nachdenken über BÖHMEN UND MÄHREN!
das nachdenken über städte hat viel mit geschichte zu tun. ich werde hier in loser folge einige städte vorstellen, die uns vielleicht noch gerade mit namen bekannt sind, deren geschichte uns aber abhanden gekommem ist. das nachdenken hat nichts zu tun mit einem rückwärts gewandten geschichtsblick, sondern mit dem raum, in dem sich geschichte zuträgt ...
die bezeichnung „sudetenland“ für ein gebiet in der früheren tschechoslowakei, ist neueren datums. es liegt in mähren und böhmen, wo überwiegend deutsch gesprochen wurde. weil der begriff „sudetenland“ vor allem von den nazis für ihre völkerrechtswidrige politik eingespannt wurde (es wird darauf zurückzukommen sein), wäre es vielleicht sinnvoller, die älteren, historischen bezeichnungen: „deutschböhmen“ und „deutschmähren“ zu verwenden. von irgendwelchen städten wird indes weniger die rede sein, denn die region brachte keine metropole hervor, wenn man nicht reichenberg dazu zählen, will, das aber erst von den nazis zur hauptsadt des sudetenlandes erklärt wurde. vielmehr sind es eine ganze reihe kleinerer orte und städte, die ein überwiegend agrarisches mähren und böhmen prägten.
dennoch: es sind gleich zwei europäische metropolen, in deren spannungsfeld die ganze region lag, von dort seine impulse empfing, politische entscheidungen entgegen nehmen musste und vielfältige anstösse kultureller art erhielt ...
wien und prag.
es mag sein, dass sich in ihrem übermächtigen historischen und kulturellen schatten kein eigenständiges kulturelles zentrum in böhmen und mähren herausbilden konnte.
wie schon gesagt: der name der gesamtregion ist neueren datums. erst nach dem 1.weltkrieg riefen die deutschen in den nördlichen gebieten von österreich-schlesien, nordmähren und nordostböhmen die deutsch-österreichische provinz „sudentenland“ aus. ihre absicht, sich österreich anzuschliessen, wurde aber vereitelt, als sich der neue tschechoslowakische staat gründete und die ehemaligen österreichischen kronländer (böhmen, mähren und schlesien) für sich beanspruchte.
in den friedensverhandlungen nach dem 1. weltkrieg - bei denen es auch um die aufteilung österreichs ging - wurde die souveränität des tschechoslowakischen staates festgeschrieben.
das „münchener abkommen“ vom 30. spetember 1938, bei dem adolf hitlers seitens der westmächte grösstmöglichen handlungsspielraum erhielt, erlaubte es den nazis, in der tschechoslowakischen republik einzumarschieren, wo am 14. april 1939 der „reichsgau sudetenland“ mit der hauptstadt reichenberg gegründet wurde.
böhmen und mähren spielten in der europäischen geschichte lange zeit eine bedeutsame rolle. sie waren seit dem 12. jahrhundert unter der böhmischen krone vereint und teil des heiligen römischen reichs deutscher nation. weil es in diesem zusammenschluss das einzige königreich war, fiel den böhmischen königen eine besonders priviligierte und herausragende rolle zu.
es war auch im 12. jahrhundert, als eine grosse zahl deutscher einwanderer nach böhmen und mähren kam. sie wurden in den noch überwiegend tschechisch besiedelten gebieten heimisch und brachten aus deutschland das zunftrecht, das handwerk und eine entwickelte stadtkultur nach böhmen und mähren.
der 30.-jährige krieg bedeutete auch hier eine schlimme zäsur. ganze landstriche wurden durch eine marodierende soldateska ausgerottet und - mindestens genau so schlimm - von hungersnöten und seuchen heimgesucht und dezimiert.
in dieses vakuum, das nach dem 30.-jährigen krieg entstanden war, stiess eine zweite welle deutscher einwanderer, die aus ihrer zerstörten, geplünderten heimat nach böhmen und mähren flohen.
1804 fiel böhmen, mähren und schlesien österreich zu, was von den deutschen in den drei kronländern, die immer noch eine minderheit im land bildeten, durchaus begrüsst wurde, sicherte österreich doch die vormachtstellung des „deutschtums“ in ihrem gebiet.
damit standen sie jedoch in einem unüberbrückbaren gegensatz zu den tschechoslowaken, die ihre selbständigkeit auch unter österreichischer vorherrschaft nicht aufgeben wollten. sie unterliefen kmmer wieder die politischen absichten wiens, die auf ausgleich der volksgruppen bedacht waren - ihr ziel war und blieb die selbständigkeit eines tschechoslowaksichen staates.
nach der niederlage deutschland-österreichs im ersten weltkrieg konnten die karten neu gemischt werden. die tschechen lehnten irgendeine souveränität der von deutschen besiedelten sudetenländer ab und wollten höchstens für die nord- und westränder böhmens sonderreglungen gelten lassen, weil dort - an den grenzen zu deutschland - besonders viele deutsche lebten.
1919 erhielt die tschechoslowakei die uneingeschränkte souveränität auch über die strittigen gebiete, womit den protesten und auf souveränität zielenden aktivitäten der deutschsprachigen bevölkerung durch festgeschriebene fakten ein ende bereitet wurde.
zu dieser zeit lebten nur etwa 82.000 tschechen in den drei kronländern, die nunmehr unter dem begriff „sudetenland“ zusammengefasst wurden - ein name, der vor allem von den deutschen gebraucht wurde, um damit die zusammengehörigkeit und den anspruch auf souveränität des gesamten gebietes zu unterstreichen.
in der neu gegründeten tschechoslowakei waren die deutschen die zweitgrösste bevölkerungsgruppe. ihnen wurden zwar minderheitenrechte, nicht aber regionale autonomie zugestanden. die einstellung der deutschen zum staat war deswegen gespalten. während die einen durchaus die allmähliche integration befürworteten, lehnten andere eine zugehörigkeit zur tschechoslowakei strikt ab. sie waren es, die sich in der 1933 gegründeten „sudentendeutschen partei“ zusammen schlossen, sich für eine umfängliche autonomie aussprachen und sich mehr und mehr an hitler und seiner partei, der nsdap, orientierten.
während der 30er jahre wurde die „sudetendeutsche partei“ immer stärker - wohl auch deshalb, weil sich die tschechoslowakische regierung weigerte, dem sudentland irgendwelche wirtschaftliche hilfe zu gewähren. auch wurden die deutschen nicht in dem masse im öffentlichen dienst beschäftigt, wie es ihrer bevölkerungszahl eigentlich entsprach.
in deutschland reifte unterdessen der plan, österreich und die tschechoslowakei zu überfallen und beide länder dem grossdeutschen reich zuzuschlagen. hitler drohte schliesslich ganz unverholen mit dem militärischen einmarsch.
in dieser situation verkündete die tschechoslowakische regierung im mai 1938 die mobilmachung. jetzt waren die bündnispartner england und frankreich gefragt - die garantiemächte seit 1919.
in der eilig nach münchen einberufenen konferenz konnten die engländer und franzosen hitler zwar von einem militärischen einmarsch in die tschechoslowakei abhalten - die ausgehandelten ergebnisse, die im „münchener abkommen“ festgehalten wurden, gaben hitler jedoch „grünes licht“ zur „friedlichen“ annexion bömens und mährens. 2,9 millionen deutsche waren damit, von ihnen durchaus leidenschaftlich gewünscht, „heim ins reich“ gekehrt, sie lebten fortan im deutschen „reichsgau sudetenland“.
nachdem 1939 auch noch die restliche tschechoslowakei von deutschen truppen okkupiert worden war, flüchtete die prager regierung nach london ins exil. unter federführung des ehemaligen tschechoslowakischen präsidenten eduard benés verfolgte man von dort aus die pläne einer wiedererrichtung der tschechoslowakei - mit dem ausdrücklichen plan der einbeziehung des sudentlandes und der vertreibung der deutschen von dort.
diese pläne wurden als „benés-dekrete“ bekannt und fanden sofort nach kriegsende anwendung. die deutschen wurden enteignet und vertrieben. allerdings wurden sie nicht unbedingt aus dem tschechoslowakischen staat entlassen, sondern mussten in kohlebergwerken und auf bauernhöfen unentgeltlich für die tschechoslowaken arbeiten.
drei millionen deutsche verliessen, nur das nackte leben rettend, 1945 ihre heimat in böhmen und mähren.
