es tanzt, es tanzt, es TANZT!
Keiner
konnte schliesslich noch sagen, wann sie zum ersten mal die herrschaft in
den städten übernommen hatte -
noch viel weniger, woher sie gekommen war. die einen sprachen davon, dass
ratten, die auf schiffen aus fremden
ländern nach europa segelten, schuld am tausendfachen tod
seien.
aber niemand, der jämmerlich zugrunde ging, war jemals von
einer ratte gebissen worden.
andere sprachen davon, dass es ein giftiger hauch sei, der sich über
dörfer und städte ausbreitete,
niemanden verschone und selbst vor himmelwärts strebenden kathedralen
nicht halt mache.
wieder andere erzählten, dass es überhaupt nur die sünder
seien, die auf diese weise der gerechten strafe des gottesgerichts
teilhaftig und dahin gerafft würden.
aber alle sprachen doch auch davon, dass die pest das werk des teufels war.
die pest fiel über die dörfer und städte her und erstickte
die menschen. wer gestern noch lachte, lag heute im fieber.
wer gestern noch an eine zukunft glaubte, sah heute den horizont von tödlich
schwarzen wolken versperrt.
mädchen tasteten überrascht über ihre kleinen, in windeseile
wachsenden brüste und bemerkten nicht,
dass sie über pestbeulen strichen. priester hoben ihre röcke und
sahen voller entsetzen, dass der teufel nicht nur - wie sie es
gewohnt waren - von ihrem geschlecht, sondern auch von ihren lenden besitz
ergiffen hatte. reiche handelsherren beugten
sich lüstern über ihre mätressen, verspritzten aber keine
wollust - sondern nur den eiter ihrer aufplatzenden wunden.
sie alle waren nach einer kurzen weile tot.
man schrieb das pestzeichen an ihre türen, erklärte sie zu sündern,
lud sie, leib auf leib geschichtet, in handkarren,
und schaffte sie aus den städten hinaus. die lebenden, auch schon von
der pest gezeichneten, hatten es eilig,
sich der toten zu entledigen. sie meinten zu wissen, dass jeder an der pest
gestorbene auch noch die letzten gesunden
mit in den tod reissen würde, wenn sie ihn nicht rasch genug in der
erde vergruben.
... von wo der pesthauch aufstieg und weiter durchs land strich.
wenn aber manchmal ein kühler wind die hitze des allgegenwärtigen
todes milderte ... ein wind, der über die berge kam und den gestank des
todes aus den strassen blies, fragten sich die menschen - die überlebenden,
noch vom tod verschonten:
was es mit dem tod auf sich hatte - und welchen sinn er haben könnte.
denn eines war nun ganz gewiss:
der tod stand nicht mehr irgendwo im trüben nebel am ende ihres lebens,
sondern war geradewegs in ihr haus getreten,
hatte am tisch platz genommen, nach dem brot gegriffen, die suppe gelöffelt
und beiläufig bemerkt
(und dabei gelacht, so als habe er einen scherz gemacht), dass er nun bleiben
werde ... für immer.
er hatte alle am tisch sitzenden aufgefordert, mitzulachen ... aber da hatte
sich der kühle wind schon gelegt
und dem süssen gestank der pest erlaubt, wieder von den dörfern
und städten besitz zu ergreifen.
... über die pest, das sterben und den tod dachte
aber jeder so, wie es seinem rang entsprach -
auf welchen schutz er sich also durch herkunft und stand verlassen konnte.
