den erzählerischen totentanz-fries setze ich fort mit dem TANZ DER KAISERS. auf meiner homepage ist jedoch auch schon der TANZ DES PAPSTES zu lesen ...
auf einem felsen, hoch über der stadt, zogen sich die mauern der burg hin, unterbrochen von zinnenbewehrten türmen und kleinen luken, die jedoch fest verriegelt waren. anders das haupttor, zu dem eine zugbrücke führte und das von soldaten in rot weissen uniformen und goldenen hellebarden bewacht wurde. es stand weit offen
wenn sich der kaiser in seiner residenz aufhielt, wehte auf dem höchsten turm der burg die schwarz, gelb, rote fahne mit dem kaiserlichen wappen in der mitte: ein adler, der in seinen fängen die reichskrone mit dem kreuz hält. die fahne wurde jedoch nur selten aufgezogen, denn die meiste zeit des jahres hielt sich der kaiser in seinen provinzen auf oder unternahm feldzüge gegen seine nachbarn, von denen er meinte, dass sie nur darauf warteten, seine fruchtbaren landstriche und reichen städte zu überfallen.
kaiser johann war ein misstrauischer mann, der alle fallstricke und finten der politik kannte. damit auch sein sohn karl, der gerade 18 jahre alt geworden war, die nicht immer friedliche welt kennenlernte, schickte er ihn nach oberitalien, um dort dubiose besitzansprüche auf die provinz adalanda durchzusetzen, die - so meinten es wenigstens die rechtsgelehrten - durch heirat und erbe, verwandtschaft und lehnspflicht - entstanden waren.
karl, den man hätte hübsch nennen können, wenn nicht sein gesicht wegen einer schwäche des rechten augenlids einen schläfrigen, abwesenden und ein wenig törichten ausdruck gehabt hätte, verstand sich auf die höfische etikette und war vor allem bei den damen am mailänder hof - als sie sich an die müdigkeit seines gesichts gewöhnt hatten - gern gesehen. auch bei den rittertunieren sass er fest im sattel, beeindruckte zwar nicht durch grosses geschick, dafür aber durch kraft und ausdauer.
diese ausdauer mussten auch die höflinge zur kenntnis nehmen, mit denen er wegen adalanda verhandelte, und bei dieser gelegenheit vergilbte schriftstücke hervor zog, die beweisen sollten, dass die provinz von alters her zum eigentum seiner familie gehörte .. samt ihrer städte, dörfer, wälder, wiesen, weiden und menschen. die höflinge nannten ihn stur und - je länger sich die verhandlungen hinzogen - auch uneinsichtig.
karl beharrte auf seiner forderung, behielt aber den grössten trumpf in der hinterhand. er sprach mit schneidender stimme zu den höflingen, schmeichelte im nächsten augenblick den damen, ritt mit dem sohn des mailänder fürsten, der wie sein vater nichts von den querelen um adalanda hören wollte, zur fuchsjagd, liess sich auf empfängen die abgesandten europas vorstellen und nahm mit einem stolzen, aber verbindlichen lächeln die segenswünsche für seinen vater, den kaiser des heiligen römischen reiches deutscher nation, entgegen.
er zog die gesandten ins vertrauen, versicherte ihnen die besondere wertschätzung seines vaters und fragte beiläufig, wie sie über den streitfall adalanda dachten. mit einiger verblüffung musste er feststellen, dass er zwar bei jeder dieser begegnungen mindestens einen neuen verbündeten auf seine seite gezogen hatte, die sich aber allesamt - aus räson gegenüber dem mailändischen fürsten - schon am nächsten tag an keinerlei zusagen mehr erinnern konnten.
als karl erkannte, dass in diesem fall die diplomatie nicht ausreichte, er die angelegenheit adalanda aber doch an ein ende bringen musste (immerhin hielt er sich schon über drei monate am mailänder hof auf) kündigte er seine abreise an.
die höflinge triumphierten im stillen. um aber die etikette zu wahren, sprachen sie davon, dass das letzte wort über adalanda noch nicht gesagt sei, man aber erst neue rechtsgutachten einholen müsse, um das problem - hoffentlich endgültig - aus der welt zu schaffen. wenn es karl wünsche, könne man die verhandlungen gern irgendwann wieder aufnehmen. man sei überzeugt, zu einer lösung zu kommen. das alles benötige aber zeit ... viel zeit.
sie wünschten karl eine gute heimreise.
karl bedankte sich höflich, gab aber, bevor die tür der kutsche geschlossen wurde, zu bedenken, dass ihm diese zeit leider fehle, er deswegen in jahresfrist an der spitze der kaiserlichen armee zurückkehren werde. er sei gern bereit, die mailänder abgesandten in adalanda zu empfangen - sofern noch etwas zu verhandeln wäre.
noch bevor karl mit seinem tross das nördliche stadttor von mailand erreicht hatte, wurde er von sechs berittenen soldaten eingeholt, die ihn baten, umzukehren, weil wichtige staatsgeschäfte seine anwesenheit erforderlich machten.
als sich karl nach zwei tagen endültig auf die heimreise nach prag begab, hatte er ein vom fürsten unterzeichnetes dokument im gepäck: die provinz adalanda war nunmehr „für alle zeiten“ dem eigentum der kaiserlichen familie zugehörig.
karl konnte sich über diesen politischen erfolg jedoch nicht lange freuen, denn in innsbruck, wo er station machte, erreichten ihn zwei nachrichten, die sein leben für immer verändern sollten und die provinz adalanda sich selbst überliess.
kaiser johann, karls vater, war in prag gestorben. karl wusste, dass er selbst in kurzer frist den thron besteigen würde. er hatte immerhin so gewichtige fürsprecher wie den papst in avignon, so dass mit der lästigen und langwierigen proklamation eines „gegenkaisers“ dieses mal nicht gerechnet werden musste.
die zweite nachricht, die ihn erreichte, war beunruhigend. in prag war die pest ausgebrochen. karl fragte sich, ob es unter diesen umständen ratsam war, in die stadt zurückzukehren, oder doch besser den luxemburger familiensitz aufzusuchen und dort abzuwarten, bis die pest vorbei war. seinem anspruch auf die kaiserkrone hätte ein solcher entschluss jedoch geschadet. gerade jetzt musste er sich ins zentrum der macht begeben, um von dort aus die politik in seinem sinne zu lenken.
als er prag erreicht hatte, wurde ihm das unglück, das die stadt erfasst hatte, in allen einzelheiten bewusst. er und mit ihm sein gefolge hatten mühe, die strassen zu passieren, in denen scheiterhaufen errichtet waren, um die pesttoten, die man aus den häusern getragen hatte, zu verbrennen. schwarze gestalten, die masken mit grotesk langen nasen trugen, tänzelten an ihnen vorbei und ritzten in die türen der häuser das pestzeichen.
karl hielt sich ein tuch vor nase und mund, denn in der stadt stand ein entsetzlicher gestank.
wenn er sonst nach prag zurückgekehrt war, wartete stets eine grosse menschenmenge, um ihn jubelnd zu begrüssen und auf seinem weg zur burg zu begleiten. vermutlich hätten die prager ihn dieses mal jedoch traurig und stumm empfangen, um zu zeigen, wie sehr sie der tod ihres kaisers bekümmerte. doch so oder so - niemand beachtete die kaiserliche kutsche, die sich, eskortiert von soldaten zu pferde, einen weg durch fäkalien und unrat suchte. jedermann war viel zu sehr damit beschäftigt, ein unheil abzuwehren, vor dem es kein entrinnen gab.
karl fuhr durch eine düster-verzweifelte stadt und erreichte die burg, über der eine schwarze fahne wehte. die kaiserliche standarte hatte man hingegen vom mast genommen, denn der kaiser war in seinen gemächern nur noch als leblose hülle anwesend.
karl übernahm sogleich die regierungsgeschäfte, wozu auch die trauerfeierlichkeiten für seinen vater gehörten. das stellte ihn jedoch vor einige probleme, denn keiner der trauergäste wollte einer einladung in eine stadt folgen, in der die pest wütete und täglich mehr opfer fand. es war aber auch keine andere stadt im deutschen reich bereit, die trauerfeier für den kaiser auszurichten. obwohl der kaiserliche leibarzt beteuerte, johann sei am schlagfuss gestorben, glaubte ihm keiner und alle hatten angst, man würde ihnen einen pesttoten in die stadt tragen. schliesslich entschied karl, den leichnam seines vaters ohne jede feierlichkeit einbalsamieren zu lassen, ihn in einen zinksarg zu betten und auf bessere, pestfreie zeiten zu warten.
als nächstes galt es, die fürsten des reiches auf seine seite zu ziehen, denn sie waren es, die ihn zu ihrem kaiser wählen sollten. es mussten auch die krönungsfeierlichkeiten vorbereitet werden, wobei als ort nur die kaiserpfalz in aachen in betracht kam.
sein haushofmeister erklärte ihm mit ernster miene, dass allein die überzeugungsarbeit, die man gegenüber den fürsten leisten müsste, mehr geld verschlingen würde, als es die kaiserliche privatschatulle zuliess. die fürsten erwarteten, dass ihre stimme nach alter gewohnheit mit einer stattlichen menge von goldmünzen bezahlt wurde. manche kirchliche würdenträger verlangten überdies während ihres aufenthalts in aachen auch eine mätresse an ihrer seite. von einem fürsten war bekannt, dass er sich - wie auch schon zu kaiser johanns zeiten - neben den goldstücken ein kleines schloss in böhmen erbat. andernfalls würde er - aber auch dieses argument war wohlbekannt - dafür sorgen, dass ein „gegenkaiser“ proklamiert würde.
käme also statt karl ein habsburger auf den kaiserthron, wäre es eben ein schloss in tirol anstatt in böhmen ...
aber, so fuhr der haushofmeister fort, nicht nur die bezahlung der fürsten, auch die krönungsfeierlichkeiten selbst, stellten die staatskasse vor allergrösste probleme. um es einmal frei heraus zu sagen: kaiser johann hatte allzu viel geld bei sinnlosen feldzügen gegen seine vermeintlichen feinde gelassen. weil er aber von den siebzehn kriegen, die er in seiner regierungszeit führte, nur einen gewann, könne karl sich gewiss vorstellen, in welchem zustand sich der staatshaushalt befand.
„geld“, so schloss der haushofmeister seine ausführungen, „verdient man nur an einem gewonnenen krieg.“
karl musste etwas falsch verstanden haben, dennoch fragte er: „also, was schlagen sie vor - gegen wen soll ich einen krieg führen, um die staatskasse zu füllen?“
dass er etwas falsch verstanden, aber dennoch mitten ins schwarze getroffen hatte, wurde ihm gleich darauf klar.
„führen sie einen krieg gegen die juden, majestät!“
dies sagte der haushofmeister mit so viel nachdruck, dass gar kein zweifel daran bestehen konnte, wie ernst er es meinte.
„warum, um himmels willen, sollte ich gegen die juden einen krieg führen? sie haben uns nichts getan.“
„ihr volk ist anderer meinung!“
„und was sagt mein volk?“
der haushofmeister lächelte schief. „ ... dass die juden schuld an der pest sind!“
so erfuhr karl von den gerüchten, die in prag in umlauf waren. die menschen suchten nach einer ursache für die pest, aber auch nach einem schuldigen, den sie für ihre not verantwortlich machen konnten. ihre verzweiflung brauchte gesichter und namen - und das waren die juden, denen sie unterstellten, die brunnen zu vergiften. den juden galt ihr ganzer hass. das machte ihre angst nicht kleiner, sorgte aber dafür, dass ihre qual erträglicher wurde. angeklagt waren die juden, alles unheil ging von ihnen aus.
schon hatte eine aufgebrachte menge die häuser der juden angezündet ... prag versank in krankheit, gewalt und tod.
„es ist meine aufgabe, die juden zu schützen - und nicht, gegen sie krieg zu führen!“
„nun, gut“, der haushofmeister zuckte mit den schultern. „nennen sie es nicht krieg - nennen sie es ... vergeltung.“
karl verstand nicht, wovon sein haushofmeister sprach. was konnten die juden für die pest - was hatten sie damit zu tun?
diese fragen konnte ihm sein haushofmeister nicht beantworten - wohl aber, warum es nützlich war, die juden für die pest verantwortlich zu machen. die leere staatskasse würde rasch wieder gefüllt sein, wenn man den juden eine grössere busszahlung auferlegen würde. man könnte bei dieser gelegenheit auch gleich das „königliche judenregal“, also die jährlichen schutzzinsen, die von den juden zu zahlen waren, an andere reichsstädte verpfänden. er gäbe hinweise aus frankfurt, dass man dort grosses interesse hat, gegen eine beträchtliche barzahlung das „judenregal“ zu übernehmen.
karl schüttelte den kopf. „mit den jährlichen zinsen erkaufen sich die juden meinen persönlichen schutz. wie kann ich diese aufgabe nach frankfurt geben? die juden, die mir ihren zins bezahlen, leben hier in böhmen.“
„sie könnten den juden allerdings den schutz entziehen, wenn sie sich nicht zu einer busszahlung bereit erklären.“
„ ... weil sie für die pest verantwortlich sind!“
„so ist es, majestät!“
die staatskasse füllte sich, die deutschen fürsten wurden für ihre stimme bezahlt, die krönungsfeierlichkeiten fanden wie geplant in aachen statt. auf der rückreise nach prag klagte karl über unwohlsein.
sein tross machte halt in leipzig, wo weitere ärzte hinzugezogen wurden, weil der kaiserliche leibarzt keine beurteilung des erkrankten wagte. dafür gab es gründe, denn wenn seine diagnose, die er insgeheim längst gestellt hatte, zutraf, würde ihn der kaiser auf der stelle verfluchen. er war aber nur ein schwacher, wenn auch redlicher mann, der so einen fluch nicht verkraften würde ... weil damit seine laufbahn als kaiserlicher medicus jäh zu ende wäre.
aber auch die leipziger ärzte äusserten sich reichlich vage. der eine sprach von einem eitrigen zahn, der andere von einem entzündeten magen, ein dritter vermutete zu viel schwarzes blut in den adern, ein vierter eine zu langsame verdauung.
als sie sich vom bett des immer schwächer werdenden kaisers zurückgezogen hatten - eigentlich in der absicht, bei einem consilium ihre diagnosen abzuwägen ... und die richtige medizin zu finden, schauten sie sich stattdessen ratlos an.
„wer sagt es ihm?“ fragte karls leibarzt.
alle schwiegen.
„ich kann es nicht, aber - gott sei dank - er stirbt auch so!“
karl befahl den aufbruch. was sollte er in einem bett mitten in der provinz? er musste nach prag - die regierungsgeschäfte warteten. in den kaiserlichen tross kam bewegung. bedienstete liefen treppauf, treppab, die kutsche fuhr vor, das gepäck wurde eingeladen, der kaiser zum ankleiden aus dem bett gehoben. er stand auch wenige sekunden ohne fremde hilfe, dann jedoch knickten seine beine ein und er brach zusammen. eilig bettete man ihn wieder in die kissen, die er gerade verlassen hatte. man rief den leibarzt.
besorgt trat er ans bett und sah, dass der kaiser das bewusstsein verloren hatte. endlich war die gelegenheit gekommen, den körper des kranken genauer zu untersuchen. als karl noch bei bewusstsein war, hatte er dieses seinem arzt strikt untersagt. er nahm die decke vom kranken und knöpfte dessen wollenes hemd auf.
was er sah, war entsetzlich und erfüllte ihn mit grauen.
kaiser karl kam nicht mehr zu bewusstsein. er starb einige stunden später. noch einmal traten die ärzte zur beratung zusammen.
„es darf niemand wissen, dass es die pest ist!“ sagte der leibarzt. „sonst wird es sein, wie mit seinem vater ... und wir bekommen auch ihn nicht unter die erde.“
„woran ist denn sein vater gestorben?“ fragte einer der leibziger ärzte.
„am schlagfuss - ich war dabei!“
„dann steht die diagnose fest,“ meinte sein leipziger kollege.
„kaiser karl verstarb soeben infolge des schlagfusses!“
als alle schwiegen, beeilte er sich hinzuzufügen:
„ ... infolge des schlagfusses in der schönen stadt leipzig!“
in zeiten der pest glaubt kein mensch dem anderen ... auch nicht dem leibarzt eines deutschen kaisers. schon bald verbreitete sich das gerücht, dass karl in wahrheit an der pest zugrunde gegangen war. in prag wütete die seuche immer noch - also lehnten es die eingeladenen trauergäste abermals ab, zum begräbnis eines deutschen kaisers in die stadt zu kommen.
die nicht von der pest heimgesuchten städte im reich, bei denen man wegen eines begräbnisses anfragte, wollten von karl nichts wissen. auch frankfurt, im besitz des vom kaiser verliehenen privilegs des „judenregals“, winkte ab, schickte nur eine trauernote nach prag und bedauerte, als freie reichsstadt für ein begräbnis nicht zur verfügung zu stehen - erinnerte bei dieser gelegenheit jedoch daran, dass in böhmen immer noch juden lebten, die nach recht und gesetz in den einflussbereich frankfurts gehörten. nur so, und damit endete das kondolenzschreiben nach prag, sei der schutz der juden sicherzustellen.
prag beherbergte nun zwei deutsche kaiser in zinksärgen - und keiner wusste, wohin mit ihnen. da erinnerte sich der haushofmeister an die ferne provinz adalanda in norditalien, die vor noch gar nicht langer zeit in den besitz des deutschen kaisers geraten war.
im februar 1377 quälte sich ein trauerzug mit zwei särgen über die steilen pässe der alpen. nicht nur einmal kam es fast zur katastrophe, als die karren, auf denen die zinksärge festgezurrt waren, aus der spur gerieten und drohten, mitsamt ihrer ladung in die tiefe zu stürzen. im märz erreichte der trauerzug adalanda und endlich auch die provinzstadt luccabene. vor dem altar der kleinen, gefährlich aus den fugen geratenen ortskirche, auf dem einige verwelkte blumen standen, war eine gruft ausgehoben worden, in der die beiden zinksärge ihren platz fanden. man verschloss das grab mit einem stein aus granit, auf dem nichts weiter als „johann, karl“ zu lesen war.
einige einwohner von luccabene hatten sich auf dem marktplatz versammelt und hätten gern gewusst, wer da in ihrer kirche beerdigt wurde. ihre neugier wurde erst befriedigt, als der besitzer der trattoria, die gegenüber der kirche lag, zu ihnen trat und verkündete:
„das sind johanno und karlos, sie lieben adalanda so sehr, dass sie nicht in milano begraben sein wollten!“
EIN TANZ DER TOTEN