KREUZ @ QUER - notwendige notizen!

09.02.2008 um 21:17 Uhr

das KOPFTUCH und die türkei!

schon seltsam: vor einiger zeit hörte ich eine junge türkin sagen, dass sie den beitritt ihres landes zur europäischen union begrüssen würde, weil sie dann endlich an der schule ein kopftuch tragen könnte ...

wäre es nach dem türkischen sultan gegangen, hätten die europäischen mächte das osmanische reich nach der niederlage im ersten weltkrieg untereinander aufgeteilt. der sultan - nur noch ein schatten seiner vormaligen macht - stimmte allen plänen der alliierten zu, nur um seinen thron zu retten. dabei interessierte es ihn wenig, dass er auf diese weise zur marionette degradiert wurde. es wurde ihm zugesagt, weiterhin - wenigstens "pro forma" - das oberhaupt des (dezimierten) osmanischen reiches zu sein - das genügte ihm.

mustafa kemal atatürk sah das ganz anders. er befürchtete zu recht das ende der türkei und rief zum kampf gegen den sultan und die europäer auf. es grenzte an ein wunder, dass er mit seinen soldaten wenigtens das kerngebiet des osmanischen reiches gegen die übergriffe der engländer und franzosen retten konnte.

der türkische staat blieb - freilich entblösst von allen vasallenstaaten - bestehen und atatürk (=vater der türkei) wurde sein erster staatspräsident. um seine herrschaft zu festigen, verfügte er den absoluten und totalen bruch gegenüber sultanat und kalifat. die muslimischen repräsentanten - über jahrhunderte hinweg die politischen und religiösen herrscher über das osmanische reich - mussten die türkei binnen monatsfrist verlassen.

kemal atatürk wusste genau, dass diese entscheidung zu massivem widerstand der traditionell herrschenden schichten führen würde. deswegen verfügte er die strikte trennung von religion und staat. nur so war es möglich, die religiös-konservativen kräfte zurückzudrängen und ihnen jeden einfluss in der türkei zu nehmen.

die entscheidungen in der türkei oblagen nun religionsfernen-republikanischen politikern. die religion - also der islam - wurde zur privatangelegenheit der bürger.

das alles war ein geschickter politischer schachzug, um die türkei aus der umklammerung des islam zu lösen. immerhin war der sultan in istanbul über viele hundert jahre hinweg das geistliche oberhaupt aller muslime gewesen. seine macht war gross - sie zu brechen, gehörte zur überlebensstrategie der republikanischen türkei.

fortan übernahm das militär das wächteramt über die trennung von religion und politik. jede einmischung religiöser art wurde strikt unterbunden. das militär war eingeschworen auf atatürk, die "nation" und eine unbedingte säkulare politik.

das ist auch heute noch so.

wenn also das türkische parlament - inzwischen dominiert von einer islamischen partei - das verbot fallen lässt, mit kopftuch an schulen und universitäten am unterricht teilzunehmen, widerspricht das auf eklatante weise den richtlinien kemal atatürks ... und des militärs.

dieses verbot ist indes in der türkei schon lange umstritten. es passt vielleicht auch nicht mehr in eine zeit, wo verbote nichts mehr sind, als widerspruch herauszufordern, und im übrigen die "religionsfreiheit" ein hohes gut ist. es zeigt aber auch dramatisch genug, wie sehr sich die türkei - immer noch - im diffusen spannungsfeld von demokratischem anspruch und religiöser tradition befindet.

es kann schon sein, dass das militär - eingedenk seiner treue zu kemal atatürk - die neue regelung nicht dulden wird.

es geht also - schauen wir nur genauer hin - keineswegs nur um das verbot des kopftuches in der türkei!


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