charlys "kummerkasten"!
charly hatte schon immer tolle ideen. eines tages mietete er in einer kleinen seitenstrasse seiner heimatstadt einen winzigen laden, nannte ihn „kummerkasten“, stellte einen schreibtisch hinein, setzte sich dahinter ... und wartete ab.
es dauerte nicht lange, da erschien eine ältere frau in seinem laden. sie habe allerhand kummer, berichtete sie. und weil sie das schild über der tür gelesen habe, hoffe sie, ihren kummer loszuwerden.
sie schilderte charly den ärger mit ihrem vermieter. charly versprach, sich darum zu kümmern, denn er verstand recht bald, dass der kummer dieser frau aus einem missverständnis mit ihrem vermieter entstanden war.
wenige tage später war das problem gelöst, die frau dankbar ... und charly kassierte eine provision für seine vermittlungsdienste (von irgendetwas musste charly schliesslich leben).
weil die stadt klein - und die strasse, wo der „kummerkasten“ lag, noch viel kleiner war, sprach es sich bald herum, dass man bei charly seine sorgen loswerden konnte.
charly bekam viel zu tun ... nicht immer konnte er helfen, aber manchmal reicht es ja schon, ein offenes ohr für die nöte seiner mitmenschen zu haben. es kam jedoch auch vor, dass die probleme ziemlich verzwickt waren. in solchen fällen übte sich charly in geduld. um die probleme aber nicht aus den augen zu verlieren, legte er einen aktenordner an. darauf schrieb er: „unerledigt“.
das waren die verzwickten probleme.
als immer mehr kunden zu ihm kamen (weil in schwierigen zeiten die sorgen der menschen oftmals gross sind und grösser werden), wurde die zeitung auf ihn aufmerksam.
bald besuchte ein redakteur den „kummerkasten“.
geduldig erzählte charly ihm von den nöten seiner kunden - und wie er versuchte, zu helfen. je länger er aber sprach, desto ungeduldiger wurde der redakteur. dann unterbrach er charly:
„alles schön und gut, was sie mir berichten. ich verstehe, sie konnten vielen menschen helfen. mein kompliment! aber gibt es nicht auch probleme, die nicht so ohne weiteres zu lösen sind? das würde unsere leser viel mehr interessieren:“
charly überlegte nicht lange, sondern deutete auf den „unerledigten“ ordner mit den verzwickten fällen.
„dort finden sie, wonach sie fragen. in diesem ordner liegen alle probleme, für die es vielleicht keine lösung gibt.“
der redakteur wurde neugierig.
„schildern sie mir doch so einen schwierigen fall. vielleicht kann unsere zeitung helfen ...!“
und so geschah es, dass eines der schwierigsten probleme, das zu lösen charly schon längst aufgegeben hatte, auf der titelseite der zeitung erschien.
aber wie so oft: es ist das eine, über ein problem zu schreiben, das andere aber, es auch zu lösen. kaum war der artikel erschienen, wendete sich der redakteur anderen dingen zu ... denn auf der welt (das hatte er gelernt) gibt es viele probleme, die aufgeschrieben werden müssen.
charly, der wusste, warum er manches im ordner „unerledigt“ zu unterst abheftete, traute seinen augen nicht, als er in die strasse einbog, in der sein „kummerkasten“ lag. eine grosse menschenmenge hatte sich vor der tür versammelt und wartete auf ihn.
kaum hatte charly seinen laden betreten, drängten die menschen hinterher. sie fanden kaum platz vor dem schreibtisch, hinter den sich charly - überrascht und einigermassen ratlos - setzte. „um was geht es denn?“ fragte er vorsichtig in die runde. ein älterer mann trat vor:
„wir haben in der zeitung von diesem problem gelesen. genau das habe ich auch ...!“
„ich auch!“ - „ich auch“, riefen alle anderen wie im chor.
charly schielte zum ordner „unerledigt“ und sah ihn dicker und dicker werden. er wusste, dass er bei diesem problem wirklich nicht helfen konnte.
als endlich auch der letzte besucher seine sorgen geschildert und den laden verlassen hatte, seufzte charly und schlug den ordner zu. er schüttelte resigniert den kopf und malte sich aus, wie man ihn schon bald beschimpfen würde:
„dieser charly nimmt den mund allzu voll. probleme will er lösen ... dass ich nicht lache - und warum löst er meines nicht?“
die wochen vergingen. immer weniger kunden kamen in den „kummerkasten“, um von ihren problemen zu berichten. es war gerade so, als wären alle sorgen dieser welt über nacht verflogen.
in wahrheit aber hatte sich das gerücht verbreitet, dass charly bei besonderen problemen - und welches problem, das wir haben, ist nicht "besonders"? - überhaupt nicht helfen konnte.
„dabei hat er der zeitung erzählt, dass er soetwas kann!“ flüsterten sie sich ins ohr. „dieser aufschneider, dieser lügner!“
schliesslich erschien in der zeitung ein artikel, in dem der redakteur hart mit charly ins gericht ging. der artikel trug die überschrift:
„wie man sich probleme bezahlen lässt - und sie nicht löst“.
bald darauf schloss charly seinen „kummerkasten“ für immer und hatte keinen moment die hoffnung, für sein problem irgendwo ein offenes ohr ... geschweige denn hilfe zu finden.
