KREUZ @ QUER - notwendige notizen!

15.08.2007 um 18:24 Uhr

aufstieg und fall des tahmi-el-glaoui!

noch in den reiseberichten über marokko aus den 20er jahren des 20. jahrhunderts lesen wir mit erstaunen, dass hinter marrakesch die welt zu ende schien. zwar gab es schilderungen des landes jenseits des atlas - denn es wurde spätestens in der zweiten hälfte des 19. jahrhunderts ausgiebig erforscht. die reisenden wagten sich in der regel dennoch nicht weiter nach süden. in marrakesch war ihre reise zu ende.

und das hatte gewichtige gründe!

1911 hatte frankreich in marokko fuss gefasst und das land zu seinem protektorat erklärt. die franzosen tolerierten zwar den sultan, beschnitten ihn aber seiner rechte und benutzten ihn als ihre marionette. schon bald mussten sie jedoch erkennen, dass es ihnen nicht gelang, das ganze land - unwegsam und gebirgig - unter ihre herrschaft zu bringen. vor allem der süden marokkos war schwer zu kontrollieren. das atlas-gebirge war zudem idealer rückzugsort für rebellierende berber, die eine französische herrschaft nicht akzeptierten.

im atlas betrieben auch die masmuda-berber seit altersher ackerbau und viehzucht. die bevölkerung war wirtschaftlich und politisch allerdings nur locker miteinander verbunden und die höchste autorität war nicht etwa der sultan im fernen fes, sonden die heimatliche sippe mit ihrem jeweiligen stammesältesten. in der sogenannten „jemma“ - die ratsversammlung der vertreter aller sippen - wurden die wichtigen wirtschaftlichen und politischen entscheidungen getroffen.

so, wie sich die regionale bevölkerung selbst organisierte, existierte sie seit alters her in einem schroffen gegensatz zur zentralgewalt, die der sultan repräsentierte. der sultan musste deswegen immer wieder auf seinen ausgedehnten reisen durchs land die treue der clans und sippen einfordern und sich ihrer loyalität versichern.

ein umstand, an dem sich bis heute nichts wesentliches geändert hat.

diesen gesellschaftlichen antagonismus von zentralgewalt und regionaler herrschaft (der konstitutiv für marokko ist), machten sich die franzosen zu nutze. ihnen lag nichts daran, die stellung des sultans - der an ihren fäden hing - zu festigen. im gegenteil: sie stärkten die machtfülle der regionalen stammesfürsten und erreichten dadurch zweierlei:

- sie dezimierten den einfluss des sultans auf sein land,

- und die landesfürsten herrschten stellvertretend in ihrem namen in jenen teilen des landes, die zentral nur schwer zu kontrollieren und zu verwalten waren.

marschall lyautey, oberster repräsentant frankreichs in marokko, zog vor allem tahmi-el-glaoui ins vertrauen. dieser stammesfürst, ein masmuda-berber aus dem hohen atlas, kollaborierte nur allzu gern mit den europäern, konnte er mit ihrer hilfe doch seine macht im süden marokkos ausbauen und andere clans unter seine herrschaft zwingen. el-glaoui, der sich geflissentlich den franzosen andiente, erhielt gelder und waffen, um den süden marokkos im namen der franzosen zu verwalten. im laufe der zeit erweiterte er systematisch seine privatarmee, baute die „glaoua-verwaltung“ für den süden des landes auf und ernannte sich schliesslich zum pascha von marrakesch.

nicht nur die stampflehmburgen in ouarzazate und taliouine zeugen von seiner machtfülle.

seine herrschaft nahm immer autoritärere züge an. in seinem namen wurde geraubt, geplündert und gefoltert. der sklavenhandel, schon längst auch in marokko abgeschafft, erlebte unter ihm eine neue - traurige - blüte.

kein wunder also, dass sich zu zeiten seiner herrschaft kaum ein reisender auf sein territorium wagte.

die franzosen aber waren zufrieden, denn tahmi-el-glaoui erstickte jeden politischen und militanten widerstand mit brutaler gewalt. geblendet von seiner machtfülle und verleitet durch die bornierte nachsicht der franzosen, fädelte er 1947 seinen grössten coup ein. er wollte seinen herrschaftsbereich von marokko trennen und sich - mit dem placet der franzosen - zum oberhaupt dieses südlichen reiches erklären.

es kam ihm deswegen sehr gelegen, als die franzosen den endgültigen sturz des sultans, mahommad V. (grossvater des heutigen königs), betrieben. der sultan hatte sich vehement für die unabhängigkeit marokkos ausgesprochen, war dadurch zum volkshelden geworden, jedoch bei der europäischen protektoratsmacht in schlimmste ungnade gefallen.

tahmi-el-glaoui konnte es nur recht sein, dass die franzosen den sultan von marokko von seinem thron verjagen wollten, förderte dies doch sein ziel, selbst die macht im land - wenn auch nur zu teilen - zu übernehmen.

el-glaouis rechnung schien auch tatsächlich aufgegangen zu sein, als der sultan von den franzosen gezwungen wurde, marokko zu verlassen und ins exil zu gehen. zusammen mit der europäischen protektoratsmacht beherrschte er nunmehr marokko und war, was die sicherheit und ordnung des landes betraf, der wichtigste ansprechpartner der franzosen.

allerdings hatte der pascha von marrakesch seine rechnung ohne das marokkanische volk gemacht, das sich 1955 erst erfolgreich gegen die französische fremdherrschaft auflehnte und danach den sultan aus dem exil zurück rief. die unabhängigkeit marokkos war nicht mehr aufzuhalten (und wurde 1956 unter dem neuen könig, der als mohammed V. den thron bestieg, wirklichkeit).

jetzt endlich entlud sich der volkszorn über den selbstherrlichen pascha von marrakesch. die paläste des verhassten kollaborateurs el-glaoui wurden gestürmt, er selbst musste vor dem sultan erscheinen, sich ihm zu füssen werfen und um entschuldigung bitten. seine besitztümer, die er allesamt unrechtmässig und mit gewalt an sich gebracht hatte, wurden ihm abgenommen und seine titel mit einem federstrich der gerechtigkeit für nichtig erklärt.

der ehemalige pascha von marrakesch verliess als ruinierter mann den hof des sultans. nur wenige tage später war tahmi el-glaoui tot.

(auch auf meiner homepage "notizen zum kolonialismus") 

27.07.2007 um 19:16 Uhr

die geheimnisse des fürsten p.!

jede familie hat ihre gut gehüteten und deswegen verschwiegenen geheimnisse. es ist aber wie mit allen geheimnissen: sie lassen sich auf dauer nicht verbergen. so eine geschichte will ich erzählen:

fürst p. war ein angesehener mann. er führte den familienbesitz in b., der seit jahrhunderten von einer generation zur nächsten vererbt wurde. fürst p. war verheiratet, aber kinderlos. das bereitete ihm manchmal kopfschmerzen, denn ohne einen erben wurden das schloss und die güter in b. eines tages herrenlos.

hätte fürst b. gewusst, dass er schon zu lebzeiten seines besitzes beraubt werden würde, hätte er sich um einen erben keine besonderen gedanken gemacht - obwohl ihm die kopfschmerzen wohl geblieben wären. der besitz der fürstlichen familie p. lag im osten deutschlands. als die soldaten der roten armee vorrückten, floh fürst p. in den westen.

damit greifen wir dem geschehen jedoch weit voraus - und müssen im übrigen anmerken, dass dies (wenn überhaupt) nur in einem übergeordneten sinn zu der hier erzählten geschichte gehört.

warum fürst p. - obwohl verheiratet - kinderlos blieb, ist schnell erklärt. fürst p. hatte einen faible für junge männer. weil sich das aber nicht gehörte (wir schreiben das jahr 1922), wurde seine neigung tunlichst verschwiegen und vertuscht.

so nahm das verhängnis seinen lauf.

im frühjahr 1922 stellte sich der 22-jährige a. dem fürsten vor. nach seinem abitur wollte er auf den fürstlichen gütern die verwaltung und die landwirtschaft erlernen. zu der zeit nannte man diese jungen männer "landwirtschaftseleven". nach gründlicher ausbildung konnten sie darauf hoffen, eine gut bezahlte tätigkeit in der verwaltung eines gutes zu finden.

a. war ein hübscher junger mann und fürst p. zögerte nicht, ihn einzustellen. der junge mann war fleissig, umsichtig und tat seine arbeit zu aller zufriedenheit. fürst p. begann ihm nachzustellen. er zog ihn ins gespräch, lobte ihn, fragte ihn nach seinen eltern und erfuhr, dass der vater von a. schon lange tot war. fürst p. schlich sich in das vertrauen von a. und tat, als sei er sein bester freund.

a. liess sich das gefallen. vielleicht empfand er auch sympathie und dankbarkeit für den fürsten. wir wissen das alles nicht. wir wissen nur, dass es eines tages zu zärtlichkeiten zwischen a. und fürst p. kam.

was weiter geschah, liegt im dunkel. jedenfalls wollte fürst p. - der affäre nach einer weile überdrüssig - die angelegenheit auf seine weise aus der welt bringen. im übrigen musste er fürchten, dass die verbindung irgendwann bekannt würde - was einen skandal bedeutet hätte.

deswegen entliess er a. aus dem dienst.

einen landwirtschaftseleven jedoch vor ende seiner ausbildung zu kündigen, kam einer katastrophe gleich. wie sollte a. seine kündigung vor anderen überhaupt begründen? die wahrheit konnte er nicht sagen. man hätte ihn wahrscheinlich mit juristischen winkelzügen zum schweigen gebracht. im übrigen: wer von fürst p. aus dem dienst entfernt wurde, war am ende seiner karriere angelangt. niemand würde den jungen a. noch einstellen wollen.

auch seiner mutter konnte a. nicht den wahren grund seiner kündigung nennen. die zeiten waren nicht so, dass ein bekenntnis dieser art auf verständnis gestossen wäre.

a. hatte sich in einem netz aus intrige, lüge und bigotterie verstrickt. und er hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte ... oder doch nur eine, die aber auch keinen rat wusste (wie sollte sie auch?).

im sommer 1922 warf er sich vor einen zug. er war sofort tot.

jede familie hat ihre gut gehüteten und deswegen verschwiegenen geheimnisse. dieses hier offenbarte erst die schwester von a. - als sie 91 jahre alt war und spürte, dass es ans sterben ging. zuvor hatte es immer nur geheissen, a. habe sich "aus liebeskummer" umgebracht - was vielleicht auch stimmte, jedoch der tragödie nicht im entferntesten gerecht wurde.

es wäre vielleicht an der zeit, dass auch die familie des fürsten p. ihr geheimnis lüftet. denn geheimnisse lassen sich auf dauer nicht verbergen.

das alles nützt nichts mehr - dient aber vielleicht auf reinigende weise der wahrheit!

p.s.

a. war mein onkel. der fürstlichen familie habe ich einen brief geschrieben.

02.02.2007 um 21:08 Uhr

rolfs italienische tage!

ich schaute mich - es wird 1959 gewesen sein - in lübeck um und entdeckte ... die "venezia". soetwas kannte ich noch nicht: ein café, das neben kaffee auch eis verkaufte.

wunderbar! schokolade, erdbeer und vanille und in der mitte ein chinesisches schirmchen. das konnte ich sogar auf- und zuklappen.

für uns schüler wurde die "venezia", was für die erwachsenen die "kneipe um die ecke" war: ein treffpunkt, wo wir (und das unterschied uns dann doch von den erwachsenen) unsere freistunden, vor allem aber die geschwänzten schulstunden verbrachten. ein gemütlich-kalter, süsser, wunderbarer ort ... getoppt nur noch von einer eissorte, die "stragiatella" hiess (vanille-eis mit schokoladenstücken), die aber erst 1964 in die "venezia" kam.

wir schüler setzten mit unserer sympathie (ohne das wir es wussten) nur das fort, was unsere eltern schon immer als den grössten schatz in ihrem herzen bewahrten:

die liebe zu italien.

kaum hatten sie sich einen motorroller, einen goggo oder eine isetta vom munde abgespart, ging es ab nach italien ... über den schwindelerregenden brenner und hinunter nach venezia, milano, rimini, roma und napoli ..

so weit fuhren sie damals!

wir dürfen uns meine eisdiele - also die "venezia" - jedoch nicht als einen ort vorstellen, wo nur gelatti verkauft wurde. silvio, maria, frederico und benedetta machten aus diesem cafe ...

== DIE VENEZIA ==.

sie füllten das eis - schokolade, erdbeer, vanille - in die schälchen, setzten ein chinesisches schirmchen oben auf und

. .. sangen.

alle italiener singen - immerzu.

und weil das so ist, wurde SAN REMO mit seinem festival berühmt. dort wurden die lieder ausprobiert (und streng bewertet), die danach in allen italienischen eis-cafés rund um die welt gesungen und gespielt wurden.

auch in der "venezia" in lübeck ...

hmm ... 1965 gabs zwar noch kein spaghetti-eis in der "venezia", aber doch schon eine "music-box", voll mit italienischen liedern:

SAN REMO 1965


30.09.2006 um 16:57 Uhr

bomben auf den palast des präsidenten!

in juan les pins war es im september 1973 warm und sonnig. morgens sass ich im garten eines kleinen hotels und liess mir das frühstück servieren, zu dem immer auch der „nice matin“ - die tageszeitung aus nizza - gehörte. ich verstand die französischen nachrichten nicht, konnte mir aber anhand der bilder und einiger worte, die ich verstand, zusammen reimen, dass sich die politische lage in chile gefährlich zuspitzte.

1970 hatte die unidad popular, ein parteienbündnis aus kommunisten und sozialisten, die wahlen in chile gewonnen. ihr kandidat war salvador allende - er wurde der neue präsident.

der „nice-matin“ war - wenn ich es richtig erinnere - auf rosa papier gedruckt. mein herz schlug für die gerechtigkeit. es war rot wie das blut, das für gleichheit und brüderlichkeit - sinnlos viel zu oft - vergossen wird.

meine sympathie für salvador allende war deswegen so gross, weil ich glaubte, dass er der politischen einmischung der amerikaner einen riegel vorschieben könnte. der vietnamkrieg hatte gezeigt, wie grausam das eingreifen der vereinigten staaten in die belange fremder länder sein konnte. wir hatten gegen diesen krieg protestiert und waren auf die strasse gegangen.

dort erfuhr ich zum ersten mal, was es bedeutet, einem wasserwerfer der polizei gegenüber zu stehen.

von der politik allendes wusste ich wenig. es reichte mir, dass er ein demokrat war und die industrie verstaatlichen wollte.

die frühen 70er jahre mit ihren hoffnungen und utopien waren eben keine rationale, sondern die emotionale antwort auf eine verstockte, konservative politik, die es nicht fertig gebracht hatte, sich ihrer vergangenheit zu stellen.

in deutschland - immerhin - schien sich das politische klima nach der wahl von willy brandt zum bundeskanzler zu wandeln. das lag wohl auch daran, dass eine schuldig gewordene generation sich mehr und mehr aus der öffentlichkeit zurückzog und jüngeren platz machte, die unbefangen fragen stellten, wozu unbedingt die fragen nach dem „dritten reich“ gehörten.

zur „schuld“ unserer väter gehörte auch die „schuld“ am vietnam-krieg, dessen grausame bilder täglich in die welt transportiert wurden. wir machten da wenig unterschied. wenn wir über diesen krieg und auch sonst über das unrecht in der welt nachdachten, kamen wir nicht umhin, alle kriege - warum sie auch immer geführt werden - ein verbrechen zu nennen, für das es verantwortliche gibt - auch wenn sie sich hinter grossen worten verstecken oder ihre schuld leugnen.

wir lebten in jenen jahren mit der sehnsucht nach frieden und einer gerechten welt. wir wollten der „schuld“ unserer väter etwas entgegen setzen, weil wir uns im stillen für sie schämten. wir hofften auf eine bessere welt als die, die sich immer noch in den augen unserer väter spiegelte.

sie hatten geschwiegen - wir aber wollten davon sprechen und singen, in was für einer welt wir leben wollten. wir hatten gute gründe, die gedichte von pablo neruda zu lesen und die musik von mikis thedorakis zu hören.

das alles liegt mehr als dreissig jahre zurück und es fällt mir schwer, mich zu erinnern, was wir damals sonst noch glaubten und dachten. wir meinten jedenfalls, politisch zu sein, waren in wahrheit aber wohl doch nur träumer, die keine not und wenig konflikte kennengelernt hatten.

der spätsommer in südfrankreich war warm. die meisten touristen waren abgereist. ich spürte: das waren die unwiderruflich letzten wochen vor einem langen herbst und noch viel längerem winter. ich schlenderte durch die strassen zum strand, machte wie jeden tag am kiosk halt - und erschrak.

auf allen titelseiten der ausgehängten zeitungen war immer dasselbe foto zu sehen: ein zerstörtes, brennendes gebäude. ich trat näher, las die bildunterschriften - und mir wurde schwindelig. es war der palast des chilenischen präsidenten in santiago, der von der luftwaffe bombadiert worden war. ich riss eine englische zeitung aus der halterung, warf dem kioskbesitzer einige münzen hin und begann zu lesen.

das chilenische militär unter augusto pinochet hatte geputscht und schwere angriffe auf den amtssitz des präsidenten geflogen. salvador allende wurde wenig später tot in seinem palast aufgefunden.

ich wusste bis zu diesem tag nicht, was es heisst, wenn wünsche und hoffnungen - vielleicht aber auch nur illusionen - zusammenbrechen.

ich beugte mich über die zeitung, sie fing meine tränen auf, die mir unablässig aus den augen traten. ich konnte gar nichts anderes tun, als zu weinen. ich hätte auch schreien können. aber einem menschen, der mitten auf der strasse steht und seine tränen in eine zeitung tropfen lässt, geht man wenigstens diskret aus dem weg und lässt ihn mit seinem kummer allein. wie sollte man ihn auch trösten, wenn der anlass seiner traurigkeit ein zeitungsartikel ist, der von ereignissen aus einem sehr fernen land berichtet?

die sonne schien, es war warm und die menschen liefen mit ihren badetaschen zum strand - ein heiterer tag in juan les pins. niemanden ausser mir schien die nachricht erreicht zu haben, denn sonst hätte sich der lärmende vormittag längst in schweigendes entsetzen verwandelt.

auch ich ging an den strand, setzte mich ans ufer, sah dem blitzenden spiel der sonne auf den wellen zu und nahm abschied.

ich wusste, dass ich etwas wichtiges und wertvolles verloren hatte. ich ahnte aber auch, dass es immer wieder menschen geben würde, die zerstörung und tod hinter erbärmlichen lügen und feigen worten verstecken und das glück und die hoffnungen gleichgültig unter ihren füssen zertreten.

dieser tag - damals in juan les pins - lehrte mich aber nicht den hass, der eine sache des verletzten herzens ist. er lehrte mich vielmehr die verachtung, denn sie erinnert uns selbst dann noch an die uns zugefügten wunden, wenn der schmerz längst vergangen ist.

so - und kaum anders - müssen wir mit unserem schmerz und unserer traurigkeit umgehen, damit wir (im innersten erschrocken und verwandelt) weiter leben können.

21.09.2006 um 21:01 Uhr

"radio beromünster"

ich war stolz auf mein erstes radio: ein ungetüm, dessen lautsprecher mit hellem stoff bespannt war, in dem ein grün leuchtendes „magisches auge“ sass. die reihe der stationstasten schimmerte elfenbeinfarben.

das radio hatten mir meine eltern zum geburtstag geschenkt und ich stellte es am kopfende meines bettes auf. wenn ich das licht im zimmer löschte, leuchtete das magische auge grün - das über den tasten angebrachte stationsfeld matt gelb. ein besonderes rätsel war für mich der sender „radio beromünster“, denn so oft ich auch den zeiger auf seine markierung drehte, hörte ich nichts weiter als ein fernes rauschen und manchmal ein pfeifen. wo eigentlich lag beromünster?

wie so manches mal im herbst, ging ich auch an diesem novemberabend zeitig zu bett, wickelte mich in eine decke, schaltete das radio ein, drehte am stationsrad und liess die markierung langsam über die von innen beleuchtete tafel mit den sendern gleiten.

ich suchte nichts bestimmtes, denn in den abendstunden wird im radio nicht das gesendet, was einen 13-jährigen interessiert. vormittags war das anders. wenn ich - weil ich krank war - zu hause bleiben musste, hörte ich am liebsten den schulfunk. es war gemütlich, in kissen und decken eingewickelt von fernen ländern erzählt zu bekommen oder der musik - „die moldau“ von smetana, „schwanensee“ von tschaikowsky - zuzuhören.

abends ging ich mit meinem radio auf entdeckungsreise und wollte nicht nur endlich hinter das geheimnis von „radio beromünster“ kommen. die „langwelle“ - und manchmal auch die „kurzwelle“ (bei der ich aber die sender wegen der tausend hintergrundgeräusche kaum fand) - schickte mich in regionen der erde, von denen ich nicht viel mehr als ihre namen kannte: kalkutta, rio, moskau, oslo, tanger, belgrad ...

ich hörte dem gewirr fremder stimmen zu, deren lautstärke an- und abschwoll (und einen seltsamen hall oder auch ein echo erzeugten, sich manchmal in einem gleichförmigen rauschen verloren, durch das signale an mein ohr drangen, die wie morsezeichen klangen), dann wieder so deutlich und klar wurden, als wären die stimmen nur wenige kilometer entfernt. über den erdball, so schien es mir, spannte sich ein netz aus noch nicht entschlüsselten signalen, die der welt immer neue zu enträtselnde impulse gaben, ihr aber keinen noch so kurzen moment des stillstands erlaubten.

ich wusste, als ich an diesem novemberabend die markierung über die skala meines radios wandern liess, noch nicht, dass die stimmfetzen, morsezeichen und pfeifenden signale, die mich aus einer fernen welt erreichten, längst nur noch eine nachricht verbreiteten, die so ungeheuerlich war, das alles andere - wenigstens für eine kurze weile - verstummte.

ich war zufrieden, einige sprachen - wenn ich sie schon nicht verstand - wenigstens unterscheiden zu können: französisch aus casablanca, spanisch aus rio, englisch aus kalkutta, italienisch aus bengasi, deutsch aus moskau.

ich drehte die markierung an meinem radio weiter. das magische, leuchtend grüne auge weitete sich, wenn ich mich durch das schweigen der welt tastete, und verengte sich, wenn ich irgendwo auf ein bündel von stimmen und geräuschen traf ...

... wie die deutschsprachige nachrichtensendung der BBC. ich hörte nur deswegen hin, weil ich mich für einen moment nach london träumen und mir die distanz ausmalen wollte, die eine nachricht braucht, um - über den ärmelkanal und den kontinent hinweg - von meinem radio aufgefangen zu werden.

die worte, die ich hörte - einmal sehr nah, dann wieder sehr fern - formten sich nach und nach zu sätzen, deren sinn ich - aus gründen, die mir verborgen blieben - nicht gleich begreifen konnte. alles war so fern, so durchwebt von geschichten und meiner phantasie ... verzweifelten notrufen von einsamen inseln im pazifik, morsezeichen von sinkenden schiffen im atlantik, tangoklängen aus südamerika, arabischen wortgirlanden aus nordafrika ...

mein radio hatte nur eine aufgabe: mit mir auf reisen zu gehen, um mich in die fremden worte fremder menschen und in die fremden klänge fremder landschaften zu begleiten. nie hatte ich darüber nachgedacht, dass es das alles - die stimmen und geräusche - wirklich gab. vielmehr belauschte ich, wenn ich ins radio hinein hörte, ein feuerwerk aus lauter geräuschen. die leuchtkörper waren die fernen, gleichmässig hohen töne, die explosionen aber ein schrilles, auf- und abschwellendes pfeifen.

diese illumination aus geräuschen erhellte nur manchmal eine der schwarzen inseln, die auf dem stationsfeld meines radios oder - was aber aufs selbe heraus kam - mitten im universum lagen, wo menschen zu hause waren, die ihre stimmen und nachrichten hinaus schickten und hofften, dass ein kleiner junge sie hört, wenn auch nicht versteht.

„der präsident der vereinigen staaten von amerika, john f. kennedy, erlag kurz nach dem attentat in dallas seinen schweren verletzungen. zur stunde wird sein leichnam nach washington überführt. bei ihm sind seine witwe und der bereits vereidigte neue präsident, der ehemalige vizepräsident lyndon b. johnson. sie hören den deutschsprachigen dienst der BBC london ...“

das magische auge erlosch. das universum war verstummt. die schwarzen inseln sanken in die nacht zurück. ich sass in einem dunklen zimmer und sah aus den augenwinkeln nach dem radio. es schwieg, weil ich es so wollte.

dann begann ich zu weinen. in meine tränen mischte sich die verzweifelte gewissheit, dass mich das geheimnis von „radio beromünster“ - wenn es überhaupt eines war - von nun an nicht mehr interessieren würde.

03.09.2006 um 11:51 Uhr

von den katastrophen!

ich kam gerade ins hotel in agadir zurück, als ich die bilder auf den in der lobby aufgestellten fernsehern sah. ich dachte an einen spielfilm - wohl auch deswegen, weil ich die kommentare nicht verstand, die zu den bildern gesprochen wurden. nachdem die bilder aber sekündlich wiederholt wurden und immer wieder flugzeuge in die twin-towers einschlugen, dämmerte es mir, dass dies furchtbare realität war - und ich augenzeuge eines infernos wurde.

kurz darauf kehrte meine freundin ins hotel zurück. ich stürzte auf sie zu und gab ihr zu verstehen, dass sie sich die katastrophe, die sich gerade in new york abspielte, unbedingt ansehen müsste. ich sagte das mit den worten:

nach dieser katastrophe wird die welt nicht mehr so sein, wie sie war!

meine freundin verstand indes überhaupt nicht, was geschah. sie schaute kurz auf den fernseher und erzählte mir dann von dem bademantel, den ihr die hoteldirektion aufs zimmer gelegt hatte, damit sie morgens bequemer zum swimming-pool gehen konnte.

ich fühlte mich sehr allein in diesem moment - und die flugzeuge rasten ohne unterlass in die wolkenkratzer. es war entsetzlich. hier geschah etwas, das mein vorstellungsvermögen überstieg und nie wieder gutzumachen war.

nur wenig später klingelte das telefon. es waren freunde aus deutschland. endlich sprachen wir nicht mehr von bademänteln und swimming-pools, sondern dem abgrund, vor dem die welt in diesen stunden stand.


26.08.2006 um 22:04 Uhr

was weiss ein kind vom krieg?

zu keinem zeitpunkt stand die welt einer nuklearen katastrophe näher als im oktober 1962. die sowjetunion war dabei, raketenbasen auf kuba zu errichten. präsident kennedy stellte ein ultimatum, forderte den abzug und drohte der udssr mit einem nuklearschlag.

was wusste 1962 ein kind vom krieg?

der krieg war damals seit 17 jahren vorbei und wurde langsam zur geschichte. ich musste aber nur vor die tür meines elternhauses treten, um die wellblech-baracken (die sogenannten "nissen-hütten") zu sehen, in denen - 17 jahre nach dem krieg - immer noch flüchtlinge aus dem osten lebten. auch die kirchtürme lübecks waren noch nicht wieder erstanden. die kirchen waren viel mehr nackte stümpfe, denen die seele genommen und das herz ausgerissen war.

was wusste 1962 ein kind vom krieg?

mein vater kannte den krieg - und erinnerte sich sehr genau, wie er 1945 aus amerikanischer kriegsgefangenschaft heimgekehrt war. seine alte heimat war ihm verschlossen. er fand bei seiner tante in hamburg ein dach über dem kopf. ihr haus war - wie durch ein wunder - in den bombennächen nicht zerstört worden. deswegen war sie der anlaufpunkt für alle versprengten und verirrten ihrer familie.

es war ein tag im oktober 1962. mein vater sass an diesem morgen ungewöhnlich ernst am tisch. in seinen erinnerungen wuchsen - ich wusste es damals nicht - die bilder von krieg, zerstörung und vernichtung. er war äusserst besorgt über die nachrichten, die ihn über radio und fernsehen erreichten: die welt stand am abgrund der nuklearen vernichtung. 

was wusste 1962 ein kind vom krieg?

die erinnerungen an das inferno durchmischten sich bei meinem vater mit den bildern der rettung und des ersten friedens. sie waren für ihn untrennbar mit seiner tante in hambug verbunden, die den einsamen und verwirrten ersten trost und ein dach über dem kopf bot.

mein vater nahm aus seiner hosentasche einige zettel. auf denen stand der name seiner tante und ihre adresse in hamburg. jeder von uns erhielt so einen zettel. mein vater sagte: 

"keiner weiss, was in den nächsten tagen geschieht. deswegen merkt euch diese adresse. wenn wir auseinander gerissen werden, treffen wir uns dort - so gott will - alle wieder.

was weiss ein kind schon vom krieg? 

 

 

17.08.2006 um 21:34 Uhr

der tag, als john f. kennedy präsident wurde!

wir schüler - alle um die zwölf jahre alt - standen vor der tür der turnhalle und warteten auf einlass. die pause war noch nicht zu ende. wir erzählten uns witze, stiessen uns in die seite, bis burkhardt fragte: "na, wer wird denn nun präsident?" wir wussten alle, um was es ging. zur wahl um die amerikanische präsidentschaft waren kennedy und nixon angetreten. noch war das ergebnis nicht bekannt, aber ich hoffte inständig, dass kennedy die wahl gewinnen möge. ich liebte diesen mann. er war in meinen augen eine sonnengestalt - wie eben kinder über menschen denken, die sie in ihr herz geschlossen haben.

schnell wurde deutlich, dass wir schüler der "quinta" nicht alle so dachten. eher war es so, dass sich zwei etwa gleich grosse gruppen bildeten: die eine war für nixon, die andere für kennedy.

ich verachtete die "nixon-fraktion", diese mitschüler waren - in meinen augen - die uninteressanten, ein wenig beschränkten, die bei mathematik leuchtende augen bekamen und im physik-unterricht sofort die richtige antwort wussten.

ein wenig beschränkt eben!

diejenigen aber, die ich zu meinen freunden zählte (und dazu gehörte burkhardt unbedingt!) waren allesamt für kennedy. das beruhigte mich. ich hatte nichts anderes erwartet. unser blick hatte sich längst in die zukunft gerichtet, während die anderen - einfältig und konservativ, wie sie es von ihren eltern kannten - immer noch im engen, gegenwärtigen verharrten.

so dachte ich damals - hochmütig wie ich war.

wir diskutierten und stritten, argumentierten und fanden widerworte, wir lobten in den himmel und verdammten in die hölle - wir waren unbedingt bei der wichtigsten sache, die sich an diesem tag in amerika abspielte.

es mag sein, dass wir die kinder amerikas waren. ich habe - bis zu dieser notiz - nie darüber nachgedacht. aber vielleicht waren wir wirklich die ersten, die sich nachhaltig (aber ohne unser dazu tun) aus den fesseln grösster - und dümmster - deutschtümelei befreit hatten. unser blick war freier, freilich nicht ohne angst. denn wir spürten die konflikte der welt, die sich - nur wenige kilometer entfernt - an einer grenze, die ost und west teilte, manifestierten.

mehr - oder gar anderes - sahen und begriffen wir nicht.

die pausenglocke läutete, wir stellten uns in reih und glied vor der turnhalle auf. unser turnlehrer erschien. wie nebenbei sagte er: "falls es einen von euch interessiert: kennedy ist der neue präsident der vereinigten staaten!"

ich schwöre es: niemals zuvor - und niemals danach - gelang mir der aufschwung am barren wie an diesem tag.

dieser tag war - denke ich zurück - ein besonders glücklicher.

p.s. burkhardt wurde später postbote - aber das nur am rande!