aufstieg und fall des tahmi-el-glaoui!
noch in den reiseberichten über marokko aus den 20er jahren des 20. jahrhunderts lesen wir mit erstaunen, dass hinter marrakesch die welt zu ende schien. zwar gab es schilderungen des landes jenseits des atlas - denn es wurde spätestens in der zweiten hälfte des 19. jahrhunderts ausgiebig erforscht. die reisenden wagten sich in der regel dennoch nicht weiter nach süden. in marrakesch war ihre reise zu ende.
und das hatte gewichtige gründe!
1911 hatte frankreich in marokko fuss gefasst und das land zu seinem protektorat erklärt. die franzosen tolerierten zwar den sultan, beschnitten ihn aber seiner rechte und benutzten ihn als ihre marionette. schon bald mussten sie jedoch erkennen, dass es ihnen nicht gelang, das ganze land - unwegsam und gebirgig - unter ihre herrschaft zu bringen. vor allem der süden marokkos war schwer zu kontrollieren. das atlas-gebirge war zudem idealer rückzugsort für rebellierende berber, die eine französische herrschaft nicht akzeptierten.
im atlas betrieben auch die masmuda-berber seit altersher ackerbau und viehzucht. die bevölkerung war wirtschaftlich und politisch allerdings nur locker miteinander verbunden und die höchste autorität war nicht etwa der sultan im fernen fes, sonden die heimatliche sippe mit ihrem jeweiligen stammesältesten. in der sogenannten „jemma“ - die ratsversammlung der vertreter aller sippen - wurden die wichtigen wirtschaftlichen und politischen entscheidungen getroffen.
so, wie sich die regionale bevölkerung selbst organisierte, existierte sie seit alters her in einem schroffen gegensatz zur zentralgewalt, die der sultan repräsentierte. der sultan musste deswegen immer wieder auf seinen ausgedehnten reisen durchs land die treue der clans und sippen einfordern und sich ihrer loyalität versichern.
ein umstand, an dem sich bis heute nichts wesentliches geändert hat.
diesen gesellschaftlichen antagonismus von zentralgewalt und regionaler herrschaft (der konstitutiv für marokko ist), machten sich die franzosen zu nutze. ihnen lag nichts daran, die stellung des sultans - der an ihren fäden hing - zu festigen. im gegenteil: sie stärkten die machtfülle der regionalen stammesfürsten und erreichten dadurch zweierlei:
- sie dezimierten den einfluss des sultans auf sein land,
- und die landesfürsten herrschten stellvertretend in ihrem namen in jenen teilen des landes, die zentral nur schwer zu kontrollieren und zu verwalten waren.
marschall lyautey, oberster repräsentant frankreichs in marokko, zog vor allem tahmi-el-glaoui ins vertrauen. dieser stammesfürst, ein masmuda-berber aus dem hohen atlas, kollaborierte nur allzu gern mit den europäern, konnte er mit ihrer hilfe doch seine macht im süden marokkos ausbauen und andere clans unter seine herrschaft zwingen. el-glaoui, der sich geflissentlich den franzosen andiente, erhielt gelder und waffen, um den süden marokkos im namen der franzosen zu verwalten. im laufe der zeit erweiterte er systematisch seine privatarmee, baute die „glaoua-verwaltung“ für den süden des landes auf und ernannte sich schliesslich zum pascha von marrakesch.
nicht nur die stampflehmburgen in ouarzazate und taliouine zeugen von seiner machtfülle.
seine herrschaft nahm immer autoritärere züge an. in seinem namen wurde geraubt, geplündert und gefoltert. der sklavenhandel, schon längst auch in marokko abgeschafft, erlebte unter ihm eine neue - traurige - blüte.
kein wunder also, dass sich zu zeiten seiner herrschaft kaum ein reisender auf sein territorium wagte.
die franzosen aber waren zufrieden, denn tahmi-el-glaoui erstickte jeden politischen und militanten widerstand mit brutaler gewalt. geblendet von seiner machtfülle und verleitet durch die bornierte nachsicht der franzosen, fädelte er 1947 seinen grössten coup ein. er wollte seinen herrschaftsbereich von marokko trennen und sich - mit dem placet der franzosen - zum oberhaupt dieses südlichen reiches erklären.
es kam ihm deswegen sehr gelegen, als die franzosen den endgültigen sturz des sultans, mahommad V. (grossvater des heutigen königs), betrieben. der sultan hatte sich vehement für die unabhängigkeit marokkos ausgesprochen, war dadurch zum volkshelden geworden, jedoch bei der europäischen protektoratsmacht in schlimmste ungnade gefallen.
tahmi-el-glaoui konnte es nur recht sein, dass die franzosen den sultan von marokko von seinem thron verjagen wollten, förderte dies doch sein ziel, selbst die macht im land - wenn auch nur zu teilen - zu übernehmen.
el-glaouis rechnung schien auch tatsächlich aufgegangen zu sein, als der sultan von den franzosen gezwungen wurde, marokko zu verlassen und ins exil zu gehen. zusammen mit der europäischen protektoratsmacht beherrschte er nunmehr marokko und war, was die sicherheit und ordnung des landes betraf, der wichtigste ansprechpartner der franzosen.
allerdings hatte der pascha von marrakesch seine rechnung ohne das marokkanische volk gemacht, das sich 1955 erst erfolgreich gegen die französische fremdherrschaft auflehnte und danach den sultan aus dem exil zurück rief. die unabhängigkeit marokkos war nicht mehr aufzuhalten (und wurde 1956 unter dem neuen könig, der als mohammed V. den thron bestieg, wirklichkeit).
jetzt endlich entlud sich der volkszorn über den selbstherrlichen pascha von marrakesch. die paläste des verhassten kollaborateurs el-glaoui wurden gestürmt, er selbst musste vor dem sultan erscheinen, sich ihm zu füssen werfen und um entschuldigung bitten. seine besitztümer, die er allesamt unrechtmässig und mit gewalt an sich gebracht hatte, wurden ihm abgenommen und seine titel mit einem federstrich der gerechtigkeit für nichtig erklärt.
der ehemalige pascha von marrakesch verliess als ruinierter mann den hof des sultans. nur wenige tage später war tahmi el-glaoui tot.
(auch auf meiner homepage "notizen zum kolonialismus")
