der (brüchige) STAAT in nordafrika und nahost!
wer über die politische situation von staaten in nordafrika und nahost nachdenkt, muss sich unweigerlich mit dem staatsbegriff auseinandersetzen. was ist ein staat, worin begründet er sich, woher nimmt er seine legitimität?
ich zitiere aus "wikipedia":
Entscheidende Bestandteile der Begriffsbedeutung sind in jedem Fall eine irgendwie geartete politische Vereinigung einer größeren Menschengruppe, die in einem mehr oder weniger geschlossenen Gebiet unter einer mehr oder weniger einheitlichen Form der – etablierten, durchgesetzten oder beschlossenen – Machtausübung leben. Diese drei Hauptkriterien haben sich im modernen Völkerrecht seit Georg Jellinek (1851–1911) herauskristallisiert. Zum Staat im heutigen Sinne gehört eine politische Instanz, die zur Schaffung und Wahrung von Recht und öffentlicher Ordnung in der Gesellschaft zuständig ist und diese mittels einer Verwaltung, dem Staatsapparat, auch durchsetzen kann.
wer sich auch nur ein wenig mit der geschichte nordafrikas und nahost beschäftigt, wird um zwei feststellungen nicht herum kommen:
1.
staaten, wie oben definiert, gab es dort in den seltensten fällen. der gesamte raum des nahen ostens gehörte bis ins 20. jahrhundert hinein zum osmanischen reich. staaten wie palästina, jordanien, syrien und irak gab es zuvor nicht - von israel ganz zu schweigen. ihre territorien waren provinzen des osmanischen reichs und wurden erst nach dem 1. weltkrieg durch einen federstrich der franzosen und engländer am reissbrett entworfen.
ähnlich verhielt es sich in ägypten, das erst durch die die osmanen, später durch die franzosen und engländer regiert wurde. algerien war sogar bis nach ende des zweiten weltkriegs kolonie der franzosen. einen eigenen staat - also eine nation - hatten die algerier nie kennengelernt. sie waren stattdessen gewöhnt an lokale fürsten, clans und sippen, die in ihren eigenen territorien recht und ordnung aufrecht erhielten.
2.
die europäischen kolonialisten stiessen in nahost und nordafrika in ein regelrechtes machtvakuum. so war es auch in marokko. dieses land wurde von den verschiedenen regionalen fürsten regiert, die sich nur unwillig dem sultan unterwarfen. sie taten es vielleicht zähneknirschend - viel öfter aber suchten sie den streit untereinander. sie anerkannten in keinem fall eine übergeordnete instanz, deren willen sie sich zu beugen hatten. der zusammenhalt war höchstens durch zweckbündnisse gewährleistet, die jederzeit kündbar waren.
deswegen sind territoriale ansprüche in nordafrika so schwierig zu entscheiden. gehört zum beispiel westsahara wirklich zu marokko? oder gab es vor der spanischen kolonialisierung auch dort vielmehr nur lokale fürsten, die mit den marokkanischen machthabern höchstens bündnisse zu beiderseitigem nutzen schlossen?
im letzteren fall wäre die behauptung, westsahara gehöre zu marokko, einigermassen fadenscheinig und nur vom willen derer diktiert, die momentan die macht haben - sich also durchzusetzen wissen ...
...ganz so, wie es in vergangenen zeiten der sultan versuchte, wenn es darum ging, aufsässige oder abtrünnige lokalfürsten zur räson zu bringen.
in palästina wird die lage sogar ganz und gar unübersichtlich, weil es zwar ein volk der palästinenser gibt, die sich über sprache, tradition und sitten definiert - nicht aber einen staat, der sich in eigenen grenzen wiederfindet und eine übergeordnete verwaltung besitzt, die recht und ordnung durchsetzt.
das alles soll erst entstehen, ist aber durch den gegensatz hamas - fatah erheblich gefährdet, denn beide seiten beanspruchen in erbitterter feindschaft die hoheit über den staat palästina. sie wollen je für sich allein das repräsentieren, was als nation verstanden wird.
ein dilemma!
daran haben im wesentlichen die europäer schuld - sie sind aber nicht allein schuld daran.
wenn man indes die idee von staat und nation ihrem ursprung nach ins frühe 19. jahrhundert verlegt, waren die territorien nordafrikas und nahosts regelrecht daran gehindert, staatliche identität zu entwickeln. in dieser zeit wurden sie von europäern regiert, die an an der entwicklung einer nation in den von ihnen okkupierten gebieten überhaupt kein interesse hatten.
wurde das thema staat und nation dennoch thematisiert - zum beispiel von den eliten in nordafrika und nahost, hatten die europäer genügend mittel, diese für sie gefährlichen ideen und tendenzen rigoros zu unterbinden.
die staaten in nordafrika und nahost leiden allesamt unter dem dilemma, erst sehr spät zu autonomen, selbstbestimmten nationen geworden zu sein. das verursacht zuweilen eine brüchige, selbstungewisse und labile identität. manchmal hilft dann nur die klammer der religion, die auseinander driftenden kräfte zu binden.
die unruhe wenigstens, die uns aus nordafrika und nahost entgegen schlägt, hat ursächlich etwas mit dem (nicht selbst verschuldeten) versäumnis der länder dort zu tun, sich als nation zu entwickeln und eine staatliche identität auszubilden.
der zerfall des iraks ist dafür das bitterste zeugnis.
die notiz jetzt auch auf meiner homepage: "notizen zum kolonialismus"
