yvonne und elvira in tunesien! 12. teil (schluss)
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elvira war entzückt, als sie alis worte hörte. sie konnte es nicht fassen. kaum war sie in tunesien angekommen, durfte sie schon ans heiraten denken, konnte sich also hoffnungen machen, endlich eine maus fürs leben gefunden zu haben.
ali liess auch keinen zweifel daran, dass alles schon vorbereitet und arrangiert war. „meine familie wartet auf die liebe elvira - mama ist gespannt auf ihre schwiegertochter“.
er drängte, sofort mit ihm aufzubrechen.
die verwirrend-verwinkelten wege des souks, durch die sie liefen, erschlossen sich elvira auch dieses mal nicht. aber weil ali bei ihr war und ihr den weg durch die schmalen und schmalsten gassen wies, hatte sie keine angst, sich zu verirren. „im übrigen“, dachte sie, „ist dies meine neue heimat. wie schön der souk doch ist ... überall etwas zu essen und so viele mäuse, mit denen ich plaudern kann ... wenn ali es doch nur nicht so eilig hätte!“
plötzlich fasste er sie an der schulter. „wir sind am ziel!“ elvira war überrascht, vor dem eingang einer bäckerei zu stehen. „lebt hier deine mama?“, fragte sie ungläubig.
„nicht nur mama - auch pappa, meine dreizehn brüder und neunzehn schwestern, zehn onkel, fünf omas, eine entferntere maus, die eine schwester der cousine meines opas aus zweiter ehe sein soll - und dann noch liebe freunde und freundinnen von überall her. manche bleiben zwei, drei tage, andere länger - je nachdem.“
„sie leben alle in dieser bäckerei?“ fragte elvira und war verwirrt, zugleich aber auch erleichtert, denn es schien, als würde sie sich wegen der heirat nicht wirklich verschlechtern. „bäckerei bleibt bäckerei!“ stellte sie befriedigt fest.
sie traten ein - und elvira schaute in die fröhlichen gesichter unzähliger mäuse, die kichernd auf kleinen roten kissen entlang der wände sassen. elvira begrüsste alle und das händeschütteln nahm kein ende. es wurde geküsst, umarmt und geherzt ... sie fühlte sich schon nach kurzer zeit in den schoss der familie aufgenommen.
nachdem sich elvira allen vorgestellt hatte, jedoch kapitulieren musste, als ali ihr danach die verwandtschaftsverhältnisse der tunesischen mäuse erklären wollte, zog alis mutter sie in eine ecke der backstube und zeigte ihr die vorräte an mehl und zucker. „wir sind eine reiche familie“, erklärte sie stolz und liess mehl durch ihre pfoten rieseln. „das alles wird mein sohn ali einmal erben.“
elvira brauchte nicht viel fantasie, um sich vorzustellen, wie sie schon bald, ein stück kuchen essend, auf einem grossen sack mehl sitzen würde, um von oben herab die arbeit ihrer bediensteten zu überwachen.
„zucker, rosinen und nüsse ...“, lächelte alis mutter und klopfte auf drei kleine säcke. „das ist unsere mitgift ...
... was bringt denn meine liebe schwiegertochter mit in die ehe?“
elvira war auf die frage nicht gefasst. sie besass nichts auf der welt - oder doch nur das wohnrecht in ihrer staubigen, dunklen bäckerei daheim.
es war ali, der sie an diesem tag zum zweiten mal aus einer peinlichen situation befreite. sie war ihm deswegen dankbar und überzeugt, dass er nicht nur der fähigste animateur, sondern auch der beste ehemann tunesiens war. wer einer frau so selbstlos beisprang, musste als ritterlich, äusserst gut erzogen und wirklich charmant gelten.
ali antwortete seiner mama:
„das ist schon alles besprochen. onkel hassan übernimmt die bäckerei von elvira - und verkauft noch heute seinen anteil an unserer bäckerei an deine schwiegertochter.“
elvira verstand nicht, was ali sagte. es war ihr einfach zu kompliziert.
wer verkaufte hier wem ... wo ...was ... wann?
sie war jedoch dankbar, dass er ihr aus einer so unangenehmen situation geholfen hatte. deswegen nickte sie zu dem, was ali sagte, und bestätigte:
„ja, es ist alles schon besprochen ...!“
insgeheim fragte sie sich allerdings, wann das eigentlich gewesen sein sollte.
schon humpelte eine maus heran, die nur noch auf drei beinen lief. „ich bin onkel hassan - hier ist der vertrag. ich reise noch heute“. er reichte elvira ein stück papier und einen stift. elvira unterschrieb und dachte darüber nach, welches unglück den onkel getroffen haben mochte. als er sich hinkend entfernt hatte, fragte sie ali.
„oh, das ist eine schlimme geschichte. onkel hassan war wie ich animateur im hotel „la plage“. damals gab es aber noch keine schwimmwesten, nur die katze ... du weisst!“
„wie grässlich!“ elvira schüttelte sich.
ali liess seine zähne blitzen. „es war ein schlimmer kampf. zehn touristenmäuse und ein bein blieben beim seilhüpfen auf der strecke. aber dir wird nichts passieren. wir gehen jetzt am strand spazieren!“
elvira schaute ihn ungläubig an. „ich denke, wir feiern hochzeit!“
ali war verlegen. „das ist völlig richtig, meine liebe. aber in tunesien ist es üblich, dass die familie ohne die brautleute feiert.“
(wie konnte er elvira auch sagen, dass die mäuse, die er angeheuert hatte, damit sie für kurze zeit als seine familie auftraten, schon bald in den gassen des souks verschwunden sein würden und die rechtmässigen besitzer der bäckerei, die sich den schwindel teuer bezahlen liessen, in kürze wieder auf den säcken voller mehl sassen?)
elvira wusste von alledem nichts, hatte nur einige mühe, sich an den gedanken zu gewöhnen, auf ihrer eigenen hochzeit nicht anwesend zu sein, entschied dann aber, dass darin durchaus eine logik zu erkennen war:
weil sie mit eigener verwandtschaft nicht aufwarten konnte, musste auch sie nicht unbedingt bei ihrer hochzeit dabei sein - höchstens vielleicht ihre freundin yvonne.
„wo eigentlich ist yvonne?“ fragte sie lauter, als sie es wollte.
weil tunis - wie alle orte im orient - tausend ohren und augen hat, antwortete ali, als hätte er nur auf die frage gewartet: „am strand - in ihrem schönen, neuen bungalow!“
***
elvira trippelte - bei ali untergehakt - über die promenade, bis sie am strand einen roten blechcontainer stehen sah, vor dem ihre freundin yvonne sass. so trafen sich die beiden freundinnen wieder.
„was tust du vor dieser komischen blechkiste?“ fragte elvira. „ich geniesse das leben, wenn du es genau wissen willst. im übrigen ist diese blechkiste ein sommerhaus - mein sommerhaus.“
ali sah, weil sich die freudinnen so viel zu erzählen hatten, die gelegenheit gekommen, sich aus dem staub zu machen. „die damen haben wohl einiges miteinander zu besprechen. dann also adieu!“
elvira war verdutzt. „wohin willst du?“
ali lief in richtung der souks davon und rief, bevor er in der kanalisation verschwand: „ich muss zu meiner hochzeit!“
elvira stutzte und dachte angestrengt nach. „sie haben mir etwas falsches erzählt!“, sagte sie dann. yvonne wollte es genauer wissen. „was haben sie dir erzählt?“
„ali hat mir erklärt, dass es in tunesien nicht üblich ist, die brautleute zu ihrer hochzeit einzuladen. das kann aber nicht stimmen. der bräutigam ist offensichtlich immer dabei - sonst hätte es ali jetzt nicht so eilig.“
die sonne senkte sich hinter den horizont und warf letzte strahlen über das rotfunkelnde meer. elvira und yvonne sassen im warmen sand, sahen den möwen zu, die sich nach eigener melodie dem wind überliessen, und erzählten sich ihre erlebnisse. als die dunkelheit über tunis hereingebrochen war und sie nicht mehr damit rechnen konnten, dass yussuf oder ali ihnen gesellschaft leisten würden, gingen sie in den container, legten sich auf die fleckige decke und sannen noch eine weile über ihr glück nach.
„hättest du es für möglich gehalten, dass ich meine staubige bäckerei einmal verlassen würde, um in tunesien ali und eine viel schönere bäckerei zu heiraten?“ fragte elvira.
„wäre es dir je in den sinn gekommen, dass ich meine traurige speisekammer mit einem haus am strand von tunis tauschen könnte - dazu mit der aussicht, bald von yussuf geheiratet zu werden?“ fragte yvonne.
als elvira dies hörte, bemerkte sie maliziös: „was soll yussuf schon anderes tun? die auswahl ist nicht mehr gross. ich bin nämlich bereits glücklich mit ali verheiratet.“
yvonne ärgerte sich über ihre freundin und gab mit spitzer stimme zurück: „ali ist ein schöner mann - aber ein hässlicher wie yussuf ist treu.“
sie hätten noch lange diese art gemeinheiten ausgetauscht, wenn sie nicht plötzlich aufs schlimmste durchgeschüttelt worden wären. sie hörten knirschende geräusche, ihr container schwankte erst nach rechts, dann nach links, drehte sich um die eigene achse, schnellte in die höhe, und stürzte gleich darauf mit einem ohrenbetäubenden knall so heftig auf einen metallenen untergrund, dass elvira und yvonne von einer ecke des containers in die andere geschleudert wurden.
„was geschieht hier?“ keuchte elvira und sprang zurück auf die fleckige decke. sie kam jedoch sofort wieder ins rutschen, wobei es auf der decke nur um so rascher von einer ecke in die andere ging.
yvonne griff durch den spalt in der blechwand, den sie immer noch für ein fenster hielt und sah mit entsetzen, was passierte. „sie verladen das haus. elvira - sie bringen uns fort.“
der lkw hatte den container vom strand gezogen, huckepack genommen und brachte ihn zum hafen. dort wartete bereits die „star adventure“, um die fracht an bord zu nehmen. noch vor morgengrauen verliess das schiff tunis in richtung rotterdam - mit hunderten von teils gefüllten, teils leeren containern.
viele wochen später gingen zwei mäuse in holland heimlich von bord eines schiffes und machten sich auf den langen weg zur deutschen grenze. auf halbem weg dorthin fragte die eine maus die andere: „wohin gehen wir eigentlich?“
„du in deine bäckerei und ich in meine speisekammer.“
„aber erinnere dich doch: das alles haben wir verkauft. in der bäckerei sitzt jetzt hassan und die speisekammer gehört sadik.“
mit erschrecken erkannten die beiden mäuse, dass sie genau so staatenlos geworden waren wie damals die tausend mäuse beim grillen am strand von tunis.
sie setzten sich an den strassenrand und waren ratlos. „was tun wir jetzt?“
sehr lange mussten sie über die frage jedoch nicht nachdenken, denn plötzlich sagte die eine maus:
„ich werde ein buch über tunesische männer im allgemeinen - und über ali und yussuf im speziellen schreiben. alle welt soll erfahren, was wir längst wussten: dass sie elende betrüger und schlimme halunken sind.“
„und was tue ich?“ fragte die andere maus - immer noch ein wenig ratlos.
„du wirst eine witwenrente beantragen. immerhin hast du auf traurige weise eine kapitänsmaus im portwein verloren!“
ENDE
