die RAF!
was sich damals - im herbst 1977 - in deutschland abspielte, erscheint eigentlich erst in der rückschau besonders monströs und schrecklich. die wochen selbst verliefen damals - wenigstens für mich und meine freunde - eigentlich genau so wie sonst auch. man hörte (mehr oder weniger unbeteiligt) von den ereignissen - die entführung schleyers, die flugzeugentführung nach mogadischu - nahm das alles zur kenntnis, war aber nicht weiter besorgt oder gar besonders erschrocken.
die stimmung war damals so.
nicht wenige von uns fühlten überdies, was später als "klammheimliche sympathie" bezeichnet wurde. wir standen dem staat ausserordentlich kritisch, wenn nicht ablehnend gegenüber. auch den gutwilligsten (sie wurden von den "linken" nur belächelt) war nach der demission willy brandts der wille abhanden gekommen, den staat als vernunftbegabt, friedensbereit, gerecht und sozial zu erkennen.
vieles von dem, was die RAF kritisierte, hätten auch wir unterschreiben können. wir verurteilten vielleicht die gewalt, mit der die RAF ihre ziele durchsetzen wollte - die ziele selbst jedoch waren mehr oder weniger auch unsere.
wir alle waren in derselben politischen gemengelage erwachsen geworden, aus der die RAF ihre eigenen schlüsse zog. es wäre geradezu ein verrat an unserer generation - und unseren idealen - gewesen, wenn wir die RAF so ohne weiteres verurteilt hätten.
wir alle standen dem staat mit äusserster ablehnung gegenüber. wir erwarteten nichts gutes von ihm. wir hatten gelernt, dass terror nicht nur bei den nazis, sondern auch von den amerikanern in vietnam legitimiert wurde. wir erkannten, dass deutschland nicht bereit war, ehrlich und aufrichtig mit seiner jüngeren geschichte umzugehen. unser daraus resultierende zorn erstreckte sich bis in die familien - also bis ins private - und entzweite sie zuweilen.
die generation, die in den späten 60er und frühen 70er jahren erwachsen wurde, war die erste, die nicht unmittelbar von der not des kriegs und nachkriegs betroffen war. ihr kam das privileg zu, eine "friedensgeneration" zu sein. unmittelbare bedrohungen existierten für sie nicht. deswegen war sie die erste generation, die frei heraus und ohne existenzielle rücksichtnahme antworten erwartete - und vieles von dem, was sie von ihren eltern wusste, strikt (und manchmal unbarmherzig) in frage stellte.
noch einmal: die geschichte der RAF erscheint erst im rückblick besonders monströs und bedrohlich.
diejenigen, die sie unmittelbar erlebten, stritten vielleicht wegen der mittel - nicht aber wegen der ziele der RAF. das schweigen des staates und das schweigen der eltern musste endlich ein ende haben. darin waren wir uns alle einig.
dass heute die generation der RAF jedoch abermals schweigt, erscheint vor diesem hintergrund als besondere tragödie!

Für mich heute vollkommen unklar, was war an den Thesen der RAF falsch? Haben sie nicht heute noch Bestand?