KREUZ @ QUER - notwendige notizen!

24.02.2008 um 13:40 Uhr

nachdenken über BÖHMEN UND MÄHREN!

BILDQUELLE

das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...

die bezeichnung „sudetenland“ für ein gebiet in der früheren tschechoslowakei, ist neueren datums. es liegt in mähren und böhmen, wo überwiegend deutsch gesprochen wurde. weil der begriff „sudetenland“ vor allem von den nazis für ihre völkerrechtswidrige politik eingespannt wurde (es wird darauf zurückzukommen sein), wäre es vielleicht sinnvoller, die älteren, historischen bezeichnungen: „deutschböhmen“ und „deutschmähren“ zu verwenden. von irgendwelchen städten wird indes weniger die rede sein, denn die region brachte keine metropole hervor, wenn man nicht reichenberg dazu zählen, will, das aber erst von den nazis zur hauptsadt des sudetenlandes erklärt wurde. vielmehr sind es eine ganze reihe kleinerer orte und städte, die ein überwiegend agrarisches mähren und böhmen prägten.

dennoch: es sind gleich zwei europäische metropolen, in deren spannungsfeld die ganze region lag, von dort seine impulse empfing, politische entscheidungen entgegen nehmen musste und vielfältige anstösse kultureller art erhielt ...

wien und prag.

es mag sein, dass sich in ihrem übermächtigen historischen und kulturellen schatten kein eigenständiges kulturelles zentrum in böhmen und mähren herausbilden konnte.

wie schon gesagt: der name der gesamtregion ist neueren datums. erst nach dem 1.weltkrieg riefen die deutschen in den nördlichen gebieten von österreich-schlesien, nordmähren und nordostböhmen die deutsch-österreichische provinz „sudentenland“ aus. ihre absicht, sich österreich anzuschliessen, wurde aber vereitelt, als sich der neue tschechoslowakische staat gründete und die ehemaligen österreichischen kronländer (böhmen, mähren und schlesien) für sich beanspruchte.
in den friedensverhandlungen nach dem 1. weltkrieg - bei denen es auch um die aufteilung österreichs ging - wurde die souveränität des tschechoslowakischen staates festgeschrieben.

das „münchener abkommen“ vom 30. spetember 1938, bei dem adolf hitlers seitens der westmächte grösstmöglichen handlungsspielraum erhielt, erlaubte es den nazis, in der tschechoslowakischen republik einzumarschieren, wo am 14. april 1939 der „reichsgau sudetenland“ mit der hauptstadt reichenberg gegründet wurde.

böhmen und mähren spielten in der europäischen geschichte lange zeit eine bedeutsame rolle. sie waren seit dem 12. jahrhundert unter der böhmischen krone vereint und teil des heiligen römischen reichs deutscher nation. weil es in diesem zusammenschluss das einzige königreich war, fiel den böhmischen königen eine besonders priviligierte und herausragende rolle zu.

es war auch im 12. jahrhundert, als eine grosse zahl deutscher einwanderer nach böhmen und mähren kam. sie wurden in den noch überwiegend tschechisch besiedelten gebieten heimisch und brachten aus deutschland das zunftrecht, das handwerk und eine entwickelte stadtkultur nach böhmen und mähren.

der 30.-jährige krieg bedeutete auch hier eine schlimme zäsur. ganze landstriche wurden durch eine marodierende soldateska ausgerottet und - mindestens genau so schlimm - von hungersnöten und seuchen heimgesucht und dezimiert.

in dieses vakuum, das nach dem 30.-jährigen krieg entstanden war, stiess eine zweite welle deutscher einwanderer, die aus ihrer zerstörten, geplünderten heimat nach böhmen und mähren flohen.

1804 fiel böhmen, mähren und schlesien österreich zu, was von den deutschen in den drei kronländern, die immer noch eine minderheit im land bildeten, durchaus begrüsst wurde, sicherte österreich doch die vormachtstellung des „deutschtums“ in ihrem gebiet.

damit standen sie jedoch in einem unüberbrückbaren gegensatz zu den tschechoslowaken, die ihre selbständigkeit auch unter österreichischer vorherrschaft nicht aufgeben wollten. sie unterliefen kmmer wieder die politischen absichten wiens, die auf ausgleich der volksgruppen bedacht waren - ihr ziel war und blieb die selbständigkeit eines tschechoslowaksichen staates.

nach der niederlage deutschland-österreichs im ersten weltkrieg konnten die karten neu gemischt werden. die tschechen lehnten irgendeine souveränität der von deutschen besiedelten sudetenländer ab und wollten höchstens für die nord- und westränder böhmens sonderreglungen gelten lassen, weil dort - an den grenzen zu deutschland - besonders viele deutsche lebten.

1919 erhielt die tschechoslowakei die uneingeschränkte souveränität auch über die strittigen gebiete, womit den protesten und auf souveränität zielenden aktivitäten der deutschsprachigen bevölkerung durch festgeschriebene fakten ein ende bereitet wurde.

zu dieser zeit lebten nur etwa 82.000 tschechen in den drei kronländern, die nunmehr unter dem begriff „sudetenland“ zusammengefasst wurden - ein name, der vor allem von den deutschen gebraucht wurde, um damit die zusammengehörigkeit und den anspruch auf souveränität des gesamten gebietes zu unterstreichen.

in der neu gegründeten tschechoslowakei waren die deutschen die zweitgrösste bevölkerungsgruppe. ihnen wurden zwar minderheitenrechte, nicht aber regionale autonomie zugestanden. die einstellung der deutschen zum staat war deswegen gespalten. während die einen durchaus die allmähliche integration befürworteten, lehnten andere eine zugehörigkeit zur tschechoslowakei strikt ab. sie waren es, die sich in der 1933 gegründeten „sudentendeutschen partei“ zusammen schlossen, sich für eine umfängliche autonomie aussprachen und sich mehr und mehr an hitler und seiner partei, der nsdap, orientierten.

während der 30er jahre wurde die „sudetendeutsche partei“ immer stärker - wohl auch deshalb, weil sich die tschechoslowakische regierung weigerte, dem sudentland irgendwelche wirtschaftliche hilfe zu gewähren. auch wurden die deutschen nicht in dem masse im öffentlichen dienst beschäftigt, wie es ihrer bevölkerungszahl eigentlich entsprach.

in deutschland reifte unterdessen der plan, österreich und die tschechoslowakei zu überfallen und beide länder dem grossdeutschen reich zuzuschlagen. hitler drohte schliesslich ganz unverholen mit dem militärischen einmarsch.

in dieser situation verkündete die tschechoslowakische regierung im mai 1938 die mobilmachung. jetzt waren die bündnispartner england und frankreich gefragt - die garantiemächte seit 1919.

in der eilig nach münchen einberufenen konferenz konnten die engländer und franzosen hitler zwar von einem militärischen einmarsch in die tschechoslowakei abhalten - die ausgehandelten ergebnisse, die im „münchener abkommen“ festgehalten wurden, gaben hitler jedoch „grünes licht“ zur „friedlichen“ annexion bömens und mährens. 2,9 millionen deutsche waren damit, von ihnen durchaus leidenschaftlich gewünscht, „heim ins reich“ gekehrt, sie lebten fortan im deutschen „reichsgau sudetenland“.

nachdem 1939 auch noch die restliche tschechoslowakei von deutschen truppen okkupiert worden war, flüchtete die prager regierung nach london ins exil. unter federführung des ehemaligen tschechoslowakischen präsidenten eduard benés verfolgte man von dort aus die pläne einer wiedererrichtung der tschechoslowakei - mit dem ausdrücklichen plan der einbeziehung des sudentlandes und der vertreibung der deutschen von dort.

diese pläne wurden als „benés-dekrete“ bekannt und fanden sofort nach kriegsende anwendung. die deutschen wurden enteignet und vertrieben. allerdings wurden sie nicht unbedingt aus dem tschechoslowakischen staat entlassen, sondern mussten in kohlebergwerken und auf bauernhöfen unentgeltlich für die tschechoslowaken arbeiten.

drei millionen deutsche verliessen, nur das nackte leben rettend, 1945 ihre heimat in böhmen und mähren.

31.01.2008 um 22:31 Uhr

nachdenken ... über WAS?

man wird es bemerkt haben: seit einigen tagen schreibe ich hier etwas auf über städte, ihre geschichte und unser vergessen.

ich möchte damit ein denkmal setzen ... für menschen, denen ich niemals begegnete, vor allem aber: die ich eines tages traf und dir mir immer unvergessen bleiben werden.

1985 fuhr ich mit einer sogenannten "fortuna-reise" nach mallorca, was bedeutete, dass ich weder den ort noch das hotel kannte, in dem ich meinen urlaub verleben würde. das schicksal meinte es nicht eben gut mit mir und brachte mich nach CALA MILLOR. das war eine ansammlung von riesigen hotels an einem - durchaus - schönen strand.

dennoch genoss ich die tage in diesem ort. ich badete, schlief, schloss bekanntschaften ("da isser ja!"), schlenderte abends über die promenade ... und wenn mich die grenzenlose langeweile packte, rief ich meinen freund in deutschland an.

im restaurant des hotels wurde ich bald auf ein altes ehepaar aufmerksam. sie gingen so rücksichtsvoll und zärtlich miteinander um, wie ich es zuvor nicht erlebt hatte. sie liebten sich, das spürte ich sofort. deswegen kostete es mich auch keine überwindung, irgendwann an ihren tisch zu treten und ihnen zu sagen, wie sehr mich ihr miteinander freute und wie gut es mir ging, diesem einverständnis zuzusehen.

ich hätte das nie getan, wenn das alles nicht so besonders gewesen wäre!

die urlaubstage vergingen, das alte ehepaar (sie waren beide längt über 80) grüssten freundlich, wenn sie mich sahen ... und luden mich am letzten tag ihres urlaubs ein, mit ihnen den abschied von mallorca zu feiern.

wir sassen in einer spanischen bar und tranken sangria. die beiden erzählten ... auch davon, dass sie einst - als deutsche - an der wolga lebten, dann nach sibirien deportiert wurden, und erst jetzt nach deutschland ausreisen durften. sie hatten ihr ganzes geld genommen, um sich diesen urlaub auf mallorca ... in CALA MILLOR zu leisten.

es bliebe ja nicht mehr viel zeit ... sagten sie, sahen sich an und lächelten.

damals habe ich diesen beiden menschen einen platz in meinem herzen gegeben und ihnen, als wir mit sangria anstiessen, ganz still - und nur für mich - versprochen, sie niemals zu vergessen ...

postscript:

vielleicht ist das so bei manchen menschen. sie müssen sich irgendwann begegnen, weil sie sonst keine heimat haben!

31.01.2008 um 16:42 Uhr

nachdenken über BRESLAU!

das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...

BRESLAU, das heutige WROCLAW, ist die hauptstadt SCHLESIENS, das am ober- und mittellauf der ODER liegt. SCHLESIEN ist eine uralte, europäische kulturlandschaft, reich an fruchtbaren nutzflächen und bodenschätzen.

nachdem die dortige bevölkerung in den MONGOLENSTÜRMEN fast ausgelöscht worden war, bemühten sich im 13. jahrhundert die PIASTEN, eine schlesisch-polnische herrscherdynastie, um deutsche kolonisten, die das land wieder aufbauen sollten. die kolonisten kamen in so grosser zahl, dass noch 600 jahre später in NIEDERSCHLESIEN der grösste teil der bevölkerung deutschsprachig war, und auch in OBERSCHLESIEN in vielen dörfern und städten deutsch gesprochen wurde.

BRESLAU wurde im jahr 1000 gegründet und gehört damit zu den ältesten städten europas. im 14. jahrhundert wechselte die herrschaft von den PIASTEN zur BÖHMISCHEN krone, in diese zeit fällt auch die mitgliedschaft in der HANSE, die zu grosser wirtschaftlicher blüte verhalf.

1523 erreichte die REFORMATION auch SCHLESIEN. über die hälfte der einwohner nahm im laufe der zeit den lutherischen glauben an, was für die spätere geschichte von einiger bedeutung werden sollte.

als 1526 die HABSBURGER BÖHMEN besiegten und damit erst einmal die gegenreformation obsiegte, geriet auch BRESLAU unter ihre herrschaft, die bis 1741 dauern sollte.

im ERSTEN SCHLESISCHEN KRIEG belagerten die PREUSSEN unter FRIEDRICH II. die stadt und nahmen sie 1741 schliesslich ein. angelockt hatte sie eine wohlhabende provinz, die dem königreich PREUSSEN einigen wohlstand versprach. irgendwelche anrechte politischer art konnte FRIEDRICH II. hingegen vielleicht konstruieren, aber nicht objektiv geltend machen. im bald danach folgenden SIEBENJÄHIGEN KRIEG konnte ÖSTERREICH die stadt kurzzeitig zurück erobern. das blatt wendete sich jedoch abermals, als die PREUSSEN nach der siegreichen schlacht von LEUTHEN im dezember 1757 erneut in BRESLAU einmarschierten.

zumindest die evangelisch-lutherische bevölkerung atmete auf, war ihr doch unter preussischer herrschaft die religionsfreiheit garantiert, was unter den HABSBURGERN, die eine strenge, katholische politik verfolgten, nicht der fall war. aus diesem umstand ist auch ohne weiteres herauszulesen, mit welcher seite die überwiegende zahl der SCHLESIER sympathisierte.

um 1900 zählte die stadt bereits fast 500.000 einwohner und war damit die fünftgrösste stadt DEUTSCHLANDS.

im ZWEITEN WELTKRIEG erlebte die stadt zwar einige heftige alliierte luftangriffe, blieb aber von grösseren schäden bewahrt. allerdings wurde BRESLAU gegen ende des krieges zur „festung“ erklärt, was bedeutete, dass die einwohner zum bleiben gezwungen wurden und sich mit sinnlosen „durchhalteparolen“ konfrontiert sahen.

als im januar 1945 wegen der vorrückenden russischen armee dann doch der evakuierungsbefehl kam, brach panik unter den einwohnern aus. dreiviertel von ihnen verliessen überstürzt die stadt, viele erfroren auf der flucht ins benachbarte BÖHMEN und nach SACHSEN.

im frühjahr 1945 kam es zu den letzten, schweren kämpfen um BRESLAU - es befanden sich noch 150.000 einwohner und 40.000 soldaten in der stadt, die keinen anderen weg mehr sah, als am 7. mai bedingungslos zu kapitulieren. zwei tage später übergaben die SOWJETS BRESLAU an POLEN.

danach brach das grösste chaos in der stadt aus. viele zuvor geflohene einwohner kehrten in unkenntnis der neuen politischen situation in die stadt zurück, bis kurz darauf die übergänge an ODER und NEISSE geschlossen wurden. die zurück strömende bevölkerung musste auf freiem feld ausharren - die humanitäre situation dieser menschen im niemandsland eines verlorenen krieges war dramatisch.

aber auch die 300.000 deutschen, die in breslau geblieben oder dorthin zurückgekehrt waren, erwartete ein schlimmes schicksal. es kam seitens der sowjetischen soldaten zu massiven übergriffen auf die zivilbevölkerung, frauen wurden vergewaltigt, geschäfte geplündert, die einwohner erhielten kaum nahrungsmittel und viele von ihnen verhungerten. schliesslich wurden die überlebenden aus der stadt vertrieben oder - nachdem eine gewisse ordnung hergestellt war - zwangsausgesiedelt. ihr vermögen wurde eingezogen, ihre wohnungen und grundstücke enteignet.

an stelle der DEUTSCHEN wurden POLEN aus LEMBERG und jenen anderen provinzen, die im krieg von RUSSLAND annektiert worden waren, nach BRESLAU verfrachtet. sie lebten fortan in einer stadt, die ihren deutschen namen verloren hatte - und jetzt WROCLAW hiess.

innerhalb von nur vier jahren war nahezu die gesamte deutsche bevölkerung nicht nur aus BRESLAU, sondern auch aus ganz SCHLESIEN vertrieben worden. sie vor allem zahlte den preis für einen gewissenlosen krieg, der - auch in ihrem namen - von mördern an der staatsspitze angezettelt worden war.

30.01.2008 um 12:27 Uhr

nachdenken über TEMESWAR!

das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...

TEMESWAR ist das kulturelle und wirtschaftliche zentrum des BANAT. ursprünglich gehörte das BANAT zur ÖSTERREICHISCH-UNGARISCHEN MONARCHIE, nach dem 1. weltkrieg wurde es jedoch zwischen UNGARN, SERBIEN und RUMÄNIEN aufgeteilt.

das BANAT war in den TÜRKENKRIEGEN stark in mitleidenschaft gezogen worden, die bis 1684 dauerten und die region mehr als 150 jahre mit mord, plünderung und brandschatzung überzog. nach dem endgültigen abzug der OSMANEN war das BANAT so gut wie entvölkert. in dieses vakuum strömten siedler vor allem aus FRANKEN, BAYERN, ÖSTERREICH, LUXEMBURG und RHEINPFALZ. nur einige wenige stammten jedoch aus SCHWABEN, weswegen bis heute nicht geklärt ist, warum die siedler insgesamt als BANATER SCHWABEN bezeichnet werden. verbürgt ist lediglich, dass fast alle kolonisten in der schwäbischen stadt ULM registriert wurden und danach mit den sogeannten „ulmer schachteln“ auf der DONAU bis BELGRAD verschifft wurden, bevor es weiter zu fuss und pferdewagen in die besiedlungsgebiete ging.

MARIA THERESIA, die österreichische kaiserin, hatte die siedler ins BANAT gerufen und versprach ihnen finanzielle hilfen und steuererleichterungen. das schien die einzige möglichkeit zu sein, das entvölkerte reichsgebiet erneut mit leben zu erfüllen. ihr ruf fand vor allem in der verarmten deutschen landbevölkerung ein offenes ohr, denn die zweit- und drittgeborenen söhne der bauern hatten keine wirkliche zukunft. sie mussten sich als tagelöhner verdingen, denn nur die ältesten erhielten die höfe als erbe.

neben lehrern, handwerkern, ärzten und pfarrern, die mit grosszügigen finanziellen anreizen geworben wurden, kamen besonders auch verheiratete paare in den genuss einer bevorzugten behandlung, denn sie waren es, die für nachkommenschaft im BANAT sorgen sollten. was also lag näher, als dem ruf der österreichischen kaiserin in die fremde zu folgen? die einzige gegenleistung der siedler bestand in der verpflichtung, bei einem erneuten angriff der OSMANEN das BANAT mit waffen zu verteidigen. diese gefahr war aber nach der gescheiterten belagerung WIENS durch die osmanischen truppen so gut wie gebannt.

die ansiedlung der neuen kolonisten wurde am kaiserhof sorgfältig geplant. sämtliche dörfer und städte im BANAT wurden nach entwürfen österreichischer baumeister errichtet und strassen durchs land angelegt. es mussten vor allem auch kanäle gebaut werden, denn das BANAT war ein sumpfiges gebiet, in dem krankheit und tod lauerten. nachdem das BANAT aber trockengelegt war, stellte sich heraus, dass die ackerflächen überaus fruchtbar waren und reiche ernten versprachen. die landwirtschaft legte den grundstein für den wohlstand der BANATER bauern im 19. jahrhundert. man sprach allenthalben von der „kornkammer“ ÖSTERREICH-UNGARNS. die stadt TEMESWAR wurde zur blühenden hauptstadt des BANAT und die neuen eisenbahnverbindungen beschleunigten die industrialisierung des landes.

am ende des 1. weltkriegs wurde über das BANAT neu verhandelt. ÖSTERREICH-UNGARN hatte - zusammen mit DEUTSCHLAND - den krieg verloren und UNGARN musste (nachdem es sich von ÖSTERREICH losgesagt hatte) teile seines staatsgebiets abtreten. dabei wurde der grösste teil der BANATS RUMÄNIEN zugeschlagen.

für die BANATER SCHWABEN war dies nur von vorteil, denn die sogenannte MAGYARISIERUNG durch den UNGARISCHEN STAAT, der keinen sonderweg seiner minderheiten duldete, sondern alles und jeden unter das verdikt des „ungarischen“ stellte, hatte die einwohner des BANATS vor ernsthafte probleme gestellt, wenn sie ihren sitten, ihrer sprache und kultur treu bleiben wollten.

der RUMÄNISCHE STAAT hingegen erlaubte nicht nur den deutschunterricht, sondern beliess den einwohnern auch sonst ihre kultur. in TEMESWAR, wo ganz überwiegend deutsch gesprochen wurde, eröffnete ein deutsches theater und es konnten deutschsprachige zeitungen erscheinen. es machte sich eine starke deutsch-nationale gesinnung im BANAT breit und BANATER SCHWABEN orientierten sich mehr und mehr am fernen DEUTSCHLAND. die allianz RUMÄNIENS mit DEUTSCHLAND im 2. weltkrieg veranlasste deswegen auch viele junge BANATER, in die rumänischen armee einzutreten, um an der seite der DEUTSCHEN zu kämpfen.

die tragödie nahm ihren lauf, als RUMÄNIEN 1944 mit DEUTSCHLAND brach und zu den ALLIIERTEN wechselte. jetzt wurden alle RUMÄNIENDEUTSCHE als kollaborateure und staatsfeinde verdächtigt.

nach dem einmarsch der SOWJETUNION ins BANAT kam es zu einer fluchwelle von BANATER SCHWABEN richtung DEUTSCHLAND - und zu progromen und systematischer vertreibung. dabei wurden die einwohner ganzer dörfer in russische kriegsgefangenschaft geführt oder zur zwangsarbeit deportiert.

erst in den 60er jahren des 20. jahrhunderts hörten die repressalien gegen die BANATER SCHWABEN in RUMÄNIEN auf und auch die enteignung von privaten häusern und grundstücken wurde zurückgenommen. ein abkommen RUMÄNIENS mit der BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND erlaubte überdies eine ausreise, wovon die mehrheit der deutschstämmigen bevölkerung auch gebrauch machte.

29.01.2008 um 14:10 Uhr

nachdenken über HERMANNSTADT!

das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...

HERMANNSTADT liegt auf rumänischem staatsgebiet in der nähe der SÜDKARPATEN. im näheren und weiteren umkreis waren die SIEBENBÜRGER SACHSEN zu hause. bis 1878 tagte in der überwiegend deutschsprachigen stadt, die damals noch unter österreich-ungarischer verwaltung stand, das SIEBENBÜRGER PARLAMENT, das ein symbol für die unabhängigkeit und politische einheit SIEBENBÜRGENS war. nach dem 1. weltkrieg kam HERMANNSTADT zu RUMÄNIEN, blieb aber auch weiterhin fast autonom und deutsch gepägt. erst der 2. WELTKRIEG zerstörte eine 800-jährige siedlungs- und kulturarbeit im östlichen EUROPA.

die besiedlung SIEBENBÜRGENS reicht weit zurück. die könige von UNGARN hatten schon im 12. jahrhundert ihr staatsgebiet auf SIEBENBÜRGEN und die KARPATEN ausgedehnt und waren dringend auf kolonisten angewiesen, die das land bewirtschafteten. schon 1143 folgten die ersten deutschen siedler dem ruf des ungarischen königs nach SIEBENBÜRGEN.

die kolonisten stammten vor allem aus LUXEMBURG, LOTHRINGEN, aus dem ELSASS und der umgebung von KÖLN, TRIER und LÜTTICH. geworben wurden sie von sogannten „lokatoren“, die ausgearbeitete pläne für die besiedlung bei sich trugen und die familien auf die zukünftigen dörfer und hofstellen in SIEBENBÜRGEN verteilten.

1224 stellte ANDREAS II. VON UNGARN den sogenannten „goldenen freibrief“ aus, der es den deutschen kolonisten erlaubte, in OSTEUROPA ansässig zu werden. darin wurde ihnen weitgehende politische unabhängigkeit gewährt, sowie abgabe- und zollfreiheit eingeräumt. sie unterstanden weder dem adel noch der kirche, sondern waren freie, selbstbestimmte, nur dem könig rechenschaft schuldige bürger. die wälder, wiesen und gewässer SIEBENBÜRGENS standen ihnen zur freien verfügung. allerdings mussten sie einen jährlichen zins an den ungarischen könig leisten, der sich durch den fleiss und die wirtschaftskraft der kolonisten einträgliche geschäfte versprach. im laufe der jahrhunderte prosperierte SIEBENBÜRGEN so stark, dass man dem ungarischen KÖNIG - gegen die verpfändung ganzer ortschaften - sogar grosse summen verleihen konnte.

1241 kam es durch den einfall der MONGOLEN zum zeitweiligen ende der besiedlung. die plünderungen und brandschatzungen löschten die bevölkerung jedoch nicht gänzlich aus. nach und nach konnte SIEBENBÜRGEN seine bedeutung zurückerlangen. auch den verheerenden einfällen der TÜRKEN stellte sich die bevölkerung mutig entgegegen. um sich gegen die gefahren zu wappnen, gingen die einwohner SIEBENBÜRGENS eine allianz mit dem ungarischen adel ein und konnten 1479 einen bedeutsamen sieg gegen die TÜRKEN auf dem BROMFELD erringen. aus dieser zeit stammen die - überall in SIEBENBÜRGEN anzutreffenden - KIRCHENBURGEN, die das land wie ein netz überziehen.

dennoch konnte sich SIEBENBÜRGEN nicht nachhaltig gegen die belagerungen und überfälle der TÜRKEN wehren. als UNGARN unter dem ansturm der OSMANEN in drei teile zerfiel, wurde aus SIEBENBÜREN ein selbständiges fürstentum - unter osmanischer oberhoheit. das hinderte die TÜRKEN nicht, das land immer wieder zu überfallen und auszuplündern.

erst am ende des 17. jahrhunderts hörten die übergriffe auf, als SIEBENBÜRGEN unter die herrschaft der HABSBURGER geriet. Das aufatmen war indes nur von kurzer dauer, denn am ende des 18. jahrhunderts annullierte der österreichische kaiser die rechte und privilegien, die einst im „goldenen freibrief“ niedergelegt worden waren.

der sogenannte „österreichisch-ungarische ausgleich“ machte SIEBENBÜRGEN 1867 erneut zu einem teil UNGARNS. die SIEBENBÜRGER SACHSEN schafften es, sich ein gewisses mass von autonomie zu bewahren, wobei im katholischen UNGARN die evangelische landeskirche im protestantisch geprägten SIEBENBÜRGEN eine bedeutsame und besondere rolle spielte.

diese und andere privilegien führten immer wieder zum konflikt mit dem ungarischen adel, der den SIEBENBÜRGERN die sonderstellung neidete und sich selbst vom könig benachteiligt fühlte.

nach dem 2. WELTKRIEG endete der deutsche einfluss in SIEBENBÜRGEN, als die kommunisten die macht in RUMÄNIEN übernahmen. viele flohen aus ihrer heimat nach deutschland, manche wurden in die UKRAINE und den URAL verschleppt. diejenigen, die in SIEBENBÜRGEN gebliebenen waren, mussten der enteigung ihrers eigentums zusehen (was später jedoch teilweise zurückgenommen wurde) und waren in den nachkriegsjahren schlimmsten diskrimierungen und represssionen von staatlicher seite ausgesetzt.

ende der 50er jahre des 20. jahrhunderts wurde es den SIEBENBÜRGERN endlich erlaubt, das land zu verlassen, wofür die BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND rund 10.000 DM pro person an den rumänischen staat zahlte.

SIEBENBÜRGEN hatte über jahrhunderte eine bedeutsame, manchmal überragende wirtschaftliche und kulturelle rolle im östlichen EUROPA gespielt. das alles war 1945 vorbei.

26.01.2008 um 17:27 Uhr

nachdenken über SARATOW!

das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...

SARATOW liegt an der mittleren WOLGA, hat fast eine million einwohner und blickt auf eine 400-jährige geschichte zurück. gegründet wurde SARATOW als zarenfestung - in jenen jahren, als russland begann, sein reich auszudehnen und immer mehr territorien in sibirien und vorderasien an sich riss.

die umgebung von SARATOW zählte zum grössten siedlungsgebiet der sogenannten WOLGADEUTSCHEN - das waren deutsche, die von den russischen ZAREN ins land gerufen wurden, um das neu eroberte land zu befrieden und fruchtbar zu machen.

ohne die rasche expansion RUSSLANDS, das seine „kolonien“ nicht wie die westeuropäischen staaten in übersee suchte, sondern eroberungen auf dem landweg machte, ist die besiedlungspolitik der damaligen zeit nicht zu verstehen.

es war das eine (zumeist leichtere), fremde territorien zu besetzen und sich einzuverleiben, ein anderes (schwierigeres) aber, dort menschen anzusiedeln, die der zentralmacht treu ergeben waren. was nützte die schönste eroberung, wenn am ende (nach abzug der okkupanten) die einheimische bevölkerung sich erneut ihren alten machthabern zuwandte?

KATHARINA II. sah es mit grosser freude, dass RUSSLAND sich immer mehr ausdehnte und dadurch zu einer grossmacht in europa aufstieg. aber um dieses grosse reich zu regieren, fehlten ihr treu ergebene untertanen - zumindest in den entlegenen gegenden. eine umsiedlung von russen in die gerade eroberten landstriche war problematisch, denn in einem schwach besiedelten land wie RUSSLAND wurden sie zu hause dringend gebraucht. deswegen ersann KATHARINA II., die von 1729 bis 1796 regierte, den plan, ausländische kolonisten nach russland zu rufen. das manifest, das sie 1763 veröffentlichte, traf in deutschland auf offene ohren, weil gerade hier weite teile der ländlichen bevölkerung hoffnungslos verarmt waren und keine zukunft für sich sahen. als ehemalige PRINZESSIN VON ANHALT-ZERBST-DORNBURG hatte KATHARINA von vornherein ihre deutschen landsleute im blick, als sie ihr dekret verfasste.

es billigte den kolonisten weitgehende sonderrechte zu: beibehaltung der eigenen sprache, der kultur und bildung, befreiung für 30 jahre von sämtlichen steuern und freie religionsausübung. besonders aus der PFALZ, aber auch aus BADEN, WÜRTTEMBERG und dem ELSASS (die armenhäuser der deutschen kleinstaaterei) kamen bis 1773 mehr als 30.000 menschen nach russland. sie siedelten sich an der mittleren WOLGA im umkreis der stadt SARATOW an. ihr zentrum wurde die stadt POKROWSK.

eine zweite grosse einwanderungswelle erlebte die WOLGA in den ersten jahren des 19. jahrhunderts, als deutsche dem ruf des enkels von KATHARINA, ZAR ALEXANDER I. (1801 - 1825), folgten und auf diese weise vor den schlimmen zuständen in deutschland flohen, die die besetzung NAPOLEONS mit sich brachte.

ALEXANDER versprach den kolonisten eigenes land und sicherte ihnen die befreiung vom kriegsdienst zu. am ende waren es an die 600.000 deutsche, die dem ruf der ZAREN nach RUSSLAND gefolgt waren.

gute einhundert jahre konnten die deutschen an der WOLGA unbehelligt ihrer arbeit nachgehen und bewahrten sich, geschützt durch einige privilegien des zarenreichs ihre relative eigenständigkeit. 1924 - der ZAR war längst gestürzt - entstand unter den kommunisten jedoch die AUTONOME SOWJETREPUBLIK DER WOLGADEUTSCHEN, die mit einigen spürbaren einschränkungen der bewohner einher ging.

ganz und gar pekär wurde die lage beim einmarsch der DEUTSCHEN in RUSSLAND. 1941 wurde die WOLGAREPUBLIK aufgelöst und etwa 400.000 einwohner der kollaboration mit dem feind beschuldigt. sie mussten ihre angestammte heimat an der WOLGA verlassen und wurden nach SIBIRIEN und KASACHSTAN deportiert.

erst am ende des 20. jahrhunderts konnten sie einen antrag auf ausreise nach DEUTSCHLAND stellen. viele WOLGADEUTSCHE - vor allem die jüngeren - kehrten nach 200 jahren dorthin zurück, von wo ihre vorfahren in die fremde aufgebrochen waren.

25.01.2008 um 22:02 Uhr

nachdenken über TILSIT!

das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...

manche von uns werden beim namen TILSIT höchstens an einen käse denken. TILISIT ist aber viel mehr als der ort eines besonders schmackhaften käses. ist er das überhaupt?

TILSIT schrieb preussische geschichte, als sich FRIEDRICH WILHELM III. und NAPOLEON I. in einem, in die TILSE hinein gebauten pavillon trafen, um dort 1807 den "frieden von tilsit" zu schliessen. für FRIEDRICH WILHELM war das ein schlimmer friede, denn PREUSSEN musste die hälfte seines territoriums abtreten und unter französisches protektorat stellen.

das war die quittung dafür, dass sich PREUSSEN im krieg gegen FRANKREICH auf seiten ÖSTERREICHS und RUSSLANDS geschlagen hatte.

auch KÖNIGIN LUISE, die frau des preussischen königs, konnte bei NAPOLEON nichts ausrichten. der französische kaiser war bei einem von ihr erbetenen treffen zwar galant, wohl auch beeindruckt, gab aber dem bitten und flehen nicht nach. dennoch wurde LUISE zur heldin PREUSSENS - ihr mut und eigener wille machten sie dazu und so ist es bis heute geblieben.

womöglich war aber alles ganz anders - und LUISE war "nur" das resolute, entschiedene gegenbild ihres willenschwachen, eingeschüchterten mannes.

TILSIT war - wie alle städte im osten - zuerst einmal ein bollwerk, eine burg, eine garnison des DEUTSCHEN RITTERORDENS. TILSIT bildete das waffenklirrende grenzwerk gegenüber LITAUEN. das alles war im 15. jahrhundert - also lange vor der zeit, als PREUSSEN zu einer bedeutenden mittelmacht aufstieg.

mit der expansion PREUSSENS in den osten wurde TILIST aber dann doch irgendwann die nördlichste stadt OSTPREUSSENS. sie wuchs, expandierte, erhielt im 19. jahrhundert sogar einen anschluss an die bahnlinie, die von BERLIN nach ST. PETERSBURG führte.

übrigens setzte sich der brandenburgische kurfürst erst 1701 die königskrone auf, als PREUSSEN - also das land OSTPREUSSEN - unter seine herrschaft gekommen war. die preussische königskrone liess er sich deswegen auch nicht in BERLIN (das wäre einigermassen absurd gewesen), sondern in KÖNIGSBERG aufsetzen - das wenig entfernt von TILSIT liegt. dorthin floh der preussische könig dann auch in höchster angst, als NAPOLEON in BERLIN einmarschierte. es war eine wirkliche tragödie!

die viel grössere tragödie sollte - auch für TILSIT - indes noch folgen:

am ende des 2. WELTKRIEGS wurde das ostpreussische TILSIT - und auch die KÖNIGIN LUISE BRÜCKE über die TILSE - von den heranrückenden sowjetischen truppen schwer beschädigt und eingenommen. heute gehört die stadt zur russischen enklave KALININGRAD und markiert immer noch die grenze zu LITAUEN.