagen: calvinistischen norden ...
... kommt es zuweilen vor, dass eine ältere dame seinen laden betritt und für ihren enkel, der konfirmiert werden soll, nach einem bestimmten buch fragt.
antiquar wübbelzahn, der sich mit dem handel in der alten kaufmannsstadt, in der er doch selbst als kaufmann tätig ist, nicht wirklich auskennt, weiss wenigstens eines sehr genau: mit diesem buch wurden ganze generationen von kaufleuten erwachsen - auch wenn sie es wohl nie gelesen haben, folglich auch in ihrem weiteren leben keine besonders schlimmen antisemiten wurden.
zur konfirmation gab es immer die goldene uhr ... und natürlich den roman „soll und haben“ von gustav freytag.
bei diesem gedanken zuckte antiquar wübbelzahn zusammen, eilte zum regal, suchte den buchstaben „f“ wie freytag und war erleichtert, drei exemplare des romans zu finden.
den konfirmationen stand, was ihn betraf, auch in diesem jahr nichts im wege.
er zog eines der bücher aus dem regal, schlug es auf und las das vorwort:
Der Roman soll das deutsche Volk dort suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.
antiquar wübbelzahn erschrak, denn er merkte, dass ihm gerade jetzt die arbeit - mangels kunden, die ein konfirmationsgeschenk suchten - fehlte. er seufzte, schlug das buch zu und hoffte auf den tag, wo nicht mehr das „soll“ tückisch lauerte, aber auch nicht das „haben“ grösste verlockung war.
„es können doch nicht immer die juden schuld sein, wenn etwas falsch läuft“, schüttelte antiquar wübbelzahn den kopf und stellte das buch von gustav freytag wieder ins alphabet ... ausgerechnet neben die romane von lion feuchtwanger.
erst jetzt verstand er, warum man ihm täglich irgendwelche goethe- und schillerausgaben zum kauf anbot. eine goldene uhr, die man zur konfirmation geschenkt bekommen hatte, konnte man ums handgelenk binden - was aber tat man mit gustav freytag, friedrich schiller und johann wolfgang von goethe?
man stellte sie nach den festtagen in den schrank und vergass sie.
das alles wiederholte sich zur hochzeit, weil zur aussteuer zwingend die töpfe und pfannen, die bettwäsche, das schlafzimmer aus eiche ... aber auch eine gesamtausgabe von schiller oder goethe gehörte. irgendein verwandter fand sich immer, der das brautpaar mit einer klassiker-ausgabe überraschte - um sich auf seine art an verwandten zu rächen, die ihm zur eigenen hochzeit ähnlich schreckliches verehrt hatten.
antiquar wübbelzahn wurde aus seinen - nicht eben heiteren - gedanken gerissen, als das telefon klingelte. „endlich arbeit!“ seufzte er und schielte auf die bücher von gustav freytag, die im regal standen - bereit zum sprung zur nächsten konfirmation.
„wir hätten eine sehr schöne schillerausgabe anzubieten. sie hat goldschnitt ... nur der letzte band fehlt“, hörte er eine stimme am telefon.
„das macht doch nichts!“, antiquar wübbelzahn spürte eine schmerzhafte übersäuerung seines magens, die langsam die speiseröhre heraufstieg und sich - wie sonderbar - auf seinen lungenflügeln ausbreitete. er schluckte heftig, ohne dass der schmerz verschwand, und antwortete: „auf den letzten band kann man getrost verzichten. dort ist ja doch nur die rede von schillers ende ... wie sollte es am ende einer gesamtausgabe auch anders sein!“
„war schiller denn so krank?“ hörte er eine besorgte stimme aus dem telefon.
„nein, es war wohl nur eine leichte übersäuerung des magens!“ antwortete antiquar wübbelzahn und schluckte.
„da bin ich aber beruhigt. dürfen wir ihnen den schiller also anbieten?“ fragte die stimme.
„aber gern doch!“ rief antiquar wübbelzahn. „kommen sie nur gleich vorbei. bringen sie aber bitte eine packung bullrich-salz mit ... das ist gut für den magen und komplettiert auch irgendwie die gesamtausgabe!“
kaum hatte antiquar wübbelzahn aufgelegt, betrat eine ältere dame seinen laden.
konfirmation,
gustav freytag ... blitzte es ihm durch den kopf.
sollte er es laut sagen?
Der Roman soll das deutsche Volk dort suchen, wo es in seiner Tüchtigkeit zu finden ist, nämlich bei seiner Arbeit.
noch ehe die kundin ihren wunsch äussern konnte, war antiquar wübbelzahn ans regal getreten, zog ein buch heraus und rief:
„ein wirklich schönes geschenk zur konfirmation!“
viel zu spät erkannte er, dass er daneben gegriffen und statt „soll und haben“ den roman „jud süss“ von lion feuchtwanger in der hand hatte.
zum glück hatte seine kundin nicht hingeschaut. wie hätte er ihr auch erklären sollen, dass lion feuchtwangers buch eine - wen auch späte - ohrfeige für das war, was gustav freytag in seinem roman schwadroniert hatte?
die kundin lief zum regal mit den klassiker-ausgaben und rief:
„endlich eine gesamtausgabe von goethe mit seiner wunderbaren farbenlehre ... die nehme ich!“
antiquar wübbelzahn wollte ihr nicht widersprechen, erinnerte sich aber, dass goethe ... als er seine „farbenlehre“ schrieb ... womöglich unter farbblindheit litt ... weil aber sein geschäftssinn oberhand behielt, tröstete er sich:
was weiss ein antiquar schon von der physik?
„ein geschenk zur konfirmation oder zur hochzeit?“ fragte antiquar wübbelzahn mit dem freundlichsten lächeln, das ihm zu gebote stand, als er die goethe-ausgabe in eine plastiktüte stopfte. er erwartete keine antwort - dachte nur daran, dass der verkauf höchstens temporär eine bresche in sein regal schlug - zu viele goethe-ausgaben warteten noch auf ihre erlösung.
die kundin lächelte: „es ist ein geschenk zur konfirmation“! antiquar wübbelzahn spürte schon wieder seinen übersäuerten magen. es war allerdings alarmierend, dass der schmerz auf einmal in seine beine schoss.
„dann wird sich der konfirmand bestimmt über goethes farbenlehre freuen!“ der schmerz hatte - seltam genug - inzwischen seine fussohlen erreicht.
„mit der konfirmation hat es noch zeit“. die kundin lächelte immer noch. „mein enkel ist doch erst zwei jahre alt!“
antiquar wübbelzahn stellte mit erstaunen fest, dass der schmerz, so stechend er sich auch in seinen fuss und danach in seine zehen gebohrt hatte, plötzlich verschwunden war ...
... dabei hatte ihn die schillerausgabe - mit dem bullrich-salz als ersatz für den fehlenden, letzten band - doch noch gar nicht erreicht. er hörte seine kundin wie von fern durch einen staubigen nebel sagen:
„die goethe-ausgabe bekommt mein enkel zur konfirmation - die farbenlehre jedoch erst zum abitur. bis dahin bleibt alles im wäscheschrank!“
